"Keine goldenen Computertasten"

Forscher haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, wieviel Bund und Länder für die angemessene IT-Ausstattung aller Schulen ausgeben müssten: 2,8 Milliarden pro Jahr. Und das sei eher die Untergrenze, sagte Studienautor Andreas Breiter vom ifib an der Universität Bremen.

Andreas Breiter. Foto: privat
Andreas Breiter. Foto: privat

Herr Breiter, Sie haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechnet, was eine vernünftige digitale Lernumgebung für alle Schüler deutscher Schulen kosten würde: 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Ist das viel oder wenig?

 

Die Antwort hängt davon ab, wie viel die Länder und Kommunen bereits jetzt für die IT-Ausstattung ihrer Schulen ausgeben. Die Wahrheit ist: Wir wissen es schlicht nicht. 

 

Wie kann das sein? Seit über einem Jahr diskutieren wir über einen fünf Milliarden schweren Digitalpakt, dessen Realisierung auf sich warten lässt, und wir haben keine Ahnung, wie weit das Geld reichen würde?

 

Weil die Kosten auch innerhalb einer Kommune an so vielen unterschiedlichen Stellen anfallen und die Gesamtsicht fehlt. Wenn eine neue Schule verkabelt wird, stehen die Ausgaben dafür meist im Budget des Hochbauamts. Support erfolgt bei fast allen Schulträgern durch Beteiligung der Lehrkräfte, die wiederum Beschäftigte des Landes sind. Am allerwenigsten können wir beziffern, was die letzte Meile der Internetanbindung kostet. In Städten ist das egal, aber auf dem Land, wo überhaupt nur wenige der Kommunen über Breitband verfügen, lässt sich der finanzielle Aufwand für den Breitbandanschluss einer Schule überhaupt nicht seriös einschätzen.

 

Möglicherweise wäre das Angebot des Bundes also nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

 

Sicherlich wäre es mehr als das. Aber lassen Sie uns doch mal rechnen. Bundesbildungsministerin Wanka hatte fünf Milliarden über fünf Jahre angeboten, macht eine Milliarde pro Jahr bzw. 35 Prozent von den 2,8 Milliarden. Und wenn uns auch der Überblick fehlt, wissen wir doch bei einzelnen Kommunen durchaus, was sie in ihre Schul-IT stecken. Nehmen wir diese Erfahrungswerte und rechnen sie auf die Bundesebene hoch, was natürlich extrem ungenau ist, entspräche das weiteren 20 bis 50 Prozent der erforderlichen Ausgaben. Die Lücke, die mit dem Digitalpakt bliebe, betrüge also zwischen 15 und 45 Prozent der nötigen Gesamtkosten. Wobei die Unterschiede gewaltig sein dürften, es gibt 15.000 Kommunen in Deutschland. Einige Städte und Gemeinde haben jetzt schon praktisch eine Vollversorgung ihrer Schulen, in anderen fehlt die selbst die basale technische Infrastruktur. >>


Die Studie und wer dahintersteht

"Kommunen brauchen Unterstützung für milliardenschwere Daueraufgabe", so lautet der Titel, mit dem die Autoren Andreas Breiter, Anja Zeising und Björn Eric Stolpmann ihre Studie überschrieben haben. Sie ist auf der Homepage der Bertelsmann-Stiftung abrufbar.

 

Die Stiftung veröffentlicht regelmäßig Untersuchungen zum Bildungssystem. Der Bildungsforscher Eckhard Klieme kritisiert, dass die Bundesländer zentrale

Bildungsfragen nicht selbst bearbeiten ließen –  "mit dem Ergebnis", so Klieme, "dass in der bildungspolitischen Debatte Stiftungen und Verbände in die Lücke stoßen und Themen besetzen."

 

Andreas Breiter ist Direktor des Instituts für Informationsmanagement an der Universität Bremen und erforscht den Umgang mit Informationen und neue Formen des Lernens im digitalen Zeitalter.



>> Wie sind Sie überhaupt auf die 2,8 Milliarden Euro gekommen?

 

Wir haben uns überlegt, was eine Schule idealtypischerweise bräuchte, damit ihre Schülerinnen und Schüler jederzeit, wenn es denn pädagogisch sinnvoll ist, Zugriff auf Internet und Endgeräte haben. In einem vernünftigen Tempo, also Breitband, und inklusive den nötigen Peripheriegeräten, also digitalen Whiteboards anstelle traditioneller Tafeln, Drucker, Beamer, Scanner und so weiter. Wir haben berechnet, was die W-LAN-Ausleuchtung kostet pro Quadratmeter Klassenraum und abhängig von der Gebäudestruktur, den Wandstärken zum Beispiel. Dazu kommen noch der technische Support, Software oder auch sogenannte Programmierbaukästen. Wir haben für all das getrennte Modellannahmen gemacht für Grundschulen und weiterführende Schulen. Im nächsten Schritt haben wir diese beiden Idealtypen heruntergerechnet auf die nötigen Ausgaben pro Schüler – und dann wieder hochgerechnet auf alle knapp acht Millionen Schülerinnen und Schüler beider Schularten in Deutschland. 

 

„Idealtypen“ klingt ziemlich luxuriös. Geht es nicht auch mit weniger?

 

Gut, dass Sie fragen. Idealtypisch heißt nicht luxuriös, sondern notwendig. Wir reden hier nicht über die Super-Raketen-Ausstattung, über keine goldenen Computertasten, sondern über eine Infrastruktur, wie sie in anderen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, in den Niederlanden oder in Skandinavien, selbstverständlich ist. Und bei den 2,8 Milliarden Euro haben wir noch gar nicht über gutes Lernen selbst gesprochen, sondern nur über die dafür nötige digitale Ausstattung. Die zusätzlichen Kosten für die notwendige Lehrerqualifizierung, für besser Unterrichtsmaterialien oder neue Unterrichtskonzepte sind in dieser Summe noch gar nicht berücksichtigt.

 

Sind die 2,8 Milliarden Einmal-Investitionen oder Dauerkosten?

 

Das will die Politik auch immer wissen. Die öffentliche Verwaltung plant halt größtenteils immer noch kameralistisch. Das Problem ist nur, dass Sie bei der IT diese Unterscheidung kaum noch sinnvoll machen können. Die Technik entwickelt sich so rapide weiter, dass Sie ständig neue Erstinvestitionen rechtzeitig tätigen müssen, Sie also nie mit dem Investieren aufhören und auch die Wartung in vielen Fällen immer neue Investitionen erfordert. Aber weil wir der Logik der Haushälter folgen wollten, haben wir uns trotzdem bemüht, sogenannte investive und konsumtive Ausgaben auch getrennt auszuweisen. Von den 2,8 Milliarden pro Jahr würden demzufolge knapp 1,2 Milliarden auf Investitionen entfallen.  

 

Was wiederum ziemlich nah dran ist an der einen Milliarde jährlich, die Ministerin Wanka im Digitalpakt angeboten hatte – und die explizit nur für Investitionen vorgesehen sein sollten.

 

Das stimmt nur oberflächlich betrachtet. Denn in den 1,2 Milliarden sind 800 Millionen für die Anschaffung von Endgeräten enthalten, die die vereinbarten Eckpunkte zum Digitalpakt ebenfalls ausgeschlossen hatten. 

 

Wenn keiner weiß, wie viel die Länder und Kommunen bereits investieren, wie sollte sich der Bund dann eigentlich mit seiner Forderung durchsetzen, dass die Länder beim Digitalpakt einen fairen Eigenanteil beisteuern?

 

Das könnte er momentan tatsächlich nicht, er kann die Angaben der Länder ja gar nicht überprüfen. Deshalb sollte die Bundesregierung als Gegenleistung für ihren Anteil von den Ländern verlangen, dass sie künftig die IT-Ausgaben der Kommunen im Detail erheben. Interessanterweise laufen in einigen Bundesländern derzeit Investitionsprogramme nach ähnlichem Muster wie der vorgeschlagene Digitalpakt. Eines evaluieren wir gerade, und da stellen wir fest, dass die Kommunen den von ihnen verlangten Eigenanteil an den IT-Investitionen immer als genau geleistet melden, selbst wenn sie in Wirklichkeit zum Teil signifikant weniger oder manchmal auch mehr bezahlen. Und die Länder müssen das akzeptieren, eben weil sie es nicht nachprüfen können. Wahr ist aber auch, dass unseren Zahlen zufolge die Kommunen schon jetzt 80 Prozent der IT-Kosten zahlen und die Länder nur 20 Prozent. Weswegen mich persönlich auch immer so gestört hat, dass Bund und Länder die Verhandlungen um den Digitalpakt unter sich ausmachen wollten.  

 

Sie haben 800 Millionen Euro pro Jahr für die nötigen Endgeräte eingeplant. Warum eigentlich? Die Kinder haben doch heute alle schon ein Smartphone.

 

Manche denken tatsächlich, das mit BYOD, also „Bring your own device“, hochwertiger Unterricht möglich ist. Und dann begründen das einige noch mit dem Klischee, dass das Smartphone umso dicker ist, je weniger Geld die Leute haben. Selbst wenn das so wäre, was ich nicht glaube: Mit einem Smartphone können Sie doch keine komplexe Tabelle oder Grafiken bearbeiten, keine Präsentation vorbereiten und keine Textanalysen machen. Dafür brauchen Sie ein Tablet oder ein Notebook, und die besitzen nicht 90 oder 95 Prozent der Schüler, sondern nur um die 30 Prozent. Für den Rest müsste der Staat Zuschüsse zahlen, hätte aber nicht die gleichen Skaleneffekte, wenn er von Anfang an für alle die gleichen Modelle kaufen würde und die entsprechenden Rabatte eingeräumt bekäme. Insofern halte ich es für eine naive Annahme, dass BYOD eine Billiglösung wäre. 

 

Hand aufs Herz: Glauben Sie, der Digitalpakt kommt noch?

 

Oh ja, ich bin da optimistisch. Alle potenziellen Jamaika-Partner haben das Thema auf der Agenda und betonen immerzu die Bedeutung der Digitalisierung. Die Beteiligung des Bundes ist schon aus symbolischen Gründen von enormer politischer Bedeutung. Ob der Pakt am Ende die fünf Milliarden oder mehr oder weniger umfasst, ist dagegen völlig offen. Entscheidend ist, dass das eine intelligentere Vereinbarung wird, als sie bislang in den Eckpunkten steht, mit einem klaren Monitoring und einer Beteiligung der Kommunen. Die befinden sich derzeit ganz am Ende der Nahrungskette, dabei würden vier von fünf Milliarden Euro an sie gehen. Und worüber wir noch gar nicht gesprochen haben, ist die Evaluierung der verbesserten IT-Ausstattung in den Schulen. Bringt das wirklich einen Lernfortschritt? Und wie genau will man den etwa bei kreativer Medienarbeit eigentlich messen? Das sind spannende Fragen, die bislang nicht mal in Ansätzen diskutiert worden sind. 

 

Und was ist mit der Laufzeit des Paktes?

 

Über die nochmal zu reden, ist am allerdringendsten. Die 2,8 Milliarden Euro, die wir errechnet haben, fallen jedes Jahr an. Das sind dauerhafte Kosten, die durch den technologischen Fortschritt, gerade bei notwendigerweise weiter steigenden Bandbreiten, eher noch wachsen dürften. Kommunen müssen daher einen Medienentwicklungsplan mit ihren Schulen erarbeiten. Den Fehler, erst groß zu investieren und die Schulen dann hängen zu lassen, hat man in den 90er Jahren bei „Schulen ans Netz“ schon einmal gemacht. Mit dem Ergebnis, dass viele Schulen noch in den Nullerjahren auf ihrem ISDN-Anschluss hockten. Mit anderen Worten: Der Spuk ist nicht nach fünf Jahren vorbei! Die Digitalisierung hört nicht auf.  

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Kommentare: 3
  • #1

    Dennis Hillemann (Freitag, 03 November 2017 09:18)

    Sehr gutes Interview, danke. Der Bund wird hier eine Förderung aufsetzen müssen, die sich vor allem als klar strukturiert und effizient erweist. Wir sehen jetzt auf mehreren Ebenen, dass der Bund direkt Geld in die Kommunen pumpen will (muss) - sei es bei diesem Thema, sei es bei dem Mobilitätspakt. Die Herausforderung wird weniger das Geld sein, sondern vielmehr die Frage, wie diese Förderung ausgestaltet wird - auf kommunaler Ebene muss die Beantragung, Dokumentation und das Controlling der Förderung umsetzbar sein. Ich hoffe, dies wird gelingen.

  • #2

    tmg (Freitag, 03 November 2017 13:53)

    Von der Bertelsmannstiftung finanzierte Studie zur Digitalisierung im Bildungsbereich. Oh je. Ein Schelm, wer das für Lobbyismus hält, oder?

  • #3

    Klaus Hekking (Samstag, 04 November 2017 12:23)

    Herr Wiarda passt auf und behält einen klaren Kopf. Digitalisierung ist keine naturgesetzliche Zwangsläufigkeit ohne Alternative, sondern ein Scoop, bei dem wirtschaftliche Interessen der IT Konzerne, die auf deutsches Steuergeld ansitzen mit der Einfallslisigkeit deutscher Bildungspolitiker koinzidieren, die Digitalisierung für ein Allheilmittelhalten..Der pädagogische Nutzen dieser Digitalisierung ist stark umstritten. Bertelsmannstudien sind um so besser, je tiefer man sie hängt