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Bitte zahlen

Die DEAL-Verhandlungen mit Elsevier sind vorerst gescheitert. Als Reaktion will der Verlag wieder alle Hochschulen zur Kasse bitten.

DASS EINE ENTSCHEIDUNG bevorstand, hatte sich in den vergangenen Tagen abgezeichnet. Noch einmal trafen sich der Verlag Elsevier und das DEAL-Konsortium in Bonn, um die Möglichkeiten eines Kompromisses auszuloten, kurz danach verschickte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) eine Pressemitteilung: Die Verhandlungen werden unterbrochen. Die Elsevier-Forderungen seien "für die Wissenschaft inakzeptabel", verkündete der scheidende HRK-Präsident Horst Hippler, der weiter Verhandlungsführer und Sprecher des DEAL-Lenkungsausschusses bleiben soll. 

 

Verhandlungen unterbrochen, was soll denn das heißen? Es ist ja nicht so, dass Elsevier und das DEAL-Verhandlungsteam ständig zusammengehockt hätten. Offenbar handelt es sich vor allem um die Reaktion der Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen auf Versuche des Verlags, den Einigungsdruck zu erhöhen.

 

Entsprechend verschärft HRK-Verhandlungsführer Hippler in der Pressemitteilung selbst noch einmal den Ton. Ziel sei erstens "ein Ende der für die Bibliotheken ruinösen Preisentwicklung bei den wissenschaftlichen Zeitschriften." Zweitens: die Förderung von Open Access, "also im Kern, die Ergebnisse öffentlich finanzierter Forschung frei zugänglich machen." Der Weg dahin sei ein "nachhaltiges Publish&Read-Modell, also eine faire Bezahlung für die Publikation und dann eine freie Verfügbarkeit für die Leser." Doch Elsevier sei weiterhin nicht zu einem deutschlandweiten Vertrag nach diesem Modell bereit, "der nachhaltig finanzierbar ist."

 

Also alle Schuld bei Elsevier? Auch der Verlag hat nach dem  – wie beide Seite übrigens betonen – vorläufigen Scheitern der Verhandlungen ein Statement veröffentlicht. Darin heißt es, Elsevier fühle sich "einer nationalen Vereinbarung mit Projekt DEAL verpflichtet" und wolle eine nachhaltige Lösung zur Unterstützung der deutschen Forschung und ihrer Open-Access-Ambitionen finden". So hätten sich DEAL und Elsevier bereits darauf verständigt, "dass das sogenannte Publish-and-Read-Modell eine wichtige Rolle beim Übergang zu Open Access spielen kann."  

 

Man beachte das fast identische Wording: Zumindest rhetorisch hat sich der Verlag dem DEAL-Konsortium merklich angenähert. Und wirft der HRK implizit vor, sie bleibe mit ihrem plakativen "Wir unterbrechen die Verhandlungen" hinter den bereits erreichten Fortschritten zurück. 

 

Am Ende, so scheint es, geht es dann doch nicht so sehr um Open Access, sondern vor allem steckt hinter den Verhandlungen ein erbitterter Schlagabtausch um jede Menge Geld (die Geschichte der bisherigen Verhandlungen und die Rolle von Horst Hippler finden Sie hier). Die Gewinnmargen bei Elsevier und anderen Wissenschaftsverlagen sind gewaltig und liegen regelmäßig über 30 Prozent, was logischerweise Unverständnis in den Budgetknappheit gewohnten Hochschulen weckt. Umgekehrt behaupten die Verlage, die Kosten pro bezogenen Artikel seien zuletzt schon gesunken. 

 

Dass sich die Verhandlungen jetzt derart zugespitzt haben, liegt vermutlich im Kern daran, dass bei Elsevier allmählich die Geduldsfäden reißen. Alle Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen, die Anfang 2017 bzw. Anfang 2018 aus verhandlungstaktischen Gründen ihr Abo mit Elsevier nicht verlängert hatten (es sind knapp über 200), beziehen seither dessen Publikationen kostenlos – ein Zugeständnis des Verlags, um sein arg angekratztes Image in der Wissenschaftscommunity aufzupolieren. 

 

Doch aus dem Zugeständnis von einst ist ein Druckmittel für die DEAL-Partner geworden. Je länger die Verhandlungen sich ziehen, desto mehr Einnahmen entgehen Elsevier, gleichzeitig nimmt der Unmut bei anderen Wissenschaftseinrichtungen zu, die brav weiter zahlen. Entsprechend, und auch das kommt in der Elsevier-Pressemitteilung zum Ausdruck, hatte der Verlag jetzt und damit schon vor Abschluss eines Nationalen Abkommens auf eine Übergangslösung gedrängt. Von einem "attraktiven Angebot" ist die Rede. Im Klartext: Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollten  zahlen – immerhin nicht rückwirkend, aber für die Zukunft wieder. 

 

Doch waren die HRK und die anderen DEAL-Partner nicht bereit, einer solchen Übergangslösung zuzustimmen – offenbar weil sie eine Schwächung ihrer Verhandlungsposition fürchteten. Vorher müsse mit Elsevier eine "grundsätzliche Einigung über die Rahmenbedingungen eines künftigen Publish&Read-Vertrags "erzielt werden, sagte Hippler. "Das ist nach aktuellem Stand jedoch nicht gegeben." Und so erklärte DEAL das Ringen vorerst für gescheitert.

 

Der Verlag kündigte gestern an, dass die Zeit des kostenfreien Zugangs jetzt vorbei gehe. "Nachdem Elsevier den Zugang für diese Institutionen in Erwartung auf Fortschritte bei den DEAL-Verhandlungen bisher aufrechterhalten hat, werden wir nun mit ihnen besprechen, welche Angebote sie von Elsevier in Zukunft beziehen wollen." Darüber hinaus bestätigte der Verlag, er werde schon in den nächsten Tagen alle betroffenen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen kontaktieren.

 

Die Hochschulen sollen sich also entscheiden: Entweder wieder zahlen, oder der Zugang wird gesperrt. Das ist die eigentliche Verschärfung. Doch das DEAL-Konsortum gibt sich demonstrativ gelassen. Für den Fall der Abschaltung der Zugänge "wurden entsprechende Vorkehrungen getroffen".

 

Auf Nachfrage konkretisierte die HRK am Freitagnachmittag, es bestünden vielfältige Wege der Dokumentlieferung: "von der klassischen Fernleihe bis zum schnellen Direktlieferdienst." Und Horst Hippler fügte hinzu: "Ohnehin muss Elsevier weiterhin einen uneingeschränkten Zugriff auf die Inhalte gewähren, für die Archivrechte bestehen." Alles richtig. Aber so richtig nach "entsprechenden Vorkehrungen" klingt das nun auch wieder nicht. 

 

Es werden spannende Wochen für die Unibibliotheken. Und in Sachen DEAL-Verhandlungen wird es erst jetzt richtig ernst.


Anmerkung: In einer früheren Version schrieb ich, die Abokosten seien bereits gesunken. Dies wird von den Hochschulen nicht bestätigt. Deshalb habe ich die Stelle korrigiert. Ich gehe dem weiter nach.

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Kommentare: 3
  • #1

    anonym (Freitag, 06 Juli 2018 22:06)

    Zu den Abokosten kann ich grob anmerken. Evtl. sind die Abokosten für einzelne Zeitschriften gesunken, Universitäten wurden zumindest in der Vergangenheit aber Abo-Pakete angeboten, die oft nichts mit dem Fächerprofil der Uni zu tun hatte. So musste gefühlt zu den 3-4 gewünschten Zeitschriften 20 andere abonniert werden, die niemals genutzt wurden.

  • #2

    Roman S. (Freitag, 06 Juli 2018 23:52)

    Vielleicht schicken die Hochschulen eine Email an alle Mitarbeiter*innen, doch bitte in der Übergangszeit BLOS NICHT so dubiose Angebote wie sci-hub zu benutzen.

  • #3

    Josef König (Samstag, 21 Juli 2018 10:45)

    Stimmt die Zahl „30% Rendite“? Ich habe erst kürzlich im persönlichen Gespräch mit gut Informierten gehört, dass Elsevier Renditen von 60% erwartet und erzielt, und in Verhandlungen gleichsam „aggressiv und erpresserisch, fast mafiös“ auftritt.
    Das Problem m.E. ist das System: Wissenschaftler forschen mit öffentlichen Geldern, zahlen mit diesen Geldern auch die Veröffentlichungen, die sie einschl. Layout erstellen müssen, arbeiten kostenlos für die Verlage als Gutachter, und die Institutionen müssen auch noch horrende Beträge aus öffentlichen Mitteln für den Bezug der Publikationen zahlen.
    Warum nimmt die weltweit organisierte Wissenschaft das nicht selbst in die Hand? Diese Frage stelle ich seit Jahren und bekomme keine plausible Antwort. M.W. haben kleinere Fächer wie Mathematik und Quantenphysik das bereits erfolgreich vorgemacht. Vermutlich fehlt einfach der Wille oder das Bewusstsen auf seiten der Wissenschaftler, denen auch die Verhandlungen zumeist egal zu sein scheinen (mit Ausnahme derjenigen, die in den Organisation die Verantwortung für die Gelder tragen).