Kleine Presseschau: Wie unterschiedlich man den OECD-Bericht lesen kann

Es ist mal wieder interessant, wie unterschiedlich die Kolleginnen die Aussagen des OECD-Berichts von gestern lesen. "OECD lobt System" berichtet Inga Michel in der Welt, bezogen auf die duale Ausbildung: Lange sei die für die OECD nicht mehr gewesen als ein Sonderweg: "Nun sprechen die Experten explizit ein großes Lob" aus. Auch Amory Burchard im Tagesspiegel ist der Auffassung, dass die OECD gelobt und "ein zukunftsweisendes Bildungssystem bescheinigt" hat. So bewerte die OECD das duale System gut, rate aber, ein Studium draufzusatteln. 

Anna Lehmann zitiert in der taz Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, die bei der Vorstellung des Berichts sagte: "Vor allem bei der Bildungsgerechtigkeit ist noch Luft nach oben", womit sie die im Gegensatz zu anderen Ländern nicht geschrumpfte Gruppe der Benachteiligten ansprach. Lehmann empfindet denn auch das von ihren Kolleginnen herausgestellte Lob Schleichers fürs deutsche Berufsausbildungssystem als "pflichtschuldig".

 

Die Süddeutsche Zeitung hat aus dem Bericht ähnlich wie ich die Note "befriedigend" herausgelesen. Am negativsten die Einschätzung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Schlechte Noten für die Bildungsrepublik" weiß sie nach gestern zu berichten und konzentriert sich auf die im internationalen Vergleich zu niedrigen Bildungsausgaben: "Ob Grundschule oder Hochschule – entgegen vielfältigen politischen Beteuerungen sind die öffentlichen Bildungsausgaben hierzulande, gemessen an der Wirtschaftsleistung noch immer eher gering."

 

Tobias Timm von der Frankfurter Rundschau kommentiert denn auch, dem Bildungssystem fehle laut OECD das Fundament: Über viele Jahre sei das Dach (die Gymnasien) gepflegt worden, "beim Gemäuer darunter aber" seien "keinerlei Schäden behoben" worden: Lehrer an der gymnasialen Oberstufe werden besser bezahlt als diejenigen, die einen schwierigen Job in Grundschulen in sozialen Brennpunkten machen". Auch in den Kitas beschreibe die OECD zu Recht großen Handlungsbedarf. "Jetzt muss sich die Politik nur noch danach richten."

 

Welche Nachricht im OECD-Gestöber von gestern fast unterging: Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat mitgeteilt, dass Bund und Länder 2014 mehr als 13 Milliarden Euro für Wissenschaft und Forschung bereitgestellt haben – 5,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Neben den knapp 3,4 Milliarden für den Hochschulpakt ging der Großteil in die Forschung: Auf die außeruniversitären Forschungsorganisationen und die DFG allein entfielen 63 Prozent der gesamten Förderung. Wenn wir also von einem unterfinanzierten Hochschulsystem laut OECD sprechen, darf man eines nicht vergessen: Die Lehre ist unterfinanziert. Die Forschung schon lange nicht mehr. Auch das sollten Wissenschaftspolitiker im Blick behalten, wenn sie die OECD-Studie auswerten. 

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