Zehn Semester, 46 Prozent und der Wert einer Zahl

Wahrscheinlich ist es eine typisch deutsche Besessenheit. Und zwar an beiden Enden der Skala.

 

Beginnen wir mit einer Zahl: 46 Prozent. Das ist der Anteil der Bachelor-Absolventen, die dem Statistischen Bundesamt zufolge ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen. Und nur 34 Prozent schaffen auch noch den Master im vorgegebenen Zeitrahmen. „Heißt im Umkehrschluss...“ folgert das Deutsche Studentenwerk in seinem Newsletter. Ja, was eigentlich?

 

Fest steht, jetzt diskutieren wieder alle über die angemessene Dauer eines Hochschulstudiums. Studiert man, wie einige behaupten, nur dann richtig, wenn man dafür länger braucht, als offiziell vorgegeben? Und wenn man das so sieht, ist es ein gutes Ergebnis, wenn nur etwas mehr als die Hälfte der Studenten mindestens ein Semester länger brauchen?

Zugegeben, ich überzeichne, kann das aber auch andersherum tun. Einst hatte Deutschland mit die ältesten Uni-Abgängern, an die 30 Jahre waren sie im Schnitt alt, und das ist gerade mal zehn Jahre her. Dann griff die Bologna-Reform, und das Absolventenalter purzelte. Aber: Nie auf das Niveau mancher Länder um uns herum – und jetzt trödelt die Mehrheit schon wieder herum und reißt die Regelstudienzeit?

 

Schon dieser Begriff: Regelstudienzeit. Er gehört zum Standardrepertoire jedes Bologna-Kritikers. Genau wie die „Ländergemeinsamen Strukturvorgaben für die Akkreditierung von Bachelor- und Masterstudiengängen“, in denen die Länder ihre Reform-Regeln niedergelegt haben und deren ersatzlose Streichung regelmäßig gefordert wird.

 

Da heißt es in Teil A 1, Abschnitt 1.3.: „Die Regelstudienzeiten für ein Vollzeitstudium betragen sechs, sieben oder acht Semester für die Bachelorstudiengänge und vier, drei oder zwei Semester für die Masterstudiengänge. Bei konsekutiven Studiengängen beträgt die Gesamtregelstudienzeit im Vollzeitstudium fünf Jahre (zehn Semester).“

 

Diese Zehn-Semester-Regel bringt viele Professoren und Studenten auf die Palme. Eigentlich ist das nur nachvollziehbar, wenn man Bachelor und Master immer noch als in einem Rutsch durchzustudierende Einheit sieht, also so ähnlich wie der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, der den Bachelor gern mal als Ersatz fürs Vordiplom bezeichnet. Denn dann hat man es in der Tat mit einem Entweder-Oder zu tun. Wenn ich also zum Beispiel als Fakultät einen acht-semesstrigen Bachelor plane, um möglichst breite Grundlagen vermitteln zu können, habe ich am Ende nur noch zwei Semester für einen Turbo-Master übrig.

Was ich bis heute nicht verstanden habe: Warum wechseln Studenten, nachdem sie einen solchen Acht-Semester-Bachelor abgeschlossen haben, nicht einfach in ein viersemestriges Master-Programm an einer anderen Uni? Geht ohne Weiteres. Und ebenso geht mir nicht in den Kopf, warum nicht mehr Hochschulen nicht-konsekutive Masterprogramme konzipieren, also Studiengänge, die nicht direkt auf einem Bachelor aufbauen und entsprechend auch nicht unter die 10-Semester-Regel fallen können?

Wobei, irgendwie kann ich dann doch beides nachvollziehen. Zu eins: Wenn ich als Student immer „10 Semester“ höre, denke ich irgendwann, das gelte auch für mich. Hier kann der Aha-Effekt, dass die Regelstudienzeit so oft nicht eingehalten wird, hoffentlich helfen. Zu zwei: Zwar fürchten alle, dass die Master-Studiengänge überlaufen, die meisten Hochschulleitungen allerdings haben ganz andere Sorgen: dass sie ihre Master-Programme nicht vollbekommen. Die sicherste Methode: konsekutiv planen. Schafft Auslastung vom ersten bis zum letzten Semester, auch wenn man damit eine der attraktivsten Möglichkeiten des Bologna-Systems, die Kombination verschiedener Studiengänge, faktisch unmöglich macht.

 

Die Kultusminister haben ihrerseits wenig getan, um den Studenten und Hochschulen mehr Phantasie beizubringen in Sachen Studien- bzw. Studiengangsplanung. Im Gegenteil: So haben sie den Begriff „nicht-konsekutiver Masterstudiengang“ 2008 aus den Strukturvorgaben gestrichen. Zwar sind die damit nicht verloren gegangen, doch sie verstecken sich als Unterabteilung der (das muss man jetzt nicht logisch finden) konsekutiven Studiengänge. Einzige Alternative zu den konsekutiven Studiengängen laut Strukturvorgaben: Weiterbildungsstudiengänge. Und die kosten in der Regel Geld und erfordern Berufserfahrung.

Wie gesagt: Wahrscheinlich ist es eine typisch deutsche Besessenheit mit der Regelstudienzeit. Bei denen, die sich sofort um den Erfolg der Studienreform sorgen, wenn die Studenten länger studieren. Und  bei denen, die denken, es sei ein Wert an sich, möglichst lang zu studieren.

 

Am Ende kommt es darauf an, dass man weiß, warum man etwas tut. So sollten sich Studenten und Hochschulen, anstatt über die Regelstudienzeit zu meckern, über sie hinwegsetzen. Die Studenten aber nicht nur, indem sie einfach länger für ihre Studiengänge brauchen, sondern indem sie mehr Mut zum Wechseln zwischen Bachelor und Master haben. Allen Professoren wiederum, denen bei der Planung neuer Master-Studiengänge schon das „Aber“ auf den Lippen liegt, sei der letzte Satz von Abschnitt 1.3. der Strukturvorgaben zitiert: „Kürzere und längere Regelstudienzeiten sind bei entsprechender studienorganisatorischer Gestaltung in Ausnahmefällen möglich.“ Nicht-konsekutiv, finde ich, ist eine ziemlich gut begründete Ausnahme.

Das Studentenwerk zieht übrigens folgenden Umkehrschluss aus der neuen Abschlussstatistik: Ein längeres Real-Studium müsse dringend zu einer Anpassung der BAföG-Regeln führen. „Nur theoretisch“ sei das Szenario, dass jemand nach zehn Semestern ohne Unterbrechung zwei weitere Semester gefördert werden könne.  Womit das Studentenwerk Recht hat. Die Ländergemeinsamen Strukturvorgaben jedenfalls sind – entgegen ihrem Ruf – nicht das eigentliche Problem. 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Josef König (Montag, 06 Juni 2016 10:58)

    Lieber Jan-Martin,

    man könnte meinen, dass Du BAföG nicht im Auge hattest, als Du das schriebst, und nur zum Schluss einen Schwenk machtest. Meines Wissens hat die Regelstudienzeit letztlich nur in der Frage des Förderzeitraums eine Begrenzung, nämlich dass man nur BAföG nur für die Regelstudienzeit bekommt. Es steht insofern noch immer jedem frei, so lange zu studieren, so lange er/sie/es sich leisten können. Verwiesen wird man von den Unis deswegen noch lange nicht.

    Ich hatte eine Mitarbeiterin, die sich ihr Studium selbst durch Arbeit finanzierte und es zufrieden in Ruhe absolvierte - und es war ihr egal, ob sie erst nach 10, 12 oder 14 Semestern ihren Master abschloss. Sie hat sich nunmal ein entspanntes Studium geleistet und gegönnt - jenseits des gegenwärtig überall anzutreffenden Bulimie-Studiums - ein Vorbild für viele!

    Viele Grüße
    Josef