Deutschlands Bildungssystem im jährlichen OECD-Check: Durchwachsen positiv

Andreas Schleicher. Foto: MarcoIlluminati/OECD (CC BY-NC 2.0)
Andreas Schleicher. Foto: MarcoIlluminati/OECD (CC BY-NC 2.0)

Andreas Schleicher hat mal wieder eine stressige Woche. Gestern Morgen traf er sich in London zum Hintergrundgespräch mit Journalisten. Heute Mittag saß er in Berlin mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka und Hamburgs Schulsenator Ties Rabe in der Bundespressekonferenz, nachmittags um 15 Uhr stellt er sich dann noch in einem Webinar den Fragen der Öffentlichkeit. Der Mann, den die Medien gern als "Pisa-Papst" titulieren und der offiziell den Posten des OECD-Bildungsdirektors bekleidet, hat an jedem normalen Tag ein immenses Mitteilungsbedürfnis, aber ganz besonders heute, wenn die alljährliche OECD-Studie "Education at a Glance" erscheint. 

 

Seine Botschaft: Deutschland ist immer noch nicht Musterschüler in Sachen Bildung, aber es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. So liegt in kaum einem anderen Industrieland die Quote derjenigen jungen Menschen, die weder in Ausbildung noch in einem Job sind, so niedrig wie in Deutschland. Allerdings, so Schleicher, sei das nicht allein Verdienst der Bildungspolitik, sondern auch der guten Wirtschaftslage. Mit anderen Worten: Liebe Bildungspolitiker, klopft Euch dafür mal nicht zu sehr auf die Schultern, das kann sich auch mal wieder schnell ändern. 

 

Auch sonst stellt die OECD in "Bildung auf einen Blick" (Link zum Gesamtdokument hier) der Bundesrepublik im internationalen Vergleich ein recht gutes Zeugnis aus, doch wie Schleicher immer wieder betonte, es kommt darauf an, genau hinzuschauen. Beispiel Bildungsfinanzierung: Für seine Schulen hat Deutschland die Ausgaben gesteigert, trotz eines Rückgangs der Schülerzahlen – mit dem Ergebnis, dass die Bundesrepublik pro Schüler 2013 12 Prozent mehr investierte als 2008. Alle OECD-Länder im Schnitt schafften nur acht Prozent. Im Bereich der Hochschulen bietet sich ein umgekehrtes Bild in Deutschland: Ein enormer Zuwachs der Studenten um 28 Prozent, aber nur 16 Prozent mehr Geld, ergo zehn Prozent weniger pro Kopf.

 

Angesichts der zusätzlichen finanziellen Anstrengungen, die Wanka (und das durchaus zu Recht) für den Bund reklamiert vor allem in Form des Hochschulpakts, ist das eine enttäuschende Nachricht – und zeigt, wie wichtig es ist, dass die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern um eine Verstetigung des Hochschulpakts nach seinem Auslaufen vorankommen. Zumal sich hinter den OECD-Zahlen eine bedrohliche Entwicklung verbirgt: Die Finanzierungslücke insgesamt wird verschärft durch eine zunehmende Kluft zwischen Bundesländern wie Baden-Württemberg oder Hessen, die ihren Hochschulen zuletzt ein ordentliches Plus gönnten, und anderen wie dem Saarland oder Bremen, die vor allem durch neue Sparrunden von sich reden machten. 

Auch bei anderen erfreulichen Statistiken schiebt die OECD in ihrem Bericht das "Andererseits" gleich hinterher. Dass immer mehr Menschen Abitur machen und die Zahl der Studienanfänger in Deutschland schneller gewachsen ist als anderswo, kontrastieren Schleichers Leute mit dem Befund, dass im Gegensatz zu anderen Ländern der Anteil der Geringqualifizierten – also der Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung – über die Generationen hinweg stabil geblieben ist. Zum Vergleich: Österreich, das traditionell einen hohen Anteil der Geringqualifizierten hatte, liegt mittlerweile mit zehn Prozent unter Deutschland. "Bildungsrepublik Deutschland? Von wegen!" kommentierte denn auch der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Özcan Mutlu, im Anschluss an die Pressekonferenz. "Nach wie vor werden Bildungsbiographien in Deutschland von der sozialen Herkunft bestimmt."

 

Angesichts dieser eher uneinheitlichen Ergebnisse ist es nachvollziehbar, dass BMBF und KMK sich auf die bereits erwähnte, umso positivere Nachricht aus der Pariser OECD-Zentrale konzentrierten – die mit der niedrigen Arbeitslosigkeit nämlich. Und sie waren mit ihrer Stellungnahme enorm schnell, um sich die Deutungshoheit zu sichern: Schon um 11.35 Uhr landete eine gemeinsame Pressemitteilung im Postfach der Journalisten, Überschrift: "Berufliche Bildung in Deutschland leistungsstark und zukunftsweisend." So ist laut OECD-Bericht die Arbeitslosenquote von Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung in Deutschland mit 4,2 Prozent besonders gering.  Der Übergang von Bildung in das Berufsleben funktioniere in Deutschland so gut wie in fast keinem anderen Land, verkündete Wanka und dankte Schleicher fast überschwänglich für sein Kommen.

 

Und das, obwohl Deutschland seit Jahren und auch diesmal wieder für seinen international gesehen unterdurchschnittlichen Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt gescholten (4,2 Prozent versus 4,8 Prozent im OECD-Mittel) wird. Schleicher sagte, die Hochschulfinanzierung zum Beispiel falle auch deshalb schlechter aus als in anderen Ländern, weil Deutschland keine Studiengebühren mehr erhebt und dadurch die private Bildungsfinanzierung durch die "gut verdienenden Bildungsgewinner" (Schleicher) zumindest im Hochschulsektor größtenteils flachfalle. Paradoxerweise beteiligt die Bundesrepublik junge Familien dafür umso stärker an der Finanzierung: Beider frühkindlichen Bildung liege der private Anteil deutlich über dem OECD-Durchschnitt, sagte Schleicher.  

 

Und doch: Seit Schleicher nicht mehr nur immer schlechte Nachrichten im Gepäck hat, sind die Pressekonferenzen mit ihm zu Lieblingsterminen deutscher Politiker geworden. 

Vor ein paar Jahren noch war das anders (siehe hierzu auch mein Schleicher-Porträt in der ZEIT von 2008): Nachdem die ersten Pisa-Studien mit aus deutscher Sicht ziemlich mauen Ergebnissen veröffentlicht worden waren und Schleicher gefühlt wöchentlich mit neuen Reformvorschlägen kam, warfen genervte Politiker ihm schon mal vor, er sei besserwisserisch und wolle sich zum Retter der deutschen Schulen hochstilisieren. Auch Schleichers Beliebtheit in Deutschland unterliegt offenbar Konjunkturzyklen. 

Sie wollen mehr wissen? Schauen Sie doch direkt in meinem Blog nach. Ganz oben finden Sie hier neuerdings ein Inhaltsverzeichnis: Alle Einträge seit Juli 2015 sortiert nach Themen und Kategorien. Viel Spaß beim Stöbern!

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