Aus drei (vier) mach eins: Berliner Universitäten wollen gemeinsamen Exzellenz-Antrag stellen

In der Tendenz erwartbar, in der Dimension dann aber doch überraschend: Alle staatlichen Berliner Universitäten wollen in einem gemeinsamen Verbund ins erneute Rennen um die Exzellenzkrone gehen. Die Präsidenten der Humboldt-Universität, der Freien Universität und der Technische Universität sowie der Vorstandsvorsitzende der Charité Universitätsmedizin hätten sich darauf verständigt, "grundsätzlich eine gemeinsame Antragsinitiative im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder zu verfolgen", teilte HU-Präsidentin Sabine Kunst am Dienstagnachmittag mit. Im öffentlichen Teil einer Sitzung des Akademischen Senats verlas sie die gemeinsame Erklärung aller Uni-Chefs zu "Berlin's Universities Alliance". Ein offizielles Pressestatement gibt es dazu (Stand Mittwochfrüh) noch nicht, weil am Mittwoch zunächst die Präsidentenkollegen von Kunst auch die Gremien an ihren Hochschulen unterrichten müssen. Deren formale Zustimmung wird zum jetzigen Zeitpunkt nicht als erforderlich erachtet – wohl aber ihre informelle Unterstützung. 

Gemeinsame Clusteranträge stellten die Berliner Unis schon in früheren Runden der Exzellenzinitiative. Dass jedoch die bisherigen Eliteuniversitäten HU und FU auf Solonummern verzichten, sich bei der neuen Förderlinie "Exzellenzuniversität" zusammentun und dazu auch noch die allein vermutlich chancenlose TU mit ins Boot holen, ist die größtmögliche Verbundlösung, die im Rahmen der bevorstehenden Neuausschreibung der "ExStra" denkbar war. Berlins Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und ihr Staatssekretär Steffen Krach hatten seit Monaten keinen Zweifel daran gelassen, dass sie sich einen solchen Verbund wünschen – und (nicht immer nur sanften) Druck auf die Universitäten ausgeübt.

 

Das Bekenntnis der drei Uni-Chefs plus Charité-Vorstandsvorsitzenden zur maximalen Kooperation wenige Wochen vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September hat insofern auch eine landespolitische Note, genau wie die Ankündigung aller staatlichen Berliner Fachhochschulen vor wenigen Wochen, sich mit einem gemeinsamen Verbundantrag am Wettbewerb zu den "Innovativen Hochschulen" zu beteiligen. Nimmt man dann auch noch die erst ein paar Tage alte Nachricht hinzu, dass Berlin einen eigenes Institut für Islamische Theologie an der HU ansiedeln will, wird klar: Die getroffenen Entscheidungen sind mitnichten nur von wissenschaftsimmanenten Überlegungen getrieben – auch wenn Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und Wissenschaftsrat die immer wieder vor allem für die Exzellenzinitative gefordert haben.  


Einen späten Triumph dürfte Scheeres' Amtsvorgänger Jürgen Zöllner empfinden, der vor Jahren noch mit seiner Idee einer Berliner Uni-Dachmarke (er selbst sprach lieber von einer Tochterorganisation), schnell als "Superuni" verspottet, gescheitert war. Und tatsächlich twittert Zöllner am spätem Dienstagabend: Wenn die Nachricht vom Verbund zutreffe, "dann Spitze". 

Viele Fragen sind indes noch offen. Vor allem: Wie wird der Antrag inhaltlich aussehen? Was ist der gemeinsame Claim, die gemeinsame Strategie, auf die sich alle Partner verständigen können? Das ist in den zahlreichen Runden zum Verbund, die bislang stattgefunden haben, kaum konkretisiert worden. Zwar kursieren Stichworte wie Digitalisierung, Wissenstransfer, Nachwuchsförderung oder Internationalisierung, aber weniges ist schon zu Ende gedacht. Erstmal ist man froh, überhaupt einmal die Grundentscheidung getroffen zu haben. Die Verbundstrategie scheint auf den ersten Blick das Risiko des Scheiterns zu minimieren, weil sich keiner vorstellen kann, dass ganz Berlin bei der Förderlinie Exzellenzuniversität leer ausgehen könnte. Aber was, wenn der Berliner Antrag den begutachtenden Wissenschaftlern am Ende doch zu offensichtlich politisch motiviert und zu wenig inhaltlich begründet zu sein scheint? Hier wird noch viel Arbeit vonnöten sein – Arbeit, deren Ergebnis auf keinen Fall der kleinste gemeinsame Nenner sein kann, denn der dürfte kaum als exzellenztauglich durchgehen. 

 

Und dann die Verteilungsproblematik: Laut der Bund-Länder-Vereinbarung zur neuen ExStra erhalten Verbünde maximal 28 Millionen Euro Fördermittel jährlich; Universitäten, die einzeln erfolgreich sind, können aber bis zu 15 Millionen kassieren. Lohnt sich die Verbundbewerbung insofern überhaupt für FU und HU, und was hat das Land ihnen zusätzlich versprochen, dass sie sich zu zweit mit 28 Millionen begnügen würden und davon auch noch TU und Charité etwas abgeben müssten? 


Die Berliner Richtungsentscheidung ist ein Vorgeschmack auf ähnliche Nachrichten aus anderen Teilen der Republik, die in den nächsten Wochen folgen dürften. Als heiße Anwärter für eine Verbundbewerbung gelten zum Beispiel die Universitäten Mainz und Frankfurt am Main sowie die TU Darmstadt. Für den Standort München hingegen schließen die meisten Beobachter eine gemeinsame Bewerbung von TU und LMU aus – das Konkurrenzdenken der beiden Präsidenten sei zu groß. 

NACHTRAG: Am Mittwoch (20. Juli) haben wie erwartet auch die Gremien der Freien Universität und der Technischen Universität Berlin die Erklärung der Präsidien zur Kenntnis genommen. Die gemeinsame Erklärung der Uni-Chefs ist seitdem auf den Websites aller Partner nachzulesen, zum Beispiel hier. Wie die Debatte darüber im Akademischen Senat der FU gelaufen ist, berichtet der Tagesspiegel.

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