Jetzt erst recht

Die Kultusminister verteidigen tapfer die Zukunft einer Initiative, die viele von ihnen anfangs gar nicht wollten. Zum Schweigen Wankas kommt jetzt noch ein Offener Brief, der vor synthetischer Beschulung durch den Digitalpakt warnt.

DER POSTEINGANG IM Berliner Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) ist derzeit für besondere Überraschungen gut. Ein Brief kam, auf den die Kultusminister lieber verzichtet hätten, und auf einen anderen warten sie bis zum heutigen Tag. 

 

Der Offene Brief, der am 20. Juni einging, trägt als Absender ein "Bündnis für humane Bildung", er ist die aktualisierte Variante einer Online-Petition mit dem Titel "Trojaner aus Berlin: Der Digitalpakt#D", die am 2. November 2016 veröffentlicht wurde und bislang 1680 Unterzeichner fand. Darunter prominente Namen wie der langjährige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der Ulmer Psychiater und Neurodidaktiker Manfred Spitzer oder der Mathe-Fachdidaktiker Peter Bender. Initiator der Petition war der Medienwissenschaftler Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg, der jetzt auch den Offenen Brief publiziert hat. Überschrift diesmal: "DigitalPakt Schule der Kultusminister: Irrweg der Bildungspolitik". Womit eigentlich schon alles gesagt ist zu seiner Stoßrichtung.

 

Der Brief, auf den die Kultusminister bislang vergeblich warten, ist die Antwort von Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) auf das Schreiben von KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (ebenfalls CDU). Eisenmann, die Kultusministerin in Baden-Württemberg ist, hatte vor drei Wochen in einem unter Parteikolleginnen selten offiziösen Schritt bei Wanka nachgefragt, wann genau diese die Anfang Juni ausgefallene Verabschiedung des gemeinsam ausgehandelten Paktes nachzuholen gedenke. Solange die ausstehe, sehe sie "für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Häuser keine Grundlage für in die Tiefe gehende Erörterungen". Bis heute: keine Erwiderung aus Berlin. "Das lange Schweigen von Bundesministerin Wanka bestätigt unsere schlimmsten Befürchtungen: Sie kann oder will ihr Versprechen offensichtlich nicht halten", sagt Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). "Einen solchen Vorgang habe ich als Kultusminister in meiner sechsjährigem Amtszeit noch nicht erlebt."

 

Seit der geplatzten gemeinsamen Pressekonferenz vor acht Wochen hängt das im vergangenen Herbst von Wanka überraschend angekündigte und in zahlreichen Runden zwischen Bund und Ländern ausgehandelte Fünf-Milliarden-Paket in der Luft. Ein Umstand, den sich das "Bündnis für humane Bildung" nun zu Nutze macht. Ihre Petition hatte in den vergangenen sechs Monaten nur noch gut 100 Unterzeichner hinzugewonnen und drohte in Vergessenheit zu geraten. Bis die Funkstille zwischen KMK und BMBF begann und Ralf Lankau, Manfred Spitzer & Co ihren Brief verschickten. 

 

Die Unterzeichner verweisen auf verschiedene Studien, denen zufolge der Einsatz von Computern und "softwaregesteuerter Unterricht" keinerlei nachweisbaren Nutzen und keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen brächten, teilweise sogar das Gegenteil. Doch offenbar genüge Politikern wie Ties Rabe, dass Digitaltechnik im Unterricht nicht nachweisbar schade.

 

Etwas weiter unten im Text packen die Autoren die ganz große Keule aus: Aus der neurobiologischen Forschung sei bekannt, dass die Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu einer Schädigung in der Gehirnentwicklung führen könne. Womit die Briefschreiber freilich noch zurückhaltender formulieren als in ihrer älteren Petition. Dort stand nachzulesen, der Digitalpakt sei "Teil einer Neudefinition von Schule und Unterricht auf dem Weg zu einer zunehmend vollautomatisierten digitalgesteuerten Lernfabrik 4.0. Lehrkräfte werden zu Sozialcoaches und Lernbegleitern degradiert. Statt Unterricht ist die automatisierte Belehrung durch Computerprogramme und Sprachsysteme das Ziel."

 

Es klingt fast wie eine Verschwörung: Ein Kartell aus Politik und Computerindustrie bei der Arbeit – wider besseres Wissen und zum Schaden der Kinder. Man kann sich vorstellen, wie nervös sie in der KMK sein dürften angesichts solcher Argumente, wissen sie doch um die Fangemeinde von Manfred Spitzer unter den Lehrern, sie kennen auch die Zustimmung, die Josef Kraus immer wieder für seine markigen Sprüche erntet. Und dass eine Mehrheit der Pädagogen schon so skeptisch auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht blickt, zeigte 2013 die internationale ICILS-Studie: Damals nutzten nur 34,4 Prozent der deutschen Lehrer Computer regelmäßig im Unterricht. In anderen Ländern müsse sich "kein Lehrer – wie vielerorts in Deutschland noch – rechtfertigen, wenn er Computer im Unterricht einsetzt", sagte die Leiterin der Studie, Birgit Eickelmann, der ZEIT

 

Um auch die finanzpolitische Unsinnigkeit des Unterfangens "Digitalpakt" zu verdeutlichen, fordert das "Bündnis für humane Bildung" zum Nachrechnen auf und beruft sich dabei auf den Bremer Informatiker Andreas Breiter, demzufolge die versprochenen fünf Milliarden Euro ohnehin nur einen Bruchteil der tatsächlich notwendigen Investitionen (zwischen 7 und 35 Prozent) abdecken würden. Die Message könnte eindeutiger nicht sein: So viel Geld, und dann bringt es so wenig: "Durch die Digitalpakte", folgern die Unterzeichner, "werden die Budgets der beteiligten Schulen für Jahre im Voraus für Digitaltechnik verplant – und stehen damit für bewährte, nicht technikbasierte pädagogische Konzepte nicht zur Verfügung." Worauf es ankomme: eine Vielfalt der Unterrichtsmethoden und die "Individualität der Lehrerpersönlichkeiten". 

 

Das Problem: Andreas Breiter ist als Kronzeuge für diese Argumentation denkbar ungeeignet. "Die Autoren haben meine Berechnung nicht richtig verstanden", sagt er. Die von ihm genannte jährlichen Beträge von je nach Schüler-Computer-Relation zwischen 71.715 und 349.087 Euro pro Schule seien die insgesamt nötigen Kosten, und natürlich investierten die Kommunen als Schulträger schon heute eine Menge Geld in die digitale Ausstattung der Schulen. "Wieviel, lässt sich wegen einer fehlenden bundesweiten Erhebung unter Kommunen nicht sagen", sagt Breiter. Doch ganz sicher sei die Finanzierungslücke wesentlich geringer als die im Offenen Brief genannte Summe. "Und in vielen Schulen und Kommunen wird der Digitalpakt in der Lage sein, diese Lücke zu schließen."

 

Auch an anderer Stelle ist die Argumentation der Unterzeichner löchrig: Die OECD-Studie "Students, Computers and Learning: Making the Connection", die in Brief und Petition explizit genannt wird, bezieht sich auf Pisa, und da die internationale Vergleichsstudie Pisa eine Momentaufnahme ist und keine Dauerbeobachtung einzelner Schüler, sind Kausalitäten zwischen den einzelnen Ergebnissen nicht verlässlich abzuleiten. Dass eine häufigere Computernutzung dort zum Beispiel mit schlechteren Leistungen in Mathematik einherging, könnte auch damit zusammenhängen, dass schwächere Schüler häufiger mit digitalen Medien arbeiten, etwa als Teil eines Förder- oder Übungsprogramms.  

 

Von solchen Unschärfen und der offensichtlichen Ironie einer Digital-Petition gegen die Digitalisierung mal abgesehen: Die Kultusminister tun gut daran, Brief und Petition ernst zu nehmen – unabhängig davon, dass der Offene Brief seinerseits bislang nur knapp 900 Unterzeichner gefunden hat. Solange Wankas Antwort aus Berlin ausbleibt, können Szenarien von "automatisierten Lehrfabriken" und zu Computer-Helfern verkümmerten Lehrkräften in den Lehrerkollegien und Schulverwaltungen der Republik umso ungestörter ihre subkutane Wirkung entfalten – erst recht, sobald die Sommerferien zu Ende gehen. 

 

Tatsächlich will die KMK in den nächsten Tagen eine Antwort auf den Offenen Brief losschicken. Mal gucken, was drinsteht. Hamburgs Schulsenator Rabe gibt die Richtung vor: "Trotz großer Publicity ist Spitzers Meinung bis heute eine Einzelmeinung geblieben. Auf die Entscheidung der Länder und der KMK hat die Initiative daher keine Auswirkungen."

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Kommentare: 1
  • #1

    MINTiKi (Sonntag, 30 Juli 2017 20:34)

    was ich nicht an den ganzen Digitalisierungsbestrebungen verstehe ist, warum soviel in die technische Infrastruktur gesteckt wird, wenn die Lehrer einfach trotzdem nicht in der Lage sind, das sinnvoll einzusetzen ? - und bei mir in der Schulzeit (vor 10 Jahren) waren 90% der Lehrer glücklich, wenn sie den Videorekorder eigenständig zum Laufen gebracht hatten - leider haben das diese 90% nur in 2% der Fällen alleine hinbekommen
    prinzipiell wäre ich für eine Bildung im PC-Bereich nach der Grundschule - aber bei mir sah das in der Schule dann so aus, dass wir gelernt haben, welche Schaltfläche bei Word welches Ergebnis erzielt - das mag für Lehrer interessant sein - die meisten Schüler bekommen solches Wissen aber selbst viel schneller herraus - was wichtig wäre, sind Dinge die man 90% der Lehrer eh nicht vermitteln kann - nämlich Verschlüsslung, Datensicherung, Programmierung (auch von Messtechnik/ Robotern etc.), Datenverwaltung (Datenbanken, etc.) - wozu also da nur einfach Technik anschaffen, wenn es keinerlei Konzepte gibt, wie die dann sinnvoll genutzt wird