· 

Blick zurück (11): Grauer Himmel über Klein-Kasachstan

Seit über 20 Jahren beschäftigte ich mich mit Hochschulen, Bildung und Wissenschaft. Viel ist passiert in dieser Zeit, vieles davon durfte ich als Journalist begleiten. Der Blick zurück zeigt, wie aktuell einige meiner Themen von einst geblieben sind – obwohl sich fast alles verändert hat. Machmal allerdings auch, weil sich fast gar nichts verändert hat. Der 11. Teil einer Serie.

Grauer Himmel über Klein-Kasachstan

Im Emsland leben besonders viele Spätaussiedler aus der Ex-Sowjetunion – heimisch geworden sind sie noch nicht

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Oktober 2000)

 

SERGEJ STEHT MIT seinen Freunden auf dem Parkplatz hinterm Rathaus von Freren, und sie stoßen mit Wodka in Plastikbechern an. Immer öfter auch mit Berenzen. Denn sie sind jetzt Deutsche in Deutschland. Und während sich die Emsländer vor der Kälte in ihren Häusern verkriechen, erzählt Sergej vom Schnee in Kasachstan und einer Kälte, die knackig ist und nicht so feucht wie hier im Emsland, wo der Oktober nicht viel anders ist als der Januar.

 

Es ist Freitagnacht. Auf den Straßen der niedersächsischen Kleinstadt hört man um diese Uhrzeit nur noch russisch. Vor dem Supermarkt sitzen die Jugendlichen in ihren Autos und haben die Anlage aufgedreht, zwischen italienischem Eiscafé und russischem Lebensmittelladen rufen sie sich Witze zu.

 

Zehn Jahre ist es her, dass mit der Wende in Osteuropa die Zahl der Spätaussiedler in die Höhe geschnellt ist. Waren es vorher jedes Jahr ein paar tausend, kamen plötzlich Hunderttausende. Das vereinte Deutschland schulde ihnen als Deutsche die Einbürgerung, haben die Politiker gesagt. Doch zu allererst kamen sie als Bürger ehemals kommunistischer Staaten, die sich eingliedern sollten in ein Gesellschaftssystem, das sie nicht kannten.

 

Wo die Wiesen weit sind

 

Es war so ähnlich wie mit den Ostdeutschen. Doch die hatten wenigstens den Heimvorteil. So kamen sie, die Russlanddeutschen, und viele kamen ins Emsland, wo die Wiesen weit und die Dörfer noch keine Vorstädte sind. Viel Land, wenig Menschen: fast wie zu Hause. Bis 1996 das Wohnortzuweisungsgesetz die freie Wohnortwahl einschränkte, hatten sich 20 000 Spätaussiedler hier niedergelassen. Der ersten Zuzugswelle Anfang der Neunziger folgten andere. Mittlerweile machen die Spätaussiedler sieben Prozent der 300 000 Einwohner aus, bewohnen Neubaugebiete, die die Einheimischen "Neu-Moskau" und "Klein-Kasachstan" getauft haben. Fast die Hälfte von ihnen ist unter 27 Jahre alt.

 

Sergej ist 20, trägt eine Baseballjacke und die Haare kurz. Ihm gehört der tiefer gelegte Golf mit den Alufelgen, der ein paar Meter weiter abkühlt. "Draußen zu feiern, ist in Kasachstan ganz normal", sagt er wie zur Rechtfertigung. Er und seine Freunde müssen sich oft rechtfertigen. Spätestens, wenn irgendwann die Polizei vorbeikommt und ihre Namen aufschreibt, damit am nächsten Morgen nicht wieder Müll herumliegt. Oder wenn die Arbeitskollegen von Sergej fragen, wie er sich so ein Auto leisten kann. "Der Drogenhandel", sagt er dann, und sie fragen nicht mehr.

 

Haben seine Eltern ihn um sein Einverständnis gebeten, als sie sein Heimatdorf verlassen haben, vor sechs Jahren und 5000 Kilometern Reise? Sergej hebt die Schultern. Sie kannten alle die Berichte ihrer Verwandten, die schon zwei Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland ein eigenes Auto besaßen. Doch dann war dieses Land plötzlich nicht das verheißene Paradies, sondern das Emsland, und die Leute sprachen deutsch. "Das erste halbe Jahr in der Schule war hart", sagt Sergej. "Kein Wort habe ich verstanden."

 

Die Jugendlichen erwische es besonders schlimm, sagt der Osnabrücker Migrationsforscher Klaus Bade. Sie erlebten nach ihrer Ankunft einen zweifachen Schock: "Zuhause waren sie die Deutschen, hier sind sie die Russen. Und dann denken sie, wenn sie erst mal deutsch können, sei alles ausgestanden. Doch je mehr sie die Sprache ihrer Umwelt verstehen, desto fremder wird sie ihnen."

 

Deutsch beherrschen Sergej und seine Freunde inzwischen fehlerfrei. Ein hartes R hier oder eine verschluckte Endung da verraten sie noch, gut. Aber die Emsländer sprechen auch einen eigenartigen Dialekt. Das mit der Fremdheit würde Sergej allerdings nie zugeben. Klar haben sie einheimische Freunde. Nur ist zufällig gerade keiner da. Eine Runde Berenzen später verrät sein Kumpel Arthur aber dann doch, "dass wir in keine deutsche Disko reinkommen". Die Deutschen seien leider ziemlich rechtsradikal. "Uns Russen wollen sie da nicht haben." Die anderen nicken. Und merken kaum, dass sie sich selbst Russen nennen.

 

"Irgendwann müssen manche der jugendlichen Aussiedler erkennen, dass ihre Benachteiligung nicht von der Sprache herrührt, sondern dass sie struktureller Art ist”" sagt Bade. Die meisten von ihnen stürzen sich in die Arbeit, sind fleißig, wissen, dass sie besser sein müssen als die anderen. Nur nicht negativ auffallen. Einige halten das nicht durch. Bei ihnen bleibt es nicht beim gelegentlichen Besäufnis. Sie rutschen ab.

 

Wie Andreas. Mit seinen Kumpels hat er früher auf dem Markplatz von Werlte herumgelungert, genau wie Sergej und seine Freunde, nur vierzig Kilometer weiter, Richtung Nordsee. Jetzt sitzt der 23-Jährige in der JVA Lingen II. Zwei Jahre und neun Monate, inklusive einer alten Bewährungsstrafe, hat das Gericht ihm aufgebrummt. Angefangen hatte alles mit ein paar geklauten Leergutkisten und geknackten Zigarettenautomaten. Dann kamen die Einbrüche in den Supermarkt, immer häufiger, immer unvorsichtiger. Wie das so ist, wenn man dringend Geld braucht und der Stoff in Groningen teuer ist. Die Geschichte einer Drogenkarriere. Die Geschichte einer gescheiterten Integration.

 

"Wir müssen akzeptieren, dass es einen bestimmten Prozentsatz gibt, die sich in unserem System nicht zurechtfinden", sagt Oberkreisdirektor Hermann Bröring. "Das gilt für Aussiedler wie für Einheimische. " Über seinem Schreibtisch im Kreishaus von Meppen hängt ein Ölbild: die Ems im November. Grauer Himmel, Wind peitscht über das Wasser. Ein raues Stück Natur. So ist das Emsland, sagt Bröring.

 

So sind auch die Menschen. "Mit den Russen wollen wir nichts zu tun haben", sagt die Frau mit silbrigem Haar und stellt für einen Moment den Rasenmäher ab. Es ist Nachmittag, Gartenarbeit ist angesagt in Werlte, wo über 17 Prozent der Einwohner Spätaussiedler sind – die höchste Quote aller Gemeinden im Emsland, siebenmal so viel wie im Bundesdurchschnitt. "In unserer Straße wohnen Gott sei dank keine", sagt die Frau. Lange Zeit habe sie sich abends nicht raus getraut. "Die Hälfte von denen arbeitet nicht, redet kein Deutsch, und trotzdem kriegen sie solche Zuschüsse, dass sie sich schon ihre eigenen Häuser bauen."

 

Das leidige Thema Hausbau. Alle reden davon. 78 Prozent der Emsländer leben in ihren eigenen vier Wänden, das Einfamilienhaus ist hier mehr als anderswo eine Frage des sozialen Prestiges. Das haben auch die Spätaussiedler ziemlich schnell begriffen, und so schuften nach Feierabend und an Wochenenden ganze Großfamilien, um dem Onkel, Schwager oder der Oma das Eigenheim hochzuziehen. Das senkt die Kosten und erhöht das Misstrauen der Einheimischen, denen so viel Solidarität unheimlich ist. Der wachsende Wohlstand sorgt jedoch dafür, dass die Familienbande lockerer werden.

 

Auch Ludmilla Stumpf und ihre Familie waren dieses Jahr mit dem Hausbau an der Reihe. Am Ortsrand von Freren, da, wo immer neue Siedlungsstraßen in die Wiesen hinein wuchern, haben sie in neun Monaten ihren Traum verwirklicht: ein Haus aus rotem Backstein wie all die anderen Häuser aus rotem Backstein, die das Emsland dekorieren. In der Wohnzimmerwand haben sie den Milchzahn der Kleinsten eingemauert. "Irgendwo muss man doch zu Hause sein", sagt Ludmilla Stumpf. In Kasachstan war sie Finanzfachangestellte, in Deutschland ist sie Putzfrau. Ihr Mann arbeitet als Maurer. "Wir kommen schon zurecht", sagt sie. "Wenn ich frustriert bin, denke ich an meine Kinder. Und daran, wie es jetzt in Russland zugeht." Ihre älteste Tochter ist 18 und geht auf die Höhere Handelsschule. "Ich sage ihr immer, die Putzstellen sind schon alle besetzt. Sie muss sich was anderes suchen."

 

Unter den Aussiedlerkindern steigt der Anteil der Realschüler und Gymnasiasten. Es gilt die Formel: Je jünger bei der Ankunft, desto leichter fällt die Integration. Aber auch unter den Einheimischen haben viele umgedacht. In fast jeder Gemeinde des Emslandes haben sich Initiativen gegründet, private wie kommunale. Werlte hat schon 1994 mit Bundesmitteln Waldemar Heckel angestellt, "unseren Streetworker", wie Bürgermeister Heinz Krone ihn nennt.

 

Heckel stammt selbst aus Kasachstan und leitet das Haus der Begegnung, das sie vor zwei Jahren gebaut haben. Leider begegnen sich dort bislang nur die Russlanddeutschen. Aber auch das wird sich eines Tages ändern, davon ist Heckel überzeugt. Nachmittags spielt er mit den Jugendlichen Volleyball und Tischtennis. Fragt man den gutmütigen Mann allerdings nach Andreas und seinen Freunden, verhärtet sich sein Gesichtsausdruck. "Das Arbeitsamt, die Kirchen, die Gemeinde – alle haben sich um sie bemüht. Aber der Wille, der muss da sein."

 

Sergej glaubt an die Zukunft

 

Fast zwei Millionen Russlanddeutsche sind seit 1988 nach Deutschland gekommen. Klaus Bade sagt: "Unser Land hat endlich begriffen, dass die Aussiedler zwar Deutsche sind, vor allem aber Einwanderer. Dass man ihnen nicht hilft, indem man ihre Probleme klein redet." Es gibt Politiker wie den baden-württembergischen Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP), die die Spätaussiedler mit anderen Zuwanderern gleichstellen wollen. Die Sprachschwierigkeiten seien doch dieselben. Für Bade ist das der falsche Weg. "Mit einer Gleichstellung bin ich einverstanden, aber umgekehrt: Die ausländischen Zuwanderer sollten bei den Eingliederungshilfen auf die Ebene der Spätaussiedler angehoben werden."

 

Sergej glaubt an die Zukunft. "Wer was erreichen will, der schafft es auch", sagt er, bevor sie sich gegen Mitternacht zu fünft in seinen Golf quetschen und zur Russendisko nach Emsdetten losziehen. "Alles andere sind Ausreden." Maurer, Dreher, Dachdecker. Das sind sie heute. "Aber bestimmt nicht den Rest unseres Lebens." Zwei in der Runde vor dem Frerener Rathaus haben schon Fachabi.

 

In fünf Jahren sei das Thema Integration ausgestanden, hat Oberkreisdirektor Bröring gesagt. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht ist es im Emsland dann auch normal, dass Jugendliche sich abends zum Feiern hinterm Rathaus treffen. Und vielleicht sind ein paar liegen gebliebene Plastikbecher am Morgen dann nur noch Plastikbecher und kein Protest, weil einen sonst keiner sieht.


ALLE TEILE DER SERIE "BLICK ZURÜCK" FINDEN SIE HIER. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0