Streit um die Kreditpunkte: ECTS ist tot, es lebe ECTS!

Vor ein paar Tagen haben Hochschulrektoren und Kultusministerkonferenz ihre neue Bologna-Erklärung veröffentlicht, jetzt läuft der Kampf um die Deutungshoheit. Und er treibt seltsame Blüten. Ganz vorn dabei ist der Bielefelder Stefan Kühl, der aus seiner Ablehnung der Kreditpunkte noch nie einen Hehl gemacht hat. Nun liest er das Papier so, dass sich KMK und HRK "vom ECTS-System verabschiedet" hätten. So formulierte Kühl es am Sonnabend, nur einen Tag nach der offiziellen Veröffentlichung des Papiers, im Deutschlandfunk. Heute folgte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. HRK und KMK rückten noch weiter ab vom "Leistungspunktdenken" als in ihren früheren Erklärungen, schreibt meine FAZ-Kollegin Heike Schmoll: "Zu einem völligen Ausstieg aus dem ECTS-Denken hatten beide Gremien offenbar nicht den Mut, es wäre das offenkundige Eingeständnis eines politischen Fehlers gewesen." Am erstaunlichsten aber ist die Deutung der taz, ebenfalls von heute: Mastermind hinter dem neuen Papier sei ausgerechnet HRK-Präsident Horst Hippler. "Geht es nach Hippler", schreibt Redakteur Ralf Pauli, "sind Bachelor und Master künftig flexibler. Davon hat er auch fast alle Hochschulen und die KultusministerInnen der Länder überzeugt."

 

In der KMK reibt man sich über derlei Interpretationen die Augen. Denn man muss dazu erstens wissen, dass Hippler mit der konkreten Erstellung des Papiers herzlich wenig zu tun hatte. Und zweitens, dass die Bologna-Erklärung, wenn man sie sich mal genauer anschaut, weder von Kreditpunkten noch von Modulen abrückt, obwohl der HRK-Präsident sie erklärtermaßen für den Kern des Bologna-Übels hält. Wovon genau also soll Hippler all die Rektoren und Minister überzeugt haben? Vor allem aber: Woraus lesen Kühl, Schmoll und andere den Abschied von den Credits oder zumindest das Umschwenken von HRK und KMK in ihrer Bewertung? 

 

Aus folgender Passage: "Die Hochschulen müssen verstärkt für eine konsequente Anwendung der Grundsätze der Lissabon-Konvention Sorge tragen, die keineswegs auf die Signatarstaaten beschränkt sind, sondern der Anerkennung aller in- und ausländischen Leistungen zugrunde zu legen sind. Maßstab der Anerkennung sind die erworbenen Kompetenzen und kein quantitativer Vergleich der ECTS-Punkte. Dies setzt zunächst klare, kompetenzorientierte Beschreibungen von Modulen und Lernergebnissen voraus. Die entsprechenden Anforderungen an die Modulbeschreibungen und die konkrete Anerkennungspraxis der Hochschulen sollten daher im Rahmen der internen und externen Qualitätssicherung verstärkt Beachtung finden."

 

Ich versuche mich mal an einer Übersetzung: "Liebe Hochschulen, es gibt seit 1997 die Lissabon-Konvention, sie ist eine der Grundlagen des Bologna-Prozesses. Leider habt ihr sie nicht alle immer ausreichend beachtet. Also erinnern wir euch, übrigens nicht zum ersten Mal, daran, was drinsteht. Natürlich müssen die ECTS-Punkte stimmen, grundsätzlich aber erwartet Lissabon von euch, dass ihr anderswo erbrachte Studienleistungen im Zweifel anerkennt. Seid ihr unsicher, schaut euch an, was die Studenten können, also was sie gelernt haben, und wenn diese Kompetenzen da sind, dann hebt den Daumen. Übrigens würdet ihr euch selbst und anderen Hochschulen das leichter machen, wenn ihr die Module so beschreibt, dass Außenstehende erkennen können, welche Kenntnisse und Fähigkeiten sie genau vermitteln. Dass das bislang nicht überall klappt, liegt auch daran, dass die Akkreditierungsagenturen nicht genug darauf geachtet haben. Auch das muss jetzt anders werden."

 

Eine ganz neue Logik? Abschied von ECTS? Nein. Es ist der regelmäßig wiederholte, allerdings über die Jahre immer ungeduldigere Appell an die Hochschulen, bitte mal kreativer und auch transparenter zu sein und die vorhandenen Freiheiten bei der Anerkennung zu nutzen. Wie schreibt Heike Schmoll in ihrem Artikel: "Die meisten Rechenexperten an Fakultäten praktizieren einen solchen großzügigen Umgang mit ECTS-Punkten gerade nicht." Genauso ist es. Und die Frage, die sich KMK und HRK bei der Erstellung ihres Papiers gestellt haben: Wie kriegen wir die Hochschulen dazu, dass sie das ändern?

Die Kreditpunkte waren von Anfang an gedacht als notwendige, aber keinesfalls hinreichende Voraussetzung der Anerkennung von Studienleistungen. Und mit der Einführung der Bachelor- und Musterstudiengänge wurden sie zusätzlich zu Instrumenten der Studiengangsplanung, der Beschreibung des studentischen "Workloads" und damit bewusst zur Abkehr von der Zentrierung auf die Hochschullehrer bei der Berechnung des Arbeitsaufwands. Also ECTS statt SWS (Semesterwochenstunden). Wäre jemand auf die Idee gekommen, die SWS absolut zu setzen bei der inhaltlichen Beschreibung von Lehrveranstaltungen? 

Ironischerweise können nur die Professoren, die sich selbst in der Enge der ECTS-Erbsenzählerei verstrickt haben, sich aus ihr befreien. Doch offenbar muss man in Deutschland auch die Nutzung lange vorhandener Freiheiten per Kultusministererlass verordnen. Das und nur das ist die Botschaft der neuen KMK-HRK-Erklärung. Dass einige angesichts des Verweises auf die fast 20 Jahre alte Lissabon-Konvention von einem Sieg der Vernunft und einem überfälligen Neuanfang sprechen, zeigt also vor allem eines: dass sie endlich, endlich anfangen, die eigentliche Logik hinter dem Bologna-Prozesses zu kapieren. Um mit Stefan Kühl zu sprechen: Ja, es ist ein Abschied. Ein Abschied von der Selbsteingrenzung. 

Der Bielefelder Organisationssoziologe Stefan Kühl hat auf meinen Artikel reagiert. Lesen Sie seinen Meinungsbeitrag und die daraus entstandene Debatte unter "Kommentare". Und wenn Sie mögen: Beteiligen Sie sich gern daran.

 

Bologna-Unterzeichnerstaaten (Stand 2015). Quelle: MacedonianBoy, Wikipedia
Bologna-Unterzeichnerstaaten (Stand 2015). Quelle: MacedonianBoy, Wikipedia

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Kommentare: 7
  • #1

    Stefan Kühl (Mittwoch, 20 Juli 2016 10:55)

    Lieber Herr Wiarda, netter Übersetzungsversuche, leider aber falsch. Der Satz der „Maßstab der Anerkennung sind die erworbenen Kompetenzen und kein quantitativer Vergleich der ECTS-Punkte“ in der gemeinsamen Erklärung der Kultusministerkonferenz und der Hochschulrektorenkonferenz bedeutet gerade nicht - wie Sie schreiben - „ Natürlich müssen die ECTS-Punkte stimmen, grundsätzlich aber erwartet Lissabon von euch, dass ihr anderswo erbrachte Studienleistungen im Zweifel anerkennt.“, sondern vielmehr „Die ECTS-Punkte sind egal, wichtig ist bei der Anerkennung von Studienleistungen, dass die gleichen Kompetenzen erworben wurden“. Deutliche kann man nicht sagen, dass das ECTS-System, den Zweck, für den es einmal geschaffen wurden, in keiner Weise erfüllen (ausführlich dazu http://www.uni-bielefeld.de/soz/forschung/orgsoz/Stefan_Kuehl).

    Die Kritik am ECTS ist gerade unter Hochschulrektoren und Kultusministern in den letzten Jahren immer stärker geworden. Es hat sich kaum noch jemand hingestellt und gesagt, dass die ECTS-Punkte die Anerkennung der Studienleistungen erleichtert haben. Vielmehr konnte die Mobilität der Studierenden nur sichergestellt werden, in dem die ECTS-Punkte bei der Anerkennung von Studienleistungen faktisch an den Hochschulen ignoriert wurde. Man muss das politische Geschick der Hochschulrektoren und Kultusminister bei dieser Erklärung loben. Sie haben einen Weg gefunden, die Hochschulen aus dem Korsett der ECTS-Punkte zu befreien, ohne zu offensichtlich aus dem europäischen Konzert der Wissenschaftsminister auszuscheren.

    Es ist an der Zeit, die unterkomplexe Unterscheidung von Bologna-Befürwortern und Bologna-Gegnern aufzugeben. Man kann sehr wohl die Grundidee der Bologna-Erklärung eines zweistufigen Studiums begrüßen, ohne gleiche auch eine für alle verpflichtende Abbildung jeder mögliche Arbeitsstunde eines Studierenden in ECTS-Punkten und Modulen für sinnvoll zu erachten. Es gehört zur politischen Geschicklichkeit von Kultusministern, eine offensichtliche politische Fehlentscheidung ohne Gesichtsverlust schrittweise zurückzunehmen. Was sich schon lange in der Praxis der Hochschulen gezeigt hat und in der ländergemeinsamen Strukturvorgabe der KMK von 2010 angedeutet hat, ist in der Erklärung jetzt unmissverständlichen festgeschrieben worden. Die Hochschulen können sich jetzt mit dieser Erklärung – ganz im Sinne ihrer Forderung –die Freiheit nehmen, selbst zu entscheiden, ob sie ECTS zur Studiengangsgestaltung nutzen wollen oder nicht – eine Forderung die gerade von prominenten Vertretern der Hochschulrektorenkonferenz immer wieder erhoben wurde.

  • #2

    Jan-Martin Wiarda (Mittwoch, 20 Juli 2016 11:05)

    Lieber Herr Kühl,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich habe heute Morgen mit Gewinn auch ihren Beitrag in der FAZ gelesen, steht der eigentlich schon online?

    Es ist spannend, wie unterschiedlich man ein paar Sätze interpretieren kann. Noch mehr aber erstaunt mich, dass – sollten Sie Recht haben – Mathias Brodkorb die Erklärung dennoch abgelehnt hat. Ich habe in den vergangenen Tagen viele Gespräche geführt mit Vertretern der KMK und der HRK, und deren Interpretation war unisono so, wie ich sie beschrieben habe: ECTS bleibt eine notwendige Bedingung, aber eben nur notwendig. Hinreichend ist einzig und allein die Befassung mit den Inhalten. Und genauso hat es Lissabon immer vorgesehen.

    Ich lese die Erklärung deshalb nicht so, das die Hochschulen sich entscheiden können, die Berechnung der Studiengänge und Module über ECTS jetzt einfach wegzulassen. Umgekehrt muss ich Ihnen aber lassen, dass es schlau ist, das Papier in dieser Form strategisch misszuverstehen. :)

    Was die Bologna-Befürworter und -Gegner angeht, stimme ich Ihnen spätestens seit Ihrem Plädoyer auf meiner Website vor einigen Wochen zu. Deshalb habe ich bewusst auch nicht von "Bologna-Gegnern" in meinem Text gesprochen.

    Nochmals vielen Dank, dass Sie die Debatte so engagiert führen. Das tut der Sache gut.

    Viele herzliche Grüße und bis bald,
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #3

    Stefan Kühl (Mittwoch, 20 Juli 2016 12:20)

    Lieber Herr Wiarda,

    es wäre auf alle Fälle eine hochinteressante Wendung in der Debatte, wenn die Kultusministerkonferenz und die Hochschulrektorenkonferenz jetzt erklären würden, dass die ECTS-Punkte zwar nicht mehr als Basis für die Anrechnung von Studienleistungen genutzt werden soll, man aber trotzdem am European Credit Transfer (!) System verpflichtend festhalten möchte. So frei nach dem Motto: "Die Funktion für die wir die ECTS-Punkte eingeführt haben, wird nicht erfüllt, im Gegenteil sie haben sogar kontroproduktive Wirkungen. Wir denken uns jetzt aber mal ein paar neue Funktionen aus, mit denen wir das Festhalten am ECTS rechtfertigen können."

    Wenn das wirklich die Haltung der KMK wäre, hätten Sie Journalisten auf alle Fälle eine hochinteressante Geschichte und wir Soziologen einen neuen Musterfall für das Finden neuer Zwecke für Mittel, die man ursprünglich mal für ganz andere Zwecke geschaffen hat. Wir Soziologen sind zwar vorsichtig mit klassischen Vorstellungen von Rationalität an die Politik heranzugehen und halten deswegen in der Politik vieles für möglich, aber an dem Punkt würde ich den Kultusministern und Hochschulrektoren erst einmal eine gewisse politische Weisheit unterstellen. Meine Vermutung ist, dass die Verpflichtung auf ECTS sowieso auf der nächsten oder übernächsten europäischen Folgekonferenz zur Bologna-Erklärung gekippt wird. Ich kenne keinen Hochschullehrer, der diesen Punkten eine Träne nachweinen wird.

    Die ablehnende Haltung von Meck-Pomm hängt mit einer anderen Sachen zusammen - nämlich die vorschnelle Übernahme der Kompetenzorientierung als neues Leitbild für die Hochschulen. Das Wort "Kompetenz" klingt erstmal gut, aber die Durchsetzung des Prinzips der Kompetenzorierung auf der Modulebene wird ähnliche (wenn icht sogar noch schlimmere) Bürokratisierungseffekte haben wie die ECTS-Punkte. Diese Debatte hat an den Hochschulen gerade erst begonnen.

    Näheres zur Kompetenzorientierung beim zweiten Eintrag "Aktuelles" auf http://www.uni-bielefeld.de/soz/forschung/orgsoz/Stefan_Kuehl/
    und http://bildung-wissen.eu/

    Herzliche Grüße, Stefan Kühl

  • #4

    Jan-Martin Wiarda (Mittwoch, 20 Juli 2016 12:31)

    Lieber Herr Kühl,

    zur Kompetenzorientierung könnten (und sollten wir vielleicht auch) ein anderes Mal diskutieren, das ist in sich spannend und beschäftigt gerade eine ganze Reihe von Hochschulexperten im Land. Da stehen uns einige interessante Stellungnahmen bevor.

    Was die Funktion der ECTS-Punkte angeht, liegt, glaube ich, immer noch ein Missverständnis vor: Die Punkte waren von Anfang an gedacht als die quantitative Basis/Voraussetzung für die dann nur inhaltlich zu rechtfertigende Anerkennung von Studienleistungen. Es war nie vorgesehen, dass es hier einen Automatismus auf der Grundlage bloßer Punktezählerei gibt. Genau das hat die Politik jetzt noch einmal bekräftigt und sich insofern eben keine neuen Funktionen ausgedacht.

    Der Aha-Effekt bei vielen Hochschulen dürfte darin liegen, dass sie bislang nie richtig kapiert hatten, was die ECTS-Punkte sollen, und darum gegen einen vermeintlichen Unsinn angekämpft haben, den sie ohne Not und/oder unter einem selbst verursachten Zwang selbst geschaffen haben. Bis hin zu der Erkenntnis, dass sie es sich unnötig schwer gemacht haben. Was aber eben nicht heißt, dass die ECTS-Punkte von Anfang an überflüssig waren oder es sind. Sondern dass sie in der Praxis endlich die Funktion bekommen sollten, die ihnen konzeptionell schon immer zugedacht war.

    Also: Die ECTS-Punkte werden sicherlich auch nach den nächsten Bologna-Konferenzen bleiben. Die Debatte, die wir dazu führen, ist am Ende eine sehr deutsche und wird anderswo gar nicht richtig verstanden.

    Viele Grüße und Wünsche,
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #5

    Klaus Diepold (Freitag, 22 Juli 2016 09:50)

    Ich kann hier nur Herrn Wiarda zustimmen. Aus meiner Sicht wurde in das Thema ECTS in einer frühen Phase in Deutschland so viel zusätzlich hineininterpretiert und -diskutiert, was ursprünglich von den Initiatoren niemals intendiert war. Dann hat sich die Diskussion auf diese zusätzliche Interpretationen eingeschossen und darauf aufbauend ECTS torpediert. Diese Interpretationen wurden aus meiner Sicht in der kürzlich veröffentlichten Stellungnahme wieder entfernt und jetzt wird das als Umkehr interpretiert. Ich finde das bizarr.

    Wenn ich denk Diskussionsverlauf so beobachte so entsteht der Eindruck, dass "früher" die Anerkennungspraxis, insbesondere über europäische Grenzen hinweg, wunderbar funktioniert habe. Durch ECTS wurde nichts erreicht und nur alles verschlimmbessert. Das kann ich so nicht sehen. "Früher" war die Anerkennung von Studien- und Prüfungsleistungen (innländisch wie ausländisch) weitgehend beliebig, um nicht zu sagen willkürlich. Für Studierende wurde dies überwiegend als ein Akt der Gnade wahrgenommen und war meist nicht kalkulierbar und oft auch frustrierend. Es gab dafür auch kaum verbindliche Kriterien. Nun gibt es den Begriff der "Kompetenz" sowie ein Maß für den Umfang oder Intensität, gemessen in Arbeitszeit der Studierenden (ECTS). Das schafft eine Basis für ein nachvollziehbares Anerkennen von externen Studien- und Prüfungsleistungen und damit vielleicht eine größere Planungssicherheit für Studierende. Dass diese Basis von den Anerkennenden als Einschränkung der Willkür wahrgenommen werden kann, steht auf einem anderen Blatt.

    AH, von wegen "jede Stunde der Studierenden verplanen" mit ECTS. Das sehe ich auch ganz anders. ECTS ist eine Kalkulationsgrundlage und kein Stundenzettel. Es gibt immer noch eine große individuelle Varianz in der Anzahl der tatsächlich von Studierenden geleisteten Arbeitsstunden. Die einen sind eben ein wenig fixer und schaffen einen Credit in 15 Stunden, andere brauchen dafür eben 35 Stunden.

    ECTS ist noch immer eine vernünftige Einheit zur Berechnung der nominalen Arbeitslast für Studierende. ECTS alleine sichert keine Anerkennung, die Kompetenz (vulgo Inhalte) müssen auch stimmen. Umgekehrt gilt auch, dass Kompetenz alleine nicht reichen - ECTS ist ein Hinweis auch die Intensität der Lehrveranstaltung und die ist nicht zu vernachlässigen. Ein Programmierkurs mit 3 ECTS ist qualitativ ein großer Unterschied zu einem inhaltlich vergleichbaren Kurs, der mit 6 oder 9 ECTS bewertet wird. Es obliegt der einzelnen Hochschule oder auch dem einzelnen Dozenten wie eng oder wie locker mit der Information umgegangen wird, die in den ECTS kodiert sind. Für die (internationale) Anerkennungspraxis hat ECTS durchaus einen Fortschritt gebracht.

  • #6

    Guido Wirtz (Samstag, 10 September 2016 13:18)

    Ich kann das immer wiederkehrende ECTS-Gejammere aus meiner praktischen Erfahrung der letzten 20 Jahre absolut nicht nachvollziehen:
    1. Studienpläne nach tragbarer Last der Studierenden zu planen (auch wenn hier - wie richtig erwähnt - viel individueller Spielraum besteht) ist ein großer Fortschritt gegenüber Regelungen nach SWS-Lehrbelastung der Dozentenseite.
    2. Eine Anerkennungspraxis, die es sich nicht allzu leicht macht, hat nie allein auf ECTS-Basis argumentiert; Vielen kam das aber entgegen, da man über formale Pseudo-Kriterien Anerkennungsentscheidungen vereinfachen und die manchmal dahinter stehende Willkür vertuschen konnte.
    3. Wie im vorhergehenden Beitrag schon festgestellt, spielt der Gesamtaufwand eines Moduls auch bei vergleichbarer Themenstellung eine Rolle, weil 3 ECTS eben in der Regel doch deutlich weniger Beschäftigungstiefe der Studierenden mit einem Thema bedeuten als z.B. 9 ECTS; das sollte auch mit berücksichtigt werden - gerade in praktischen Fächern ist es oft der Unterschied zwischen 'drüber geredet' und 'selbst dazu fähig'.
    4. Die Betonung von 'Kompetenzen' - wie immer man diese dann wieder feststellen ('messen' scheint mir hier nicht möglich) soll - als Anerkennungskriterium könnte den unter 2. genannten Fehlentwicklungen positiv entgegenwirken.
    5. BTW: Auch die Modulstruktur mit Kombinationen verschiedener Lehrformen usw. wird Aspekten wie Vorlesung+Übung, Praktika oder Projekten bzw. Lesekursen deutlich gerechter als die klassischen SWS-Einträge in einem Vorlesungsverzeichnis.
    Vor diesem Hintergrund ist mir die Diskussion der letzten Jahre mehr oder weniger suspekt ...

  • #7

    Christian König (Donnerstag, 03 November 2016 21:06)

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich bin durch Zufall auf dieser Seite gelandet bei dem Abenteuer (=Recherche) zu verstehen, warum Studenten, die im europäischen Ausland studiert haben, es mitunter unmöglich gemacht wird in gewissen Bundesländern beruflich weiterzukommen.
    Zu meinem Fall:
    Studium der Psychologie in den Niederlanden - B.Sc und M.Sc.
    Ziel: Beginn einer Ausbildung zum Psychologischen Psychotherpeut
    Problem: Viele LPAs zücken (darunter z.B. mein Heimat-Bundesland Niedersachsen, aber auch Bremen, Hessen, etc.) sofort den Stempel "Abgelehnt" sobald auf Äquivalenzanträgen im Master keine 120 ECTS vermerkt sind. Aus die Maus. Keine Chance. Tschüss.
    Da spielt es keine Rolle, wenn man grundlegende Unterschiede zwischen dem Niederländischen oder Deutschen Hochschulsystem aufzeigt, die zum Überdenken anregen sollten, ob ein simpler Verweis auf die fehlenden 60 EC's die Sache angemessen bewertet:

    Das akdemische Jahr in den Niederlanden hat 42 (!) Wochen im Gegensatz zu Deutschland mit im Schnitt 31 Wochen.

    Es gibt keine WischiWaschi Symposien in denen man ein paar Paper lesen muss, sich ein paar Mal im Stuhlkreis zusammensetzt und gut is.

    Der niederländische Bachelor dann mal de facto 3 x 42 Wochen = 126 Wochen, anstatt in D 3 x 32 Wochen = 96 Wochen gedauert hat und am Ende trotzdem nur 180 ECTS rausgekommen sind.

    Ende vom Lied: Ich bin gezwungen in Bundesländer auszuweichen (z.B. NRW), die nicht gleich das Gehirn ausschalten (weil einfacher), wenn ihnen ein Master mit "nur" 60 ECTS vorgelegt wird, sondern die sich auch an Versorgungsrealitäten orientieren (Gibt nen kleinen Mangel an Psychotherapeuten in D. Keiner wartet gerne ein halbes Jahr auf ein Erstgespräch...), aber sich vor allem in der Frage, ob ein geeigneter Kandidat für diese Ausbildung vorstellig ist, sich gerne der Meinung der Ausbildungsinstitute anschließen bzw. nicht im Weg stehen.
    Die LPAs, die diesen Prozess gar nicht zu lassen, sondern im Keim ersticken, wenn sie sagen: "Keine 120 ECTS Punkte im Master, verpiss dich. Du kommst hier ncht rein.", sind Systemsoldaten, die das System Stück für Stück von innen vor die Wand fahren.

    Mir beißen diese fehlenden EC's somit momentan ordentlich in den Arsch, weil ich nun schauen muss, wie ich die teure Ausbildung und Wohnung in NRW finanzieren kann.
    Hinzukommt, wir PIAs (Psychloge in Ausbildung) werden zudem auch noch von den Kliniken in denen wir PFLICHT(!)-Praktika (1800 Stunden) als Teil der Ausbildung ableisten müssen, in der Regel nicht bezahlt.
    Gudde Laune!
    In diesem Sinne!