Bologna: "Was für manche ironiefähig ist, bleibt für andere bierernst"

Nächste Woche diskutieren sie in Hannover mal wieder über die Studienreform. "Humboldt ade – Bologna, oh je?", so haben die Initiatoren von "Lehren" ihre Tagung im Schloss Herrenhausen überschrieben. "Lehren" nennt sich selbst "das Bündnis für Hochschullehre", unter den fünf Trägern sind Stifterverband und Volkswagen-Stiftung. Als sie sich den Titel für ihre Konferenz ausdachten, hätten sie noch gedacht, das sei nicht mehr als eine ironische Reminiszenz an "einen sich verhakenden unproduktiven Diskurs, der insbesondere in den geisteswissenschaftlichen Fächern allzu oft geführt wurde", sagt Antje Mansbrügge von der Alfred-Töpfer-Stiftung, die Lehren  leitet. Eine Reminiszenz an etwas – zum Glück! – Vergangenes, auf den die Initiatoren noch ein letztes Mal hatten anspielen wollen, um dann, wie Mansbrügge sagt, "gleich auszurufen: "Lehre gestalten!" 

Doch dann kam der neue Streit um die Bologna-Reform dazwischen, über den ich am vergangenen Donnerstag auch in der ZEIT (leider noch nicht online) berichtet habe, und plötzlich klingt der Titel der Konferenz fast ungewollt politisch. Mansbrügge sagt: "Was für manche ironiefähig ist, bleibt für andere offenbar bierernst." 

Der Stunk hatte sich seit einigen Monaten angekündigt, doch richtig aufgeschreckt hat er die Hochschulszene erst, nachdem die Amtschefs der Kultusministerkonferenz ein von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) bereits verabschiedetes Papier zur Zukunft von Bachelor und Master überraschend von ihrer Tagesordnung ihrer Sitzung nahmen. Es sei noch nicht beschlussfähig, hieß es. Die Entscheidung darüber: auf unbestimmte Zeit verschoben. Einzelheiten über den Konflikt und über die beteiligten Akteure können Sie wie gesagt in der aktuellen ZEIT nachlesen.

 

Plötzlich kursieren sie wieder, alle möglichen Mythen über Bologna und das vermeintliche Reformchaos, von denen die meisten dachten, sie hätten sich längst erledigt oder seien widerlegt. Ich erinnere vor allem an die "Ländergemeinsamen Strukturvorgaben für die Akkreditierung von Bachelor- und Musterstudiengängen", die die Kultusminister 2010 angesichts bis dato letzten bundesweiten Studierendenstreiks ziemlich überhastet und – im Übrigen – auf ziemlich schlaue Weise geändert haben. Die wesentlichen Beschlüsse damals: Reduzierung der Arbeits- und Prüfungslast für die Studenten, die hochschulübergreifende Anerkennung von Prüfungsleistungen und eine Einbindung von Auslands- und Praxissemestern in das Studium.

 

Spätestens seitdem könne keiner mehr behaupten, die Überfrachtung der Studiengänge seien Folge politischer Entscheidungen, sagt Josef Lange, bis 2013 Staatssekretär im Niedersächsischen Wissenschaftsministerium. Schuld seien "fachliche Nicht-Entscheidungen über Kernbestände von Studiengängen". Oder anders formuliert: "Wenn das aus der Forschung erwachsende Lehrangebot jeder Professur als prüfungsrelevant und verbindlich zu prüfen in Prüfungsordnungen verankert wird, dann kommt es zwangsläufig zur Überfrachtung des Studiums mit Prüfungen und zur Überlastung der Studierenden.“

Eine Umschreibung für den paradoxen Umstand, dass jene Professoren, die am lautesten über die vermeintlichen Zumutungen von Bologna klagen, offenbar oft jene sind, die am wenigsten bereit sind, ihre Studiengänge zu entschlacken. Josef Lange hat das alles  schon 2013 in einem Artikel für ein Bologna-Handbuch aufgeschrieben, damals noch im Auftrag des inzwischen verstorbenen Ex-HRK-Präsidenten Klaus Landfried. 


Wie auch immer: Diese überfälligen Anpassung der "Ländergemeinsamen Strukturvorgaben" vor sechs Jahren war einer der wesentlichen Gründe dafür, dass wir seitdem vergleichbare Proteste gegen den Bologna-Prozess nicht mehr erlebt haben. Und auch dafür, dass zwar immer mal wieder einzelne Professoren, Wissenschaftsminister oder Journalistenkollegen Jahre alte Spottreden über den Bachelor aufwärmen ("Schmalspur-Akademiker", "Bulimie-Lernen", sehr beliebt auch immer wieder die Weisheit von HRK-Präsident Hippler vom Physik-Bachelor, der nie im Leben ein Physiker sei), substanziell betrachtet aber die (gemessene) Gesamtzufriedenheit der Studenten in Deutschland mit ihrem Studium nach 2010 einen substanziellen Sprung nach oben gemacht hat.


Wer mehr über Bologna-Mythen und die dazu gehörenden Realitäten nachlesen möchte, dem empfehle ich die Lektüre des "Bildungsmonitors 2015" des wirtschaftsnahen IW Köln, darunter Themen wie Studienabbrecherquoten, Mobilität oder auch die Karrierechancen von Bachelor-Absolventen. Darauf hat mich der IW-Forscher und Studienautor Axel Plünnecke hingewiesen.

Das Momentum sei zurzeit aufseiten der Bologna-Gegner, schrieb ich vergangene Woche noch in meinem ZEIT-Artikel, "und trotzdem bleibt die Debatte ziellos – richtet sie sich doch gegen vermeintliche Missstände, die in Wirklichkeit längst beseitigt sind." Diese Woche würde ich die Sache schon ein wenig anders gewichten: Wie mir die Reaktionen auf meinen Artikel zeigen, sind die Bologna-Befürworter aufgeschreckt und kampfeslustig. Dieses Mal wollen sie sich nicht in die Defensive drängen lassen.

 

Die Wissenschaftsminister sind übrigens ebenfalls auf der Hut. Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) hatte ja gefordert, die vom Bundesverfassungsgericht vorgeschriebene Neuregelung der Akkreditierung von Studiengängen zum Anlass einer neuen General-Debatte über Bologna zu nehmen. Darauf jedoch hatten seine Kollegen keine Lust. Sie beschlossen vergangene Woche auf Anregung ihrer Amtschefs die Eckpunkte der Neuregelung – und ließen Bachelor Bachelor sein. Das Stimmenverhältnis: 15 zu 1. 

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