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"Nicht immer nur hinterherlaufen"

Heute haben die Hochschulrektoren Peter-André Alt zu ihrem neuen Präsidenten gekürt. Der attestiert der HRK in seinem ersten Interview nach der Wahl eine ausgeprägte Profilschwäche und skizziert seine Agenda für die nächsten Jahre.

Peter-André Alt. Foto: privat
Peter-André Alt. Foto: privat

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl als neuer HRK-Präsident, Herr Alt. Aber sind Sie nicht eigentlich noch ein bisschen jung für das Amt?

 

Die Frage zeigt schon das Problem. Viele denken immer noch, dass der Job so eine Art Karriereausstieg auf Raten ist: Man kommt von dem Stress der vergangenen Jahrzehnte langsam runter, macht hier und da ein bisschen Wirbel, irgendwann ist die Präsidentschaft dann rum, und man geht endgültig aufs Altenteil. Von wegen. Im Übrigen war meine geschätzte Vorvorgängerin Margret Wintermantel auch nicht älter, als sie anfing. Die HRK hat aus guten Gründen schon vor anderthalb Jahrzehnten entschieden, einen hauptamtlichen Präsidenten zu berufen. Und ich beabsichtige, mein Amt genau so auszufüllen. 

 

Solche Sätze kann man auch als Ansage an die eher behäbige HRK verstehen. 

 

Ich sehe sie eher als Versprechen. Ich beabsichtige, mich der Aufgabe ganz und gar zu verschreiben, denn ich glaube, dass es viel zu tun gibt. Wie ernst es mir damit ist, können Sie im Übrigen auch daran sehen, dass ich die durchaus reizvolle Alternative, in eine dritte Amtszeit als Präsident der Freien Universität (FU) zu starten, bewusst nicht in Erwägung gezogen habe. Und das in einer Phase, in der sich in Berlin ein Exzellenzverbund gänzlich neuen Typs formiert. 

 

Zu den Begleiterscheinungen Ihres Abschieds von der FU kommen wir später noch. Erklären Sie mir bitte zunächst, was Sie eigentlich reizt an einem Verein, der in den vergangenen Jahren vor allem durch die Streitereien zwischen Universitäten und Fachhochschulen auf sich aufmerksam gemacht hat – und durch eine daraus folgende strategische Linie, die eigentlich keine war.    

 

Die Beschreibung finde ich zu hart. Mich reizt gerade die Vielfalt der unterschiedlichen Hochschultypen, ihre unterschiedlichen Bedarfe und Interessen, die man als Präsident miteinander in Einklang bringen muss.

 

Das müssen Sie so sagen. Aber Sie wissen doch selbst, in welch grundsätzlicher Identitätskrise sich die HRK befindet. 

 

Hat die Hochschulrektorenkonferenz eine Profilschwäche? Ja. Fällt es ihr derzeit schwer, nach außen hin als geschlossen und schlagkräftig wahrgenommen zu werden? Ja. Fehlen ihr die dafür effizienten Entscheidungsstrukturen? Auch das. Aber mich stört, dass alle in dieser Heterogenität immer nur ein Problem sehen. Wir müssen anfangen, sie produktiv zu nutzen. Der Wissenschaftsstandort Deutschland befindet sich im internationalen Vergleich in hervorragender Verfassung, und wir müssen den zentralen Beitrag, den unsere großartigen Hochschulen dazu leisten, selbstbewusst herausstellen. Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind auf die Vielfalt und Innovationskraft der Universitätsdisziplinen angewiesen.

 

Klingt toll. Doch spätestens an dieser Stelle müssen Sie uns sagen, wie Sie das mit dem "die Heterogenität produktiv nutzen" konkret anstellen wollen. 

 

Zunächst mal müssen alle Seiten in der HRK aufhören, die Tatsache, dass sie unterschiedliche Interessen haben, stärker zu betonen, als ihre viel zahlreicheren Gemeinsamkeiten. Zweitens kommt es darauf an, dass wir unseren gemeinsamen Nenner definieren, der dann aber eben nicht zu Beliebigkeit und Ausschluss bestimmter Gruppen von Hochschulen führen darf. Für mich persönlich ist die Verbindung von Forschung und Lehre dieser Nenner, das ist etwas Besonderes, das nur uns Hochschulen auszeichnet. Wir bilden die ganze Bandbreite ab von der wissenschaftsbasierten Qualifizierung künftiger Fachkräfte an den Fachhochschulen bis hin zur Lehre für die nächste Forschergeneration in den Universitäten. >>


Einheitskandidat mit starkem Ergebnis

"Der Sozialismus lebt!", verkündete der ZEITChancen Brief gestern. Wenn die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) heute in Mannheim Horst Hipplers Nachfolge bestimme, „steht mit Peter-André Alt exakt ein Kandidat für den Präsidentenposten zur Wahl“. Dieser Kandidat, 57, Literaturwissenschaftler, seit 2010 Präsident der Freien Universität Berlin, erzielte dann auch ein unglaublich gutes Ergebnis: 96 Prozent der abgegebenen Stimmen. Im ersten Wahlgang.

 

Das mit dem Einzelkandidaten war nicht immer so. Alts Vorgänger musste sich 2012 zwei Gegenkandidaten stellen und schaffte erst im zweiten Wahlgang eine hauchdünne absolute Mehrheit. Die neue HRK-Wahlharmonie spiegelt nun die Sehnsucht nach einem geeinten Neuanfang wider. Um dann selbstbewusst Botschaften in die Wissenschaftslandschaft hinauszurufen.

 

Apropos rufen: Vergangene Woche lief Horst Hippler nochmal zu fast vergessener Kampfeslust auf. Der DIHK hatte in seinen hochschulpolitischen Leitlinien neue 

"Mischformen aus akademischer und beruflicher Bildung" gefordert. Doch der Noch-HRK-Präsident polterte per  Pressemitteilung: "Wir brauchen keine neuen hybriden Formate jenseits des noch zu optimierenden Dualen Studiums.“ 

 

Laut kann Hippler also immer noch. Allerdings wie wiederum die ZEIT-Kollegen zu Recht anmerkten: "Wer genau unter wir zu fassen ist, bleibt unklar. Die Hochschulallianz für den Mittelstand gehört schon mal nicht dazu." Dieser Verbund transferorientierter Fachhochschulen hatte nämlich als Reaktion auf Hipplers DIHK-Philippika in einer eigenen Stellungnahme die DIHK-Forderung begrüßt.

 

Was – neben dem Ziel, mutiger und lauter zu sein – zum zweiten Punkt auf Alts Präsidentschaftsagenda zurückführt: Es komme darauf an, bei der Formulierung künftiger Positionen einen gemeinsamen Nenner zu definieren, "der dann aber eben nicht zu Beliebigkeit und Ausschluss bestimmter Gruppen von Hochschulen führen darf."



>> Die Lösung ist also mehr Eigenlob?

 

Die HRK ist auch ein Lobbyverein, das darf und muss sie sein, sie muss für die Interessen der Hochschulen eintreten und darf deshalb die Stärken der Hochschulen hervorheben. Entsprechend werde auch ich als Präsident mit Penetranz die immer gleichen Dinge wiederholen, selbst wenn das nicht immer phantasievoll oder konzeptionell aufregend klingen mag. Und zu diesen Dingen gehört, dass wir Hochschulen unglaublich viel leisten und dass wir dafür endlich die angemessene Finanzierung brauchen. Also ja, es geht auch um Geld. Aber klar, das allein wäre zu wenig. Deshalb muss die HRK auch Thinktank werden, wir müssen stärker als bislang über die Zukunft des Hochschulsystems als Ganzes reden und der Gesellschaft neue Antworten anbieten. 

 

Dafür müsste die Gesellschaft doch erstmal Fragen an Sie haben.  

 

Die hat sie. Aber ich möchte, dass wir uns nicht mehr so abwartend und reaktiv verhalten, wie das in der Vergangenheit manchmal der Fall war. Wir sollten nicht auf die Politik, auf die Öffentlichkeit oder die Medien warten, sondern selbst fragen: Was braucht unsere Gesellschaft künftig für ein Hochschulsystem, unter welchen Bedingungen und Strukturen kann Forschung am besten gedeihen?  

 

Und wie lautet Ihre persönliche Antwort? Welche Strukturen sind zukunftsträchtig? Brauchen wir zum Beispiel überhaupt noch die eingefahrene Aufteilung in Fachhochschulen und Universitäten?

 

Ich persönlich glaube, unser Hochschulsystem arbeitet nur, wenn es die funktionale Teilung der Hochschultypen weiter gibt. Und ich halte es für gefährlich, wenn wir den akademisch-wissenschaftlichen Überlapp zwischen Universitäten und Fachhochschulen, den es zweifellos hier und da gibt, zum generellen Muster erklären. Das Normale ist weiter die funktionale Unterteilung, aber – und das ist mir ganz wichtig – diese Unterteilung findet auf der horizontalen, nicht auf der vertikalen Ebene statt.  

 

Ihr Vorgänger Horst Hippler ist vor sechs Jahren mit dem Vorschlag in sein Amt gestartet, forschungsschwache Universitäten könnten zu Fachhochschulen degradiert werden. Das war offenbar sein damaliges Verständnis einer horizontalen Unterteilung der Hochschultypen. 

 

Ich rede hier nicht über das, was mein Kollege Hippler gemeint oder auch nicht gemeint hat. Mir geht es um die unterschiedlichen Arten von Forschung, die an Fachhochschulen und Universitäten betrieben wird. Und damit meine ich nicht ihre wissenschaftliche Qualität, sondern die Zielsetzung dieser unterschiedlichen Arten von Forschung entlang der Innovationskette. Sie können das als eine normative Typologie bezeichnen, die im Kern die besondere Stärke unseres Wissenschaftssystems beschreibt. Einfacher formuliert: Diese über die Hochschultypen und Hochschulstandorten verteilte wissenschaftliche Exzellenz ist etwas sehr Richtiges und etwas sehr Einzigartiges in Europa.   

 

Und warum glauben Sie als Noch-Präsident einer Exzellenzuniversität, dass ausgerechnet Sie die Gräben zuschütten und das Vertrauen der Fachhochschulen gewinnen können?

 

Ich habe in den vergangenen Monaten viele Gespräche an Fachhochschulen geführt, wodurch mein Respekt für die Kolleginnen und Kollegen dort nochmal gestiegen ist. Wir waren uns nicht in allen Punkten einig, aber in vielen. Ich habe versucht zu verdeutlichen, dass wir Hochschulen als Gesamtheit gegenüber der Politik bessere Karten haben, wenn wir das Arbeitsteilige unserer Leistung für die Gesellschaft betonen. Um einmal eine Politikeraussage zu bemühen: Ich möchte Präsident aller Hochschultypen sein, aber das geht nur, wenn ich jeden Hochschultyp so vertreten kann, wie er es benötigt und wie es gleichzeitig am besten für alle ist. Nehmen wir die Forschung an Fachhochschulen: Die ist im Gegensatz zur universitären Grundlagenforschung viel stärker regional geprägt und auf Entwicklung ausgerichtet. Die können Sie nicht in einen Wettbewerb mit den Universitäten um die gleichen Forschungsgelder treiben. Es kommt darauf an, für die Fachhochschul-Forschung genau solche Programme zu erdenken und einzufordern, die zu ihrer Mission passen. 

 

Also haben die Fachhochschulen in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nichts zu suchen?

 

So würde ich das nicht sagen, aber die DFG ist für Fachhochschulen die falsche Adresse. Es ist schön und gut, wenn die DFG jetzt auch Fördermöglichkeiten für Fachhochschulen vorhält, aber das ist nicht ihr Kerngeschäft. Die Hauptanliegen der Fachhochschulen und der Hochschulen für Angewandte Forschung müssen anders bedient und gefördert werden. Wie genau, das gilt es in den nächsten Monaten auszuloten, und das ist eines der Ziele, die ich für mich für meine HRK-Präsidentschaft definiert habe.

 

Viele Fachhochschulen hätten gern eine Deutsche Transfergemeinschaft (DTG) analog zur DFG, die allerdings auch für die Innovationsforschung an Universitäten offenstehen sollte. Die meisten Fachhochschulen wollen nämlich gar keine eigenen Nischen mehr haben.  

 

Mir persönlich ist ziemlich egal, welche Buchstaben nachher auf der Institution stehen. Wie gesagt: Ich möchte das ausloten, und die HRK hat bereits eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die an dem Thema dran ist. Bevor wir neue Organisationen gründen, sollten wir aber erst einmal die bereits bestehenden Förderinstrumentarien in den Blick nehmen. Ich frage mich zum Beispiel, ob nicht die Arbeitsgemeinschaft Industrieller Forschungsvereinigungen, die AIF, die richtige Adresse für eine entschiedenere Innovationsförderung durch Bund und Länder sein könnte. In jedem Fall glaube ich, wir müssen besser werden in der Unterstützung anwendungsbezogener Forschung, die speziell Startups bei ihrer wirtschaftlichen Entwicklung hilft. Das können Fachhochschulen, und dazu brauchen sie die nötigen Ressourcen.

 

Seien wir mal ehrlich: Die Augenhöhe zwischen Fachhochschulen und Universitäten, von der Sie reden, wird es in Wirklichkeit erst dann geben, wenn der erste HRK-Präsident oder die erste HRK-Präsidentin aus einer Fachhochschule stammt. Glauben Sie, soweit kommt es irgendwann? 

 

Ich würde das nicht ausschließen. Entscheidend ist für mich jedenfalls, dass die Hochschulrektorenkonferenz als Ganzes erhalten bleibt und sich nicht, wie gelegentlich zu hören ist, wieder in eine Vertretung für Universitäten und eine für Fachhochschulen aufspaltet. Das halte ich für ein ganz wichtiges Ziel. Die wachsende Diversität ist ein Ansporn zu mehr Einheit, nicht zu weniger. 

 

Was kann die HRK vom Deutschen Hochschulverband (DHV) lernen?

 

Auch der Hochschulverband ist eine Lobbyvereinigung und verhehlt das nicht. Allerdings ist er eine Lobbyvereinigung für eine viel kleinere Gruppe, als wir es sind: nur für die Professorinnen und Professoren an Universitäten. Das ist eine ziemlich klar umrissene Aufgabe, während die HRK Mitglieder zu vertreten hat, die unabhängig vom Hochschultyp auseinanderdriften: weil manche Bundesländer ihre Hochschulen besser finanzieren als andere, weil einige Universitäten von der Exzellenzinitiative profitieren und andere nicht.  

 

Das hört sich so an, als wollten Sie gerade entschuldigen, warum der DHV in der Öffentlichkeit schlagkräftiger rüberkommt als die HRK.

 

Nicht nur der DHV ist zurzeit präsenter in den Debatten über die Zukunft unseres Wissenschaftssystems, die DFG ist es auch. Und genau das ist mein Ziel für die nächsten Jahre, dass wir ebenfalls als Stimme Gehör finden. Darum brauchen wir eine entschiedenere und direktere Öffentlichkeitsarbeit, aber wir brauchen auch die Inhalte und Ideen, um sie zu vermitteln. Und das wiederum hängt von dem bereits erwähnten Mut ab, nicht immer nur hinterherzulaufen, sondern selbst Themen zu setzen. 

 

Da werden bei einigen in der HRK die Alarmglocken schrillen. Horst Hippler hat auch hier und da versucht, "Themen zu setzen" und ist damit immer wieder angeeckt. In den letzten Jahren seiner Amtszeit hat er es dann mehr und mehr gelassen und wurde plötzlich beliebter. 

 

Der Präsident hat das Recht, zu Grundsatzfragen persönlich Stellung zu nehmen. Und wie Sie wissen, habe ich mich schon als FU-Präsident gern zu Wort gemeldet und werde das auch weiter tun, wenn ich das für richtig und geboten halte. Die HRK wird nicht an Kontur gewinnen, wenn die Voraussetzung für jede öffentliche Wortmeldung ihrer Repräsentanten darin besteht, erstmal einen Grundsatzbeschluss herbeiführen zu müssen. 

 

Jetzt sprechen Sie von den fehlenden "effizienten Entscheidungsstrukturen", die Sie am Anfang unseres Interviews beklagt haben. 

 

Es liegt doch auf der Hand, dass keine zugespitzten Thesen entstehen, wenn sich auf der Jahresversammlung 200 Rektoren zusammensetzen und gemeinsam anfangen, im Text irgendeiner Entschließung herumzuarbeiten. Viele Kollegen schreckt das schon lange ab – mit dem Ergebnis, dass viele gar nicht mehr kommen, sondern ihre Vizepräsidenten schicken. Wir müssen unsere Meinungsbildung neu organisieren. Wie genau, auch darüber möchte ich in den kommenden Monaten mit meinen Kollegen reden. 

 

Für eine Reform der Entscheidungsstrukturen brauchen Sie eine starke Geschäftsstelle im Rücken. Noch immer sitzt die Mehrheit der HRK-Mitarbeiter in Bonn. Liegt die Betonung bei einem gebürtigen Berliner wie Ihnen auf dem "noch"?

 

Natürlich ist es strategisch sinnvoll, wenn wir die Geschäftsstelle in Berlin konzentrieren und so die nötige Kohäsion herstellen. Wir sollten nicht weiter die Bundesministerien nachahmen, die mühsam versuchen, irgendwie zwischen den beiden Standorten Bonn und Berlin eine Einheit zu bilden. Doch all das ist keine Erkenntnis von Peter-André Alt, sondern längst Beschlussstand in der HRK. Die meisten neuen Arbeitsverträge bei uns werden schon jetzt mit dem Einsatzort Berlin verbunden. 

 

Wieso wollen eigentlich immer alle nach Berlin? Ist Bonn nicht mehr hip genug? 

 

Im digitalen Zeitalter kommt es eigentlich nicht mehr so stark darauf an, wo der physische Sitz einer Organisation ist. Darüber hinaus liegt es mir selbst als Berliner fern, Bonn-Bashing zu betreiben. Ich bin gern dort, habe dort viele Freunde und freue mich, künftig häufiger hinzufahren. Allerdings werden Sie mir zustimmen, dass die Zentralisierung in der Wissenschaftspolitik in den vergangenen Jahren merklich zugenommen hat. Mehr und mehr Konferenzen haben sich nach Berlin verlagert, auch andere Wissenschaftsorganisationen sind umgezogen, die Helmholtz-Gemeinschaft zum Beispiel, und die Bedeutung des Bundes in der Hochschulpolitik ist dank Exzellenzinitiative und Hochschulpakt spürbar gewachsen. 

 

In Berlin vor Ort sein hilft sicherlich, um Gehör zu finden. Wenn Sie als HRK selbstbewusster gegenüber der Politik kommunizieren wollen, bräuchten Sie dafür aber nicht auch die nötige finanzielle Unabhängigkeit? Im Augenblick hängen Sie spürbar am Tropf des BMBF und der Länder, die je zur Hälfte den weitaus größten Teil des HRK-Haushaltes bezahlen. Allein Ihr Gehalt als Präsident wird vollständig von den Hochschulen selbst getragen. 

 

Ich sehe nicht, dass die HRK jemals aufgrund ihrer Finanzierung weniger mutig gewesen wäre. Wir äußern uns bislang nicht so schnell wie nötig, auch nicht so auf den Punkt, wie ich mir das wünschen würde. Aber das hat organisatorische Gründe und ist keine Frage der Geldgeber. 

 

Wirklich nicht? Aber wäre es nicht für eine schlagkräftige HRK gerade selbstverständlich, dass ihre Mitglieder sie selbst finanzieren? Der DHV lebt auch fast nur von seinen eigenen Mitgliedsbeiträgen und selbst generiertem Einnahmen. 

 

Dass es auch immer wieder Erwartungen seitens des Bundes gibt, will ich nicht bestreiten. Das ist zum Beispiel bei der politisch gewünschten Einführung der Online-Studienplatzvergabe DOSV so gewesen, die ja bis heute nicht so richtig funktioniert. Ein gewisser Erwartungsdruck ist insofern immer da, aber der bleibt  unabhängig von unserer Finanzierung, und mit dem müssen wir umgehen. 

 

Die HRK ist also ihren eigenen Mitgliedern nicht das Geld wert?

 

Das sage ich nicht. Aber wir sind als Organisation den Interessen unserer Mitglieder verpflichtet. Wenn die mit dem Status Quo zufrieden sind, dann sollten wir uns gut überlegen, daran zu rütteln.

 

Wo sehen Sie die wichtigsten Konflikte mit der Politik in den kommenden Monaten und Jahren, die es auszutragen gilt?

 

Der drängendste Konflikt ist nicht so sehr einer zwischen uns und der Politik, sondern innerhalb der Politik. Ich spreche von den Möglichkeiten des neuen Grundgesetz-Artikels 91b, der die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern in der Hochschulpolitik neu geregelt hat. Der Bund will mehr machen, doch das Problem liegt eher bei den Ländern, die immer zusätzliches Geld wollen, aber nicht immer die Gegenleistung dafür zu liefern bereit waren. Noch einmal darf sich der Bund jedenfalls nicht so über den Tisch ziehen lassen wie 2015 bei der Bafög-Reform, als er den Länderanteil der Finanzierung übernahm, eine Entlastung von über einer Milliarde Euro für die Länder pro Jahr, und einige Finanzminister das Geld dann ganz oder teilweise für andere als hochschulische Zwecke verwendet haben. Das war ein echtes Skandalon. 

 

Womit sich die von Ihnen angesprochene Schieflage der Hochschulfinanzierung zwischen den Bundesländern weiter verstärkt hat?

 

Genau. Der Wettbewerb zwischen den Hochschulen wurde dadurch massiv verzerrt. Hinzu kommt, dass die Länder die Hochschulbudgets über Jahre kleingespart haben. Vor allem in den neuen Bundesländern geht es ans Eingemachte. Der Bund hat in den vergangenen Jahren sein Commitment gezeigt. Es ist an der Zeit, dass auch die Landespolitik wieder die notwendige Verlässlichkeit entwickelt. Nur dann können auch die vom Bund angestoßenen Initiativen für Hochschulen und Forschung wirklich funktionieren. 

 

Was halten Sie eigentlich von der Kritik einiger Landespolitiker an der Kultusministerkonferenz (KMK)? Sollten sich die Wissenschaftsminister aus der KMK verabschieden, um ihre Interessen besser wahren zu können?

 

Es ist richtig, jetzt über die Rolle der KMK nachzudenken und die Frage zu stellen, welchen Nutzen die Hochschulen und die Wissenschaft aus ihrer Existenz ziehen. Den Vorschlag des Berliner Wissenschaftsstaatssekretärs, die Wissenschaftspolitik in einem Wechselspiel von Wissenschaftsrat und einer weiterentwickelten Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz neu aufzustellen, fand ich durchaus ambitioniert, aber auch interessant.    

 

Würden Sie eine Neuauflage des Hochschulpakts ohne einen regelmäßigen jährlichen Aufwuchs, wie ihn die außeruniversitären Forschungsorganisationen bereits seit 2005 bekommen, noch einmal akzeptieren?

 

Ganz klar nein. Nur wenn wir dieselbe Dynamisierung bekommen, sind wir auf Augenhöhe. Der Aufwuchs ist absolut unabdingbar. Bund und Länder haben jetzt die Gelegenheit, für die kommenden zehn Jahre einen Hochschulpakt zu vereinbaren, der erstmals die Bezeichnung „nachhaltig“ verdient.  

 

Wahrscheinlich wird der Bund von den Ländern als Gegenleistung verlangen, dass die die Einrichtung einer Deutschen Lehrgemeinschaft für die wettbewerbliche Förderung der Hochschullehre akzeptieren. Die HRK hat die Lehrgemeinschaft, seit der Wissenschaftsrat die Idee wiederbelebt hat, in jeder Stellungnahme in Bausch und Bogen abgelehnt. 

 

Wenn es darum geht, dass Hochschulen ihre Erfahrungen mit gelungenen Lehrprojekten und Best Practice austauschen, ist das wunderbar. Ich will da gar nicht so dogmatisch sein. Vielleicht ist die Deutsche Lehrgemeinschaft ja eine gute Idee, und mir hat sie nur noch keiner so richtig vermitteln können. Entscheidend ist aber, dass wir jetzt nicht Millionen in irgendwelche Programmlinien stecken, die an der Realität der alltäglichen Hochschullehre vorbeischrammen. 

 

Anders formuliert: Sie schlucken zur Not den Drops Lehrgemeinschaft, wenn das große Ziel Hochschulpakt-Verstetigung es erfordert?

 

Unser Hauptproblem ist nicht der Mangel an guten Ideen, sondern der Mangel an Kapazitäten, sie umzusetzen. Wenn der Bund eine solche Institution will, darf sie auf keinen Fall gegen die viel dringendere Erhöhung der Grundfinanzierung ausgespielt werden. Auch sollten wir die Lehre unbedingt und so lange wie möglich von der abgehobenen Evaluitis verschonen, mit der wir schon in der Forschung zur Genüge zu kämpfen haben. Gute Hochschullehre lebt von ihrer dezentralen Qualitätssicherung, die noch dazu je nach Fachkultur anders ausfällt, die gilt es zu verbessern. Klar ist allerdings auch, dass wir bei allen Unterschieden fächer- und institutionenübergreifende Standards guter Lehre formulieren müssen.

 

Welche übergreifenden Standards meinen Sie?

 

Für mich sind drei Punkte zentral. Erstens: Keine Berufung mehr ohne Lehrprobe. Zweitens: Jede Hochschule braucht ein eigenes hochwertiges, wissenschaftlich fundiertes Serviceangebot an alle Lehrenden zur Weiterqualifizierung, und dieses Angebot muss auch finanziell entsprechend ausgestattet sein. Drittens: Wir müssen definieren, wie wir die Möglichkeiten der W-Besoldung, also Gehaltszulagen und Leistungsvereinbarungen, zur Belohnung für besonderes Engagement in der Lehre nutzbar machen. Das erfordert ein gemeinsames Grundverständnis von Kriterien guter Lehre, was wiederum alles anders als trivial ist. Vielleicht bieten Lehrpreise die nötigen Anhaltspunkte, aber wir müssen an den zugrundeliegenden Indikatoren arbeiten. 

 

Und das war’s schon?

 

Wenn wir diese drei Punkte schaffen, wäre das eine enorme Leistung. Ich fürchte aber, dass wir bei der Diskussion über geeignete Qualitätskriterien in der Hochschullehre in eine abstrakte Dynamik hineingeraten könnten, die der unserer Akkreditierungsverfahren entspricht, die auch nur noch Experten verstehen. Das müssen wir unbedingt vermeiden. Beim Thema Berufungen bin ich optimistischer. An der FU haben wir die obligatorische Lehrprobe schon vor acht Jahren eingeführt, am Anfang gab es Aufregung und Proteste, jetzt ist das akzeptiert und verstanden.

 

Apropos Kriterien: Welche wünschen Sie sich für die Vergabe der Hochschulpakt-Milliarden?

 

Klar ist, dass der Blick auf höhere Absolventenquoten zu nicht reicht. Wer sein Studium abbricht oder in ein anderes Fach umsteigt, dokumentiert damit nicht zwangsläufig das Versagen seiner Hochschule. Es ist gut denkbar, dass gerade der Wechsel die Voraussetzung für einen jungen Menschen ist, anschließend so richtig durchzustarten – sei es in einem neuen Studiengang oder in einer Berufsausbildung. Womöglich war also gerade die falsche Studienwahl motivierend. Allerdings lassen wir uns als Hochschulen gern dazu verpflichten, die jungen Leute noch besser bei der Fachwahl zu beraten und sie auch während des Studiums so zu unterstützen, dass sie, falls erforderlich, möglichst früh um- und aussteigen. 

 

Folgt daraus, dass der Hochschulpakt speziell die Studieneingangsphase finanzieren sollte?

 

Wenn 50 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium aufnimmt, liegt es auf der Hand, dass wir neue Möglichkeiten zu einem Studium generale brauchen. Ein einjähriges Orientierungsstudium für alle, um danach eine informiertere Fachwahl treffen zu können, hielte ich für eine bedenkenswerte Idee. Denn die Empirie zeigt, dass solche Programme hervorragend funktionieren. 

 

Ihr Vorschlag läuft auf vierjährige Bachelor-Programme in der Breite hinaus.

 

Ich weiß, dass die Debatte darüber eigentlich vorbei ist, aber ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich einen vierjährigen Bachelor besser gefunden hätte mit einem sich anschließenden einjährigen Master. Der Regelfall für den Berufseinstieg wäre dann der Bachelor. Das hielte ich immer noch für eine extrem sinnvolle Lösung und eine wunderbare Verbindung des Fachstudiums mit dem vorgeschalteten Orientierungsstudium, einer Eingangsphase, die noch dazu das Allgemeinwissen vermittelt, das vielen Schulabgängern heute fehlt. Natürlich müssten das Bafög und andere Formen der Studienförderung darauf abgestimmt werden.  

 

Am 2. Mai wird an der FU Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin gewählt. Stimmen Sie zu, dass der Zeitpunkt für einen Wechsel denkbar schlecht ist? Gerade laufen die Begutachtungen der Exzellenzcluster-Anträge an, und bis Dezember müssen FU, Humboldt-Universität und Technische Universität die Verbundbewerbung in der Förderlinie "Exzellenzuniversitäten“ abgeben. 

 

Klar ist es nicht einfach, gerade jetzt wegzugehen. Weil ich dabei sein möchte, wenn die internationalen Panels kommen, habe ich einen Monat drangehängt und bin noch bis Anfang Juli als Unipräsident im Amt. Das sind ja auch meine Ideen, die da im Wettbewerb stehen, ich habe viel Zeit hineininvestiert, und dafür trage ich Verantwortung. Im Übrigen bin ich sehr optimistisch. Das ist ein gutes Konzept geworden. 


Und was macht Horst Hippler jetzt?

 

Die zweite Chance

Horst Hippler war ein umstrittener HRK-Präsident, viele warteten schon auf seinen Abschied. Doch dann kam DEAL.

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Kommentare: 2
  • #1

    René Krempkow (Mittwoch, 25 April 2018 09:43)

    Ein sehr interessantes Interview, das fruchtbar für die weitere Diskussion sein könnte, u.a. zur Nachhaltigkeit des Hochschulpaktes!
    Für die weitere Diskussion der dazu angesprochenen Punkte hier noch drei Links mit aktuellen Beiträgen:
    1.) Zum Thema Potential von Lehrpreisen für Ansätze zur Förderung guter Lehre: www.researchgate.net/publication/322231585,
    2.) Zum Thema Indikatoren für gute Lehre: Der Jahresbericht 2017/18 des Hochschul-Bildungs-Report 2020 enthält mit seiner Halbzeitbilanz zur Entwicklung der letzten 10 Jahre in Deutschland auch Qualitätsaspekte von Lehre und Studium wie z.B. Betreuungszufriedenheit, auch für bestimmte Studierendengruppen (S. 8), sowie zum Berufs- bzw. Praxisbezug (S. 33f. und 77f.): www.researchgate.net/publication/321161738,
    3.) eine kürzlich auf einer Jahrestagung zum Thema vorgestellte Präsentation zum Vergleich Berliner Universitäten mit bundesweiten Referenzwerten als ein Beispiel für die mögliche Nutzung von Absolventenstudienergebnissen: https://www.uni-potsdam.de/fileadmin01/projects/zfq/Dokumentation_Jahrestagung_AKQS/Pr%C3%A4sentationen_Jahrestagung_AKQS/Forum4-Krempkow-Maerz2018.pdf.

    Natürlich können diese Beispiele noch längst nicht alle Probleme lösen. Aber sie könnten Anregungen bieten, weiter an den zugrundeliegenden Indikatoren insbesondere auch für die QUALITÄT von Lehre und Studium zu arbeiten und künftig vielleicht eine Ergänzung zu den bisher allein zugrunde liegenden "Stückzahlen" von Studierenden bzw. Studienanfängern sein.

  • #2

    Th. Klein (Donnerstag, 26 April 2018)

    Zur Idee der DTG: "Ich frage mich zum Beispiel, ob nicht die Arbeitsgemeinschaft Industrieller Forschungsvereinigungen, die AIF, die richtige Adresse für eine entschiedenere Innovationsförderung durch Bund und Länder sein könnte. "

    Hört, hört. Hauptgeschäftsführer der AIF ist ja kein Anderer als Thomas Kathöfer, der zuvor Generalsekretär der HRK war. Honi soit qui mal y pense!