Ehrenrunde statt Ausbildungsplatz: Wie die Karriere vieler Jugendlichen vorbei ist, bevor sie überhaupt begonnen hat

Er ist das wahrscheinlich wichtigste Stück wissenschaftsbasierter Politikberatung, das den Bildungspolitikern hierzulande zur Verfügung steht, und er wird in seiner Bedeutung immer noch unterschätzt: der Bildungsbericht, der seit 2006 alle zwei Jahre erscheint. Zuletzt am 16. Juni (mehr Informationen zu den Autoren und der Geschichte des Berichts finden Sie hier). Direkt danach gab es eine kurze Welle der Berichterstattung, ein paar Highlights, und das war's dann. Schade eigentlich, denn in den 350 Seiten, in hunderten Tabellen und Grafiken stecken Erkenntnisse, die Beachtung verdienen abseits der üblichen Nachrichtenzyklen. Daher picke ich mir in unregelmäßigen Abständen aktuelle Ergebnisse heraus, zentrale wie auch vermeintlich nicht so wichtige, und analysiere, welche Konsequenzen sich daraus für Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe ergeben. 



Teil 4: Warteschleifen im Übergangssystem: Bekanntes Problem, unbekanntes Ausmaß?

 

Wenn wir Journalisten schnell mal das Versagen der Bildungspolitik brandmarken wollen, hilft ein Schlagwort, das immer passt: Übergangssystem. Ein vornehmer Name für die Warteschleife, in die all jene Schulabgänger geraten, die keinen Ausbildungsplatz ergattert haben. Berufsgrundbildungsjahr, Berufsvorbereitungs- oder Berufseinstiegsjahr, so lauten die offiziellen Bezeichnungen für die einjährigen Bildungsangebote, die die Jugendlichen fit machen sollen für den zweiten Anlauf. Jetzt die erschütternden Zahlen: Während das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) vor wenigen Tagen berichtete, dass im vergangenen Jahr bundesweit 41.000 Lehrstellen unbesetzt geblieben seien, sind laut Bildungsbericht im gleichen Zeitraum knapp 271.000 Jugendlichen im Übergangssystem gelandet. Das, schreiben die Autoren, seien 28,3 Prozent aller Neuzugänge im Ausbildungssystem, ein höherer Anteil als 2014 (26,8 Prozent), aber immer noch deutlich weniger als 2005, als sogar 36,3 Prozent in die Ehrenrunde mussten. 

 

Mir ist und bleibt schleierhaft, wie manche angesichts solcher Zahlen von einer international beneideten Erfolgsgeschichte unseres Berufsbildungssystems sprechen können. Klar, die Jugendlichen in der Warteschleife sitzen nicht faul rum, erst recht nicht auf der Straße, und sie tauchen in keiner Arbeitslosenstatistik auf. Auch sind diese berufsvorbereitenden Bildungsangebote in der Regel sinnvoll und gut gemacht. Aber wie können Schulen, Betriebe und Bildungspolitiker solche Zahlen im Übergangssystem rechtfertigen in Zeiten des Wirtschaftsbooms und historisch niedriger Arbeitslosenquoten? Sind all diese Schulabgänger zu dumm? Zu wählerisch? Nicht motiviert genug? Oder, um ein neuerdings so gern gebrauchtes Argument zu zitieren, sind die Hochschulen schuld an der Misere, weil sie all die schlauen Jugendlichen wegfischen, während man, siehe oben, mit dem Rest eben nichts anfangen kann? 

 

Ich könnte mich jetzt (zu Recht!) weiter aufregen, möglicherweise ist die Angelegenheit aber doch ein wenig komplexer. Darauf hat mich der Soziologe Karl Ulrich Mayer, ehemals Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und bis 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, hingewiesen. Rechnen wir doch mal nach: Insgesamt gibt der Bildungsbericht die Jahrgangsstärke im Berufsbildungssystem mit rund 957.000 an, doch es gibt laut Bildungsbericht auch noch jedes Jahr zwischen 400.000 und 500.000 Menschen, die die Schule nach dem Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung verlassen. Klar, viele von denen können vorher oder hinterher auch eine Berufsausbildung machen, doch die meisten gehen von der Schule direkt auf die Uni.

 

Aber streiten wir mal nicht darum, ist eigentlich auch gleichgültig, denn die Geburtsjahrgänge, die im Augenblick das Berufsbildungssystem hauptsächlich speisen (kurz vor und um das Jahr 2000), sind ohnehin nur rund 750.000 Personen stark. 200.000 weniger als die Jahrgangsstärke laut Bildungsbericht, bei der sogar noch wie gesagt die gesamte tertiäre Ausbildung ausgeblendet ist. Wie kann das sein? Ganz einfach: Mehrfach-Eintritte ins System – die eine Stichtagsbetrachtung wie die im Bildungsbericht nicht berücksichtigen kann. Und ausgerechnet bei den Jugendlichen, die ins Übergangssystem geraten, dürften die Zahl dieser Mehrfach-Eintritte besonders hoch sein. Sprich: Häufig drehen sie nicht eine Ehrenrunde, sondern zwei oder sogar drei. 

Dass sich die Zahl der Neuzugänge ins Ausbildungssystem kaum noch über die Geburtsjahrgänge abschätzen lässt, bestätigt Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) in Göttingen, das zum Konsortium des Bildungsberichts gehört: "Es gilt generell, dass Schulabsolventen, Studienanfänger und Ausbildungsanfänger eines Jahres nicht aufeinander zu beziehen sind, weil bei den Studien- und Ausbildungsanfängern in der Regel Neuzugänge aus mehreren Jahren enthalten sind." 

Stefan Kühne vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ist wissenschaftlicher Koordinator des Bildungsberichts und sagt, verantwortlich für die Diskrepanz sei nicht nur die große Anzahl unvermittelter Altbewerber aus vorherigen Jahren. Es gebe darüber hinaus viele Jugendliche, die zeitversetzt mehr als einmal an einer Berufsschule anfingen – um einen Schulabschluss nachzuholen zum Beispiel oder nachdem sie Betrieb oder gar Beruf gewechselt hätten. 

Woraus drei Erkenntnisse folgen. Erstens: Die Darstellung im sonst so starken Bildungsbericht ist an dieser Stelle unterkomplex, zumindest auf den ersten Blick. Zweitens: Quantitativ ist das Problem der Warteschleife geringer als meist vermutet. Der Prozentwert von 28 Prozent ist nicht wirklich aussagekräftig, weil sich dahinter Jahr für Jahr teilweise dieselben Menschen (wie viele genau, wissen wir nicht) verbergen. Drittens: Für die Betroffenen ist die Situation sogar noch ernster, als man aufgrund der Statistik erwarten könnte. Die hohen Fallzahlen konzentrieren sich auf weniger Einzelschicksale junger Menschen, die entweder über Jahre nicht herauskommen aus den immer gleichen Ersatzmaßnahmen, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen – oder wieder in sie zurückfallen, nachdem sie eine Lehre abgebrochen haben. Menschen, die nicht einmal 20 sind und feststecken in einer Spirale der Lebensenttäuschungen.  

 

Womit die Schlussfolgerung, die die Autoren im Bildungsbericht ziehen, wiederum voll berechtigt ist: "Diese strukturelle Immobilität des Berufsbildungssystems ist alles andere als selbstverständlich." Übersetzt: Dass trotz Geburtenrückgangs, höherer Studienneigung und häufig behaupteten Fachkräftemangels das wiederholte Abschieben in die Berufsvorbereitung immer noch Gang und Gäbe ist, verstehen die Forscher auch nicht. 

Womöglich könnte ja eine Kohortenbetrachtung helfen, das heißt: Man würde sich die Bildungskarrieren junger Menschen über Jahre hinweg anschauen. Etwas, was die Forscher sich seit langem wünschen, sagt Stefan Kühne: "Obwohl wir seit 2006 darauf drängen, dass in der Schulstatistik Individualdaten mit längsschnittlichem Bezug eingeführt werden, sind weiterhin nur Bestandsdaten erfasst, keine Verlaufsstatistiken, die zeigen, welche Jugendlichen woher kommen und wohin sie gehen." Die Schwäche des Bildungsberichts an dieser Stelle ist also auch eine Aufforderung an die Politik.

 

Unterdessen streiten Arbeitgeber und Gewerkschaften auf ausbaubarem Niveau. Die Jugendlichen klagten über "eine schlechte fachliche Ausbildung, einen rüden Umgangston und Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz", kritisierte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Ferner gegenüber der Nachrichtenagentur dpa einfach mal pauschal die Hotel-, Gaststätten- und Lebensmittelbranche. Die Hautgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Hartges, fand das verständlicherweise nicht lustig, hatte aber ihrerseits nur die übliche Erklärung dafür anzubieten, dass so viele Lehrstellen unbesetzt geblieben sind. Schuld sei die hohe Zahl junger Menschen, die sich nach der Schule eher für ein Studium als für eine Ausbildung entschieden?

 

Echt? Die Gastwirte von gestern sind die Studenten von heute? Bitte nochmal nachdenken. Fest steht: Solange das Übergangssystem floriert, geht es uns in Deutschland offenbar immer noch zu gut. So gut, dass wir einfach mal unzählige Jugendliche links liegen lassen. Ob es nun 270.000 sind oder nicht.

Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch mal in meinem Blog nach. Ganz oben finden Sie neuerdings ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Kategorien. Darunter auch die Serie zum Bildungsbericht mit allen Folgen. Viel Spaß beim Stöbern!

Bitte beachten Sie: Ich bin bis zum 04. September in Urlaub. Darum kann ich auf Ihre Kommentare nicht so zeitnah wie gewöhnlich reagieren. Ich bitte um Verständnis und wünsche Ihnen eine schöne Sommerzeit!

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