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Jetzt beginnt die Aufarbeitung – hoffentlich

Das Universitätsklinikum Heidelberg bittet um Entschuldigung für die verunglückte PR-Kampagne zu einem angeblich revolutionären Krebstest. Eine unabhängige Kommission soll die Geschehnisse aufklären – auch die Rolle des Klinikumsvorstands darin?

DAS UNIVERSITÄSKLINIKUM HEIDELBERG hat sich nach der verunglückten PR-Kampagne um einen Bluttest zur Krebserkennung öffentlich entschuldigt. Das Klinikum bedaure, "dass es zu Irritationen gekommen ist und nimmt die Kritik ernst", hieß es gestern in einer Pressebotschaft. Eine interne Arbeitsgruppe habe bereits mit der Aufarbeitung der Vorfälle begonnen, zusätzlich sei zur umfassenden Analyse eine unabhängige Kommission aus überwiegend externen Experten eingerichtet worden. Sie werde dem Klinikum und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg "ihre Ergebnisse berichten und Empfehlungen aussprechen".

 

Hier im Blog hatte ich am 8. März unter der Überschrift "Unerklärliche Eile" über den Fall berichtet, nachdem mehrere Fachverbände und Fachgesellschaften die vom Klinikum losgetretene Berichterstattung als "nicht den von uns vertretenen Grundsätzen medizin-ethischer Verantwortung" bezeichnet hatten.

 

Stein des Anstoßes war ein Presseauftritt des Geschäftsführenden Ärztlichen Direktors der Universitätsfrauenklinik, Christof Sohn, begleitet von einer Pressemitteilung und einem BILD-Aufmacher. Der Bluttest, der Brustkrebs erkennen soll, sei ein "Meilenstein in der Krebsdiagnostik", stand in der Pressemitteilung, und Sohn pries die "neue, revolutionäre Möglichkeit, eine Krebserkrankung in der Brust nicht-invasiv und schnell anhand von Biomarkern im Blut zu erkennen". Die BILD hatte parallel dazu eine "Weltsensation aus Deutschland" ausgerufen, die Heidelberger Universitätsklinik habe einen "revolutionären Test" entwickelt. Sohn und zwei weitere Mediziner hatten sich in der Zeitung mit inszeniertem Foto feiern lassen. 

 

Den angeblichen "Meilenstein" gab es nicht

 

Doch den "Meilenstein", den das Universitätsklinikum da verkündete, gab es es nicht. Zumindest noch nicht. Denn die Studie, um die es ging, ist bislang weder abgeschlossen noch publiziert, so dass kein unabhängiger Mediziner die Aussagen und Angaben Sohns und seiner Mitarbeiter überprüfen konnte. Was nicht nur die Fachverbände kritisierten. Der Max-Planck-Forscher Gerd Gigerenzer, der Statistiker Walter Krämer und der Vizepräsident des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, Thomas K. Bauer, erklärten die Wortmeldungen der Heidelberger Mediziner sogar zur "Unstatistik des Monats". Das Universitätsklinikum habe die wissenschaftlichen Standards nicht eingehalten. "Spielte das Heidelberger Universitätsklinikum mit den Gefühlen von Krebskranken und ihren Angehörigen?", fragte ich in meinem Blog-Beitrag. 

 

Die Entschuldigung aus Heidelberg kommt nun mitten in der entscheidenden Phase des laufenden Exzellenzstrategie-Wettbewerbs, in dem die Universität Heidelberg ihren Status als Exzellenzuniversität verteidigen will. Das Wissenschaftsministerium von Theresia Bauer (Grüne) hatte der Rhein-Neckar-Zeitung vor wenigen Tagen mitgeteilt, es sehe in Sachen Bluttest "dringenden Aufklärungsbedarf". Auch die unabhängige Kommission zur Überprüfung wurde offenbar erst auf Betreiben des Klinikums-Aufsichtsrates eingesetzt, in dem Simone Schwanitz, Ministerialdirigentin in Bauers Ministerium, den Vorsitz führt. Ihr Stellvertreter ist der Heidelberger Universitätsrektor Bernhard Eitel.

 

Der Nachrichtenagentur dpa gegenüber sprach Bauers Ressorts von "Effekthascherei" und fügte hinzu: "Überzogene Erwartungshaltungen schlagen in Enttäuschung um und schaden der Wissenschaft insgesamt." Nach Abschluss der Berichte werde das Wissenschaftsministerium selbst prüfen, ob weitere Maßnahmen im Rahmen der Rechtsaufsicht notwendig seien. Die Entscheidung in der Exzellenzstrategie fällt bereits am 19. Juli 2019. 

 

Aufklärungsbedarf besteht zum Beispiel, was die Rolle der Klinikums-Ausgründung Heiscreen GmbH angeht. Diese war gegründet worden, um die "Marktreife (des Bluttests) sicherzustellen", hatte das Universitätsklinikum im Februar mitgeteilt. Die sogenannte CE-Zertifizierung habe bereits begonnen, um den Bluttest noch in diesem Jahr in die klinische Anwendung zu bringen.

 

Was das Klinikum zu dem Zeitpunkt nicht sagte: Sohn selbst ist mit vier Prozent an Heiscreen beteiligt, seine Oberärztin sogar mit über sieben Prozent, so hat das Klinikum es nun auf Anfrage der Rhein-Neckar-Zeitung mitgeteilt. In meinem Blogartikel hatte ich bereits geschrieben, dass es neben Heiscreen noch eine zweite Ausgründung namens NKY HeiScreen gibt, dessen Ziel laut Handelsregistereintragung: Die Entwicklung eines Tests zur Früherkennung von Brust-, Eierstock- und Pankreaskrebs für die "Region China". Partner des Universitätsklinikums ist das Pharmaunternehmen Boai NKY Pharmaceuticals, ansässig in Tianjin Shi, China. Auch an NKY Heiscreen sind Sohn und die Oberärztin Sarah Schott offenbar finanziell beteiligt, der Aktienkurs von Boai NKY Pharmaceuticals stieg in den vergangenen Wochen erheblich an.

 

Führungsversagen beim Klinikumsvorstand?

 

In der gestern veröffentlichten Pressemitteilung schreibt das Universitätsklinikum nun, man bekenne sich zu der Aufgabe, die Erkenntnisse aus der Forschung in die klinische Anwendung zu übertragen. "In diesen Kontext gehören auch der Bluttest und die Gründung der HeiScreen GmbH." Zugleich bedeutet diese Aktivität eine Erweiterung der traditionellen Aufgaben eines Universitätsklinikums. Der Rhein-Neckar-Zeitung hatte Sohn gesagt, mit der Ausgründung werde in den nächsten Jahren kein Geld verdient, "das Start-up wurde vom Uniklinikum gegründet, um Investoren zu finden."

 

Sohn fügte hinzu, nicht er, sondern die Ausgründung Heiscreen GmbH habe über den Zeitpunkt der Veröffentlichung entschieden, "ich bin letztendlich Wissenschaftler". Der aber – siehe oben – an Heiscreen beteiligt ist. Und der ganz offenbar nicht aufschrie, sondern in erster Reihe mitmachte, als die umstrittene PR-Kampagne anrollte – obwohl die Untersuchungen der über 2000 Proben noch gar nicht abgeschlossen waren. Auch wurde die Pressemitteilung, wie das Universitätsklinikum mir gegenüber bereits Anfang März einräumte, unter Beteiligung der Klinik für Gynäkologie und des Klinikumsvorstand verfasst und vom letzteren auch freigegeben. Nicht von Heiscreen.

 

Auffällig an den aktuellen Stellungnahmen ist übrigens, wie der "Klinikvorstand" zwar als Institution vorkommt, aber namentlich abgetaucht ist, während sich Sohn den Fragen der Rhein-Neckar-Zeitung persönlich stellen musste. Zum Klinikumsvorstand gehören unter anderem die Leitende Ärztliche Direktorin, Annette Grüters-Kieslich, als Vorstandsvorsitzende, die Kaufmännische Direktorin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Irmtraut Gürkan, und der Dekan der Medizinischen Fakultät, Andreas Draguhn. Die Fragen, die sich jetzt stellen: Inwieweit haben wir es auch mit einem Führungsversagen von ganz oben, also seitens des Vorstandes, zu tun? Und stimmt es, wie kolportiert wird, dass die Pressestelle sich gegen die Veröffentlichung wehrte, aber von oben dazu verdonnert wurde? Welche Rolle spielten die beiden Ausgründungen Heiscreen und NKY Heiscreen?

 

Antworten, die die eingerichtete unabhängige Kommission wird finden müssen. Diese soll von Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, geleitet werden. Der Klinikumsvorstand nimmt das neue Gremium schon einmal zum Anlass, um weitere Fragen vorerst nicht mehr zu beantworten. Man bitte um Verständnis, "dass wir vor der Stellungnahme der Kommission keine weiteren Verlautbarungen in die Öffentlichkeit geben werden, um deren Arbeit nicht zu beeinträchtigen."


NACHTRAG AM 26. MÄRZ:
Die Rhein-Neckar-Zeitung hat sich weiter voll der Aufklärung des Falls verschrieben und macht einen hervorragenden Job. In heute erschienenen Artikeln werden die von mir am 08. März geschilderten Hintergründe rund um die NKY Heiscreen GmbH weiter ausgeleuchtet. Und dann wirft die RNZ noch die Frage auf, ob Sohn und Schott eigentlich wirklich die maßgebliche Urheberschaft am Bluttest besitzen. Tatsächlich habe eine Forschergruppe um die Molekularbiologin Rongxi Yang seit 2010 an dem Verfahren geforscht, bis sie 2017 ohne Angabe von Gründen ihres Leitungspostens enthoben wurde und das Universitätsklinikum verließ. Ihre Nachfolgerin wurde laut RNZ Sarah Schott. Universitäsklinikums-Chefin lässt sich trotz der gestrigen Ansage des Vorstands, bis auf Weiteres keine weiteren "Verlautbarungen" mehr abzugeben, mit einem Satz zitieren, der fast schon ratlos klingt. Das Klinikum werde die Fragen nach Heiscreen, NKY Heiscreen und Rongxi Yang zu jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten – weil wir es nicht können." Das müsse erst alles recherchiert werden. Hoffentlich wird es das auch. Wobei Leibniz-Chef Matthias Kleiner ein Garant dafür sein könnte.

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Kommentare: 3
  • #1

    Maria Sibylla (Dienstag, 26 März 2019 08:47)

    Alle Welt, inklusive die Ministerin, spricht von Wissenschaftskommunikation. Da kann man nur hoffen, dass dieser Fall als abschreckendes Beispiel in die Diskussionen dazu eingeht. Dabei ist Wissenschaftskommunikation generell doch eine gute Sache. In vielen Disziplinen gibt es eher ein Umsetzungsproblem als ein Erkenntnisproblem in der Forschung. Bei der Wissenschaftskommunikation als Brücke zwischen Forschung und breiter Öffentlichkeit muss jedoch die Balance gefunden werden zwischen "Rechenschaftspflicht" der Forschung bei gleichzeitiger Vorsicht, keine unzureichend abgesicherter (Zwischen-)Ergebnisse in den Ring zu werfen.

  • #2

    Winder (Donnerstag, 28 März 2019 14:00)

    Ich finde es interessant, dass die Heidelberger Firma eine Geschäftsbeziehung mit China aufgebaut hat. Der letzte Fall aus China, den ich erinnere, war der Eingriff in die menschliche Keimbahn durch He Jankui, der dabei internationale Standards für die Aufklärung von Patienten bei der Teilnahme an Studien nicht eingehalten hat, naben anderen Versäumnissen. Vielleicht dachten die Heidelberger, dass sie die hier geltende Regulierung umgehen können und gleich mit dem Geldverdienen in China beginnen können.

  • #3

    Jutta D. (Mittwoch, 10 April 2019 21:04)

    Es ist offensichtlich, dass weder Herr Professor Sohn noch seine vorgezeigte Oberärztin Sarah Schott die geringste Ahnung von dem molekularbiologischen Hintergrund der getesteten "Botenstoffe" haben. Sie können gar nicht die Entwickler des Tests sein. Sie stehen wahrscheinlich nicht einmal rechtmäßig auf den bisherigen Publikationen. Sehr viel mehr Einblick in die tatsächlichen Vorgänge und Abläufe bekäme man vermutlich durch die Befragung der echten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In diesem Fall sind das neben der ausgebooteten Stipendiatin Rongxi Yang insbesondere die Molekularbiologin Barbara Burwinkel und auch der Onkologe Andreas Schneeweiss.