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"Es kommt darauf an, wo man Abitur macht"

Die Universität Bremen hat den Zusammenhang von Abiturnote und Studienerfolg anhand ihrer eigenen Studenten untersucht. Mit laut Konrektor Thomas Hoffmeister "erschreckender Tendenz".

Thomas Hoffmeister. Foto: privat
Thomas Hoffmeister. Foto: privat

Herr Hoffmeister, würden Sie Ihre Kinder noch auf eine Bremer Schule schicken?

 

Zwei meiner Kinder gehen auf Bremer Schulen. Aber ich weiß, auf welche Schlagzeile Sie hinauswollen: Wer in Bremen die Schule besuchen muss, weil seine Eltern da leben, hat deutlich geringere Chancen auf einen erfolgreichen Studienabschluss. So platt kann man das aber nicht formulieren.  Die Tendenz allerdings, die wir in unseren Analysen gefunden haben, ist schon erschreckend. 

 

Sie sind Konrektor für Lehre und Studium der Universität Bremen und haben bei der Verwaltung eine brisante Auswertung in Auftrag gegeben. Ihre Leute sollten herausfinden, wie erfolgreich junge Menschen durchs Studium kommen – abhängig vom Bundesland, in dem sie Abitur gemacht haben.

 

Die Fragestellung lag in der Luft. Seit vielen Jahren liegt Bremen in fast allen nationalen und internationalen Schulleistungsvergleichen hinten, früher bei der Pisa-Studie, jetzt beim IQB-Bildungstrend. Wir haben uns gefragt, welche Folgen das für den Studienerfolg hat. 

 

Beziffern Sie diese Folgen doch bitte einmal.

 

Ich muss vorwegschicken, dass wir nur eine Korrelation beschreiben: Welche Abiturnote geht mit welchem Studienverhalten einher. Warum das so ist, dazu können wir nur Vermutungen anstellen.  Und ganz sicher wollen wir kein Bremen-Bashing betreiben. Die Bildungssituation in einem Stadtstaat ist einfach nicht mit der in einem Flächenland zu vergleichen. Aber zu den Zahlen: Nach acht Semestern haben bei uns nur 26 Prozent aller Bachelorstudierenden mit Herkunftsort Bremen ihren Bachelor im ursprünglich gewählten Studienfach erfolgreich abgeschlossen – im Vergleich zu 44 Prozent der Studierenden, die mit Abitur aus Niedersachsen zu uns an die Universität gekommen sind. Fasst man die Abiturienten aller anderen Bundesländer außer Bremen zusammen, kommen sie sogar auf eine Erfolgsquote von 45 Prozent nach acht Semestern. Bremer Abiturienten erwerben in den ersten zwei Studiensemestern im Schnitt weniger Leistungspunkte, und sie weisen einen um fast 10 Prozent höheren Anteil an Studiengangswechslern und einen um gut vier Prozentpunkte höheren Anteil von Studienabbrechern auf. 

 

Wie belastbar sind Ihre Zahlen?

 

Ich würde sagen: ziemlich. Wir haben alle Studierenden, die im Wintersemester 2013 bei uns ihr Studium begonnen haben, über alle Bachelor-Vollfächer hinweg berücksichtigt – solange sie in den folgenden acht Semestern überhaupt eine Prüfung absolviert haben. Auf die Weise haben wir unsere Analyse auf die Studierenden eingeengt, die wirklich studieren. Aber ein paar Einschränkungen gibt es bei unseren Ergebnissen schon: Rund ein Viertel der Studierenden ist nach acht Semestern noch immatrikuliert gewesen, bei den Bremer Abiturienten waren es drei Prozentpunkte mehr als bei den Schulabgängern aus anderen Bundesländern. Die Erfolgsquoten werden also noch steigen. Was aber auch klar ist: Ihren Rückstand können die Bremer nicht mehr aufholen.

 

Warum veröffentlichen Sie Ihre Statistik gerade jetzt? Hat das etwas mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu tun, das im Dezember den bundesweiten Abiturnoten eine mangelnde Vergleichbarkeit bescheinigt und den Numerus Clausus für Medizin als zum Teil verfassungswidrig eingestuft hatte?

 

Ein datengestütztes Monitoring von Studienverläufen betreiben wir schon länger, aber natürlich hat uns der Vergleich der Bundesländer vor dem Hintergrund der Gerichtsentscheidung besonders interessiert. Außerdem erwartet die Landespolitik von uns, dass wir die Absolventenzahlen in den sogenannten MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, den Natur- und in den Technikwissenschaften steigern. Gleichzeitig klagen unsere Professoren über die nachlassenden Vorkenntnisse der Abiturienten. Da lag die Nachfrage nahe: Von welchen Abiturienten reden wir eigentlich? Nach unseren Daten ist eine mögliche Erklärung, dass die Schulabgänger anderer Bundesländer besser auf ein Studium vorbereitet sind.

 

Auch das können Sie in Zahlen ausdrücken. Wer in Bremen sein Abitur mit einer Durchschnittsnote von 1,5 bis 1,99 macht, schließt sein Studium mit einer vergleichbaren Erfolgswahrscheinlichkeit ab wie Abiturienten aus anderen Bundesländer, die mit einem Schnitt von 2,0 bis 2,49 an die Universität kamen. Das ist erschreckend. 

 

Die Abstände sind deutlich, und sie wiederholen sich im nachfolgenden Studienanfängerjahrgang 2014/15, den wir ebenfalls untersuchen. Umgekehrt zeigen die Zahlen aber auch, dass bei einem Schnitt von 1,5 und besser die Bremer Abiturienten keine geringere Erfolgswahrscheinlichkeit aufweisen als ihre Kollegen mit gleich guter Note aus Niedersachsen und anderen Bundesländern. Die Unterschiede verlaufen also nicht linear, der Bruch kommt erst unterhalb von 1,5, dann aber zunehmend. 

 

Wie erklären Sie sich das?

 

Ich kann keine sichere Erklärung vorlegen. Es zeigt, dass wir bei der Interpretation vorsichtig sein müssen. Eine Vermutung ist, dass ein Teil des Vorsprungs der Nicht-Bremer auch daher rührt, dass wir es mit einer Gruppe besonders motivierter und mobiler junger Menschen zu tun haben. Sie waren bereit, zum Studium von zu Hause wegzugehen, zum Teil weit weg. Wer das tut, hat über seine oder ihre Studienwahl und auch den Studienort intensiv nachgedacht und wird noch dreimal nachdenken, bevor er oder sie das Studium abbricht. Hinzu kommt bei dieser Gruppe möglicherweise auch eine soziale und finanzielle Unterstützung, die einigen anderen fehlt.

 

Möglicherweise?

 

Möglicherweise, wir wissen es nicht genau. Leider erlaubt uns auch das reformierte Hochschulstatistikgesetz kaum, mehr über den sozioökonomischen Hintergrund unserer Studierenden zu erfahren. Solange sich das nicht ändert, stochern wir im Nebel. Wir wollen als Universität ja diversitätssensibler werden. Doch es passt einfach nicht zusammen, dass unser Grundgesetz gleiche Möglichkeiten und soziale Teilhabe verlangt und wir praktisch nicht in der Lage sind, vorhandene Nachteile zielgenau auszugleichen. Vor ein paar Wochen hatte  ich auf einem Treffen von Vizepräsidenten für Lehre von Universitäten aus ganz Deutschland mit Kollegen darüber gesprochen: Wir müssen mehr über unsere Studierenden wissen. Es wäre insofern wichtig, wenn die Politik nicht nur bundesweite Abbrecherstudien finanzieren würde, sondern das, was wir hier im Kleinen machen, im Großen nachvollzieht: den Zusammenhang von Studienerfolg, Herkunft der Abiturnote, Mobilität und Motivation.

 

 

Schon wenn man die Ihnen vorliegenden Zahlen ernstnimmt, müsste die Politik eigentlich einen viel radikaleren Schnitt beim Numerus Clausus machen und die Bedeutung der Abiturnote gen Null fahren, oder?

 

Dieser Schlussfolgerung würde ich nicht ganz folgen. Unseren Ergebnissen zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit, einen Studienabschluss zu schaffen, mit steigendem Abischnitt deutlich an. Die Note hat also schon eine Prognosekraft. Aber der Vergleich zwischen den Bundesländern scheint überhaupt nicht zu klappen, und es ist wahrscheinlich, dass selbst innerhalb einer Stadt wie Bremen die Spreizung groß ist. 

 

Demzufolge wäre es zu kurz gedacht, wenn die Politik die sogenannte Abiturbestenquote unangetastet ließe? Zurzeit werden 20 Prozent der Medizin-Studienplätze bundesweit an die Schulabgänger mit dem besten Zensurenschnitt vergeben – aber sortiert nach Bundesländern, um Verzerrungen auszugleichen.

 

Meine Vermutung ist, dass trotz der teilweise zentral organisierten Abitursfragen auch innerhalb von Bundesländern die Vergleichbarkeit nicht notwendigerweise gegeben ist, ja. Aber solange wir die Zusammenhänge zwischen Herkunft der Abiturnote und Studienerfolg nicht überall und systematisch untersuchen, herrscht Ahnungslosigkeit. Und so lange sollten wir sehr vorsichtig dabei sein, den Zugang zum Studium ausschließlich über die Noten zu regeln. 

 

In den 70er Jahren gab es Bonuspunkte für einige Bundesländer und Maluspunkte für andere, um die Unterschiede auszugleichen.

 

Und das würde meiner Ansicht nach heute auch nicht funktionieren, denn dann bestrafen Sie die Schüler derjenigen Schulen in einem Bundesland, an denen es größere Anstrengungen braucht, um auf dieselbe Note zu kommen. Ich bin der Auffassung, es wäre gerechter, entweder ein bundeseinheitliches Zentralabitur zu haben oder beim Numerus Clausus grundsätzlich einen Eignungstest neben die Abiturnote zu stellen. Aber das sagt sich so leicht. In der Praxis sind wir davon meilenweit entfernt.

 

Warum?

 

Die Hochschulen verfügen gar nicht über das Personal, um die nötigen Tests selbst zu entwickeln und vor allem dann auch auszuwerten. Zumal die Bewerber und Bewerberinnen das Anrecht auf eine schnelle Rückmeldung haben: Bekommen sie den Studienplatz jetzt oder nicht? Wir bräuchten also eine bundesweite Lösung, was die Konzeption der Tests angeht wie auch ihre möglichst vollautomatische Auswertung. Die Frage ist: Schaffen wir das, bundesweite Eignungstests für eine Reihe von zugangsbeschränkten Studienfächern, die von Hochschulen und Studienbewerbern akzeptiert werden? 

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