Wankas Digitalstrategie: Schlau eingefädelt, doch ohne Fachleute in den Schulen wird es trotzdem nix

Foto: Timothy Mutz
Foto: Timothy Mutz

Im Grunde wissen wir noch nicht viel darüber, was Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit den fünf Milliarden vorhat, die sie den Bundesländern zur Digitalisierung der Schulen angeboten hat. Was damit zusammenhängen mag, dass sie selbst weiß: In dieser Legislaturperiode wird das nichts mehr mit dem Überweisen großer Summen. Was aber auch damit zusammenhängt, dass der "DigitalPakt#D" gedacht ist als Antwort des Bundes auf die Strategie der Kultusministerkonferenz (KMK) zur "Bildung in der digitalen Welt". Die wird derzeit endverhandelt, die Minister wollen sie am 8. Dezember beschließen. Wanka verhält sich also schlau, indem sie auf die KMK wartet, denn erst danach sind die Länder wirklich sprech- und verhandlungsfähig. 

 

Sobald die Strategie in ihrer finalen Version vorliegt, haben BMBF und KMK etwas zum Anknüpfen. Wanka hat von Beginn an klar gemacht, dass sich die Länder im Gegenzug für die Milliarden verpflichten sollen, "die entsprechenden pädagogischen Konzepte, die Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern sowie gemeinsame technische Standards umzusetzen." Anstatt den Ländern detaillierte Vorschriften zu machen, könnte Wanka also einfach auf die KMK-Strategie verweisen und sagen: Haltet euch nachprüfbar an das, was ihr da besprochen habt, und wir sind im Geschäft. Mit zwei für Wanka angenehmen Nebeneffekten: Bei der Bafög-Reform hat der Bund den Ländern jährlich 1,1 Milliarden Euro geschenkt und dafür im Gegenzug nichts als nebulöse Versprechungen erhalten. Diesmal gäbe es nur gegen konkrete Maßnahmen konkretes Geld. Und zweitens könnten die Länder sich nicht beschweren, der Bund wolle ihnen etwas Ungewolltes aufzwingen und nutze dafür den goldenen Zügel. Zu dem, wozu der Bund sie verpflichten möchte, hätten sie sich ja zuvor selbst bekannt. 

 

Vor fünf Wochen, als sie ihre digitale Bildungsoffensive erstmals vorstellte, sagte Wanka, die fünf Milliarden sollten über fünf Jahre an die rund 40.000 Grundschulen, weiterführenden allgemeinbindenden Schulen die Berufsschulen in Deutschland verteilt werden. Macht pro Schule 25.000 Euro pro Jahr für Breitband, W-LAN und technische Ausstattung. So undankbar solche Reaktionen sein mögen: Es ist verständlich, dass viele in den Schulen geantwortet haben: „Zu wenig, zu spät!“

 

Nun ist die Situation aber keineswegs einheitlich. Mittlerweile gibt es viele Schulen, die über eine hervorragende digitale Infrastruktur inklusive Breitband, Smartboards und virtuelle Learning Spaces verfügen, und noch mehr, die nur ein paar Computerkrücken ohne verlässlich funktionierenden Internetzugang haben. Ziel muss also sein, das Geld bedarfsrecht und nicht nach der Gießkanne zu verteilen. Und wie funktioniert das? Indem vor Ort, in die Schulen, das nötige Know-How einzieht. Im öffentlich bekannten Entwurf der KMK-Strategie heißt es dazu unter dem Stichwort "Technischer Support": In jedem Fall seien in den Schulen Ansprechpartner erforderlich, die "eine qualifizierte Fehlermeldung abgeben und einfache technische Maßnahmen selbst durchführen können." Versierte Lehrer also. Darüber hinaus solle es dann einen dezentralen Support auf mehreren Ebenen geben.

 

Das kann man so machen. Allerdings hängt auf diese Weise viel (zu viel?) von der technischen Begeisterungsfähigkeit und Kompetenz einzelner Lehrer ab, und wenn's dicke kommt und das Schul-Netzwerk doch mal komplett ausfällt, dürfte es dauern, bis Hilfe kommt. Die bessere Lösung: In jeder größeren Schule sitzt mindestens ein eigener Systemadministrator und IT-Experte, der dafür sorgt, dass die technische Ausstattung up to date ist und vor allem funktioniert. Kleinere Schulen mögen sich zum Anfang einen teilen, aber auch hier braucht es klare Zuständigkeiten. Sprich: Wenn was nicht funktioniert, haben die Lehrer eine Nummer, und da geht auch jemand dran und ist in einer halben Stunde da. Und dieser jemand sorgt auch dafür, dass die notwendigen Schulungen angeboten werden.

 

Stimmt: Das wird, wenn man zunächst von 20.000 Stellen bundesweit ausgeht, auch richtig viel Geld kosten. Von der Größenordnung her ähnlich viel wie Wankas Digitalpakt, sogar noch etwas mehr – und das dauerhaft, Jahr für Jahr. 

 

Mein Vorschlag ist nicht, die Initiative der Bundesregierung umzudefinieren, wie gesagt: Ich halte sie für hilfreich und geeignet, der KMK-Strategie die notwendige technische Flankierung zu geben und zugleich deren Verbindlichkeit zu erhöhen. Aber letzten Endes wird beides, KMK-Strategie wie Digitalpakt, nur funktionieren, wenn wir die Experten in die Schule holen. In jede Schule. Eigentlich eine Aufgabe für die Schulträger, zumeist die Kommunen. Doch von denen fehlt vielen das Geld, so dass sie auf die Hilfe der Länder angewiesen sind.

 

Die Frage ist allerdings: Wollen die Länder überhaupt solche Fachleute? Man stelle vor, es gäbe all diese kompetenten IT-Experten in den Schulen, die die technischen Anforderungen formulieren und immerzu in Richtung Öffentlichkeit spielen. Die bei den im Rahmen des "DigitalPakt#D" anstehenden Investitionen sagen: Das brauchen wir an dieser Schule. Und das brauchen wir nicht. Konkreter Bedarf statt Gießkanne.

 

Die Antwort: Wenn die Länder es wirklich ernst meinen mit ihrer Strategie für Bildung in der digitalen Welt, dann sollten sie es nicht nur wollen. Sie sollten genau da anfangen. Und mit etwas Glück und Verhandlungsgeschick hilft der Bund ihnen dann auch dabei. 

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