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Masse und Klasse

Fast die Hälfte der Grundschüler wechselt inzwischen aufs Gymnasium. Die Eliteschule von früher muss sich vielerorts neu erfinden – und tut es mit erstaunlichem Erfolg. Eine Geschichte aus Berlin.

Eingang zum Hermann-Ehlers-Gymnasium (links), Portal des Gymnasiums Steglitz. Fotos: Jan-Martin Wiarda.

FRAU SCHULZ MUSS erst mal etwas loswerden. "Ich dachte, wir hätten am Freitag ein ernsthaftes Gespräch gehabt", sagt sie mit mühsam beherrschter Stimme am Anfang der Deutschstunde. "Ich dachte, die Botschaft wäre angekommen, dass das Mobben sofort eingestellt wird."

 

14 Achtklässler ducken die Köpfe, finden plötzlich unheimlich interessant, was auf ihren Tischen liegt. Aber nein, sagt Frau Schulz, es sei wieder etwas vorgefallen. Dann steht sie vor einem Schüler mit dunklen Haaren und dicker Armbanduhr. Der fuchtelt empört mit den Händen, ruft: "Was denn? Ich? Was hab ich denn getan?"

 

Darüber könne er ja bis zum Ende der Stunde nachdenken, sagt Frau Schulz und will als Nächstes wissen, wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Sechs Schüler melden sich, zögernd noch ein siebter.

 

Ein normaler Morgen in einem normalen Gymnasium. Das Hermann-Ehlers-Gymnasium steht in Berlin-Steglitz. Als sein roter Backsteinbau 1905 eingeweiht wurde, war es eine moderne Schule: ohne Latein, aber mit einem Abschlusszeugnis, das zu jedem Studium berechtigte. Modern ist die Schule auch heute wieder, muss es sein. Denn die Schulform Gymnasium wandelt sich, weil ihr spektakulärer Erfolg der vergangenen Jahrzehnte zu ihrer größten Prüfung geworden ist.

 

In Tübingen machen schon über
70 Prozent der Schüler Abi

 

44 Prozent aller Grundschüler wechseln heute ans Gymnasium, rechnet der Nationale Bildungsbericht vor. Auf dem Land sind es oft weniger, in vielen Städten umso mehr. In Tübingen hat der Anteil der Gymnasiasten sogar die 70 Prozent überschritten. Der bundesweite Trend ist eindeutig: Allein seit dem Jahr 2000 ist die Übergangsquote um sieben Prozentpunkte gestiegen. Sieben Prozent: So viele Schüler machten 1960 insgesamt Abitur.

 

Vor drei, vier Jahrzehnten schien sich das Schicksal des Gymnasiums noch an der aufkommenden Konkurrenz durch die Gesamtschulen zu entscheiden. Eine Oberschule für alle, mehr Bildungschancen auch für Kinder, deren Eltern nicht Akademiker sind, das war das erklärte Ziel vieler Bildungsreformer. Die Gymnasien wehrten sich erbittert, mit dem Ergebnis, dass die Gesamtschule nie aus der Nische kam. Ihre Bildungschancen holten sich die Kinder trotzdem – immer mehr von ihnen strömten aufs Gymnasium. Es ist die womöglich größte Ironie der jüngeren Bildungsgeschichte: Das Ideal der Gesamtschulverfechter, die Oberschule für (fast) alle, existiert. Es heißt Gymnasium.

 

Zwar sei die Schülerschaft an Gymnasien immer noch deutlich homogener als an anderen Schulen, sagt Hanna Dumont vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). "Doch je mehr Schüler in einem Bundesland aufs Gymnasium wechseln, desto stärker wachsen die Unterschiede bei den Leistungen und die Vielfalt der Elternhäuser." Jedes dritte Gymnasium hat inzwischen einen Migrantenanteil von mindestens 25 Prozent, im Jahr 2000 war es nur jedes achte.

 

Das Gymnasium, diese jahrhundertealte Schulform, hervorgegangen aus der mittelalterlichen Lateinschule, muss sich neu erfinden. Wobei diese Formulierung eigentlich in die Irre führe, sagt Ulrich Trautwein, Bildungsforscher an der Universität Tübingen: "Vielleicht hat es das Gymnasium früher einmal gegeben. Heute gibt es viele unterschiedliche Ideen von dem, was ein Gymnasium ausmacht."

 

Besonders gut lässt sich das ausgerechnet in einem bürgerlichen Berliner Bezirk wie Steglitz-Zehlendorf beobachten, der weder durch extreme Armut noch durch außergewöhnlich viele Migranten heraussticht. 13 Gymnasien gibt es dort, bei rund 300 000 Einwohnern. Um ihre Bandbreite zu erfassen, reichen ein paar Zahlen. Zuerst das Hermann-Ehlers-Gymnasium: 480 Schüler, jeder zweite spricht zu Hause nicht nur Deutsch, Tendenz steigend. Der Abiturschnitt lag 2018 bei 2,6.

 

Vom Hermann-Ehlers sind es nur fünf Minuten Fußweg bis zu einem weiteren Schulbau der Gründerzeit, noch mehr Backstein, an der Fassade goldene Lettern: "Gymnasium". Mehr muss da auch nicht stehen. Schließlich ist es das Gymnasium im Stadtteil, das älteste, 1886 gegründet, das humanistische. Es hat fast doppelt so viele Schüler wie die Ehlers-Schule, aber jeder vierte ist "nicht deutscher Herkunftssprache", wie es amtlich heißt. Abischnitt: 2,0.

 

Ipad-Comics am
humanistischen Gymnasium

 

An diesem Morgen huschen zwei Dutzend Sechstklässler in römischen Togen durch die Eingangshalle. "Gewi", Gesellschaftswissenschaften bei Jonas Winkler: Der lässt seine Schüler einen Comic über das alte Rom fotografieren. Sie posieren vor grünen Tüchern, die Software auf ihren Tablets fügt den Hintergrund ein: Landhaus mit Freitreppe, Kolosseum, Wohnzimmer mit prächtig bemalten Tapeten. Es sind Geschichten über Sklaven und Herren, über Zeitmaschinen, Missverständnisse und komplizierte Verwicklungen. Die Schüler haben sich alles selbst ausgedacht, am Tablet fügen sie die Fotos in die vorgesehenen Rahmen und beschriften die dazugehörigen Sprechblasen.

 

Winkler ist jung, seit ein paar Jahren erst an der Schule, aber er weiß: Hier will er nicht mehr weg. "Das ist so schön hier", sagt er versonnen. "Die Schüler sind motiviert, sie wollen lernen, einfach aus sich selbst heraus."

 

Seine Schüler heißen Jakob, Luca, Ann-Sophie, Joshua, Emmy oder Lenz. Und das einzige Problem, vor das sie Herrn Winkler an diesem Morgen stellen: Sie sind zu schnell. Wer mit dem Comic fertig ist, kann zwischen Arbeitsblättern wählen. Die einzelnen Bereiche eines römischen Hauses benennen oder ein Städterätsel mit QR-Code ausfüllen. Die Doppelstunde ist noch nicht halb herum, da kommt der erste Schüler und fragt: "Herr Winkler, und was kann ich jetzt machen?" Winkler improvisiert, das ist er gewöhnt. Seine Schüler sind oft schneller als gedacht.

 

Auch Angela Schulz muss oft spontan reagieren, aber aus anderen Gründen. Sie steht vor ihrer achten Klasse und will eine Episode aus "Kleider machen Leute" von Gottfried Keller besprechen. Vor ihr sitzen Tyrell, Eileen, Igor, Sophia, Wakan und Celine. Sie sollen die Charaktere in Kellers Novelle beschreiben. "Sorgvoll" sei der Wirt, wirft das Mädchen in der dritten Reihe ein. Schulz stutzt. "Ach, du meinst fürsorglich", sagt sie dann. Als jemand dazwischenruft, die Tochter des Amtsrats sei "sauer", fragt die Lehrerin, ob jemand ein weniger umgangssprachliches Wort dafür kennt. "Unwohl?", fragt ein Junge vorsichtig. "Nö", antwortet Schulz.

 

Es sind zufällig beobachtete Szenen, doch sie zeigen, was die Schulforschung schon länger beobachtet. Der Boom der Gymnasien führt nicht dazu, dass die Schülerschaft überall bunter wird. Es gibt Schulen, die sich ihre Homogenität weitgehend bewahren. In Berlin sind das vor allem die sogenannten grundständigen Gymnasien wie das Steglitzer, die alte Sprachen anbieten und ihre Schüler bereits nach der vierten Klasse rekrutieren. Sie leben von ihrem Ruf und den Leistungen der Schüler, die zumeist aus bürgerlichen Familien kommen. Und dann ist da das Gros der Gymnasien, die in Berlin ab Klasse sieben beginnen. Sie erfüllen mit den steigenden Gymnasialquoten ganz andere Bildungsaufträge als früher. Zum Beispiel, die Kinder nach der Grundschule erst mal auf einen halbwegs einheitlichen Kenntnisstand zu bringen. Sprachliche Defizite aufzuarbeiten. An der sozialen Entwicklung zu arbeiten.

 

Simone Vogler sitzt in ihrem Schulleiterbüro und will nicht meckern. Sie ist seit vier Jahren an der Hermann-Ehlers-Schule, und sie hat so viele Pläne, dass sie nicht in die eine Schulstunde passen, die sie sich an diesem Morgen freigeräumt hat. Mitarbeitende Unesco-Projektschule ist man schon, es geht um Erziehung zu Demokratie, interkulturelles Lernen und Projektarbeit. Der Unterricht soll individueller werden, weniger frontal, mehr auf Gruppenarbeit ausgerichtet. Lerncoaching, ein Tutorensystem für alle Schüler, da ist noch vieles, das Vogler aufbauen will. Eine Schulleiterin, die ihre Rolle angenommen hat. "Ich muss aber auch aufpassen, meine Kolleginnen und Kollegen nicht unterwegs zu verlieren", sagt sie. Für die zum größeren Teil immer noch klassischen Gymnasiallehrer in ihrem Kollegium spielte Pädagogik im Studium eine untergeordnete Rolle. Auf die Fachkompetenz kam es vor allem an.

 

Je bunter die Schülerschaft, desto schlechter die Leistungen? Stimmt so nicht, sagen Bildungsforscher

 

Das Pädagogische in Konkurrenz zum Fachlichen? Dieser Befürchtung müssen sich viele neue Gymnasien stellen: Je bunter die Schülerschaft, desto niedriger das Leistungsniveau. Aber diese Kausalität, sagt Bildungsforscherin Dumont, werde in aktuellen Schulleistungsstudien nicht bestätigt. "Einige Bundesländer haben trotz hoher Heterogenität auch hohe Kompetenzstände."

 

Was im Umkehrschluss bedeutet: In vielen Gymnasien gelingt es Schülern, trotz schlechterer Startvoraussetzungen anspruchsvolle Leistungen zu erbringen. Vielleicht ja gerade deshalb, weil die Schulen dabei sind, sich neu zu erfinden. Allerdings sei das auch "echt viel Arbeit", sagt Simone Vogler. Das verdiene viel mehr Wertschätzung. Zum Beispiel, indem der Abiturschnitt ihrer Schule von 2,6 als genauso große Leistung gesehen wird wie der von 2,0 am Gymnasium Steglitz.

 

Solange das nicht so ist, müssen Schulen wie die von Vogler um ihre neuen Schüler kämpfen. Nicht nur in Konkurrenz zu den "besseren" Gymnasien, sondern auch gegen aufstrebende integrierte Sekundarschulen. Die sind vor einigen Jahren aus Haupt-, Real- oder Gesamtschulen entstanden und führen ebenfalls zum Abitur. Durch ihre vielfältige Schülerschaft hätten einige von ihnen sehr moderne Unterrichtsformen entwickelt, sagt Hanna Dumont. Und viele haben ein spezielles Profil. So reicht es auch bei immer mehr Gymnasien eben nicht mehr, einfach nur Gymnasium zu sein. Was man wiederum sehr gut an der Hermann-Ehlers-Schule sehen kann: Sie bietet jetzt jedes Jahr eine Profilklasse Theater/Film an, eine für Naturwissenschaften und eine für "Gesellschaftswissenschaften bilingual (Englisch)". 

 

Auch Voglers Schulleiterkollegin vom Gymnasium Steglitz hat derweil mit Vorurteilen zu kämpfen.  "Uns wird häufig unterstellt, wir würden uns nicht bewegen", sagt Antje Lükemann. Ja, das Gymnasium Steglitz habe gute Schüler, aber man tue auch was für sie. Und auch ihr Gymnasium wandelt sich: Seit einigen Jahren gibt es einen neugriechischen Zweig ab Klasse sieben, man hat einen offenen Ganztagsbetrieb eingeführt, bemüht sich um neue Unterrichtsmethoden.

 

Nein, wer die Gymnasien von heute beschreiben will, der kommt mit dem Schwarz-Weiß-Zeichner nicht weit. Dafür sind sie viel zu bunt. Eben die Schulform für (fast) alle.

 

Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Fassung zunächst in der Süddeutschen Zeitung.

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