Reden ist Gold

Eine aktuelle Pisa-Auswertung zeigt in neuer Schärfe, wie stark das Elternhaus über die Zufriedenheit und auch die Lernleistung der Jugendlichen entscheidet.

Screenshot www.oecd.org: Titelseite der Studie
Screenshot www.oecd.org: Titelseite der Studie

EIN ALTER SPRUCH hat gerade Hochkonjunktur in der öffentlichen Debatte über unsere Schulen. "Leistung muss sich wieder lohnen", lautet er. Das Abitur: entwertet, weil zu viele es machen. Die Noten: inflationär, weil die Lehrer Konflikte mit den Eltern scheuen. Und: Während neue Schulformen wie die Sekundarschule die Leistungsschwachen fördern sollen, verkommen die Gymnasien. Die Schlussfolgerung: Richtig gerecht ist unser Schulsystem erst wieder, wenn die Leistungsstarken und Leistungsbereiten ihre gesellschaftliche Belohnung erhalten. Und diese gesellschaftliche Belohnung heißt Distinktion. Durch höhere Bildungsabschlüsse. Durch Erfolg im Beruf. Durch mehr Geld und Einfluss. 

 

So ähnlich, wenn auch gelegentlich verdruckster, konnte man es in zahlreichen Zeitungskommentaren der vergangenen Monate nachlesen, vor allem seit die jüngsten Pisa- und Timss-Ergebnisse eine Stagnation der Schülerleistungen in Deutschland gezeigt haben. Und stimmt es nicht auch? Haben wir uns von Bildungspolitik und Bildungsforschung zu sehr auf einen pädagogischen Kurs des Mittelmaßes und der falsch verstandenen Standardisierung einschwören lassen?

 

Ausgerechnet von den Pisa-Machern kommt nun eine Nachfolgeuntersuchung, die die gefühlte Plausibilität einer solchen Argumentation nein: nicht ins Wanken bringt. Sondern sie geradezu ad absurdum führt. Nichts gegen Leistung. Das Problem, die himmelschreiende Schieflage unseres (und nicht nur unseres!) Bildungssystems, besteht darin, dass das, was wir in der Schule unter "Leistung" verstehen, aufs Engste verknüpft ist mit den sozialen Voraussetzungen, unter denen Schüler aufwachsen. Das ist nicht, das KANN nicht gerecht sein. 

 

Allgemein formuliert und in abstrakten Korrelationen errechnet kennen wir diesen gefährlichen Zusammenhang schon lange. Doch so theoretisch daherkommend berührt er uns kaum noch, weswegen die öffentliche Debatte überhaupt in die oben beschriebene Richtung laufen konnte. Was aber bedeutet soziale Ungleichheit, die zu ungleichen Schülerleistungen und damit zu Lebenschancen führt, konkret? Mit besonderer Pointiertheit können wir es nun nachlesen in den Daten, die diese Woche von der OECD veröffentlicht wurden. Sie stammen aus einer ergänzenden Befragung unter den 15 Jahre alten Schüler aus insgesamt 68 Ländern, deren Leistungsniveau in PISA 2015 getestet wurde. Andreas Schleicher, der für Pisa verantwortliche OECD-Bildungsdirektor, nennt die Ergebnisse "den „spannendsten Pisa-Report, den wir bisher herausgegeben haben“. Und er hat Recht. 

 

In der Befragung stand das subjektive Wohlbefinden der Jugendlichen im Vordergrund und die Bedingungen, unter denen ihr Alltag abläuft. Frühstücken sie morgens, bevor sie zur Schule gehen? Treiben sie Sport? Leiden sie unter Hänseleien? Wollen sie zu den Besten in ihren Klassen gehören? Und eben auch: Wie viel Zeit verbringen sie in ihrer Familie, mit ihren Eltern? Reden die Eltern mit ihren Kindern?

Sicherlich kann man sich nun, wie die Tagesschau, in der Berichterstattung auf die Besorgnis erregenden Zahlen zum Mobbing konzentrieren. Jeder sechste Jugendliche berichtete, regelmäßig Opfer zu werden – ein im internationalen Vergleich übrigens nicht einmal besonders hoher Wert.  Man kann, wie die WELT, den mangelnden schulischen Ehrgeiz vieler Jugendliche kritisieren, weil in Deutschland nur knapp 40 Prozent antworteten, sie wollten zu den Besten in ihrer Klasse gehören. Oder man drückt, wie die Süddeutsche Zeitung, seine "Überraschung" aus: "Wenn Eltern oft mit ihren Kindern sprechen, sind diese mit größerer Wahrscheinlichkeit glücklicher und erfolgreicher in der Schule." Punkt. 

 

Kann es tatsächlich so einfach sein? Entscheiden sich Schülerkarrieren auch und gerade daran, ob Eltern mit ihren Kindern reden, ob sie sich genügend Zeit dafür nehmen und wirklich für das interessieren, was die Kinder ihnen zu sagen haben? Ja, so berichtet es die Pisa-Auswertung: Während Eltern-Lehrer-Gespräche über die schulische Situation der Jugendlichen kaum Einfluss auf deren Zufriedenheit und Leistungsbereitschaft ausüben, sind Kinder, deren Eltern regelmäßig mit ihnen reden (übrigens egal, worüber!), mit einer 60-prozentigen Wahrscheinlichkeit zufriedener als ihre Altersgenossen. Und im Schnitt bei Pisa rund 20 Leistungspunkte besser – was immerhin rund einem halben Schuljahr entspricht.


Aber, aber, kann man entgegnen: Reden mit ihren Kindern können ja nun alle Eltern. Auch die weniger gebildeten. Schon richtig. Aber viele Eltern, auch das steht in der Pisa-Auswertung, empfinden es als schwierig, mit ihren Kindern zu kommunizieren – aufgrund ihrer Arbeitszeiten, weil sie zu wenig Unterstützung bei der Kinderbetreuung haben oder weil sie schlicht keine gemeinsame Sprache finden. Gerade sozial schlechter gestellte Eltern, berichtet die OECD, sind ihren Kindern zufolge seltener interessiert an dem, was bei ihnen in der Schule los ist. Gleichzeitig wirkt sich die soziale Situation der Schüler selbst auf ihre Leistungsbereitschaft und ihren Ehrgeiz aus. Anders formuliert: Benachteiligte Schüler sind die weniger engagierten Lerner. Warum wohl? Siehe oben. 

 

Wenn und solange basale Unterschiede wie die Kommunikation im Elternhaus oder auch das gemeinsam eingenommene Abendessen über die Lebenszufriedenheit der Schüler mitbestimmen, solange der soziale Wohlstand der Familie signifikanten Einfluss auf die schulischen Leistungen eines Schülers hat, so lange hört sich die plakative Forderung "Leistung muss sich wieder lohnen!" schief an. Bitte, gern, möchte man antworten, aber lasst uns zunächst einmal ähnliche Voraussetzungen für Leistung schaffen – und genau das war und ist eines der zentralen Ziele der zuletzt heftig kritisierten Bildungsexpansion. Durch mehr Beratung für die Eltern. Durch bessere Betreuungsangebote für die Kinder und Jugendlichen. Und durch Schulen, die nicht einfach blind davon ausgehen, dass alle schon irgendwie dieselben Chancen haben. Und wenn die einen dann schlechtere Leistungen bringen, sind sie selber schuld. 

 

An ausgerechnet dieser Stelle stimmen die Pisa-Ergebnisse optimistisch. Schulen und Lehrer seien sehr wohl imstande, steht da, die ungleichen Lebensbedingungen der Schüler zumindest teilweise auszugleichen – indem sie ihnen Mut machen, sie unterstützen und ihnen gute Leistungen zutrauen. Tun die Lehrer letzteres, ist das schon die halbe Miete – und eine bessere Note wahrscheinlicher. 

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