· 

Den Kern verfehlt

In Berlin wurde der Bildungsbericht vorgestellt. Er liefert eine dramatische Bestandsaufnahme – doch die anwesenden Bildungspolitiker redeten drumherum.

Bildungsberichts-PK in Berlin: Susanne Eisenmann, Ties Rabe, Anja Karliczek, Helmut Holter, Kai Maaz (von links). Foto: JMW.
Bildungsberichts-PK in Berlin: Susanne Eisenmann, Ties Rabe, Anja Karliczek, Helmut Holter, Kai Maaz (von links). Foto: JMW.

DER BILDUNGSBERICHT 2018 ist ein Dokument, in dem man sich verlieren kann. 360 Seiten, über 200 Tabellen und Grafiken und noch mehr online. Auch Bundesbildungsministerium (BMBF) und Kultusministerkonferenz (KMK) fiel es offenbar schwer, aus dem seit 2006 alle zwei Jahre erscheinenden, von ihnen in Auftrag gegebenen Kompendium die eine griffige Zeile abzuleiten. Folglich entschieden sie sich, als der Bericht heute Morgen präsentiert wurde, in ihrer gemeinsamen Pressemitteilung für eine Trivialität, die immer passt. BMBF und KMK seien sich einig: "Bildung lohnt sich– für jeden Einzelnen und die Gesellschaft."

 

Geschenkt. Denn gerade aufgrund seiner Datendichte und Vielschichtigkeit ist der Bildungsbericht, erstellt von einem Konsortium führender Bildungsforscher, über die Jahre zu dem "Spiegel" geworden, von dem KMK-Präsident Helmut Holter (Linke) heute sprach: "der Spiegel, der der Politik vorgehalten wird." Was wiederum nach Platitüde klingt, aber inhaltlich korrekt ist: Der Bildungsbericht wartet nicht mit bahnbrechend neuen Erkenntnissen auf, das soll er auch gar nicht. Sondern er zeichnet Entwicklungen nach, bringt bekannte Mängel auf den Punkt und liefert so alle zwei Jahre eine Bestandsaufnahme über den Zustand des deutschen Bildungswesens, die in ihrer Gesamtschau einzigartig ist.

 

Und genau darum hatte die erste Kommentierung des neuen Bildungsberichts durch Holter, Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und weitere Kultusminister etwas Surreales. Von einer neuen Wertschätzung für die berufliche Bildung war im Berliner Haus der Kultusministerkonferenz die Rede, von der weiter bestehenden Lücke bei der Bildungsgerechtigkeit und neuen Wegen der Kooperation zwischen Bund und Ländern. Alles richtig, alles wichtig. Aber während die anwesenden Bildungspolitiker recht kommod und kenntnisreich über künftige bildungspolitische Konstellationen resümierten, handelten sie das alles überlagernde Thema mit ein paar schlanken Sätzen ab. 

 

Dabei hatte Kai Maaz dieses Thema gleich zu Beginn als Punkt eins und Punkt zwei der "zentralen Herausforderungen" im Bildungssystem herausgestellt. Maaz ist Direktor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Sprecher der Bildungsberichts-Autoren. 

 

Herausforderung eins: Die Bildungssysteme wachsen und müssen umgebaut werden, um der zunehmenden Heterogenität zu begegnen – einfach weil mehr Menschen Bildung nachfragen, was wiederum an mehr Geburten und mehr Zuwanderung liegt. Je nach Bildungsstufe kommen weitere Gründe für die Expansion hinzu: Bei den Kitas zum Beispiel, dass immer mehr Mütter in die Erwerbstätigkeit einsteigen. Bei den Hochschulen, dass der Wunsch nach höherer Bildung anhält, sich das individuelle Bildungsverhalten also ändert.

 

Herausforderung zwei folgt direkt daraus: Es fehlt dramatisch an Personal. An allen Ecken und Enden. Und das, obwohl inzwischen laut Bildungsbericht 2,43 Millionen Menschen im Bildungssystem arbeiten, rund eine halbe Million mehr als 2005. Der Anteil der Seiteneinsteiger bei neuen Lehrern beträgt je nach Bundesland mittlerweile zwischen 0 und 35 (!) Prozent. Fast noch gefährlicher ist die Lücke in den Kitas. Der Bildungsbericht beziffert sie auf bis zu 309.000 Personen. Anders formuliert: Den erwarteten 274.000 Neueinstellungen von Kita-Fachkräften bis 2025 steht ein Bedarf von 583.000 gegenüber. Selbst wenn die in vielen Bundesländern schon heute unzureichenden Personalschlüssel nicht verbessert würden, was das erklärte Ziel von Bund und Ländern ist, fehlten immer noch 40.000 Erzieherinnen und Erzieher. Mit den entsprechenden Folgen, und die benennt Kai Maaz: Von den Kitas, wie sie im Augenblick personell aufgestellt sind, profitieren Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern offenbar tendenziell stärker als ihre ohnehin schon benachteiligten Altersgenossen.

 

Für heute nur eine Randbemerkung: Auch an den Hochschulen hat sich die kritische Betreuungsrelation zwischen Professoren und Studenten weiter verschlechtert (von 57 Studenten pro Prof 2005 auf 72 im Jahr 2016), während das Gesamtverhältnis zwischen (zum großen Teil befristeten) Hochschulpersonal und Studierendenzahl sich seit 2005 nur leicht negativ entwickelt hat.

 

Unterdessen befinden sich Kitas, Schulen und Hochschulen im Umbruch. Wieviel zusätzliches Personal etwa  Inklusion, Digitalisierung oder neue pädagogische Konzepte erforderlich machten, sei vielfach noch gar nicht absehbar, sagt Kai Maaz: "Wir reden über Feinheiten und nötige Weiterentwicklungen, dabei fehlt uns an vielen Stellen noch die Basis. Das macht ein Fortkommen des Systems als Ganzes sehr schwierig."

 

Zugespitzt könnte man sagen: Jede Debatte über neue pädagogische Konzepte, über die Möglichkeiten und Grenzen von Ganztag, Inklusion, Digitalisierung oder weitere Vereinheitlichung bei den Schulabschlüssen erübrigt sich eigentlich, solange die Bund und Länder keine überzeugende Antwort auf die Frage geben können, wie sie die quantitative Lücke im Bildungssystem schließen wollen, aus der zwangsläufig eine nicht weniger große qualitative erwächst.

Nicht, dass diese Antwort heute jemand hätte erwarten können. Aber zumindest offensiv die Debatte zu führen und sie nicht in ein paar Problembewusstsein demonstrierenden Bemerkungen zu erschöpfen, das hätte sich angeboten angesichts der klaren Botschaften des Bildungsberichts. Doch dazu kam es nicht. Oder fast nicht. Zu einer Ausnahme komme ich gleich.

 

Man kann die diesbezügliche Müdigkeit der Kultusminister ja auch verstehen. Die aktuelle Generation von Bildungspolitikern hat das unfassbare Personalproblem unseres Bildungssystems nicht wirklich zu verantworten. Nicht sie selbst, sondern ihre Vorgänger haben sich vor acht, neun oder zehn Jahren so krass beim künftigen Lehrer- und Erzieherbedarf verschätzt. Und nicht Bildungspolitiker, sondern nur Ministerpräsidenten und Finanzminister haben für gewöhnlich den direkten Zugriff auf die Haushaltspläne, um endlich zu der vor allem in den Ländern nötigen nachhaltig besseren Bildungsfinanzierung zu kommen. 

 

Für die Zukunft allerdings stehen die Kultusminister und die Bundesbildungsministerin sehr wohl in der Pflicht. Und da stellt sich schon die Frage: Warum sind sie immer noch so gelassen? Warum rufen sie nicht die gesamtgesellschaftliche Aufgabe aus, die das Stopfen der klaffenden Lücken beim Bildungspersonal erfordern würde? Wie können sie über Bildungsgerechtigkeit sprechen, ohne zuzugeben: Nichts leidet stärker als diese, wenn das ausgebildete Personal fehlt? Und schließlich: Warum tun sie immer noch so, als herrsche business as usual? Derzeit verschieben sich die politischen Prioritäten und Gewichte ja sogar noch weg von der Bildung und deren Finanzierung.

 

Abgesehen vom großen Alarm sind es die oftmals kleinen, aber kreativen Lösungen, die jetzt gefragt sind. Und hier kommt Susanne Eisenmann ins Spiel. Die baden-württembergische Kultusministerin saß als Vertreterin der unionsgeführten Ministerien heute ebenfalls auf dem KMK-Podium, und sie war die einzige, die in ihrem Statement die Personalfrage von sich aus in den Mittelpunkt stellte. Sie fühle sich von der enormen Kita-Lücke "schon bestätigt", sagte Eisenmann und berichtete von einer baden-württembergischen Ausbildungsoffensive namens PiA ("Praxisintegrierte Ausbildung") vor allem  für Kita-Quereinsteiger, die zwei wesentliche Bestandteile hat: Schon in der Ausbildung erhalten die künftigen Erzieherinnen und Erzieher ein ordentliches Gehalt, und schon in der Ausbildung gehen sie zwei Tage die Woche arbeiten. Normal ist bei Erziehern eine zweijährige Vollschulausbildung und ein anschließendes Anerkennungsjahr. 

 

Angesichts der Lage gab Eisenmann dann noch zu Protokoll, womöglich sollten manche im GroKo-Koalitionsvertrag festgelegten bildungspolitischen Ziele noch einmal überdacht werden. Zum Beispiel, ob es richtig sei, sich auf das Erreichen der Kita-Gebührenfreiheit zu konzentrieren, anstatt möglichst viel Geld in die Ausbildung der zusätzlichen Erzieher zu investieren. Die Reaktion der neben ihr sitzenden Kollegen Holter, Karliczek und auch von Hamburgs SPD-Bildungssenator Ties Rabe: verhalten bis nichtexistent.

 

Ja, es wäre gut gewesen, wenn die Vertreter von Bund und Ländern heute mehr über die Personalmisere an sich und konkrete Wege aus ihr heraus gesprochen hätten, anstatt über all die bildungspolitischen Problemen drumherum. Das Drumherum löst nur, wer zum Kern vordringt. 


Lesenswerte Zusammenfassungen zentraler Ergebnisse aus dem Bildungsbericht finden Sie unter anderem auch bei ZEIT Online, Spiegel Online und im Tagesspiegel.

 

Zum vorhergehenden Bildungsbericht 2016 und den Fundus spannender Daten hatte ich eine kleine Serie verfasst. Diese finden Sie hier. Eine ähnliche Serie werde ich auch dieses Mal wieder in Angriff nehmen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Klaus Hekking (Sonntag, 24 Juni 2018 09:50)

    Kein Wunder! Der Bildungsbericht wiederholt sich mit leichten semantischen Änderungen jedes Mal. Da ist es schwierig neue Ideen anzubringen.Das hängt mit der vorgegebenen Struktur des Berichts, der Herkunft der Experten aus dem öffentlich-rechtlichen mainstream zusammen, die die ewig gleichen und immer wieder gescheiterten Rezepte vortragen und der Tatsache zusammen, dass die Auftraggeber des Berichts darauf achten, dass klar erkennbare Defizite des staatlichen Bildungswesens weichgespült werden.

    Es wird Zeit für einen „Alternativen Bildungsbericht“, der frische Ideen in die zunehmend sklerotische Denkweise unserer Bildungswelt bringt