Wenn das Ideologie sein soll, dann bitte mehr davon!

Die rot-grüne Niederlage in NRW mag viele Gründe haben. Einige mögen sogar in der Schulpolitik liegen. Falsch würde sie dadurch nicht.

Website des NRW-Volksbegehrens "G9 jetzt!" (Screenshot)
Website des NRW-Volksbegehrens "G9 jetzt!" (Screenshot)

ULF POSCHARDT WEISS, warum SPD und Grüne die Wahl in Nordrhein-Westfalen verloren haben. Als „wäre es nicht schlimm genug“, schreibt der WELT-Chefredakteur, „dass dem Innen- und Wirtschaftsminister mehrere Patzer unterliefen, kamen auch noch die Ungeschicklichkeiten der grünen Vizeministerpräsidentin und Bildungsideologin dazu.“

 

Worin genau diese Ungeschicklichkeiten bestanden und was die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann zur Ideologin machte, sagt Poschardt nicht. Das „Sie wissen schon“ steht auch so deutlich zwischen den Zeilen: Inklusion, Vernachlässigung des Gymnasiums, solche Sachen. Ach, ja: Und G8.

 

Die Ideologie der Sylvia Löhrmann hätte dann wohl unter anderem darin bestanden, dass sie nicht einfach widerstandslos zu G9, also zum neunjährigen Gymnasium, zurückkehren wollte, sondern die Schulzeitverkürzung lange verteidigt hat.

 

Und das Gegenteil von Ideologie wäre demnach, wenn man wie der CDU-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein, Daniel Günther, nur drei Monate vor der Wahl von einem Tag auf den anderen verspricht, G8 wieder abzuschaffen – ohne stichhaltige Begründung, nur weil das gerade besser ankommt.

 

Erst vergangene Woche hat das Kieler Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) übrigens eine Meta-Studie veröffentlicht, derzufolge G8 und G9 zu identischen Lernergebnissen führen, aber auch zu ähnlichen Stresslevels. Eine Rückkehr zu G9, sagte IPN-Chef Olaf Köller im Deutschlandfunk, biete keine positiven Folgen. Köller ist nicht der erste Bildungsforscher, der zu diesem Ergebnis kommt, aber seine Untersuchung war besonders umfangreich.

 

Ist es ideologisch, wenn sich eine Politikerin im Einklang mit der Bildungsforschung weigert, für ein paar Wählerprozente eine erneute Großreform (und das wäre die Rückabwicklung von G8) auf die Schulen loszulassen? In diesem Falle sollten wir den Begriff „Ideologie“ nochmal neu diskutieren. Wenn überhaupt, so kann man Löhrmann vorwerfen, dass sie im vergangenen Herbst dann eben doch „individuelle Lernzeiten“ angekündigt hatte, was auf ein Nebeneinander von G8 und G9 an jeder Schule und viel Unruhe hinausgelaufen wäre. Löhrmanns ungeschickter Versuch, G8 zu retten.

 

Aufschlussreich ist übrigens, dass auch der CDU-Spitzenkandidat in NRW, Armin Laschet, im Gegensatz zu Günther keinen totalen Sprung zurück versprochen hatte, sondern ein Nebeneinander von „funktionierenden“ G8-Schulen und Gymnasien, die zu G9 zurückkehren – aber eben immer nur auf freiwilliger Basis.

 

Noch aufschlussreicher ist, dass die saarländische CDU-Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer vor der Landtagswahl im März sagte, die Frage von G8 oder G9 sei „kein Thema, bei dem man eben mal kurz vor der Wahl seine Meinung ändern kann.“ Und das, nachdem ihr die später unterlegene SPD-Spitzenkandidatin Anke Rehlinger im TV-Duell gerade „den G8-Murks“ vorgeworfen hatte.

 

Im Ergebnis ist die Haltung zu G8 also offenbar viel weniger eine Frage von Parteizugehörigkeit und Ideologie als von politischer Gradlinigkeit und des Vertrauens in Forschungsergebnisse. Wie lautete doch gleich die Empfehlung von IPN-Forscher Köller: „Nicht mehr... G8 und G9 Wahlkampf zu betreiben.“

 

Kehren wir nochmal kurz zurück zu Ulf Poschardt und seiner Botschaft zwischen den Zeilen. Ja, es ist richtig, dass Sylvia Löhrmann zu einer der engagiertesten Befürworterinnen der Inklusion zählt. Doch ist die Umsetzung einer in Deutschland lange vernachlässigten UN-Behindertenrechtskonvention ein Akt der Ideologie? Vielleicht muss man es häufiger sagen: Deutschland ist nicht überehrgeiziger Vorreiter in Sachen Inklusion, sondern hinkt anderen Industriestaaten meilenweit hinterher. Gut gemachte Inklusion geht, aber sie kostet viel Geld. Womit wir beim eigentlichen Versäumnis der abgewählten rot-grünen Landesregierung wären: Sie wollte das richtige, aber in der Finanzierung dieses Richtigen fehlte ihr die Konsequenz.

 

Hier kann die neue, voraussichtlich von Armin Laschet geführte NRW-Regierung nachlegen. Seine diesbezüglichen Äußerungen sind allerdings widersprüchlich. Er und seine Partei seien immer für Inklusion gewesen, „auch aus dem christlichen Menschenbild heraus“ sagte Laschet in der Kölnischen Rundschau – sehr ideologisch im Sinne Poschardts. Doch, so Laschet, die Inklusion sei von Rot-Grün mit der Brachialgewalt eingeführt worden. Man habe Förderschulen geschlossen, aber nicht die Lehrer- und Sozialpädagogen mitgeliefert.“ Deshalb wolle er den Inklusionsprozess vorerst aufs Eis legen – aber nur solange, bis „das nötige Personal, Geld und Fortbildungsangebote da sind.“

 

Moment, will man dem Ministerpräsidenten in spe zurufen: Das mit dem Geld, das kannst doch du jetzt regeln. Wenn du es also ehrlich meinst mit deiner Befürwortung von Inklusion und nicht nur mit ihrem Aufs-Eis-Legen, dann los. In dem Fall dürfte Sylvia Löhrmann ganz unideologisch die Daumen drücken.

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