Bildungsbericht: Von Österreich lernen?

Es ist das wahrscheinlich wichtigste Stück wissenschaftsbasierter Politikberatung, das den Bildungspolitikern hierzulande zur Verfügung steht, und er wird in seiner Bedeutung immer noch unterschätzt: der Bildungsbericht, der seit 2006 alle zwei Jahre erscheint. Zuletzt am 16. Juni (mehr Informationen zu den Autoren und der Geschichte des Berichts finden Sie hier). Direkt danach gab es eine kurze Welle der Berichterstattung, ein paar Highlights, und das war's dann. Schade eigentlich, denn auf den 350 Seiten, in den hunderten Tabellen und Grafiken stecken Erkenntnisse, die Beachtung verdienen abseits der üblichen Nachrichtenzyklen. Daher picke ich mir in unregelmäßigen Abständen Ergebnisse des jüngst veröffentlichten Bildungsberichts 2016 heraus, zentrale wie auch vermeintlich nicht so wichtige, und analysiere, welche Konsequenzen sich daraus für Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe ergeben. 

 

Teil 2: Kein einziges Land in Europa hat einen sozial fairen Hochschulzugang. Deutschland am wenigsten.

Das Diagramm auf Seite 139 des Bildungsberichts kapiert man nicht auf den ersten Blick. Doch irgendwann hat man es – und ist konsterniert. Eine Linie im 45-Grad-Winkel, die das Rechteck in zwei exakt gleich große Felder zerschneidet. Oberhalb der Linie heißt: Studenten aus nicht akademischen Elternhäusern sind an den Hochschulen überrepräsentiert. Unterhalb der Linie: Akademikerkinder sind überrepräsentiert. Und jetzt das Erschütternde: Kein einziges europäisches Land liegt oberhalb der Linie. Die Buchstabenkürzel drängen sich im rechten unten zu einem Cluster zusammen.

Unten am äußeren Rand des Clusters hängt DEU für Deutschland. Hier stammt weniger als ein Drittel der Studenten (30 Prozent) aus Elternhäusern, in denen weder Vater noch Mutter eine Hochschule besucht hat. Um auf der Linie zu liegen, müssten es 72 Prozent sein: So hoch ist nämlich ist der Anteil der Nicht-Akademiker an der Gesamtbevölkerung zwischen 40 und 59, also im Alter der Eltern.

 

Jetzt die Überraschung: Der Linie am nächsten kommen Irland und Estland. Beispiel Irland: Hier stellen die Nicht-Akademiker knapp zwei Drittel der Bevölkerung, und immerhin 52 Prozenten der Studenten haben Eltern, die nicht studiert haben.

 

Noch eine Überraschung: Ausgerechnet Österreich, ein Land mit einem vermeintlich sehr ähnlichem Bildungs- und Hochschulsystem wie Deutschland, ist ebenfalls Top in Sachen sozialer Durchlässigkeit. Fast 80 Prozent der Eltern haben keine Hochschule besucht, der Anteil der Akademiker ist also noch niedriger als in Deutschland. Doch schaut man sich die aktuelle Studentengeneration an, kommt der Aha-Effekt: Kinder aus nicht akademischen Elternhäusern schaffen es in Massen an die Uni, ihr Anteil an allen Studenten erreicht fast 70 Prozent.

Nach der ersten Erschütterung die Frage: Wie kann es sein, dass ein Land mit einem so niedrigen Akademikeranteil bildungsgerechter sein soll als Deutschland? Stimmt das denn überhaupt?

Die schnellste und häufig gehörte Erklärung: Je mehr Eltern bereits einen Hochschulabschluss haben, desto schwieriger wird der soziale Aufstieg durch Bildung, sprich: desto geringer muss der Anteil der Studenten aus Nicht-Akademikerhaushalten sein, einfach weil es weniger gibt. Insofern habe es Österreich einfacher, hohe Werte zu erreichen. Ein erneuter Blick auf die Zahlen zeigt jedoch: Dieses Argument ergibt keinen Sinn, denn das berücksichtigt das Diagramm ja bereits. Wenn es mehr Akademikereltern gibt, liegt die Grenze zwischen „überrepräsentiert“ und „unterrepräsentiert“ auch niedriger. 

Ganz offensichtlich gibt es Bildungssysteme wie das irische, das das estnische, aber auch das österreichische, die gerade einen enormen Akademisierungssprung erleben. Sprünge, die diese Länder im Falle Irlands bereits verändert haben und im Falle Österreichs sicherlich verändern werden, weil der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung innerhalb weniger Jahre rapide steigt.

Einen guten Einwand aus deutscher Sicht gegen das Diagramm gibt es aber trotzdem: Die Daten der letzten Eurostudent-Erhebung stammen von 2011. Und seit 2012 explodieren auch in Deutschland die Studienanfängerzahlen, statt knapp 40 Prozent eines Altersjahrgangs nehmen seitdem 50 Prozent und mehr ein Studium auf. Wer also von einem "Akademikerwahn" in den vergangenen Jahren spricht, der sollte sich zunächst mal diese Grafik anschauen und den Nachholbedarf, der sich daraus ergibt. Bleiben wir gespannt auf dasselbe Diagramm in ein paar Jahren.

 

Die eigentlich spannende Frage: Was macht Österreich denn nun anders (besser) als Deutschland? Wie schafft es unser Nachbarland, so viele Nicht-Akademiker an seine Hochschulen zu bringen? Die Überraschung: Wir wissen es nicht genau. Einer der Bildungsberichts-Autoren ist Andrä Wolter, Professor an der Berliner Humboldt-Universität und Forscher am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Er sagt: "Die Ergebnisse sollten Anlass genug sein, genauer nach den Gründen für diese Disparitäten zu suchen." Fest stehe: Die Reduktion der Unterschiede sei eine gesellschaftspolitische Aufgabe, und zwar nicht nur um der Chancengerechtigkeit willen, sondern auch "im Interesse des zukünftigen Fachkräfteangebots." 

 

Und noch ein paar drängende Fragen: Wann endlich löst sich dieser Ungerechtigkeits-Cluster unten rechts im Diagramm auf? Und: Hat Europa dafür – auch nur in Ansätzen – eine gemeinsame Bildungsstrategie? Die Antwort zumindest auf die letzte Frage kann ich mir an dieser Stelle ersparen.

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