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Wie oft noch?

Die Doktorarbeit von Familienministern Giffey soll "gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten" zeigen. Doch das eigentliche Problem geht weit über die SPD-Politikerin hinaus.

Foto: Kris / Pixabay - cco.

DIESES MAL machte der Spiegel den Anfang. Das Hamburger Nachrichtenmagazin berichtete vor dem Wochenende, dass die Doktorarbeit von Familienministerin Franziska Giffey (SPD) im Internetforum VroniPlag Wiki untersucht werde. Der Verdacht: wissenschaftliches Fehlverhalten auf mindestens 49 Seiten. Den VroniPlag-Akteuren war das Bekanntwerden der Vorwürfe trotz Anonymisierung zu diesem frühen Zeitpunkt offenbar gar nicht recht, der Juraprofessor Gerhard Dannemann betonte, die Qualitätskontrolle sei noch nicht abgeschlossen. 

 

Doch der Zug rollte. Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel veröffentlichte am Sonnabend einen ersten Bericht zu den Vorwürfen, am Sonntag legte sie online mit einem Interview nach, und zwar mit dem Plagiatsprüfer (Pseudonym: Robert Schmidt), der federführend Giffeys Arbeit durchleuchtet. Schmidts Fazit: Die Ministern werde "wahrscheinlich" nach einer längeren Prüfung ihren Doktortitel verlieren. 

 

Die Dramaturgie der kommenden Wochen und Monate ist derart absehbar, sie wird vielen vertraut vorkommen: Giffey hat bereits mitgeteilt, sie sei sich keiner Verfehlung bewusst und habe nach "bestem Wissen und Gewissen" gehandelt. Sie hat die zuständige Freie Universität Berlin um eine Prüfung gebeten, und die FU hat die auch zugesagt. Alles wie immer in solchen Verdachtsfällen. Als nächstes sind jetzt die per Presse öffentlich verhandelten Fragen dran: Erhärten sich die Vorwürfe? Wird die Universität sie entschieden genug verfolgen? Wer prüft da eigentlich was? Und überhaupt: Kann Giffey Ministerin bleiben, wenn sie des Fehlverhaltens überführt wird, wenn sie ihren Titel verliert? 

 

Ein Problem nur 

bestimmter Berufsgruppen?

 

Und ganz gleich, ob Giffey am Ende für schuldig befunden wird oder nicht, die Tatsache, dass erneut eine Politikerin unter Verdacht steht, wird eine weitere ebenfalls bekannte Frage aufwerfen: Sind Politiker für derlei Verfehlungen anfälliger?  Angesichts der zahlreichen Plagiatsfälle und -vorwürfe der vergangenen Jahre könnte man zumindest zu dieser Schlussfolgerung kommen: angefangen mit Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) über Ex-Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) und die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin bis hin zum CDU-Bundestagsabgeordneten Frank Steffel, der einst Regierender Bürgermeister von Berlin werden wollte und dem, wie erst vor wenigen Tagen bekannt wurde, seine Universität (übrigens wiederum die FU) ebenfalls den Doktortitel entziehen will.  >>



>> Ein anderer Aspekt hingegen dürfte auch in der bevorstehenden Debatte wieder zu kurz kommen, dabei ist er im Grunde der wichtigere: Welches akademische Umfeld, welche wissenschaftliche Kultur führen eigentlich dazu, dass Menschen immer wieder mit Doktorarbeiten zum Titel kommen, die nicht nur methodisch-inhaltlich schwach sind, sondern ganz offensichtlich vor Plagiaten, Täuschungsversuchen und anderen Formen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens nur so strotzen?

 

Die Frage wird zu kurz kommen, weil viele in der deutschen Wissenschaft nicht wirklich ein Interesse daran haben, sie zu stellen, geschweige denn, sie zu beantworten. Es ist ja spannend, Plagiate so zu diskutieren, als handele es sich vor allem um ein Problem bestimmter, besonders ehrgeiziger (und täuschungsbereiter) Typen und Berufsgruppen. Womöglich bestehen jedoch die einzigen verallgemeinerbaren Unterschiede zwischen Politiker-Dissertationen und denen anderer Leute in Wirklichkeit darin, dass Politiker a) häufiger extern – das heißt: nebenberuflich – promovieren und dass bei ihnen b) genauer hingeschaut wird, aufgrund ihrer Prominenz und damit verbunden auch aufgrund ihrer moralisch herausgehobenen Stellung.

 

Was haben die deutschen Wissenschaftsorganisationen in den vergangenen Jahren nicht alles an demonstrativen – und durchaus lobenswerten – Anstrengungen unternommen, um die Themen wissenschaftliche Integrität und die "Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" an die Spitze der Agenda zu pushen. Besonders die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz haben hier zum Teil umfangreiche Aktivitäten entfaltet, Empfehlungen herausgegeben oder erneuert und Gremien reformiert. Immer war es die "Selbstkontrolle" der Wissenschaft, die dabei im Zentrum stand, denn in der Tat kann nur die Wissenschaft selbst über die Qualität guten wissenschaftlichen Arbeitens entscheiden.

 

An den Kern des Problems ist die

Wissenschaft bislang nicht herangekommen

 

Doch an den Kern des Problems ist die Wissenschaft mit all ihren Maßnahmen offenbar bislang nicht herangekommen. Der Kern ist, dass an Deutschlands Universitäten trotz aller Statute und Gremien immer noch ein in Teilen anderes Verständnis vom Umgang mit Plagiaten und wissenschaftlichen Verfehlungen herrscht als etwa in Nordamerika. Und zwar vom Beginn des Studiums an. Interessanterweise war es ebenfalls die Süddeutsche Zeitung, die am Freitag, direkt vor dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Giffey, einen lesenswerten Artikel dazu brachte.  

 

"Mit einem Plagiat können Studierende leider nach wie vor in vielen Fällen recht einfach durchkommen", zitierte die SZ den Soziologen Sebastian Sattler, der unter dem Projekt-Titel "FAIRUSE" vor Jahren eine der wenigen und vielbeachteten Studien zum akademischen Schwindel vorgelegt hatte. Vorhandene Möglichkeiten wie Suchmaschinen oder spezielle Plagiatssoftware würden von den Lehrenden noch nicht konsequent genug genutzt, sagt Sattler. Sein Fazit: Lehrende ließen sich zwar ungern betrügen und seien auch bereit, gegen schummelnde Studierende vorzugehen – allerdings nur solange sich der Aufwand dafür in Grenzen halte.

 

Sattlers Beobachtungen decken sich mit dem, was Professoren auch anderswo berichten. Dass zum Beispiel selbst dann, wenn Studenten mit Täuschungen auffliegen, ihnen allzu oft die Gelegenheit gegeben wird, die betreffende (Haus-) Arbeit nachzubessern. Sie durchfallen lassen? Bewahre, das wäre doch übertrieben, oder? Und am Ende klagt noch jemand.

 

Honor Codes

und Honor Courts

 

Demgegenüber ist es an vielen US-Universitäten üblich, dass in sogenannten Honor Courts gewählte Studenten eigenmächtig Urteile fällen, wenn Kommilitonen vorgeworfen wird, sie hätten gegen den studentischen Honor Code verstoßen. Im schlimmsten Fall können die studentischen Richter sogar (mit Zustimmung der Hochschulleitung) den Rausschmiss von der Universität verfügen. Auch gilt es in den USA oder in Kanada nicht als anrüchig, wenn ein Student einen anderen meldet, weil er diesen in einer Klausur beim Abschreiben beobachtet hat. In Deutschland hingegen würde eher über den Denunzianten der Kopf geschüttelt werden als über den Abschreiber.

 

Die Liste an Beispielen ließe sich fortsetzen, sie alle deuten in dieselbe Richtung: Deutschlands Academia geht mit akademischen Verfehlungen immer noch verhältnismäßig lax um. Wer das Schummeln im dritten Semester nicht wirkungsvoll bekämpft, kann sich auf die Täuschungsversuche in der Promotionsphase einstellen. Denn dann denken manche – und man muss immer wieder betonen: wenige! – Doktoranden, so schlimm sei das ja offenbar gar mit dem Täuschen und das Risiko, erwischt zu werden, noch dazu gering. 

 

Nein, das Täuschen und Plagiieren in wissenschaftlichen Arbeiten ist kein Kavaliersdelikt. Es ist aber auch Ausdruck eines grundlegenden professionellen Versagens, wenn betreuende Dozenten nicht genau hinschauen mit der Ausrede, das seien ja alles erwachsene Leute, die müssten selbst wissen, was sie tun. Die zweite, berechtigtere, Begründung von Hochschullehrern, sie seien überarbeitet, ist womöglich noch häufiger und verschiebt die Verantwortung ein Stückweit zurück in Richtung System. Viel besser macht sie die Sache aber auch nicht. 

 

Nach den Plagiatsfällen der vergangenen Jahre ist die Debatte über die Konsequenzen, siehe oben, meist auf der überregionalen, auf der System- und auf der institutionellen Ebene stehen geblieben. Das birgt das Risiko, dass die alltägliche Ebene des wissenschaftlichen Lernens und Arbeitens auch künftig davon weitgehend unberührt bleibt. Es ist gut, dass die Leute hinter VroniPlag Wiki und ähnlichen Plattformen immer wieder auf diese Schwachstellen hinweisen. 

 

Damit ist keine Wertung im konkreten Fall von Franziska Giffey getroffen. Doch mit welchem Ergebnis auch immer die Prüfung ihrer Doktorarbeit endet: Was wir brauchen, sind weder pauschale Politiker-Schelten noch der Ruf nach neuen Selbstkontroll-Instanzen. Wir müssen uns ehrlich machen. Dazu gehört, ein tiefgreifendes Problem in unserer akademischen Kultur anzuerkennen. 

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Kommentare: 11
  • #1

    Alexander Poke (Montag, 11 Februar 2019 08:10)

    "Auch gilt es in den USA oder in Kanada nicht als anrüchig, wenn ein Student einen anderen meldet, weil er diesen in einer Klausur beim Abschreiben beobachtet hat. In Deutschland hingegen würde eher über den Denunzianten der Kopf geschüttelt werden als über den Abschreiber."

    Und zwar völlig zurecht. Man kann aber natürlich auch ein autoritatives System fordern und fördern, indem studentische Sittenwächter andere Studierende überwachen. Das eröffnet Hochschulgruppen ganz neue Betätigungsfelder.

    Anstatt die unsägliche Entwicklung von Klausuren, die lediglich das kurzfristige auswendig Lernen fördern, zu hinterfragen, wird hier auch noch die Klausur mit der Dissertation auf eine Ebene gestellt. Ganz nach dem infantilen Motto "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht". Oder noch unsinniger: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr."

    Was will die Hochschullehre? Untertänige nach Macht strebende Auswendiglerner oder selbstbestimmte intrinsisch motivierte Studierende? Es gilt Fehlentwicklungen anzugehen und sie nicht auch noch autoritär zu verstärken.

    Das Problem der Dissertationen liegt nicht bei mangelnder Kontrolle, sondern bei der Unsinnigkeit der Vergabepraxis. Wer nicht im akademischen Feld forschen und arbeiten möchte, braucht eine Promotion schlichtweg nicht. Das ist die Fehlentwicklung. Der Adels- und Militärtitel wurde in Deutschland durch den akademischen "Titel" ersetzt. Status und Prestige werden dadurch gefördert. Und da sind dann selbstverständlich Politiker wieder anfälliger. Denn hier wird die Promotion rein formal ohne eigenes Interesse und ohne nachhaltige Wissensmehrung "durchgezogen". Die Note spielt dabei auch keine Rolle. Bestes Beispiel die ehemalige ebenfalls Familienministerin Kristina Schröder.

  • #2

    Dr. Bernhard Mann MPH (Montag, 11 Februar 2019 10:13)

    Ich habe Plagiate an 2 Uni´s aufgedeckt, an denen ich tätig war. Meine Studierenden haben mich gebeten nicht wegzuschauen. So nahm ich mit dem Rektorat Kontakt auf. Die Staatanwältin hatte die Uni aufgefordert die Sache zu klären. Der Senat hatte sich damit befasst und dem Rektor empfohlen das Angebot zu untersagen. In der Folge wurde meine Reifen abgestochen. Es gab Mordanschläge, Reifen sind während der Fahrt geplatzt. Die Polizei hatte sich fürsorglich verhalten. Hut ab! An der einen Uni hatte ich klammheimlich meine Lehraufträge verloren. Die Polizei sprach von mafiösen Strukturen. An der anderen Uni hatten mich die Professoren geschützt. Ergebnis: eine sehr ambivalente - auch gefährliche - Gesellschaft, in der wir leben; wird auch in der Soziologie so diskutiert. Zivilcourage ist gefährlich; ohne Zivilcourage geht die Gesellschaft mit Blick auf Fairness und Werte kaputt.

  • #3

    Mannheimer Studi (Montag, 11 Februar 2019 10:28)

    Mir stellen sich einige Fragen.
    Gibt es eine Häufung der Plagiatsfälle in bestimmten Fächern, Unis, gar Lehrstühlen?
    Gibt es eine Häufung der Prüfer in bestimmten Fächern?
    Wie sehen die Lebenswege der Überführten nach Aberkennung der Titel aus. Hier erinnere ich nur Schavan (Botschafterin im Vatikan) und Ulrich Lichenthaler (erst Unternehmensberater, dann wieder Professor an der ISM).
    Als Ökonom stellt sich mir dann die Frage, ob eine Grim Trigger Strategie nicht besser wäre, als ein Tit-for-Tat, um Plagiate nicht profitabel erscheinen zu lassen. Sprich ein so schwerwiegendes Fehlverhalten sollte das Karriereende nach sich ziehen, statt einen bloßen Karriereknick.

    Ich bin sicher, dass ich nicht der erste bin, der diese Fragen stellt. Sicher sind sie auch irgendwo schon beantwortet worden. Über einen Hinweis würde ich mich freuen.

  • #4

    René Krempkow (Montag, 11 Februar 2019 11:32)

    Nein, Sie sind in der Tat nicht der erste, der solche Fragen stellt; auch der Wissenschaftsrat tat dies vor einigen Jahren in seinen „Empfehlungen zu wissenschaftlicher Integrität“ (Wissenschaftsrat 2015), ebenso hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG 2016) weitere Leitlinien zu diesem Themenbereich veröffentlicht. Allerdings sind zu dieser Thematik in Deutschland nach wie vor nur wenige empirische Arbeiten bekannt, und auch der Zusammenhang von Drittmittelfinanzierung und Fehlverhalten ist bislang nur selten empirisch untersucht worden. Eine der Analysen dazu (leider schon wieder ein paar Jahr alt) konnte ich selbst beisteuern, siehe: www.researchgate.net/publication/303945901, leider sind mir keine neueren Arbeiten bekannt.

  • #5

    Michael Neufert (Montag, 11 Februar 2019 11:57)

    Ein ergänzender Aspekt scheint mir die "Auftragsarbeit". Gerade bei vollzeit belasteten "Nebenberuflichen", die sich gern mit dem Doktortitel schmücken möchten, ist die Hilfe von Dritten nicht unwahrscheinlich. Weniger die Zuarbeit durch den wissenschaftlichen Dienst (der Theodor), sondern tatsächlich der Ghostwriter. Es dürfte das marktwirtschaftliche Prinzip gelten, die Ware so preigünstig und arbeitskraftschonend wie möglich zu erstellen. Der Ghostwriter wird selten vom Fach sein. Er wird aus den Unterlagen des Auftraggebers, dessen Notizen aus den Gesprächen mit dem Doktorvater plus Recherche der Standardwerke die Arbeit zusammenbasteln.
    Sicherlich ist der Fokus der Öffentlichkeit auf die PolitikerInnen gerichtet. Auch in der Wirtschaft und der Verwaltung schmückt natürlich ein Doktortitel ungemein. Aber das interessiert dann eher regional.
    Die Universitäten haben nicht die finanziellen und personellen Ressourcen, für einen prinizipiellen "Videobeweis", also der verpflichtenden Prüfung aller eingereichten Doktorarbeiten mit einer zertifizierten Software.
    So bleibt es dabei: Videobeweis nur in der obersten Liga.

  • #6

    McFischer (Montag, 11 Februar 2019 16:16)

    @Mannheimer Studi: "Gibt es eine Häufung der Plagiatsfälle in bestimmten Fächern, Unis, gar Lehrstühlen?"
    Ja, das scheint mir der Fall zu sein, offenbar sind die Sozial- und Geisteswissenschaften (mit Bezügen zu den Rechtswissenschaften) überproportional häufig betroffen.
    Das mag aber sehr unterschiedliche Ursachen haben:
    1. Die sind Studienfächer/-richtungen, die von politisch aktiven Personen vermutlich bevorzugt gewählt. Der Anteil von Jusos unter Studierenden der Politikwissenschaft dürfte höher sein als in der Astronomie. Das ist als Phänomen der Selbstselektion aber auch nicht problematisch.
    2. Die (bisherigen) Promotionsstrukturen in diesen Fächern fördern das Verfassen einer Doktorabeit 'nebenbei'. Man trifft sich alle halbe Jahre einmal mit Doktorvater/-mutter, spricht über den Fortschritt, geht wieder nach Hause. In der z.B. Biologie ist man immer Teil einer Laborgruppe, man ist mehrere Jahre täglich eingebunden. Da kann man dann eher mal Versuchsergebnisse kreativ interpretieren, aber mit 'Abschreiben' ist da nicht viel getan.
    3. Die genannten Fächer ermöglichen auch, weitgehende Literaturarbeiten zu schreiben. Überall dort, wo zu belegende empirische Forschung mit hinzukommt (auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften) ist es schwieriger, einfach nur per copy/past die Seiten zu füllen.
    Wohlgemerkt, das ist alles keine Kritik an den Geistes-/Sozialwissenschaften an sich (und auch hier gibt es viele hervorragende Promotionen), sondern v.a. an den Strukturen der Betreuung.

  • #7

    Bleistifterin (Montag, 11 Februar 2019 17:06)

    Die Betreuer betreuen nicht und haben auch nichts davon - noch weniger haben die davon, eine /n "Schüler/in" durchfallen zu lassen. Anzahl Doktoranden = Prestige.

  • #8

    Eval Balsen (Montag, 11 Februar 2019 22:32)

    Herr Wiadra trifft den Nagel auf dem Kopf.

    Seit Jahren erkläre ich gebetsmühlenartig, dass Täuschen und Plagiieren in wissenschaftlichen Arbeiten eine gängige Praxis ist, die in der Regel zu keinen weiteren Konsequenzen führt.
    Konsequenzen müssen nur die Personen fürchten, die öffentlich benannt werden. In der Regel sind das prominente Personen, die im öffentlichen Interesse stehen.

    Was passiert mit den vielen Täuschungen, die zwar den Universitäten benannt werden, die aber in irgendwelchen Schubladen verschwinden?

    Sind wir doch einmal ehrlich: Täuschungen in Promotionen und Habilitationen können doch nur entstehen, wenn die Betreuerleistung und die Begutachtung nicht greifen, wenn ein Betreuer weder den Betreuten noch dessen Arbeitsweise kennt. Wenn ich einen Studierenden betreue, dann weiß ich wie er tickt. Und wenn er die Leistungserstellung abgibt, dann kenne ich auch die Primärliteratur und kann erkennen, ob plagiiert wurde oder nicht, was wohl nicht der allgemeinen Praxis entspricht.

    Mir ist ein Fall bekannt, indem sowohl in der Promotion als auch in der Habilitation bedeutende Auffälligkeiten vorliegen. Die Person ist aber nicht prominent genug, um Sanktionen befürchten zu müssen, kann somit ungehindert im Lehr- und Forschungsbetrieb tätig sein. Obwohl dieser Fall der Universität bekannt ist, erfolgt keine Aufarbeitung.

    Der Journalist Hermann Horstkotte hat einen ähnlichen Fall im Tagesspiegel dokumentiert.
    https://www.tagesspiegel.de/wissen/wissenschaftliches-fehlverhalten-seltsames-vorgehen-beim-plagiats-check/23149314.html

  • #9

    Dr. Markus Holt (Dienstag, 12 Februar 2019 06:24)

    Es ist eine (bewusst?) unpräzise Darstellung, pauschal die "wissenschaftliche Kultur" zu hinterfragen oder von einem Problem "der Wissenschaft" zu sprechen - da wäre ich für etwas mehr journalistische Präzision dankbar: Die übergroße Mehrheit der bisher von VroniPlag und anderen aufgedeckten Plagiatsfälle stammt aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sowie der Medizin - sehr wenige aus den Natur-, kein einziger aus den Ingenieurswissenschaften. Wenn es also ein Problem gibt, ist es ein Problem dieser Disziplinen - das sollte aus Fairness gegenüber den nicht oder kaum betroffenen Disziplinen auch benannt werden. Möglicherweise liegt im Vergleich der offenbar doch unterschiedlichen Promotionskulturen ja auch der Schlüssel zur Erklärung der entstandenen Plagiatskultur.

  • #10

    Klaus Diepold (Dienstag, 12 Februar 2019 07:55)

    @Dr. Markus Holt
    Den Sachverhalt der Täuschung bzw. des Plagiats überwiegend den Gesellschaftswissenschaften anzulasten ist naiv. Bei Naturwissenschaftlern und Ingenieuren sieht der Betrug nur anders aus, da mach "Abschreiben" in der Tat wenig Sinn. Allerdings ist das Frisieren von Daten und "p-value hacking" durchaus häufig anzutreffen. Wohlwollend könnte man das oft auch als statistisch unsachgemäße Arbeitsweise bezeichnen. Aber insbesondere bei datengetriebener Wissenschaft ("Big Data") tauchen des öfteren kritische Situationen auf, wenn mit "privaten" Daten oder unveröffentlichter Software gearbeitet wird. "Private Daten" liegen häufig bei Promotionen in Kooperation mit Industrieunternehmen vor. Die veröffentlichten Ergebnisse können nicht extern validiert werden und sind somit fragwürdig. Diese Form des Betrugs ist schwer nachzuweisen, aber nicht weniger verwerflich. Genauso wie viele veröffentlichte Ergebnisse, die nie reproduziert werden konnten (wurde u.a. von Gigerenzer in der Medizin und Psychologie untersucht) . Und da sind die Naturwissenschaftler und die Ingenieure auch dabei. Ergo - es ist ein Problem des wissenschaftlichen Betriebs und auch ein Resultat der überall inflationär geforderten Exzellenz.

  • #11

    Müller (Mittwoch, 13 Februar 2019 01:14)

    (Dr. Markus Holt:) "[...] kein einziger aus den Ingenieurswissenschaften".

    Lt. http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/%C3%9Cbersicht (unten)

    betreffen 4 unter den auf der Vroniplag-Hauptseite mit Namen veröffentlichte Analysen Dissertationen, die zum Dr.-Ing. geführt hatten. Das führte in der Folge zu 3 Aberkennungen und zu einem "Freispruch" (der wie der Fall "Dd" überhaupt einiges Medieninteresse fand, wie in dem entsprechenden Fall-Pressespiegel bei Vroniplag mitdokumentiert wurde).

    Schaut man sich auf der Analyse-Übersichtsseite um, die auch die noch in Arbeit befindlichen bzw. bisher nicht namentlich veröffentlichten Untersuchungen listen, finden sich Hinweise auf weitere ingenieurwiss. Arbeiten, die dort einer Überprüfung harren.