"Die Wissenschaft wird es schwer haben, sich gegen die Logik der Politik zu behaupten"

In Frankreich gehört sie zu den führenden Hochschulforschern, in Deutschland saß sie in der Strategiekommission des Wissenschaftsrats zur Exzellenzinitiative. Jetzt übt Christine Musselin heftige Kritik an der Neuausrichtung des Wettbewerbs.

Christine Musselin, Vizepräsidentin des Sciences Po (Foto: privat)
Christine Musselin, Vizepräsidentin des Sciences Po (Foto: privat)

Frau Musselin, Sie  haben 2012 die eingereichten Zukunftskonzepte begutachtet. Was halten Sie von der Neuausrichtung des Wettbewerbs in Form der von Bund und Ländern beschlossenen Exzellenzstrategie?

 

Zunächst einmal: Die Langfristigkeit des Wettbewerbs ist ein großer Fortschritt, damit wird die eingeschlagene wissenschaftspolitische Richtung beibehalten. Wenn ich mir allerdings die Architektur der neuen Förderlinien anschaue, bin ich weniger überzeugt.

Wie meinen Sie das?

Da ist zum einen die Entscheidung, die Förderlinie zu den Graduiertenschulen nicht fortzusetzen. Mir ist bewusst, dass die Politik da den Empfehlungen der internationalen Expertenkommission folgt. Nur will mir die Logik nicht einleuchten. Sind die Graduiertenschulen gescheitert? Nein. Die strukturierte Promotion ist in Deutschland glücklicherweise auf dem Vormarsch. Sind die Graduiertenschulen so erfolgreich, dass keiner sie mehr braucht? Nein. Die große Mehrheit der deutschen Doktoranden promoviert immer noch individuell. Und die Tatsache, dass es in Deutschland insgesamt viele, womöglich zu viele Doktoranden gibt, kann man nun wirklich nicht den in der Exzellenzinitative geförderten Graduiertenschulen anlasten. An ihnen promovieren, wenn es hochkommt, drei Prozent aller Doktoranden.

Strukturierte Promotionsprogramme seien mittlerweile an den meisten deutschen Universitäten eingeführt, argumentiert die von Ihnen angesprochene Imboden-Kommission.

Und doch hält sich die Individualpromotion hartnäckig. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass die Promotionsphase in Deutschland so lange eine Baustelle bleibt, bis alle Doktoranden an einer Graduiertenschule eingeschrieben sind. Natürlich könnte das nicht die Exzellenzinitiative allein leisten, aber die Abschaffung der Förderlinie für die Graduiertenschulen ist schon ein negatives Signal. Dabei bin ich davon überzeugt, dass eine flächendeckende Etablierung der strukturierten Promotion zwei positive Effekte hätte: Durch die gezielte Auswahl ginge die Zahl der Doktoranden insgesamt zurück, und die Abschlussquote würde steigen.

 

Als Grund für die Individualpromotion wird häufig das Ideal der Forschung in Einsamkeit genannt.

 

Der wirkliche Grund ist, dass die deutschen Universitäten auf günstige Mitarbeiter angewiesen sind. Mitarbeiter, die offiziell Doktoranden sind, aber hauptsächlich für ihre Professoren arbeiten und nebenher irgendwie an ihrer Dissertation schreiben. Für die Universitäten ist das sehr ökonomisch. Stellen Sie sich vor, all die Doktoranden müssten durch feste wissenschaftliche Mitarbeiter ersetzt werden. In Frankreich erhalten zumindest in den Natur- und Lebenswissenschaften alle Doktoranden für drei Jahre ein Stipendium und können sich voll auf ihre Doktorarbeit konzentrieren. In strukturierten Programmen sind sie ohnehin alle, auch die Geisteswissenschaftler. 

 

Kommen wir zurück zur Architektur der neuen Exzellenzstrategie. Was stört Sie daran noch?

Ich war schon sehr erstaunt, als ich von der Idee erfahren habe, künftig auch Verbünde in den Wettbewerb um den Exzellenzstatus zu schicken. Mal abgesehen davon, dass wir in Frankreich mit ähnlichen Verbünden gerade ziemliche Koordinationsprobleme haben: Eine der großen, wenn nicht die entscheidende Stärke der Exzellenzinitiative war bislang, dass die Universitäten als Institutionen sehr frei agieren konnten.

 

Aber es gab doch immer schon die Cluster.

Da ist etwas Anderes. Das sind freiwillige Kooperationen entlang eines genau definierten gemeinsamen Forschungsinteresses. Sie zu fördern, war richtig und angebracht, gerade auch um die Universitäten mit der außeruniversitären Forschung enger zusammenzubringen. Bei der Förderlinie Exzellenzuniversitäten reden wir aber von institutionellen Gesamtstrategien.

 

Die Universitäten könnten auch im Verbund sinnvolle Konzepte verabreden.

 

Solange die Verbünde locker bleiben, mag das stimmen. Doch sobald Sie gemeinsame Gremien haben und übergeordnete gemeinsame Abteilungen, haben sie eine neue Governance, und Sie müssen sich bei jeder Detailfrage irgendwie einigen, das heißt: alle beteiligten Hochschulen. Das wird anstrengend.

 

Ist das die Erfahrung, die Sie in Frankreich gemacht haben?

Die Politik hat alle Universitäten und Grandes Ecoles im Land gezwungen, sich einem Verbund anzuschließen. Meistens konnten die Einrichtungen halbwegs frei entscheiden, mit wem sie sich zusammentun, aber in Paris hat die Politik bei der Zusammenstellung der Verbünde manchmal selbst eingegriffen. Da war von wissenschaftlicher Logik nicht mehr viel übrig. Ich glaube nicht, dass es bei der Exzellenzstrategie jemals so weit kommt, aber ich möchte einfach davor warnen, sich allzu leichtfertig auf politischen Druck hin in solche Verbünde zu begeben – weil man vielleicht denkt, dann bei der Exzellenzentscheidung bessere Karten zu haben.

 

Was ist effizient daran, wenn alle Klein-Klein machen?

 Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn die Politik sich eine Neuordnung der Hochschullandschaft wünscht oder eine bessere Abstimmung von Studiengängen und Forschungsschwerpunkten, um Doppelstrukturen zu vermeiden, kann man das schon verstehen. Aber das ist eine politisch Entscheidung und hat nichts mit einem wissenschaftlichen Wettbewerb zu tun. Und dann gibt es da noch die Politiker, die meinen, je größer die Institutionen werden, desto sichtbarer werden sie in den internationalen Rankings. Doch die Logik von Wissenschaft ist eine ganz andere. Sie müssen mit denjenigen Leuten kooperieren, deren Forschungsinteressen sich am stärksten mit den Ihren überschneiden. Das Gleiche gilt für Universitäten und Institutionen als Ganzes. Wissenschaft findet ihre Partner weltweit, auf jeden Fall aber überregional. Universitätsverbünde auf regionaler Ebene sind da kein geeigneter Maßstab.

 

Sind Universitätsverbünde Ihres Erachtens immer eine schlechte Idee?

Das will ich gar nicht sagen. In Frankreich haben viele Forscher erst durch den Zwang zu Verbünden Kollegen in derselben Region entdeckt, mit denen sie hervorragend arbeiten können und die sie sonst womöglich übersehen hätten. Aber der Preis dafür ist ganz schön hoch, wenn man ihn über ein bürokratisch so schwerfälliges Konstrukt wie unsere Verbünde zahlt. Das gleiche gilt für Deutschland: Neue Kooperationsformen, meinetwegen auch Verbünde, können eine gute Idee sein, aber dafür müssen sich doch andere Formate finden lassen als die Exzellenzstrategie.

Sie tun gerade so, als wäre die Exzellenzinitiative bislang rein wissenschaftlich gewesen. Die Politik saß doch schon immer mit am Tisch!

Das stimmt. Wenn die Entscheidungen rein wissenschaftlich gewesen wären, hätte man zum Beispiel auch eine Strategiekommission nicht gebraucht. Dann hätte man einfach eine Reihe von Kennzahlen vorher verabredet und anhand derer ermittelt, welche die besten Universitäten sind. Also so ähnlich, wie Imboden das gefordert hat. Zumal jeder im Grunde genau weiß, welche Universitäten in Deutschland die wirklich herausragenden sind. Aber es ging eben auch um die Einschätzung von uns Experten, welche Universitäten für die Zukunft Potenzial haben könnten und welche Ideen zur Governance ihnen dabei helfen. Natürlich ist das auch ein Stückweit eine politische Entscheidung. Aber ausschlaggebend war immer die wissenschaftliche Performance. Das war ja gerade für mich als Französin das Faszinierende.

 

Wieso faszinierend?

Dass die Wissenschaftler bei allen Entscheidungen die Mehrheit hatten. Dass es bei der Auswahl von Clustern und Graduiertenschulen keinerlei politische Erwägungen gab und dass selbst bei den Zukunftskonzepten am Ende immer die wissenschaftliche Güte zählte. Wenn ich das in Frankreich erzählt habe, haben sie mich immer total verständnislos angeschaut. Die konnten sich das nicht vorstellen, dass die Politik sich so zurückhält und sogar von der Wissenschaft überstimmen lässt.

Wird Deutschlands Wissenschaftspolitik jetzt französischer?

Zumindest setzen Bund und Länder mit der Einführung von Verbünden eine große Stärke der Exzellenzinitiative aufs Spiel. Die Wissenschaft wird es schwerer haben, sich gegen die Logik der Politik zu behaupten.

Christine Musselin, 58, ist Vizepräsidentin für Forschung des Sciences Po und Forschungsprofessorin am Centre national de la recherche scientifique (CNRS), der zweitgrößten europäischen Forschungsorganisation. Von 2009 bis 2015 war sie Mitglied der Strategiekommission des Wissenschaftsrats zur Exzellenzinitiative.

 

Alle bisherigen Beiträge zur Exzellenzinitiative bzw. der Exzellenzstrategie finden Sie hier. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Klaus Diepold (Montag, 14 November 2016 09:40)

    Ich lese immer wieder, so auch im jetzigen Beitrag hier, dass Graduiertenkollegs die Promotion in Deutschland voranbringen würden. Offenbar ist die "Individualpromotion" so von Problemen beladen und so zum Nachteil der Wissenschaft sowie der DoktorandInnen, dass sie abgelöst werden muss zugunsten einer "strukturierten Promotion". Das impliziert, dass eine Individualpromotion unstrukturiert sei. Ich kann nur einen kleinen Teil der Wissenschaft sehen und deshalb ist mein Blickwinkel stark eingeschränkt, aber ich denke nicht, dass die Individualpromotion im Bereich der Ingenieurdisziplinen einen so radikalen Umbau erfordert. Die Doktoranden werden normalerweise vernünftig mit einer sozialversicherungspflichtigen Anstellung versehen, als junge Wissenschaftler behandelt und nicht im Range eines Studierenden bevormundet.

    Ich gebe zu, dass auch das Leben in der Universität den gleichen Unwägbarkeiten unterworfen ist, wie das Leben in der Industrie oder bei anderen Arbeitgebern. Im Einzelnen hängt die Arbeitssituation (Promotionssiuation) eben auch vom Chef (Prof.) ab, und das kann auch kein Tarifvertrag (Graduiertenkolleg) reparieren.

    Sicher fallen mir auch Möglichkeiten ein, die Promotionssituation zu verbessern, aber bisher konnte ich in der Einführung einer Graduate School noch keinen Vorteil erkennen, weder für die Doktorandin oder die Professorin noch für die Wissenschaft. Bis dato sehe ich dadurch nur den Aufbau weiterer bürokratischer Hürden, über die alle Beteiligten springen müssen und die zu Verzögerungen von bis zu 2 Jahren führen.

    Die Graduiertenschulen im Rahmen der ExIni waren möglicherweise deshalb auch nicht so "erfolgreich", weil sie an vielen Stellen nur eine modifizierte Finanzquelle für Forschungsprojekte war. Aus diesen Schulen entstand nur ein geringer Mehrwert. Wie gesagt, ich kann nur einen kleinen Teil der Welt sehen, und da stellt sich das so dar.

    Vielleicht kann mir jemand erklären worin ich den konkreten Vorteil sehen soll, den die Graduiertenschulen schaffen.

  • #2

    Klaus Diepold (Montag, 14 November 2016 09:50)

    Ich sehe die Schaffung von immer größer werdenden Verbünden in Forschung für nicht zielführend. In diesem Punkt gebe ich Frau Musselin Recht.
    Die oft gewünschte höhere Vernetzung von Wissenschaftlern über die eigenen Fachgrenzen hinweg erzielt man damit nicht wirklich. Fachübergreifendes Kooperationsvermögen ist das langfristige Resultat von gezielter Personalauswahl und wird nicht durch institutionelle Randbedingungen (Verbünde) erzielt, die lediglich die Vielfalt der Forschung einschränken Das erscheint mir wie der Unterschied zwischen dem Prozess der "Zucht" im Vergleich zur "Evolution".

    Vielfalt in der Forschung ist nicht gleichbedeutend mit klein-klein, sondern erlaubt das Denken und Handeln jenseits vom Mainstream. Verbünde führen zur Bürokratisierung, zur Homogenisierung und zur Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebes. Die Politik hat sicher eigene Motive via Verbünde mehr Kontrolle auf die Wissenschaft zu haben.

  • #3

    eine Wissenssoziologin (Mittwoch, 16 November 2016 12:08)

    "Zumal jeder im Grunde genau weiß, welche Universitäten in Deutschland die wirklich herausragenden sind." Eine sehr französisch geprägte Feststellung und mitnichten richtig. Das hängt von der Disziplin ab, vom Studienprogramm oder vom Forschungsgegenstand. Universitäten sind nicht herausragend. Das was in ihnen getan wird ist herausragend. Dieser Fetisch mit Realabstraktionen hat der Hochschulsoziologie noch nie gut getan.