KMK-Digitalstrategie: Respekt, liebe Minister!

Ist es ironisch, dass zwei Tage, bevor die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre Strategie "Bildung in der digitalen Welt" verkündet, Bildungsforscher eine Benachteiligung deutscher Schüler beim Pisa-Test beklagen – weil der zum ersten Mal am Computer absolviert werden musste? Und ob. Die 15-Jährigen hierzulande hätten sich schwerer getan als ihre Altersgenossen anderswo, "vermutlich, weil (der Computer) im Unterricht und bei den Hausaufgaben keine große Rolle spielt", sagte Olaf Köller, Direktor des Leibniz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, im ZEIT-Interview. 

 

Wahrscheinlich muss man auch vor diesem Hintergrund die Beseeltheit verstehen, mit der heute Nachmittag dem Vernehmen nach (ich konnte persönlich nicht dabei sein) gleich eine ganze Riege von Kultusministern vor die Presse getreten ist. Von Claudia Bogedan (SPD), Bremer Bildungssenatorin und gegenwärtig KMK-Präsidentin, über den bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) und Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) bis hin zum schleswig-holsteinischen Schul-Staatssekretär Dirk Loßack (ebenfalls SPD), der als Vorsitzender der zuständigen KMK-Lenkungsgruppe die eigentliche Arbeit gemacht hat. Der Erfolg hat, wie wir wissen, viele Väter (und Mütter), aber worin genau besteht eigentlich der Erfolg der veröffentlichten Strategie? Darauf drei Antworten.

 

Erstens: In einer Republik, die ernsthaft darüber diskutiert, ob der Einsatz von Computern bei internationalen Vergleichstests einen strategischen Nachteil für deutsche Schüler bedeutet, ist schon die Tatsache, dass sich 16 Bundesländer auf ein mehr als 50 Seiten langes Papier geeinigt haben, ein Riesenfortschritt. Zumal die Herausforderungen, wie sie von der KMK für den Bereich der Schulen und Hochschulen formuliert werden, gut herausgearbeitet sind – im Gegensatz übrigens zum Feld der beruflichen Bildung, die sich mit drei ganzen Seiten begnügen muss, was von Experten spontan als Enttäuschung gewertet wurde. 

 

Zweitens: Ist es angemessen, den im Papier für die Schulen gemeinsam abgesteckten  "Kompetenzrahmen verbindlicher Anforderungen für die Bildung in der digitalen Welt" mit der Bezeichnung "Strategie" zu adeln, wenn doch die beschriebenen Maßnahmen zur Umsetzung teilweise im Allgemeinen und fast vollständig im Unverbindlichen bleiben? Eine berechtigte Frage, die zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nicht seriös zu beantworten ist. Denn wie ich schon vor einigen Tagen geschrieben habe: Eigentlich muss man die KMK-Strategie als Teil eines impliziten Dialogs zwischen Bund und Ländern verstehen. Die Länder haben jetzt ihren Teil abgeliefert. Eine echte Strategie wird daraus, sobald der Bund sie durch den versprochenen DigitalPakt#D mit fünf Milliarden Euro unterfüttert hat. In die Verhandlungen, wie das konkret aussehen soll, wollen die Bundesländer und das Bundesbildungsministerium von Johanna Wanka (CDU) am 30. Januar einsteigen. 

 

Drittens: Das KMK-Papier setzt noch in ganz anderer Hinsicht Standards. Entstanden ist es in einem in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik einzigartigen Beteiligungsprozess. Die Kultusminister haben sich getraut, sich die Expertise von Wissenschaftlern, Unternehmen, Verbraucherschützern, Verbänden, Gewerkschaften und Lehrern nicht wie sonst üblich nur pflichtschuldig in ein paar Anhörungen abzuholen, sondern sie am Entwurf von Anfang an mitschreiben zu lassen – transparent und ergebnisoffen. Dass die Politik die Endredaktion übernommen, dabei die eine oder andere Idee wieder rausgeworfen und andere Passagen hinzugefügt hat, ist ihr gutes Recht. Ein Recht, das alle Akteure gerade wegen des ungewöhnlich offenen Verfahrens unterstützt haben – was der Strategie wiederum eine besondere Akzeptanz beschert. 

"Mehr davon!", will man der Politik zurufen. Die Zeit der in streng geheimen Hinterzimmern ausgehandelten Strategien und Pakte neigt sich dem Ende zu. "Politik in der digitalen Welt" kann man so etwas in Anlehnung an das Motto der KMK-Strategie nennen. Gut so. 

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