Deutsche Hochschulen: Internationale Spitze mit sechs Prozent internationalen Professoren?

Wer über die deutschen Hochschulen und den Grad ihrer Internationalisierung schreibt, hat zwei Geschichten zur Auswahl. Zwei Geschichten, die sich komplett widersprechen – und die dennoch beide wahr sind.

 

Die eine Geschichte haben in den vergangenen Woche die beiden für die Internationalisierung der deutschen Wissenschaft zuständigen Organisationen erzählt. Drei Spitzenwissenschaftlerinnen und drei Spitzenwissenschaftler aus dem Ausland habe man nach Deutschland geholt, verkündete die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) stolz, und zwar über ihre Alexander von Humboldt-Professur, dem „höchstdotierten Forschungspreis Deutschlands“. Ob aus Oxford, Israel oder vom MIT: Die Humboldt-Professur zeige, dass die deutschen Universitäten so attraktiv seien, dass herausragende Wissenschaftler Topadressen im Ausland den Rücken kehrten, um in Deutschland zu forschen, sagte AvH-Präsident Helmut Schwarz. Nur ein paar Tage später verschickte der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) eine Pressemitteilung mit der Schlagzeile „Deutsche Hochschulen sind international gut aufgestellt“ und verwies auf eine Studie des British Council. Deutschland zeichne sich noch vor den USA und Großbritannien durch ein „besonders ausgewogenes Ineinandergreifen von Internationalisierungsstrategien, Hochschulstruktur, Qualitätssicherung sowie Mobilitäts- und Fördermaßnahmen“ aus. 

 

Soweit die eine Geschichte. Die andere  ist schneller erzählt, es reichen ein paar Zahlen. Sechs Prozent: So hoch ist der Anteil ausländischer Professoren in Deutschland. In den USA: 25 Prozent. In England: 17 Prozent. In Frankreich: 13 Prozent. Die deutschen Professoren, so könnte man schlussfolgern, bleiben immer noch gern unter sich. Oder sind Deutschlands Universitäten international doch nicht so wettbewerbsfähig, wie es sich gern selbst bescheinigen? Fest steht: Es ist unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die deutsche Staatsangehörigkeit mit herausragendem Wissenschaftlergenius korreliert. Woraus folgt: Der niedrige Ausländeranteil ist ein Ausweis immer noch durchwachsener Qualität unserer Hochschullandschaft insgesamt. 

 

Wo beide Geschichten zusammenkommen: Politik und Wissenschaftsorganisationen haben längst kapiert, dass was passieren muss. Und es tut sich ja auch eine Menge, siehe oben. Nur hier und da ein paar weniger große Worte wären schon gut. Auf dem Weg sind wir, das schon, aber längst noch nicht am Ziel.  

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Kommentare: 9
  • #1

    Bleistifterin (Montag, 09 Mai 2016 10:27)

    Hmm. Fehlt da nicht eine dritte Geschichte?
    Wieviel Deutsche lehren denn im Ausland, gerade in den USA, und dort an den "guten" Schulen?
    Sollte man deren Bildungsbiographien nicht einbeziehen? Denn zumeist erfolgt die wissenschaftliche " Grundausbildung" - alles vor dem Doktor oder gar Postdoc - immer noch in Deutschland, deutsche Uni und Programme ermöglichen Auslandsaufenthalte etc. Die Ausbildung hier kann also so schlecht nicht sein?
    Oder zählt Gumbprecht nicht mehr als Deutscher Forscher, weil er in Stanford ist, Gaethgens, seit er das Getty leitet?
    Damit müssten wir doch über die 10%-Hürde kommen?

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Montag, 09 Mai 2016 10:42)

    Liebe Bleistifterin,

    vielen Dank für den Kommentar. Ja, das ist eine dritte Geschichte, und alles, was Sie schreiben, stimmt. Aber das sind deutsche Forscher, die zur Internationalität der anderen (in diesem Fall der USA) beitragen. Ich sage auch nicht, dass die Ausbildung an den Hochschulen hierzulande schlecht sei. Im Gegenteil!! Ich sage nur: Sie könnte noch besser sein, wenn es noch mehr internationale Profs gäbe. :)

    Beste Grüße,
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #3

    Bleistifterin (Montag, 09 Mai 2016 11:16)

    Geschenkt.
    Nach oben ist immer noch Luft.
    Aber gerade in diesem ewigen, dämlichen, ungleichen Vergleichswettbewerb mit Harvard und Co führt die Ausblenden unserer "Outgoings" manchmal dazu, dass wir unser Licht unter den Scheffel stellen...

    Unabhängig davon wird natürlich auch bei den "Incomings" häufig geschummelt, viele davon sind Deutsche " Rückkehrer"...
    Es ist eben (auch) ein Sprachproblem.

  • #4

    Klaus Diepold (Montag, 09 Mai 2016 11:48)

    vielleicht ist der Beamtenstatus einer/eines deutschen Professorin/Professors im internationalen Kontext etwas schwer vermittelbar? Wenn ich als Kandidatin/Kandidat nur die Zahlen anschaue (z.B. persönliches Einkommen) und mit den Zahlen z.B. in USA oder in der Schweiz vergleiche, dann komme ich schnell zu dem (vorschnellen) Schluss, dass es den Aufwand nicht lohnt sich als Ausländer/in in Deutschland zu bewerben. Auch die gesetzlich geregelte Obergrenze für das Einkommen von Professoren (zumindest in Bayern) wirkt auch nicht sehr motivierend.

  • #5

    Josef König (Montag, 09 Mai 2016 18:30)

    Mh, lieber Jan-Martin, der Vergleich hinkt in folgender Hinsicht: Du berücksichtigst nicht die "Sprachbarriere Deutsch", wenn Du die USA oder GB als Vergleichsmaßstäbe nimmst. Englisch kann beinahe jeder Akademiker, es ist die lingua franca in der Welt der Wissenschaft. Aber als Hochschullehrer sollte man die Sprache des Gastlandes können, und Deutsch lernen kostet unter Umständen Jahre.
    Interessant wäre also die Wissenschaftler, die die Max-Plack-Gesellschaft in ihre Institute beruft, mit in den Vergleich zu nehmen. Da die nicht lehren müssen, entfällt die Notwendigkeit, Deutsch unmittelbar zu können. Ich vermute - kann es aber nicht hier beweisen -, dass dann die "Internationalisierung" ein ganz anderes Bild ergäbe.
    Lieber Gruß Josef

  • #6

    MA (Dienstag, 10 Mai 2016 18:32)

    Auch wenn die mit grosser Fanfare jedes Jahr vorgestellter Handvoll Humboldt-Professoren ein anderes Bild suggerieren sollen, stellt sich im Allgemeinen die Frage: warum sollte ein im Ausland bereits etablierter Wissenschaftler sich auf das unwürdige Schauspiel, das ein "normales" deutsches Berufungsverfahren darstellt, einlassen? Ganz abgesehen davon, dass die Annahme einer Professur in Deutschland in der Regel eine wesentlich höhere Lehrverpflichtung, bei oft geringerem Gehalt, bedeuten würde. ...

    Ein Kollege aus der Anglistik, Richard Utz, hat das vor ein paar Jahren auf "Inside Higher Ed" trefflich kommentiert:

    https://www.insidehighered.com/advice/2013/09/16/essay-german-expats-seeking-academic-jobs-their-home-country

  • #7

    MA (Dienstag, 10 Mai 2016 18:38)

    P.S. Und hier meine persönliche Ergänzung dazu:

    Although the essay reflects in many ways also my personal experiences, as a German expat and full professor in the US, with the hiring culture in German universities, the picture which it paints is, unfortunately, still too rosy.

    The essay mentions that money by the Krupp Foundation, but travel funding from this foundation has been terminated. The rule, when applying in Germany, still is that you will have to pay for travel and lodging yourself. You may apply for some travel funds from the DAAD, but be prepared to do further paperwork even after your trip, including a detailed travel report, and to submit not only a copy of your PhD diploma, but also diplomas of all other academic degrees that you have obtained in your career. Who knows, you could be some kind of impostor who just happens to have a website at one of the top ten research universities in the world, right?

    In the category "the interview" one should say that the whole process is really set up to maximize the convenience of the search committee, and not of the candidates. After all, the important members of said committees are German professors, and thus their time and convenience is notably more important than that of the candidate. Hence the marathon interviewing sessions, but also the fact that the search committee will make no efforts whatsoever to accommodate your schedule when arranging the date and time for the interview itself. In my personal experience (certainly typical), I always received an impersonal email from the mythical Sekretariat with the assigned day and time of the interview, sometimes on short notice, and without the possibility to reschedule. Needless to say, it may be prohibitively costly to buy a transatlantic flight leaving within a few days, and sometimes it may even be impossible to get away, due to teaching and administrative duties. In one case, this led to me not being able to travel to Germany for an interview at all. But if one is not able to drop everything when the email from the Sekretariat arrives, in order to fly in for the interview, well, then your interest in that position couldn't have been so great in the first place, right? Oh, and during the interview, don't expect the members of the search committee to introduce themselves; civility is overrated anyway. Also, be prepared to be grilled by the undergraduate student representatives on the committee, who have little voting power, but often compensate it with strong opinions.

    Under the rubric of "salary" the essay talks about "the various 'free' services your benefit package (especially the comprehensive health coverage) includes." This is only half right- although German civil servants receive support from their employer towards purchasing health insurance, this support is contingent on buying insurance from a private company (and not from the state-run health insurance system). On the other hand, it may be very difficult, especially if you are over the age of 40 and return to Germany after an extended absence, to find an insurance company which will offer you reasonable rates; thus, get ready to pay more for health insurance than in the US.

    ...

  • #8

    MA (Dienstag, 10 Mai 2016 18:39)

    ...

    The essay states that the "German system of retirement and benefits for civil servants […] provides conditions often superior to the ones available to tenured professors at a major state institution in the U.S." Before you get too excited about benefits, keep in mind that the retirement system for civil servants in Germany does not know of pension accumulation. Which means that if you decide to leave your German professorship ever again before reaching retirement age, you will forfeit a substantial part of your pension, which will simply be replaced by payments from the state retirement system, equivalent to the time you spent working as a civil servant, of course, but much lower than the pensions for civil servants. So if you take a job in a German university, never even think of leaving again. Golden handcuffs, indeed.

    When one mentions the problem of ageism in German hiring practices, one also has to talk about the rampant sexism among the (still overwhelmingly male) faculty. If you are a woman with children, be prepared to be asked, during the interview, how you imagine combining having a family with the demands from your professorial duties. (If you are a male applicant, you may skip this step.) Perhaps to make up for this kind of outrageous behavior (which, in the US, would more likely than not lead to a lawsuit), arbitrary acts of overcompensation by the administration may happen at any given time. For example, overriding the ranking of the candidates as preferred by the search committee through some Dean or other higher level administrator, to pick a lower-ranked woman, is not uncommon.

    And finally, if you happen to be part of a "two-body problem" and have a spouse who is also an academic, and hope to find jobs at the same academic institution in Germany: just give up. In the German system, there are no possibilities to create an additional, permanent academic job for your partner, even if you finally receive one of the coveted job offers ("Ruf"). There have been recent efforts to institute "Dual Career Centers" at German universities, but as with many so-called reforms of the German education and research system in the last decade, we are dealing here with public-relations efforts, mainly aimed at producing websites and glossy leaflets rather than substance.

    Germany remains thoroughly unattractive for expat professor who are established in a North American research university, all efforts to make us "fit for Germany" notwithstanding.

  • #9

    Jan-Martin Wiarda (Dienstag, 10 Mai 2016 19:17)

    @Josef König: Lieber Josef, das ist schön argumentiert, aber die Welt ist nun einmal, wie sie ist. Zumal Frankreich auch auf mehr internationale Professoren kommt. Im Übrigen wird in den meisten international orientierten Forschergruppen zumindest in den Naturwissenschaften ohnehin auch in Deutschland längst Englisch gesprochen. Schön wäre es, wenn die Hochschulen noch flexibler wären bei der Wahl der Unterrichtssprache, dann wäre die Sprachbarriere geringer. Kurzum: Du beschreibst mit der Sprachbarriere einen Grund für die mangelnde Internationalisierung, gibst mir damit aber gleichzeitig Recht. Und an diesem Grund kann man zumindest teilweise etwas ändern, wenn man möchte.

    Viele Grüße,
    Jan-Martin