Mit dem Brandbrief fing es an

Gewalt, Angst, Sprachbarrieren: Die Berliner Rütli-Schule wurde im Frühjahr 2006 zum Symbol für das Versagen der Hauptschulen. Wie steht die Schule heute da? Ein Besuch.

Die Rütli-Schule in Neukölln. Fotos: Jan-Martin Wiarda
Die Rütli-Schule in Neukölln. Fotos: Jan-Martin Wiarda

IN DER DRITTEN Stunde steht bei den Koalas die Frühlingswerkstatt auf dem Stundenplan. Die Koalas, das sind Erst-, Zweit- und Drittklässler, die an der Rütli-Schule jahrgangsübergreifend unterrichtet werden. 24 Kinder sitzen verteilt an fünf Tischen, sie heißen Emil, Elsa und Lorenz, Romy, Ibrahim oder Mohammed. "Khaya hat fleißig geübt und wird uns jetzt ein Gedicht vortragen", sagt Koala-Lehrerin Kathrin Konopka. "Khaya, kommst du bitte nach vorn?" Ein Junge mit braunen Locken und Baseballjacke steht auf, "Wer bin ich?" heißt sein Gedicht. Khaya fängt langsam an und wird immer schneller.

 

"Bitte gebt ihm Feedback", sagt Konopka danach zu den anderen Kindern. 24 Hände fliegen in die Höhe. "Du hast sehr schön gelesen, Khaya", sagt ein blondes Mädchen. "Am Ende warst du ein bisschen aufgeregt", sagt ein rothaariger Junge, und ein schmächtiger Erstklässler verhaspelt sich bei seinem Lob. Das ist der neue Ton an der Rütli-Schule. Frau Konopka die Klangschale, und alle lauschen still.  

 

Moment mal, werden jetzt einige sagen: Rütli? Da war doch was. Und ob da mal was war. Im Frühjahr 2006 schrieben die Lehrer der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln einen offenen Brief. Es war ein Hilferuf an die Politik, Sprachbarrieren und Gewalt machten das Unterrichten unmöglich, schrieben die Lehrer. Intensivtäter würden zum Rollenvorbild, Lehrer mit Gegenständen beworfen, Türen eingetreten und Knallkörper gezündet.

Baustelle Rütli: Direktorin Cordula Heckmann im Schulflur
Baustelle Rütli: Direktorin Cordula Heckmann im Schulflur

Die Medien reagierten hysterisch. Rütli wurde über Nacht zum Inbegriff für das Versagen des Schulsystems im Allgemeinen und der Hauptschule im Besonderen. Horden von Reportern und Fotografen belagerten den Schulhof, Gerüchten zufolge wurden Schüler dafür bezahlt, sich möglichst bedrohlich auf den Fotos zu inszenieren. Was zu dem Bericht der Rütli-Lehrer, der fortan nur noch "Brandbrief" genannt wurde, passte. "Laut Aussage eines Schülers", stand da, "gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen."

 

12 Jahre später ist aus der Problemschule von einst eine Vorzeigeeinrichtung geworden. 2009 fusionierte die Rütli-Hauptschule mit der nahegelegenen Schubert-Grundschule und der im gegenüberliegenden Gebäudeflügel beheimateten Heinrich-Heine-Realschule zur "Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli". Es war kein Neuanfang allein an der Rütli-Schule, Hauptschulen gingen ein Jahr später in ganz Berlin in neuen Schulformen auf, meist in sogenannten Sekundarschulen. Doch so wie Rütli das Scheitern der Hauptschule symbolisierte, wurde es zum Vorreiter der Berliner Schulreform. Wenn der Wandel in Rütli gelingt, dann muss es doch anderswo gehen.

 

Auch deshalb drehte die Politik in Neukölln das ganz große Rad, um die Schule herum entstand der Campus Rütli, der auf vorher unbekannte Weise Schule, Kitas, Jugendfreizeitheim, Gesundheitsdienst, eine Berufswerkstatt und weitere städtische Partner miteinander verschränkt. "Campus Rütli bedeutet, dass erstmals alle Institutionen der Versorgung, Erziehung und Bildung junger Menschen gebündelt in gemeinsamer Verantwortung zusammenwirken", kann man auf der Website des Projekts nachlesen. Schirmherrin ist schon seit 2007 Christina Rau, die Frau des verstorbenen Bundespräsidenten Johannes Rau.

 

Wie ist aus der Rütli-Schule das geworden, was sie heute ist? Was lässt sich daraus für Brennpunktschulen anderswo lernen? Und was sagen die Schüler heute über ihren Unterricht? Im Auftrag von Spiegel Online habe ich die Rütli-Schule besucht. Meinen Artikel können Sie hier nachlesen. 

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Kommentare: 2
  • #1

    McFischer (Freitag, 06 April 2018 09:39)

    Vielen Dank für den interessanten Eindruck.
    Der Artikel (im Spiegel) zeigt gut, was ein sich verändernden lokaler Kontext bewirkt - aber auch, dass die Institution Schule selbst vieles in der Hand hat. Dabei gehören natürlich zu dieser Institution nicht nur 'die Schule' vor Ort, sondern die Schüler, Lehrer, Betreuer... aber auch die Schulverwaltung, Politik und nicht zuletzt die Lehrerbildung an den Hochschulen. Mein Eindruck bezüglich letzterer ist, dass auch hier mittlerweile Multikulturalität, Deutsch als Zweitsprache etc. als Ausbildungsziele zunehmend mit angekommen sind.
    Denn: die 'Institution Schule' muss mit den Schülerinnen und Schülern arbeiten, die sie hat, in der Gesellschaft, in der sie positioniert ist.

  • #2

    ONMA Hannover (Dienstag, 10 April 2018 15:47)

    Ich bedanke mich ebenfalls für den Beitrag. Meiner Meinung nach sollte die schulische Ausbildung der heutigen Generation genau das sein was sie eigentlich ist, multikulturell. Wir leben in einer globalen Welt und interagieren täglich mit neuen Kulturen.

    Die Bildung sollte dementsprechend angepasst werden.

    LG aus <a href="https://onma.de/webdesign-hannover/">Hannover</a>