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"Es gibt kaum einen gemeinsamen Nenner"

Welche Strategien haben Hochschulen in Deutschland, um sich das nötige Geld zusammenzusuchen? Ein Interview mit Frank Ziegele vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).

Frank Ziegele, CHE-Geschäftsführer. Foto: CHE/David Außerhofer.

Herr Ziegele, für eine Fallstudie haben Sie die Finanzlage von insgesamt acht Hochschulen in zwei Bundesländern verglichen. Gab es da überhaupt neue Erkenntnisse zu gewinnen? Die Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) im Auftrag des Hochschulverbandes hat doch erst kürzlich empirisch bestätigt, was wir gefühlt schon lange wussten: dass die Hochschulen im Vergleich zu außeruniversitären Forschungseinrichtungen drastisch unterfinanziert sind – und noch dazu immer stärker abhängig von kurzfristigen Drittmitteln.

 

Alles richtig. Aber bislang haben sich Forscher fast immer nur die Hochschullandschaft als Ganzes angeschaut. Wenn laut FiBS-Studie die sogenannte leistungsunabhängige Landesfinanzierung in den vergangenen zehn Jahren von 73 auf 50 Prozent der gesamten Hochschulbudgets gesunken ist, dann ist das nur der Durchschnitt über alle Hochschulen, und es bleibt eine Frage offen: Was bedeutet das eigentlich für die einzelne Hochschule? Inwieweit entspricht die Realität vor Ort den großen Linien, wo finden sich Ausreißer, und wie lassen die sich begründen?

 

Und Ihre acht Hochschulen sollen die Antworten dazu liefern?

 

Wir haben vier Fachhochschulen und vier Universitäten, davon je die Hälfte in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, gebeten, uns ihre Haushaltszahlen im Detail offenzulegen. Wir erlebten gleich zwei Überraschungen. Die erste war die große Offenheit beim Bereitstellen von Finanzdaten. Die zweite die erheblichen Unterschiede in ihrer Finanzierung, die wir gefunden haben. Hinter dem Bundesdurchschnitt scheitn wirklich im Einzelfall eine große Bandbreite zu stecken.


Die Studie

 

Die Bilanzen von acht Hochschulen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hat das CHE durchforstet. Das wichtigste Ergebnis gibt der Untersuchung ihren sperrigen Titel: "Diversifizierung der Finanzquellen". Die Haushalte aller acht Hochschulen seien in den vergangenen zehn Jahren in absoluten Zahlen deutlich gestiegen, berichten die Forscher. Doch hinter dem Zuwachs verbergen sich dramatische Verschiebungen – mit Folgen für die Governance der Hochschulen.


Wie erklären Sie sich, dass die Hochschulen Ihnen so gern ihre Zahlen gegeben haben?

 

Offenbar leiden sie selbst unter der verbreiteten Intransparenz. Die offiziellen Berichte geben nur die bundes- oder landesweiten Zahlen her, dabei wäre es für einen Kanzler viel spannender zu wissen, wie andere Hochschulen ähnlicher Größe wirtschaften. Von unserer Studie erhofften sich die teilnehmenden Hochschulen also ein klein wenig mehr Klarheit über sich selbst – und über eine weitere zentrale Frage, mit der sie sich ständig konfrontiert sehen: Wie viele Drittmittel verträgt eine Hochschule, bis sie kippt? Keiner weiß es. Auch Definitionen sind teilweise unklar und erschweren den Vergleich zwischen den Hochschulen.


 Was meinen Sie mit den unklaren Definitionen? 

 

Bei den "Drittmitteln" besteht meist noch Einigkeit: Das sind befristete Forschungsgelder, eingeworben in Wettbewerben und Ausschreibungen, staatliche wie private. Aber  vor allem unter "Zweitmitteln" scheint jeder etwas anders zu verstehen. Für unsere Studie haben wir folgende Definition gewählt: Zweitmittel sind staatliche Mittel, ebenfalls befristet, die den Hochschulen zweckgebunden in Form von Programmen zugewiesen werden. Das heißt: Dieses Geld kann nicht der langfristig sicheren und frei verfügbaren Grundfinanzierung zugerechnet werden. Das prominenteste Beispiel ist der Hochschulpakt, mit dem Bund und Länder zusätzliche Studienplätze finanzieren. 

 

Kommen wir zu den beobachteten Unterschieden, woher die Hochschulen ihr Geld beziehen.     

 

Das ist wirklich interessant: Es gibt tatsächlich kaum einen gemeinsamen Nenner. In unserer Studie befand sich eine Hochschule, die komplett auf Expansion per Hochschulpaktmittel gesetzt hat und jetzt einen großen Teil ihres Budgets darüber bestreitet. Eine andere hat die europäische Förderprogramme für sich entdeckt, und wieder eine andere hat sich einen vergleichsweise hohen Anteil staatlicher Grundmittel bewahrt. Eine Gemeinsamkeit wiesen die acht Hochschulen allerdings doch auf: Keine von ihnen hat sich durch eine besondere Priorisierung von Drittmitteln aus der Wirtschaft hervorgetan. Was zu der schon länger vorhandenen Erkenntnis passt, dass die Bedeutung privater Forschungsförderung an deutschen Hochschulen wenig ausgeprägt ist und sich zuletzt sogar noch zurückentwickelt hat. 

 

Inwiefern beruhen die Unterschiede, die Sie beobachtet haben, auf freier Wahl, auf Strategie und Hochschulprofil sozusagen – und inwiefern werden die Hochschulen durch den Zwang der hochschulpolitischen Realitäten auf bestimmte Entwicklungspfade gedrängt?

 

Es wäre Schönfärberei, so zu tun, als könnten die Hochschulleitungen ausgeruhte strategische Entscheidungen treffen und die Wahl der Finanzquellen stets rational und strategisch ausrichten. Dafür stehen sie viel zu sehr unter Druck.

 

Sie nehmen, was sie kriegen können?

 

Zurückhaltender formuliert würde ich sagen: Die Hochschulen fahren auf Sicht. Es wäre schön, wenn ihre Finanzierung stärker Gegenstand systematischer Planung werden würde. Nur an einer Stelle verhalten sie sich alle sehr strategisch: Sie werden zunehmend geschickter im Identifizieren und Ausschöpfen bestehender Töpfe, an die sie mit den jeweiligen Stärken ihrer Hochschule rankommen. 

 

Werden Sie bitte mal konkret. Welche Hochschule stellt sich besonders geschickt an?

 

Die TH Wildau zum Beispiel hat in den letzten zehn Jahren ihre Drittmittel fast verdoppelt – auch weil sie außerordentlich erfolgreich war beim Einwerben von EU-Mitteln. Deren Anteil an allen Drittmitteln ist von gut 10 auf über 40 Prozent gestiegen. Wie Wildau das geschafft hat? Die Hochschule hat ihr Personal gezielt durch Schulungen fit gemacht für das Einwerben und Verwalten von Drittmittelprojekten. Und die Hochschulleitung hat die Motivation aller Beteiligten enorm dadurch gesteigert, dass sie zugesagt hat, Finanzierungslücken zwischen den Drittmittelprojekten zu schließen – so dass das Personal bleiben kann. Aber auch andere Hochschulen haben ihre jeweiligen Stärken, ganz klar. 

 

Haben Sie auch einen grundsätzlichen Unterschied zwischen NRW und Brandenburg feststellen können?

 

An einer Stelle ja, und zwar einen wirklich bedenkenswerten. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerium hat für sich definiert, was es für innovativ hält, und hat für hochschulpolitische Ziele jeweils einen eigenen Topf bereitgestellt. Wenn die Hochschulen an möglichst viel Geld wollen, müssen sie also jeder hingehaltenen Karotte hinterherlaufen. Brandenburg geht anders vor. Das Ministerium fragt die Hochschulen alle paar Jahre im Rahmen der Zielvereinbarungen, in welche Richtung sie sich weiterentwickeln wollen, und richtet seine Zweitmittelförderung an den formulierten Bedürfnissen aus, so dass jede Hochschule sich individuell profilieren kann. 

 

Wenn man Ihre Studie genau liest, fällt auf, dass Sie im Gegensatz zu anderen Hochschulforschern den Trend zu den Zweit- und Drittmitteln nicht nur negativ sehen. Typisch CHE? Immerhin galten Sie in der Szene lange als neoliberal.

 

Ob das typisch ist, müssen andere beurteilen. Aber in der Tat, wir sind bei dem Thema zwiegespalten. Zweit- und Drittmittel sind erstmal eine enorme Chance, neue Ideen und Entwicklungen in die Hochschulen zu tragen. Sie schaffen finanziellen Spielraum. Ich wäre der letzte, der sagen würde, dass die wettbewerbliche Vergabe von Geldern vom Grundsatz her falsch ist. Außerdem haben die Hochschulen überhaupt nur dank Zweit- und Drittmitteln über die vergangenen 20 Jahren solche Steigerungen der Haushaltsvolumina erreichen können. Der Bund hätte sich nie darauf eingelassen, sein Geld einfach in die Grundfinanzierung zu schießen, er möchte value for money. Aber natürlich ist die Kehrseite offensichtlich und für die Hochschulen schmerzhaft. Wenn aus Zweitmitteln etwa interne Einrichtungen zur Steigerung der Lehrqualität und für didaktische Weiterqualifizierung des Lehrpersonals bezahlt werden müssen, dann haben wir es mit der kurzfristigen Finanzierung von Daueraufgaben zu tun. Dann leidet die Nachhaltigkeit, und die Autonomie der Hochschulen wird ausgehöhlt.

 

Wie meinen Sie das?

 

Das ist doch die paradoxe Entwicklung schlechthin. Einerseits gesteht die Politik den Hochschulen größere Freiräume bei der Verwendung ihrer Grundmittel zu, Stichwort Globalbudgets, verbunden mit der entsprechenden Rhetorik, andererseits führt sie über die Zunahme der Zweit- und Drittmittel die Zweckbindung und kleinteilige Berichtspflichten durch die Hintertür wieder ein. Sogar das alte Dezemberfieber kehrt zurück, wenn zum Beispiel Exzellenzuniversitäten am Jahresende die Restmittel verballern müssen. Insofern ist der Befund, dass die Zweit- und Drittmittel überhandgenommen haben, im Kern richtig, aber trotzdem plädiere ich dafür, die Situation differenziert zu betrachten. 

 

Gibt es als Ergebnis Ihrer Studie eine Empfehlung, die für alle Hochschulen taugt?

 

Ich glaube, sie können alle noch besser werden, was ihr Risikomanagement angeht. Die Erschließung befristeter Mittel erfordert die Bildung von Rücklagen und das strategische Vorausplanen für die Zeit, wenn die Mittel möglicherweise nicht mehr fließen. Erst wenn die Hochschulleitungen das schaffen, brauchen sie nicht mehr vor jeder kurzfristigen politischen Weichenstellung fürchten. Übrigens würde ich mir auch von den Zweit- und Drittmittelgebern etwas wünschen: administrative Vorschriften und Berichtswesen harmonisieren.  

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