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Verantwortung übernehmen

Der Studierendenverband fzs will die Zukunft des Qualitätspakts Lehre mitgestalten – als gleichberechtigter Partner der HRK. Ein Interview.

KEVIN KUNZE

ist Vorstandsmitglied des freien zusammen-schlusses von studentInnenschaften (fzs).

JAN CLOPPENBURG

ist fzs-Ausschussmitglied und gehörte früher zum fzs-Vorstand. 


Bund und Länder steigen in die Verhandlungen um das Nachfolgeprogramm zum Qualitätspakt Lehre ein, die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat dazu neulich ein viel beachtetes Positionspapier eingespielt. Und was sagen die Studierenden? 

 

Jan Cloppenburg: Zunächst ein Wort zum Qualitätspakt. Das ist ein Programm, das wir Studierendenvertreter verhältnismäßig gut finden, weil es die Qualität der Hochschullehre in den Vordergrund stellt und die Lehrenden dazu anregt, sich mehr Gedanken um ihre Studierenden zu machen. Was uns weniger gefällt, ist seine Beschränkung auf zuletzt lediglich 156 von 240 staatlichen Hochschulen. Indem ein Drittel der Hochschulen nicht gefördert werden, sagt man denen doch: "Bei Euch kommt es nicht darauf an. Die Qualität eurer Lehre interessiert uns nicht." Gute Lehre wird aber immer und überall benötigt.

 

Kevin Kunze: Und deshalb brauchen wir als Neuauflage einen Qualitätspakt, der sich auch und gerade um diejenigen Hochschulen kümmert, die bisher zu den Wettbewerbsverlierern gehörten. Die dadurch erst recht abgehängt worden sind, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen nicht zehn Jahre lang eine zusätzliche Förderung erhalten haben und keine Strukturen für eine bessere Lehre aufbauen konnten.

"Die HRK will im Zusammenspiel
mit der Politik den Deckel draufhalten."

Die HRK war erst gegen einen neuen Wettbewerb um Fördermittel, jetzt ist sie dafür.

 

Cloppenburg: Dieser Schwenk hat uns auch verblüfft. Es wäre schön, den mal von der HRK erklärt zu bekommen. Doch ihr Konzeptpapier streut sie bislang nur intern und scheint eine öffentliche Debatte darüber zu scheuen. Sie will offenbar im Zusammenspiel mit der Politik den Deckel draufhalten, bis die Politik die Neuauflage beschlossen hat. 

 

Kunze: Es ist ja gut, dass die Hochschulrektoren sich Gedanken machen um die Lehre. Aber das, was sie vorgelegt haben, klingt wie die Fortschreibung des bisherigen Pakts: weiter nur Projektgelder, Drittmittel als Instrument. Dabei geht es um einen elementaren Bereich der Hochschulen. Das kann nicht klappen, denn Veränderungen in starren Institutionen dauern länger als die Laufzeit eines Drittmittelprojekts.

 

Cloppenburg: Und wenn man sich das Konzept im Detail anschaut, fallen dazu noch ein paar Unterschiede auf, die gegenüber dem Status Quo sogar eine Verschlechterung ersten Ranges bedeuten würde. Zum Beispiel will die HRK, dass künftig die einzelnen Lehrenden antragsberechtigt sein sollen. Gute Lehre ist aber eine Frage der Lernkultur, eine Aufgabe für die gesamte Hochschule, die kann man nicht ändern, wenn man einzelne Lehrende noch so nette Anträge stellen lässt. 

 

Kunze: Außerdem führt das zu einer totalen Vereinzelung, und die Lehrenden, die eine Förderung bekommen, werden gegen die anderen, die leer ausgehen, ausgespielt. Im besten Falle finden die Hochschulen dafür einen Ausgleichsmechanismus, im schlimmsten Falle kommt es zu Streit und Durcheinander.  

 

"Bei der Forschung ist ein Elitewettbewerb
fragwürdig, bei der Lehre ergibt er gar keinen Sinn."

 

Deshalb soll es doch laut HRK eine zweite Fördersäule geben, damit die Hochschulen als Ganzes zum Zug kommen.

 

Cloppenburg: Von wegen, das löst das Problem überhaupt nicht. Denn die zweite Förderlinie soll eine Art Elitewettbewerb werden, ähnlich der Exzellenzstrategie. Das ist in Bezug auf die Forschung fragwürdig, bei der Lehre ergibt so ein Format gar keinen Sinn. Nochmal: Gute Lehre ist in allen Studiengängen erforderlich, immer und überall. 

 

Kunze: Zugute halten muss man der HRK, dass sie eine Menge interessante Kriterien nennt, was eine Hochschule mit gutem Lehrkonzept ausmacht. Vieles von dem, was die HRK aufführt, sollte im Grunde längst selbstverständlich sein an unseren Hochschulen, als eine Art Mindeststandard. Seien es ständige Lehrbeirate unter Beteiligung von Studierenden oder dass die Entwicklung neuer Lehr- und Prüfformate gefördert wird. Oder auch Lehrproben als obligatorischer Teil von Berufungsverfahren. Ich weiß, dass die Realität vielerorts anders aussieht, aber das entsetzt mich immer wieder. 

 

Cloppenburg: Und es ist ja eigentlich noch schlimmer. Reputation für Wissenschaftler_innen gibt es bislang nur über die Forschungsleistung, die Lehre ist in der Beziehung total unwichtig. Der Wissenschaftsrat hat deshalb im vergangenen Jahr gefordert, dass die Lehrleistung insgesamt viel stärker berücksichtigt werden sollte.

 

Apropos Wissenschaftsrat. Der forderte vergangenes Jahr eine "eigene Stimme für die Lehre" in Form einer starken und unabhängigen Organisation. Die lehnt die HRK ab und bringt stattdessen sich als Administrator einer "Plattform zur Qualitätsentwicklung" ins Spiel. 

 

Kunze: Die Idee ist ja ganz gut. Aber es geht nicht an, dass die Hochschulrektoren die im Alleingang konzipieren wollen. Da müssen die Lehrenden als gleichberechtigte Partner beteiligt werden, und die Studierenden ebenfalls. Deshalb schlagen wir als fzs vor, dass wir gemeinsam mit der HRK Träger der Plattform werden, und wir fordern, dass weitere Organisationen hinzugenommen werden, zum Beispiel aus der Hochschuldidaktik. Aus dem Wechselspiel der Partner kann ein wirklich spannendes neues Forum entstehen und eine Institution mit der nötigen Unabhängigkeit. Für die wir als Studierende Mitverantwortung übernehmen wollen. 

 

Cloppenburg: Solange es keine strukturellen Anreize für Wissenschaftler_innen gibt, sich in der Lehre zu engagieren, werden sie es auch nicht in ausreichendem Maße tun. Selbst wenn sie es eigentlich gern tun würden. Der Wissenschaftsrat hat in seinem Positionspapier viele sinnvolle Vorschläge zur Aufwertung der Lehre gemacht, bis hin zur gleichwertigen Berücksichtigung bei Berufungen. Lehre muss sich lohnen.

 

"Wir Studierenden sind hilflos
angesichts grottenschlechter Lehre."

 

Das klingt aus dem Mund eines fzs-Vertreters überraschend konservativ, fast wie "Leistung muss sich wieder lohnen". 

 

Kunze: Natürlich muss es etwas bringen, wenn man sich für die Lehre einsetzt – zwangsweise liegt der Fokus aktuell auf der Forschung, Lehre fällt oft hinten über, weil vor allem gute Forschung belohnt wird, statt guter Lehre. Als Studierende erleben wir täglich, wie es sonst läuft: Viele Lehrende werden auf uns losgelassen ohne jede didaktische Schulung, dabei wächst die Heterogenität an den Hochschulen genauso wie an den Schulen. Für Lehrer ist es deshalb selbstverständlich geworden, sich mit Diversität und neuen Lehr- und Lernmethoden auseinanderzusetzen. Wir Studierende haben dagegen täglich Ohnmachtserlebnisse in unseren Lehrveranstaltungen, weil Wissenschaftlerkarrieren größtenteils didaktikfreie Zonen sind. Wir sind hilflos angesichts grottenschlechter Lehre. 

 

Cloppenburg: Es muss Räume geben für Hochschullehrende, ihre Fertigkeiten einzuüben, von Anfang an. Schon DoktorandInnen müssen in die Lehrplanung einbezogen werden, auch könnte es mehr Doktorandenstellen geben, die ihren Schwerpunkt in der Lehrentwicklung haben. Für Promovierende sollten Lehr-Fortbildungen flächendeckend angeboten werden. Sie sollten aber natürlich nicht zulasten der Promotion gehen. Von da an muss es weiter gehen: Lehre verändert sich, in den richtigen Rahmenbedingungen lassen sich die meisten Wissenschaftler_innen für die Lehre und für Didaktikschulungen gewinnen. Dafür braucht es jedoch mehr, als befristete Mittel, von denen nichtmal alle profitieren können.

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Kommentare: 6
  • #1

    Claudia Bade (Mittwoch, 21 November 2018 15:49)

    Vielen Dank für das Interview und die wichtigen Aussagen und Anregungen! Ich freue mich sehr, dass die Zielgruppe der guten wie schlechten Lehre hier ihre Position darstellen kann und zum Nachdenken anregt.

    Drei kleine Kommentare:
    (1) Die Community of Professionals von Lehre hoch n (https://lehrehochn.de), ist ein gutes Beispiel, wie Lehrende, Hochschulleitungen, Hochschuldidaktiker*innen und auch Studierende vernetzt werden, um "grottenschlechte Lehre" möglichst langfristig zu verhindern.

    (2) Die Ausschreibung für die Jahrestagung 2019 (www.dghd19.de) der dghd (deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik) formuliert u.a. dass Lehrende auch zunehmend erwarten gutes Coaching, Weiterbildungen, Austauschplattformen etc. für die Verbesserung ihrer Lehre zu bekommen und ein Recht darauf haben. Dies bedeutet aber auch, dass sie Räume und Zeit benötigen, Lehrkompetenzen zu erwerben. Deshalb nehmen wir uns dem Thema auf der Tagung (5.-8. März 2019) auch an. Das Programm wird am 6. Dezember 2018 veröffentlicht.

    (3) Und wir benötigen weiterhin ein langfristig strukturell gut verankertes wissenschaftliches Academic Developement/ eine professionelle Hochschuldidaktik, um die lehrenden Wissenschaftler*innen hier professionell zu unterstützen.

  • #2

    Mannheimer Studi (Mittwoch, 21 November 2018 16:35)

    Kunze schreibt: "Natürlich muss es etwas bringen, wenn man sich für die Lehre einsetzt – zwangsweise liegt der Fokus aktuell auf der Forschung, Lehre fällt oft hinten über, weil vor allem gute Forschung belohnt wird, statt guter Lehre."
    So habe ich es auch das ein oder andere Mal in meinem Studium erlebt. Schade, dass Kunze und Cloppenburg anscheinend nicht soweit mitdenken, dass personenbezogene Fördergelder die guten Lehrkräfte in eine herausgehobene Stellung bringen, auch und gerade bei der Suche nach unbefristeten Stellen. Da der Gedanke dahinter ziemlich offensichtlich ist stellt sich mir die Frage, ob der fzs wohl dagegen ist, des Kontrastes und Widerspruchs wegen.

  • #3

    McFischer (Donnerstag, 22 November 2018 10:03)

    Der Aussage
    "Viele Lehrende werden auf uns losgelassen ohne jede didaktische Schulung, dabei wächst die Heterogenität an den Hochschulen genauso wie an den Schulen. Für Lehrer ist es deshalb selbstverständlich geworden, sich mit Diversität und neuen Lehr- und Lernmethoden auseinanderzusetzen. Wir Studierende haben dagegen täglich Ohnmachtserlebnisse in unseren Lehrveranstaltungen, weil Wissenschaftlerkarrieren größtenteils didaktikfreie Zonen sind. "
    kann, ja muss man zustimmen. Sich für gute Lehre zu engagieren mag dem/der jeweiligen Lehrenden mal einen Preis oder lobende Erwähnung bringen... der/die professorale Kollege/-in nebenan, der das 1,5 Mio internationale Forschungsprojekt an Land zieht, bekommt die Reputation, die Rufe an andere Unis, die Zuschläge... Es ändert sich etwas, aber das Grunddenken ist leider immer noch dasselbe.

  • #4

    Klaus Günther W. (Donnerstag, 22 November 2018 14:49)

    Nicht zu vergessen, dass der Qualitätspakt aktuell an (fast) allen teilnehmenden Hochschulen dafür genutzt wird, dass vorhande Personal zu halten, statt zu entfristen.

  • #5

    Steffen Prowe (Donnerstag, 22 November 2018 21:54)

    Der Satz "Solange es keine strukturellen Anreize für Wissenschaftler_innen gibt, sich in der Lehre zu engagieren, werden sie es auch nicht in ausreichendem Maße tun." trifft oftmals zu, das beginnt bereits bei Berufungsverfahren. Würde es wie in den Niederlanden ein verpflichtendes (!!) Zertifikat für Lehrende an Hochschule geben (siehe https://www.vsnu.nl/en_GB/utq), würde bereits hier der Anspruch an gute Lehre klar zum Ausdruck kommen.
    Und dass Studierende hier eine wichtige, wenn nicht sogar DIE WICHTIGSTE Stimme sind, sollte allen Lehrenden täglich deutlich vor Augen stehen (oder sitzen in Seminaren).
    Eine gemeinsame Anstrengung um gute Lern- und Lehrformen ist daher zu 100% zu unterstützen, vor allem wenn es alle Akteure an Bildungseinrichtungen mittragen.
    Da es bisher noch immer kein verbrieftes "Grundrecht auf Bildung" zu geben scheint, wäre dieser Ansatz und u.a. das von Claudia Bade bereits angeführte Netzwerk https://lehrehochn.de doch DIE Chance gemeinsam mit Studierenden und einer (positiv!!) neuen und aktiveren HRK die Chance hier einen echten (radikalen?!) Wandel in der Sicht auf Lehre zu vollziehen.

  • #6

    Kochundkellner_in (Montag, 26 November 2018 13:47)

    Als Postdoc und Dozierende/r an einer Universität kann ich Kunzes/Cloppenburgs Einschätzung nur teilen. "Schießt" du einen ERC Starting Grant oder Äquivalentes, hast du es geschafft. Machst du tolle Lehrveranstaltungen, bekommst du für dein berufliches Fortkommen innerhalb der Wissenschaft nichts dafür - und Anerkennung oder Unterstützung schon mal gar nicht.