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"Vom Hergebrachten haben wir genug an deutschen Unis"

Ein Jahr lang hat eine Expertenkommission diskutiert, wie die geplante neue Universität in Nürnberg aussehen soll. Heute ging das Ergebnis ins bayerische Kabinett. Ein Interview mit dem Kommissionsvorsitzenden Wolfgang Herrmann.

Neue Universität vor alter Kulisse: Nürnberg bekommt 2025 eine eigene TU. Foto: pxhere.
Neue Universität vor alter Kulisse: Nürnberg bekommt 2025 eine eigene TU. Foto: pxhere.

Anecken garantiert: Die Vorschläge, die Wolfgang Herrmann und seine Mitstreiter in der Strukturkommission heute der bayerischen Staatsregierung vorgelegt haben, dürften in mehrfacher Hinsicht für Diskussionen sorgen. So wollen die 16 Expertinnen und Experten den Zugang zur neuen Nürnberger Universität grundsätzlich durch Auswahlverfahren beschränken; sie wollen Departments statt Lehrstühle einrichten, dazu ein extrem kompetitives Tenure-Track-Verfahren. Den Bachelor will die Kommission grundsätzlich in seiner Bedeutung beschneiden, alle Studiengänge der Technischen Universität (Kürzel: "TUN") sollen zudem umfangreiche Pflichtveranstaltungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften enthalten. Zu der Expertengruppe gehören neben Herrmann Ex-Stanford-Präsident Gerhard Casper, der 

Hochschuldidaktik-Experte Jürgen Handke, der Chef der VolkwagenStiftung, Wilhelm Krull, der Ex-Wissenschaftsratsvorsitzende Wolfgang Marquardt, der langjährige Präsident der Universität Luxemburg, Rolf Tarrach, und die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität, Birgitta Wolff. Ihre Vorschläge wurden heute ohne Änderung vom bayerischen Kabinett akzeptiert, das Konzept soll jetzt gegen Jahresende zur Begutachtung an den Wissenschaftsrat gehen.  Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte an, das insgesamt drei Milliarden Euro in den Aufbau der Wissenschaft in Franken gehen sollen: 300 Millionen an die TH Nürnberg, 1,5 Milliarden an die Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen und 1,2 Milliarden für den Aufbau der geplanten TU Nürnberg.



Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München. Foto: TUM
Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München. Foto: TUM

Herr Herrmann, als der damalige Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) Sie und 15 weitere Experten im Juli 2017 mit der Ausarbeitung von Eckpunkten für Nürnberg beauftragte, versprachen Sie ein "neues, modernes Universitätskonzept". Sind Sie in der Kommission einig geworden, was das konkret bedeuten soll?

 

Zunächst einmal bedeutet es, dass wir ziemlich viel ziemlich anders machen werden. Wir werden Forschung, Lehre und Transfer in einer neuen Weise wechselseitig miteinander verschränken. Wir wollen den Entrepreneurship-Gedanken durch alle Bereiche der Universität ziehen, wir wollen die Lehre digitalisieren und gleichzeitig persönlicher machen, und wir wollen die Technik- und Naturwissenschaft mit den Geistes- und Sozialwissenschaften enger verschränken als an irgendeiner bestehenden Technischen Universität. Apropos: Das Kind wird TU Nürnberg heißen. Und das ist am Anfang nicht so selbstverständlich gewesen, wie es sich jetzt anhören mag. 

 

Vor allem hört sich das erstmal nach jeder Menge Schlagwörtern an. Wenn andere in Ihre Begeisterung einstimmen sollen, werden Sie genauer erklären müssen, was es mit all diesen Plänen auf sich hat. 

 

Aber gern. Fangen wir mit der Verflechtung der unterschiedlichen Wissenschaften an: Es wird an der TU Nürnberg keinen einzigen technisch-naturwissenschaftlichen Studiengang geben, in dem die Studierenden nicht einen erheblichen Anteil an geistes- und sozialwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen belegen müssen. Ich gehe von etwa 20 Prozent des Studienumfangs aus, in jedem Fach. Die Zeit der unreflektierten Technikvermittlung ist vorbei. Und weil jeder einzelne Studiengang interdisziplinär angelegt sein soll, wird es auch keine Fakultäten an der TU Nürnberg geben, sondern Departments, sechs an der Zahl: vom Biological Engineering über Computer Science & Engineering bis hin zu Humanities & Social Sciences. Und alle Studiengänge werden Gemeinschaftsprojekte der unterschiedlichen Departments sein. So entsteht letztlich eine Matrixstruktur.

 

Die Junge Akademie wird frohlocken. Sie hat vergangenes Jahr eine Kampagne für eine Abschaffung des Lehrstuhlprinzips gestartet.

 

Zu Recht. Auch die Zeit der akademischen Erbhöfe ist vorbei und die der Uni-Institute ebenfalls. Die Professoren sollen berufen werden nach ihrer Fähigkeit, an den Schnittstellen der Disziplinen zu arbeiten. Sie werden zwar den Departments zugeordnet sein, aber je nach Studiengang und Forschungsschwerpunkten mit Kollegen aus allen anderen Departments arbeiten. Erst aus diesen Wechselwirkungen der unterschiedlichen Fächerkulturen wird sich das charakteristische Forschungsprofil der TU Nürnberg formen. Man könnte auch sagen: Das, was die Exzellenzinitiative durch die Cluster-Förderlinie an deutschen Universitäten mühevoll etabliert hat, wird bei uns von Anfang an Standard sein: interdisziplinäre Forschungscluster, aber zwingend unter Einbeziehung der Geistes- und Sozialwissenschaften, auf sieben Gebieten, die– Stand 2018 – die folgenden sein sollen: Biosystems Engineering, Autonomous Systems, Edge Computing and Immersive Computing, Future Labour and Value Creation, Urban Infrastructure and Living, Health Care – und Civil Security. Aber da besteht Spielraum, wir sind ja keine Hellseher: Die Universität geht erst 2025 an den Start und soll die dann drängenden Bedürfnisse in Forschung und Lehre abdecken. 

 

Jede Menge englischsprachige Begriffe: Für Deutsch bleibt an der TU Nürnberg kein Platz mehr, oder?

 

Die dominierende Sprache in Lehre und Forschung wird Englisch sein, das stimmt. Aber wir werden da nicht prinzipienreiterisch sein. Wo Deutsch sinnvoll ist, wird auch deutsch gesprochen. Gerade in einigen Sozial- und Geisteswissenschaften gibt es immer noch eine ausgeprägte deutschsprachige Austauschkultur. Und wir meinen das ja ernst mit dem Zusammenbringen der Wissenschaften. Was übrigens gar nicht so einfach wird: So wahnsinnig viele Sozialwissenschaftler oder Philosophen, die sich mit der Reflexion naturwissenschaftlich-technischer Methoden beschäftigen, gibt es gar nicht. Aber genau das sind die Leute, die wir brauchen – die fest in ihrem Fach verankert und zugleich offen sind für Fragen der Technikfolgenabschätzung, der Berufsethik und –forschung der Technikwissenschaften. Die TU Nürnberg wird da auch mit anderen Wissenschaftseinrichtungen in ihrem näheren und weiteren Umfeld kooperieren müssen, einschließlich der außeruniversitären Forschung.

 

Die von Ihnen angesprochene Department-Struktur bedeutet im Umkehrschluss, dass es weniger wissenschaftliche Mitarbeiter gibt, dafür aber eine hohe Zahl an Professuren. 

 

Ja und nein. Wir planen mit 200 bis 240 Professuren plus 1800 bis 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf 5000 bis 6000 Studierende. Das entspricht einem Betreuungsverhältnis, das mehr als doppelt so gut ist wie im Bundesdurchschnitt. Und die Wissenschaftlerstellen werden dem jeweiligen Department insgesamt zugeordnet und nicht einzelnen Professoren. Wenn ein Prof also auf eine möglichst große Anzahl von wissenschaftlichen Mitarbeitern als Statussymbol aus ist, passt das nicht zur TU Nürnberg. Die Universität muss und wird im Wettstreit um die klügsten Köpfe durch ihr Konzept, ihre gute Gesamtausstattung und ihre wissenschaftliche Qualität überzeugen. Die dafür nötige Corporate Identity muss von Anfang an da und spürbar sein. Zumal wir einiges von unseren Professoren fordern werden. Wir wollen einen echten Tenure Track als Regelkarriere-Weg etablieren. Vergleichbares gibt es sonst in Deutschland noch nicht.

 

Wie bitte? Die Tenure-Track-Modelle sprießen derzeit doch nur so aus dem Boden.

 

Moment! Deutschland hat in der Fläche bislang nicht wirklich verstanden, was Tenure Track bedeutet. Unsere Kommission fordert einen Tenure Track mit, ich zitiere, "strenger Qualitätssicherung nach internationalen Maßstäben", inklusive einem sogenannten "Up-or-Out-Prinzip". Anders formuliert: Wenn Sie nicht gut genug sind, sind Sie nach sechs Jahren raus. Mit diesem rigorosen, aber international üblichen aufsteigenden Berufs- und Karrieresystem hat hierzulande nur die TU München Erfahrung, seit 2012. Deutschland denkt in Versorgungsprinzipien, nicht in echten Leistungskategorien, wenn es um die Professur geht. Das wollen wir in Nürnberg ändern. 

 

Damit werden Sie Ärger und Kritik verursachen.

 

Nicht nur an dieser Stelle! Aber vom Hergebrachten haben wir schon genug an deutschen Unis. Es geht darum, vom wissenschaftlichen Personal Leistungen abzuverlangen und zugleich Engagement zu belohnen. Das ist das Prinzip moderner Personalentwicklung, übrigens auf allen Ebenen. Die Mitarbeiter im sogenannten Mittelbau klagen an vielen Hochschulen zu Recht, dass sie feststecken und nicht weiterkommen. Da sie in Nürnberg von Anfang an eigenständig in den Departments arbeiten werden, wollen wir ihnen ihrer Eignung entsprechend neue strukturierte Pfade eröffnen, in der Lehre, in der Forschung, im Transfer und im Wissenschaftsmanagement. Damit eröffnen wir eine talentorientierte Karriereplanung und -förderung.

 

240 Professuren, wissenschaftliche Mitarbeiter mit hoher Eigenständigkeit und guten Karriereperspektiven: Hört sich alles ziemlich teuer an. Glauben Sie, dass der Freistaat das dafür nötige Geld springen lässt?

 

Ich bin davon überzeugt. Wir brauchen diese erheblich höhere Betreuungsdichte für alles, was wir vorhaben. Die Ansprüche einer von Anfang an interdisziplinär angelegten Lehre mit Geistes-, Sozial- und Technikwissenschaften unter einem Dach sind gewaltig. Und dabei haben wir noch gar nicht über das besondere Lehrprofil geredet, das wir vorhaben. Inverted Classroom als Regel, das heißt: Die klassische Vorlesung verliert an Bedeutung, die Studierenden eignen sich den Stoff digital aufbereitet an, und dann wird dieser Stoff in Kleingruppenarbeit mit den Professoren vertieft, anhand konkreter Problemstellungen. Da entsteht eine ganz neue und intensive Lehrer-Schüler-Beziehung, und die ist für uns zentral. Womit auch klar ist: Die Digitalisierung der Lehre bedeutet nicht weniger an persönlichem Austausch, sondern mehr.  

 

Zwischendurch war es fraglich, ob es in Nürnberg auch Bachelor-Studiengänge geben wird. Sie sprachen sich anfangs dafür aus, erst mit dem Master anzufangen. 

 

Ich habe mich aber von den anderen Kommissionsmitgliedern überzeugen lassen. Erst im Master einzusteigen, wäre ein Kneifen gewesen vor der eigentlichen Herausforderung, endlich mal gut strukturierte Bachelorprogramm hinzubekommen. Darum haben wir uns für die große Lösung entschieden: für ein fünfjähriges, integriertes Studium, in dem wir Bachelor und Master als Einheit betrachten und curricular aufeinander beziehen. Es mag immer noch Leute in der Politik geben, die den Bachelor allein für berufsqualifzierend halten, wir tun das nicht. Darum werden die Studenten in Nürnberg auch nur dann ein eigenes Bachelorzeugnis bekommen, wenn sie es fordern, etwa weil sie die Hochschule wechseln oder doch direkt in den Beruf starten wollen. Die Promotionsphase kann je nach Bedarf dann auch direkt mit der Masterphase verzahnt werden, inhaltlich wie zeitlich.  

 

Das heißt, wer sich in Nürnberg einschreibt, erhält Freifahrt bis zum Master? 

 

Mit der wichtigen Differenzierung, dass sich niemand einfach in Nürnberg wird einschreiben können. Jeder Studiengang dort wird zulassungsbeschränkt sein. Für jeden Studiengang wird es ein individuelles, zweistufiges Eignungsfeststellungsverfahren geben.

 

Für jeden Bachelorstudiengang? Widerspricht das nicht der im Grundgesetz garantierten Freiheit der Berufswahl?

 

Ich kenne die Bedenken, aber angesichts der Exzellenz, die wir in allen Studiengängen erreichen wollen, sind Auswahlverfahren unvermeidbar – zum Wohl der Universität genauso wie zum Wohl der Studierenden. Das Stichwort lautet "qualifizierte Interdisziplinarität" als zwingend nachzuweisende Eignungsvoraussetzung aller Studienbewerber. An der Stelle erfinden wir das Rad nicht neu, ähnliche Verfahren haben wir an der TU München längst etabliert, die Abbrecherquoten sind auf weniger als die Hälfte gesunken.  

 

In München gibt es die Auswahlverfahren aber nur in einigen Studiengängen, nicht flächendeckend!

 

Weil klassische Fächer wie Chemie oder Physik wegen der fehlenden Interdisziplinarität keine Eignungsfeststellungsverfahren zulassen. Solche Studiengänge wird es aber in Nürnberg nicht geben. Die TU Nürnberg wird die Auswahlkriterien in einem Gesamtkonzept zur Qualitätssicherung verankern und soll auch damit ein hohes Maß an universitärer Eigenverantwortung praktizieren. 

 

Am Anfang haben Sie auch den schwer ins Deutsche zu übersetzenden Begriff "Entrepreneurship" gebraucht. Den haben Sie auch schon in München eingeführt. Was meinen Sie eigentlich genau damit?

 

Das fängt damit an, dass wir schon bei den Berufungen von Professoren schauen, dass da auch Leute dabei sind, die selbst als Unternehmer gearbeitet haben, und zwar erfolgreich. Es geht darum, die Bedarfe der Unternehmen und der Arbeitswelt von morgen mitzudenken, in Forschung und Lehre. Und insgesamt einen Geist zu erzeugen, der das unternehmerische Denken und Handeln wie auch die daraus resultierende Gründungskultur unter den Absolventen fördert, ihre Abenteuerlust und Risikofreude.  

 

Ordnen Sie die TU Nürnberg so nicht ohne Not dem Diktat der Wirtschaft unter? 

 

Wer das fragt, unterschätzt die Qualität und den Freiheitsgeist von Hochschullehrern. Das wird in Nürnberg genauso gelten, wie es bei uns in München längst der Fall ist. Unsere Professoren sind viel zu selbstbewusst und professionell, um sich von irgendwem einspannen zu lassen. Die TU Nürnberg wird ebenso wenig wie die TU München zur verlängerten Werkbank der Wirtschaft werden, sehr wohl aber den kritisch-konstruktiven Austausch mit ihr pflegen. Diese Unabhängigkeit kommt aus den Persönlichkeiten, die in Nürnberg lehren und forschen werden, genauso wie aus der beschriebenen Struktur, erst recht durch die starke Einbindung der Geistes- und Sozialwissenschaften. Das ist der zentrale Punkt und das eigentlich Avantgardistische an unserem Plan: Eine moderne technische Universität muss zwangsläufig interdisziplinär sein und unternehmerisch ticken. Sonst fällt sie aus der Zeit. 

 

Ist eine moderne Universität auch Campus-Universität?

 

Die Nürnberger zumindest wird es sein. Sie zieht auf ein ehemaliges Bahnareal, und drumherum entstehen Studentenwohnheime und Wohnungen für die Wissenschaftler, dazu ein Gründerzentrum mit Laboratorien und Werkstätten und ein Inkubator für Startups. Für die Studierenden wird es der Normalfall sein, auf dem Campus zu leben. Sie werden dort alles finden, was sie für das tägliche Leben brauchen: Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, sogar Sportangebote in unmittelbarer Nähe. Und unten drunter fährt schon heute die U-Bahn, die sie direkt in die Innenstadt bringt. Ich gebe zu, bis es soweit ist, muss noch einiges passieren. Aber es sind ja auch noch ein paar Jahre bis 2025. Und der Wissenschaftsrat, dem die bayerische Staatsregierung unser Konzept gegen Jahresende zur Begutachtung vorliegen wird, will frische Ideen sehen – wie er sie in etlichen, wegweisenden, jetzt endlich umzusetzenden Denkschriften formuliert hat. An frischen Ideen fehlt es unserem Konzept wahrlich nicht, aber es wird deshalb auch teuer. 

 

Ist die "TUN" die Weiterentwicklung der "TUM"?

 

Nürnberg bietet eine einmalige Chance, modellhaft das deutsche Hochschulsystem zu beleben. Die TU Nürnberg ist, wenn Sie so wollen, die TU München, wie ich sie gemacht hätte, wenn sie nicht schon 150 Jahre alt gewesen wäre, inklusive der vorhandenen Traditionen und Strukturen. Aber die TUM stand vor 20 Jahren nicht auf der Grünen Wiese. Die TU Nürnberg schon. 


Nachtrag am 05. Juli 2018:

Die ZEIT-Kollegen kommentieren im ChancenBrief, bundesweit habe Bayerns Ministerpräsident Söder zuletzt eher den "asylpolitischen Derwisch" gemacht. "Jetzt macht er Wissenschaftspolitik." Als ein "wuchtiges Signal mit Strahlkraft auf ganz Bayern" und "darüber hinaus" wolle Söder die drei Milliarden Euro verstanden wissen, "mit denen er in den nächsten 30 Jahren die Wissenschaft in seiner fränkischen Heimat zu pimpen gedenkt. Fürs Protokoll: Im Herbst sind Landtagswahlen in Bayern, und die CSU hat Angst um ihre Mehrheit."

 

Die Süddeutsche Zeitung berichtet von einer grundsätzlichen Zustimmung der Opposition im bayerischen Landtag zur neuen Universität, allerdings wurden zugleich Vorwürfe laut, die Pläne seien einseitig und am Parlament vorbei geschmiedet worden. "Es kann nicht sein, dass wir eine Modell-Uni gründen, die völlig abweicht von der bisherigen Hochschullandschaft von Bayern", zitiert die SZ den Ausschussvorsitzende Michael Piazolo von den Freien Wählern (FW). Die guten Ideen für Nürnberg fordert Piazolo für den ganzen bayerischen Hochschulraum, nicht nur für die "Heimatstadt des Ministerpräsidenten": "Das Geld möchte ich auch an anderen Hochschulen in Bayern fließen sehen."

 

Die geplanten außerordentlich guten Betreuungsverhältnisse müssten für alle Hochschulen in Bayern gelten, forderte auch die Landtagsabgeordnete Isabell Zacharias von der SPD, und Verena Osgyan (Grüne) kritisierte: "Die neue Uni darf alles, was die anderen nicht dürfen."

 

An zwei in den Eckpunkten enthaltenen Zielen wurde dagegen bislang überraschend wenig Kritik laut. Erstens: Das geplante Studienmodell könnte in der Entwertung des Bachelorabschlusses faktisch die Neuauflage des Diplom bedeuten. Und: Die guten Betreuungsverhältnisse sollen mit Zulassungsbeschränkungen in allen Fächern umgesetzt werden, was normalerweise das geltende Kapazitätsrecht und die im Grundgesetz verankerte Freiheit der Berufswahl verhindern.

 

Laut Bundesverfassungsgericht darf der Hochschulzugang eigentlich nur dann beschränkt werden, wenn die Studienkapazitäten nachweislich erschöpft sind. Wolfgang Herrmann verweist im Interview auf vergleichbare, im bayerischen Hochschulgesetz abgesicherte Regelungen, die in einer Reihe von Studiengängen bereits an der TU München existieren.

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Kommentare: 9
  • #1

    Mannheimer Studi (Mittwoch, 04 Juli 2018 09:51)

    Klingt ja alles toll. Aber lässt sich so etwas überhaupt am Reissbrett planen?
    Ich habe mal gelernt, dass gute Leute gerne dort hingehen, wo schon andere gute Leute sind. Wie will man aus dem Stand eine solche kritische Masse erreichen?
    Ich hätte Interesse an einem Expertenkommentar dazu.

  • #2

    Hajo Müller (Mittwoch, 04 Juli 2018 10:50)

    Interessante Punkte. Ich finde es bedenklich, dass der Bachelor abgewertet wird und faktisch wieder die Diplomstrukturen geschaffen werden. Wäre es nicht sinnvoll Bachelorstudiengänge zu konstruieren, die tatsächlich auf ein Berufsfeld vorbereiten?
    Für mich klingt das alles zudem sehr elitär. Man möchte nur die Besten, der Durchschnitt darf sich nicht an der TUN immatrikulieren.

  • #3

    Regina Link (Mittwoch, 04 Juli 2018 13:35)

    Und Bayern wird eine solche Uni mit diesem Anspruch dauerhaft finanzieren? Ich bin gespannt, frage mich allerdings auch, ob das effizient ist, einerseits bundesseitig einen Exzellenzwettbewerb auszuloben und andererseits landesseitig eigene Exzellenzeinrichtungen zu gründen.
    Eine zweite Sache lässt mich in dieser Kombination immer etwas stutzen: Nichts gegen Technikfolgenforschung; eine gute, notwendige Sache. Wenn aber in diesem Zusammenhang von Interdisziplinarität gesprochen wird, frage ich mich immer, ob hier wirklich auch Augenhöhe gemeint ist oder die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht doch als Auftraggeber in den Dienst der Natur- und Ingenieurwissenschaften gestellt werden. Umso mehr, als es ja, wie Herr Herrmann betont, mit Nachdruck um Entrepreneurship gehen soll. Wie eigenständig bestimmen dann die Soziologen oder Philosophen die Agenda der Uni bzw. die interdisziplinäre Zusammenarbeit?

  • #4

    Josef König (Donnerstag, 05 Juli 2018 22:29)

    Das Konzept ist spannend und modern, wobei im Grunde bereits die Ruhr-Universität Bochum mit einer Department-Struktur 1965 eröffnet worden ist, aber wenig Jahre später wurde sie in eine „unechte“ Fakultätsstruktur umgewandelt, die eher eine Fachbereichsstruktur ist. Möge in Nürnberg das besser funktionieren.
    Allerdings frage ich mich, ob die Gründer hoffen bzw. erwarten, dass bis zur Gründung die KapVO (Kapazitätsverordnung) abgeschafft sein wird, um diese besonderen Betreuungsrelationen zu gewährleisten. Sonst müsste der TUN ein Sonderstatus zugestanden werden - und der Neid wäre ihr gewiss!

  • #5

    McFischer (Freitag, 06 Juli 2018 09:23)

    Klingt erst einmal spannend!
    Die Abwertung des Bachelorabschlusses sehe ich nicht so gravierend. Die 'Befähigung zur Aufnahme einer qualifizierten Berufstätigkeit' ist sowieso je nach Fach und Hochschulprofil sehr unterschiedlich. In vielen Fällen kann der Bachelor genau das leisten (vom Bachelor 'Tourismusmanagement" bis zum Bachelor "Ergotherapie"), in anderen, universitären Fächern (Physik, Chemie, Biochemie) ist das eine Illusion, da oftmals sogar eine Promotion für den Normaleinstieg ins Berufsleben nötig ist. Die hier vorliegende Idee, den Bachelor als Opt-Out-Möglichkeit zu nutzen, kommt dem gut entgegen. Das ist jedenfalls deutlich sinnvoller, als die Wende zum symbolisch überhöhten Diplom mitzumachen.

  • #6

    Thomas A. H. Schöck (Freitag, 06 Juli 2018 15:20)

    Es ist höchst bemerkenswert, wie ein kritischer Journalist die (inhaltlich und räumlich) sehr naheliegende Frage des Verhältnisses zu und der Kooperation mit benachbarten Wissenschaftseinrichtungen so konsequent ausklammern kann.

  • #7

    Jan-Martin Wiarda (Freitag, 06 Juli 2018)

    Lieber Herr Schöck,

    point taken. Wobei a) Herrmann kurz darauf eingeht und b) in meiner Wahrnehmung eine eventuelle Ungleichbehandlung der bestehenden Hochschulen ja durch ein Milliardenpaket für Franken insgesamt abgefedert wurde. Wobei sich die anderen Landesteile dafür vermutlich umso mehr beschweren könnten.

    Beste Grüße
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #8

    Mannheimer Studi (Montag, 09 Juli 2018 11:19)

    "Die hier vorliegende Idee, den Bachelor als Opt-Out-Möglichkeit zu nutzen, kommt dem gut entgegen."

    Vorgeschlagen ist ein Opt-in für das Bachelorzeugnis, nicht ein Opt-out. Das könnte womöglich zu einer Stigmatisierung von Absolventen führen, die eine andere Abzweigung auf ihrem Lebensweg nehmen. So nach dem Motto: "Wie, du hast dir ein Bachelorzeugnis ausstellen lassen? Hast es wohl nicht geschafft an der TUN."
    Ein solcher Anschein sollte vermieden werden, auch im Interesse der TUN, wenn sie erfolgreiche Absolventen produzieren möchte.

  • #9

    Gerhard Franz (Donnerstag, 12 Juli 2018 11:11)

    Es ist natürlich toll, wenn ein so erfolgreicher Präsident (und erstklassiger Naturwissenschaftler) sich zum Ziel setzt, zwingend geisteswissenschaftliche Bezüge ins Studium aufzunehmen. Das gilt auch anders herum. Leider wird dieses Defizit des umfassenden Approaches eher von Naturwissenschaftlern beklagt (vielleicht gibt es von uns nur mehr, vielleicht ist es aber auch mühsamer gerade bei einer geforderten Interdisziplinarität allein in verwandten Bereichen auch gut zu sein?).
    Ein ganz wichtiger Punkt ist aber nicht angesprochen: wie macht man in seinen jungen Jahren ambitionierte Forschung? Diese trägt ein höheres Risiko des Scheiterns in sich als eher konventionelle Arbeit, die aber eher gefördert wird? Soll es ein Gremium "Frau Holle" geben, das über solche kleineren und größeren Projekte Goldregen gießt?