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"Baut endlich ein College"

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek könne sich in die Geschichte der deutschen Universitäten einschreiben, meint Harro Müller-Michaels – und sagt auch, wie.

Harro Müller-Michaels war Dekan und Prorektor an der Ruhruni Bochum. Foto: privat. 

Herr Müller-Michaels, in den Neunziger Jahren waren Sie Prorektor für Lehre an der Ruhr-Universität Bochum und haben dort maßgeblich die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen vorangetrieben – deutlich bevor die Bologna-Reform Fahrt aufnahm. Sind Sie eigentlich zufrieden mit dem, was sich aus ihrer Initiative von damals entwickelt hat?

 

Vom Rechtwissenschaftler Dieter Simon stammt der Satz: "Die Universität ist verrottet." Er schrieb ihn 1991 in einer verbreiteten Zeitschrift, damals war Simon Vorsitzender des Wissenschaftsrates, und er fügte hinzu:

Die Universität bedürfe einer Neuorientierung. Das war für uns in Bochum die Initialzündung, die universitäre Lehre neu zu denken – mit ersten Bachelor-Studiengängen schon Jahre vor der europaweiten Studienreform. Denn wir waren davon überzeugt, dass die Antwort auf die Krise der Universität nicht in neuen Zugangshürden liege, sondern in zeitgemäßen Studienstrukturen. Und ich glaube bis heute, dass wir Recht hatten.

 

Dennoch kritisieren Sie das etablierte Bachelor-Master-System heftig und fordern einen weiteren grundlegenden Wandel. Sie wollen Colleges nach amerikanischem Vorbild etablieren.

 

Ja, weil mir über die Jahre immer deutlicher geworden ist, wie gründlich vielerorts die Idee der Studienreform missverstanden wurde. Irgendwann fragte mich die damalige NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, ob ich nicht mal einen Aufschlag machen wollte, wie wir aus der Misere von bundesweit 18.000 Studiengängen herauskommen. Erst dachte ich, was soll das noch für einen Sinn haben.

 

Aber dann begannen die Debatten um die Zukunft von Hochschulpakt, Qualitätspakt Lehre und Co. Bei denen es um Milliarden geht. Und es irritierte mich zunehmend, wie die Universitäten immer mehr Geld forderten, wie sie den Wert exzellenter Hochschullehre beschworen und das Humboldtsche Ideal bemühten, aber die Frage nach der dahinterliegenden Bildungsaufgabe, nach dem Kern wissenschaftlicher Bildung, in ihrer strategischen Ausrichtung unbeantwortet ließen. Also musste ich doch etwas sagen.

 

"Nicht nur neues fordern,
sondern das Vorhandene neu sortieren"

 

Was macht für Sie diesen Kern aus?

 

Neulich sagte der FDP-Politiker Thomas Sattelberger bei Ihnen im Blog, mutige Politik bestehe darin, nicht immer nur Neues zu fordern, sondern das Vorhandene neu zu sortieren. Das hat mir gefallen. Ich sehe zwei zentrale universitäre Bildungsziele: die Vermittlung von Fachkompetenzen und die Begleitung junger Menschen bei ihrer Reifung zu souveränen Persönlichkeiten, die verantwortungsvoll denken und handeln. Nur zwei Ziele, doch die Universitäten bekommen sie nicht in Einklang miteinander. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht.

 

Wie müssten sich diese Ziele denn in den Strategien der Universitäten wiederfinden?

 

In den USA haben sich dafür miteinander verschränkte Ausprägungen entwickelt: Das College, das die Allgemeinbildung gewährleistet, und die Research University, die für die fachliche Qualität zuständig ist. Die Research Schools bedienen zum einen das College mit den Bachelorstudenten, und zum anderen die Graduate School, wo die Masterstudenten und die Doktoranden studieren. Hinzu kommen als dritter Sektor die Professional Schools, die sich speziell der Berufsvorbereitung widmen. Das sind klare Aufgabenzuschreibungen, oft unter dem Dach einer einzigen Universität, eine kluge Konstruktion, die ich mir auch für Deutschland wünschen würde.

 

Mit einem College für die Bachelorstudenten?

 

Genau. Das ist die Wiederbelebung einer uralten Idee, die die Amerikaner überhaupt erst der europäischen Universitätstradition entlehnt haben. Die wir hierzulande aber leider vergessen haben. Stattdessen vergeuden wir mit unserer Version von Bologna unsere wissenschaftliche Potenz. Ein College, wie ich es mir auch für Deutschland vorstelle, ist eine akademische Institution, in der Forschende und Lehrende zusammenleben und arbeiten, und dieser Austausch drückt sich auch in der dazu gehörigen offenen Campus-Architektur aus. Die Studierenden verbringen faktisch ihren gesamten Tag auf dem Campus, sie lernen, forschen, treiben Sport, betätigen sich künstlerisch, und die engagieren sich für die Kommune, für die Menschen um sie herum.

 

Alle Studierenden müssen zwei unterschiedliche Fächer belegen, sie beteiligen sich an der Forschung, sie lernen, über wissenschaftliche Methoden zu reflektieren, akademische Fragestellungen zu formulieren und Reichweiten der Ergebnisse zu diskutieren.

Foto: Pxhere - cco 1.0.
Foto: Pxhere - cco 1.0.

Ein schöner Traum. Gibt es so etwas in Deutschland überhaupt schon irgendwo?

 

Na ja, in Ansätzen. Die Universität Freiburg mit seinem College kommt der Idee am nächsten, aber dort fehlt der gemeinsame Campus, und ich kann auch nicht die Grundphilosophie hinter dem dortigen Bildungsangebot erkennen. Auch die Leuphana Universität Lüneburg bietet ein ähnliches Modell. Aber das sind absolute Einzelfälle. Was es natürlich vielerorts seit vielen Jahren gibt, sind sogenannte Optionalbereiche, Studium generale und Komplementär-Studienangebote, doch die laufen nebenher und sind meist nicht mit den gewählten Hauptfächern verbunden.

Mit dem Ergebnis, dass kaum einer hingeht.

 

Richtig. Ich selbst biete gerade im Rahmen einer Ringvorlesung des Bochumer Instituts für Deutschlandforschung zur Revolution 1989 eine Veranstaltung an, da sitzen sechs Studenten. Es bleibt die totale Dominanz des Fachstudiums an deutschen Universitäten vom ersten Semester an, das hat sich durch den Bachelor nicht geändert, eher sogar noch verschlimmert, obwohl wir uns das vor 20 Jahren auch in Bochum anders gewünscht haben. Daher mein Vorschlag: Lasst uns doch die Bund-Länder-Verhandlungen um den Hochschulpakt nutzen, um ein erstes College als Prototyp einzurichten. Wäre das nicht eine wunderschöne Möglichkeit für Bundesbildungsministerin Karliczek, um sich in die Geschichte der deutschen Universitäten einzuschreiben? 

 

"Ein solcher Prototyp könnte
zeigen, was möglich wäre"

 

Was soll denn ein einziges zusätzliches College bringen?

 

Ein solcher Prototyp könnte zeigen, was möglich wäre, wenn die Wissenschaften auf einem gemeinsamen Campus zum Wohle der Studierenden zusammenwirken. Der Bildungshunger der jungen Leute ist doch so groß wie nie, aber viele von ihnen sind hilflos angesichts von 18.000 Studiengängen und feiner wissenschaftlicher Verästelungen schon vom ersten Studiensemester an. Mein ältester Enkel macht gerade Abitur, dem habe ich empfohlen, für den Studienbeginn ins Ausland zu gehen, weil ich fürchte, hierzulande bekommt er nicht die Orientierung, die er sucht.

 

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, hat wiederholt ein obligatorisches Collegejahr gefordert, das dem Bachelor-Fachstudium vorgeschaltet sein sollte. Was halten Sie davon?

 

Das wäre ein Anfang. Stellen wir uns einen vierjährigen Bachelor vor mit einem zwei Semester umfassenden Studium generale, an dessen Ende Prüfungen und Beratungsangebote stünden und der Einstieg ins Fachstudium. Die jungen Leute hätten die Chance, über sich selbst und über das, was Wissenschaft ist und leisten kann, nachzudenken. Allerdings bliebe danach immer noch dieser ungute Zwang zum Ein-Fach-Studium.

 

Woher kommt eigentlich diese inhaltliche Verengung deutscher Studiengänge?

 

Sie hat eine lange Tradition, die schon in den alten Magister- und Diplomstudiengängen angelegt war. Schon damals gab es kaum eine Verknüpfung zwischen den unterschiedlichen Fächern und Studieninhalten, die Professoren sagten ihren Studierenden: Das müsst ihr selbst in euren Köpfen zusammenbekommen. In den Neunziger Jahren dachte ich dann, wir hätten mit der neuen Studienstruktur endlich einen Fuß in die Tür bekommen. Das Studium generale neben den Bachelor- und Masterstudiengängen sollte der Anfang sein für einen kompletten Umbau der Studieneingangsphase.

 

Doch die meisten Fächer hatten keine Lust auf einen so grundlegenden Wandel, scheint mir heute. Stattdessen wurden jede Menge konsekutive Studiengänge etabliert, die wie Säulen nebeneinander stehen, mit einer teilweise geradezu grotesken Spezialisierung vom ersten Tag an. Ich deute nur an: Gattungstheorien um 1800, Regionalgeographische Problemkomplexe, Biodiversität der Algen - jeweils ohne die Exemplarität ins Zentrum zu rücken. 

 

Wie passt Ihre College-Idee zu dem System, das Sie da gerade schildern? Welchen Master sollten denn College-Absolventen dann draufsatteln?

 

Wenn wir den Bildungsanspruch, das so ein College haben sollte, ernst nehmen, würden die Studierenden auch ohne weiteres Studium sie direkt erfüllende Jobs finden. So könnten sie zum Beispiel ohne Weiteres bei großen Unternehmen landen, die sie über ihre eigenen Assessment Center auswählen. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass die College-Absolventen direkt einen Weiterbildungsmaster draufsatteln.

 

Wofür Sie dann Gebühren zahlen müssten.

 

Das ist ja auch ein so großer Unsinn, dass wir für die Weiterbildungsmaster Geld nehmen und für die konsekutiven keines. Das sind Strukturen, die – ob gewollt oder ungewollt – die bereits vorhandenen Fehlentwicklungen verstärken. 

 

Aber warum ist das so?

 

Weil wir eben in Deutschland über Geld reden und die Bedürfnisse bestehender Institutionen, nicht aber über die Grundlagen und Ziele wissenschaftlicher Bildung. Wir müssten zuerst mal über die von mir genannten Leistungen eines wissenschaftlichen Studiums diskutieren, sie miteinander vernetzen, bevor wir die Strukturfrage stellen. Aber in Wirklichkeit läuft es genau umgekehrt. Zumal die erfolgreichen Forscher mit großer Drittmittelaquise, nicht die begeisterten Lehrenden, die Meinungsführer in den Senaten sind. Deshalb bin ich auch skeptisch, ob ich mit meinem Vorstoß durchdringe. 

 

"Wenn es schon eine DFG für die Forschung gibt,
sollte es auch eine für die Lehre geben"

 

Der Wissenschaftsrat hat die Einrichtung einer unabhängigen Organisation zur Förderung der Hochschullehre gefordert, als Nachfolge des auslaufenden Qualitätspakts. Könnte eine "Institut für die Qualität in der Lehre" helfen, zum Beispiel durch Drittmittel die Reputation der Hochschullehre zu erhöhen?

 

Das wäre zumindest meine Hoffnung. Wer, wenn nicht ein solches Institut, soll es denn sonst machen? Wenn es schon eine DFG für die Forschung gibt, sollte es auch eine für die Lehre geben. Ich meine, schauen Sie sich doch die Realität mal an: Für hochspezialisierte Forschung werden an vielen Stellen große Gebäudekomplexe auf Campi in Universitätsnähe hingestellt, aber an die Lehre denkt niemand. Ein unabhängiges Institut für die Qualität könnte auch Universitäten unterstützen, die sich auf den Weg machen, die Collegeidee umzusetzen. Ich wüsste auch schon einen Ort für den Prototyp.

 

Ja, wo denn?

 

Ich finde, ein Universitätsverbund zwischen den Universitäten Halle-Wittenberg, Leipzig und Jena würde sich anbieten, sie sind sich geografisch nahe, ohnehin eng miteinander verzahnt, und es wären mit Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen drei Bundesländer mit im Boot.

 

Ach wissen Sie, eigentlich habe ich doch Hoffnung, dass wir so ein College, ein einziges College als Anfang, hinbekommen. Die Verantwortlichen sind doch klug. Die müssen doch kapieren, dass wir nichts davon haben, wenn wir jede Menge hilfloser Abiturienten in überspezialisierte Studiengänge jagen. 

 

Harro Müller-Michaels war Professor für Literaturwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und viele Jahre lang Dekan und Prorektor. Für ein Studium generale vor dem Fachstudium argumentiert er seit 1994. 

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Kommentare: 6
  • #1

    Stephan Gutzeit (Dienstag, 02 April 2019 15:56)

    Herr Müller-Michaels hat Recht mit seiner Grundidee. Auch mit seiner differenzierten Bewertung der "Colleges" in Freiburg und Lüneburg. Das sind Türschildprojekte: Es ist allenfalls ansatzweise drin, was außen auf der Dose drauf steht.

    Aber er hat Unrecht damit, dass es in Deutschland kein echtes College gäbe. Er möge mal hier nachsehen:

    https://berlin.bard.edu/

    Ich habe dieses College Ende der 1990er Jahre gegründet, als European College of Liberal Arts (ECLA). Wir mußten Taschengeld von sieben deutschen Stiftungen zusammenkratzen, bevor wir anfangen konnten. Einige Jahre später übernahm eine amerikanische Stiftung ECLA: Die Stifterin dort hatte im Gegensatz zu unseren deutschen Förderern den Wert dessen begriffen, was meine Mitgründer und ich aufgebaut hatten. Sie nahm deutlich mehr Geld in die Hand und erlöste ECLA damit aus einer dramatischen, deutschen Unterfinanzierung, wenn sie dabei auch reichlich unorthodox vorging. Vor wenigen Jahren folgten die nächsten institutionellen Schritte weg aus der Verankerung in Deutschland: Das New Yorker Bard College übernahm ECLA und taufte es bald um in "Bard College Berlin". Damit waren auch die Marke und die rechtliche Selbstständigkeit verloren. Es ist nun keine deutsche Einrichtung mehr, sondern die deutsche Zweigstelle einer amerikanischen. Nur auf diese Weise allerdings konnte ECLA in Deutschland überleben. Die inhaltliche Ausrichtung dort, die Studienangebote, das Personalkonzept und so einiges mehr entsprechen freilich noch immer im Wesentlichen der Gründungsvision und den Ausbaustufen, die ich damals als Social Entrepreneur federführend entwickelt und anfangs auch umgesetzt bzw. aufgegleist hatte (bis hin zum Bard College, das ich als Kooperationspartner vorgesehen und daraufhin angesprochen hatte). Strategisch ist jedoch der deutsche Bezug verschwunden: Meine Mitgünder (die aus Deutschland ebenso wie die aus dem Ausland) und ich hatten damals Wert darauf gelegt, nichts zu kopieren, auch nicht aus Amerika, sondern die amerikanische "Liberal Education" mit der ihr ideengeschichtlich verwandten, ursprünglichen deutschen Humboldtschen Tradition zu verbinden zu etwas Neuem, das wirklich in die Zukunft weist. Das war mühsam, denn man musste alles bis in die Tiefe selbst geistig durchdringen. Es war ein echtes Experiment, das inhaltlich voll aufging aber leider finanziell nicht (bezogen auf eine Finanzierung aus Deutschland).

    Ich habe dieselbe Erfahrung immer wieder gemacht: Es herrscht in Deutschland eine Unkultur der Türschildprojekte. Das Echte, wirklich Kreative und Innovative wird nicht finanziert. Sondern es wird nur so getan, als ob, weil über die Mittelvergabe und die nähere Ausführung der Projekte Menschen entscheiden, die keine Ahnung von der Komplexität des Themas haben (geschweige denn die intrinsische Motivation dafür, sich einer solchen gewaltigen Herausforderung auch nachhaltig zu stellen). Aktuell scheitert die "Agentur für Sprunginnovationen" an genau diesem Problem -- obwohl von Frau Karliczek abwärts alle beteuern, es dieses Mal ganz ganz ganz bestimmt völlig anders machen zu wollen. Die "Exzellenzinitiative" ist längst daran gescheitert: Sie hat das deutsche Wissenschaftssystem sogar beschädigt, weil sie es korrumpiert hat durch die "Umwertung aller Werte" von tatsächlich innovativer Forschung hin zu bloßer Reklame (man fühlt sich an Volkswagen erinnert: Anstatt sich die Mühe echter Innovationen zu machen, wurde in den Worten eines beteiligten Ingenieurs "beschissen" und das Türschild "Clean Diesel" drüber geklebt).

    Verantwortlich für dieses inzwischen ganz tief sitzende strukturelle Defizit sind in erster Linie diejenigen, die das Sagen haben im deutschen Wissenschaftssystem: Die Funktionäre und Lobbyisten. Und dann die Geldgeber, staatliche wie private: Da, wo deutsche Stiftungen private Universitäten auskömmlich finanziert haben, sind fürchterlich langweilige, konventionelle Einrichtungen entstanden, die man so auch im staatlichen Sektor hätte haben können. (Man vergleiche einmal die Berliner "Hertie School" mit amerikanischen oder britischen Schools of Governance.) Es geht nach meinen wiederholten Erfahrungen grundsätzlich den Beteiligten primär immer um die eigene Selbstvermarktung (institutionell oder persönlich), nie um die Sache selbst. Deshalb kommt im besten Fall nichts dabei heraus, außer den Türschildern; im schlechtesten Fall ist das Ergebnis per Saldo negativ. Es gäbe schon intrinsich motivierte Leute, die mit Leidenschaft dicke Bretter für die Sache bohren würden und könnten. Nur kommen diese nicht zum Zuge, jedenfalls nicht nachhaltig. Die deutschen Strukturen lassen das nicht zu.

  • #2

    Stephan Gutzeit (Dienstag, 02 April 2019 15:57)

    Fortsetzung des vorherigen Posts (die Länge sei mir verziehen, weil meine Anmerkungen grundsätzlicher Natur sind und auf viele aktuelle Fehlentwicklungen in Deutschland anwendbar):


    Herr Müller-Michaels unterschätzt, was Nötig wäre. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Ein echtes College dreht sich, politisch gesprochen, um die Studenten. Die deutsche Wissenschaft dreht sich um die Lehrstuhlinhaber. Eine solche kopernikanische Wende soll im vermachteten, gleichgeschalteten deutschen Wissenschaftsbetrieb möglich sein?

    Zweitens ist auch inhaltlich der Acker für ein humanistisches College in Deutschland so versalzen wie in keinem anderen europäischen Land. Das hat ideengeschichtliche Gründe: Schon bald nach Humboldts Ausscheiden 1810 ging es an der zunächst neohumanistisch orientierten Berliner Neugründung in die völlig entgegengesetzte Richtung. Zum Beispiel mit der Geschichte, die sich aus einer praktischen (d.h. bildungsorientierten) in eine theoretische Wissenschaft verwandelte. Ranke und einige andere machten es vor; alle anderen machten mit, wie die Lemminge (nur Jacob Burkhardt widersprach, aus dem neutralen Basel). Und die Philologen zogen nach. Man müßte also, und sei es nur in einer Institution, eine Entwicklung von fast 200 Jahren rückgängig machen und z.B. Geschichte, Germanistik und Philosophie völlig anders lehren als dies an deutschen Unis geschieht (nein, das ist nicht nur eine Frage der "Studienstruktur"). Das aber geht in Deutschland nicht, weil zu viele ihre Karrieren dem Status Quo verdanken. Ich kann mich an einen Aufschlag Martin Doerrys im SPIEGEL zur "Krise der Germanistik" erinnern, der sofort von germanistischen Fachfunktionären in der FAZ abgewürgt wurde: Alles sei in bester Ordnung. Noch nicht einmal eine Diskussion kam in Gang.

    Ich glaube nicht mehr daran, dass echte Reformen im wissenschaftlichen, kulturellen oder Innovationsbereich in Deutschland möglich sind. Der einzige deutsche Politiker, der begriffen hat was zu tun wäre, ist in der Tat Thomas Sattelberger. Aber er bestätigt die Regel, denn er ist von seiner intrinsischen Motivation und Ehrlichkeit her (gerade da, wo er aneckt) eben so gar kein Politiker. Ich habe deshalb, nachdem ich auch nach ECLA noch einiges aufgebaut hatte ohne dass mir dieses gedankt worden wäre (eher im Gegenteil), meinen Abschied eingereicht und das Land verlassen.

  • #3

    Juliane Besters-Dilger (Mittwoch, 03 April 2019 12:55)

    Als Prorektorin der Universität Freiburg freut mich die Aufmerksamkeit, die das University College Freiburg (UCF) erfährt. Zugleich möchte ich zum Interview mit Harro Müller-Michaels einige Präzisierungen anbieten. Vor allem möchte ich Sie beide, Prof. Müller-Michaels und Herrn Wiarda, sehr gerne nach Freiburg einladen.

    In seiner Ideenentwicklung macht Müller-Michaels Anleihen in den USA, erwähnt aber nicht, dass die Vielfalt der amerikanischen College-Modelle den Erfolg ausmacht. Das Modell UCF ist nicht eine Uni in der Uni, auch keine Insel und auch kein Ersatz für die gute und exzellente Lehre insgesamt, sondern eine spezifische und integrierte Ergänzung. Das UCF ist zudem ein didaktischer Impulsgeber und Lehr-Lern-Labor für die (interdisziplinäre) Lehre. Und das Liberal Arts and Sciences-Programm (LAS) zeigt, dass mehr Interdisziplinarität und Wahlfreiheit möglich sind und dass Forschung und Lehre schon auf der undergraduate-Ebene verbunden werden können.

    Mit dem UCF existiert also eín von Müller-Michaels geforderter Prototyp - ein Modell, das die spezifischen europäischen, deutschen und Freiburger Bedingungen berücksichtigt. Und wir beteiligen uns gerne an einer breiteren Diskussion über Hochschulbildung und deren Organisation; Überlegungen um eine "DFG für die Lehre", die Bund-Länder-Verhandlungen zum Hochschulpakt und nicht zuletzt die wiederholte Positionierung des Themas durch den Wissenschaftsrat bieten hierfür ebenso einen geeigneten Kontext wie ähnlich gelagerte Überlegungen auf europäischer Ebene.

    Man sollte dabei weder an eine Revolution denken noch den Humboldt-Mythos überstrapazieren. Und dennoch möchte ich zum Schluss die Maastrichter LAS-Studierenden zitieren, die uns in unserer College- und Curricularentwicklung 2010/11 beraten haben: "Humboldt is finally coming home."

  • #4

    Mannheimer Studi (Mittwoch, 03 April 2019 20:50)

    Zu meiner Zeit in Mannheim gab es auch eine Diskussion ein solches College als Leuchtturm zu gründen. Ich hielt das eigentlich für eine gute Idee, doch es gab aus verschiedener Richtung kritik. Am wenigsten stichhaltig war die des Asta, dass ein solches College nur eine reiche Leute Veranstaltung sei. Da Studiengebühren mit Sicherheit Teil des Modells gewesen wären hätte das College sicher auch zur Finanzierung der Universität beigetragen (ein Modell was in Mannheim mit der Business School schon gut funktioniert).
    Mir sei jedoch der Hinweis erlaubt, dass manches was damals folgenlos diskutiert wurde auch heute schon möglich ist: Manche Mannheimer Studiengänge sind mit so viel Wahlfreiheit ausgestattet, dass man effektiv ein Jahr lang Grundlagen mehrerer Sozialwissenschaften studieren kann und sich dann fast alles anrechnen lassen kann, egal für welche der Disziplinen man sich dann entscheidet.

  • #5

    Stephan Gutzeit (Donnerstag, 04 April 2019 12:06)

    @ Juliane Besters-Dilger

    Pardon, aber Ihr Beitrag illustriert genau die Probleme die ich oben kritisiert habe: Sie schreiben nicht als Wissenschaftlerin auf der Suche nach der besten Lösung, sondern verwenden Marketingsprech, so dass man zwischen den Zeilen lessen muss (wenn die "spezifischen europäischen, deutschen und Freiburger Bedingungen" berücksichtigt werden, heißt dies doch im Klartext, daß es sich eben nicht um ein echtes College handelt).

    Die Diskussion, die Müller-Michaels anstoßen wollte, nämlich ob man in Deutschland nicht viel ambitionierter an das College-Thema herangehen müßte als dies bisher in Lüneburg und Freiburg erfolgt ist, würgen Sie gleich wieder ab ("Mit dem UCF existiert also eín von Müller-Michaels geforderter Prototyp").

    Und wenn Sie schreiben, daß "die Vielfalt der amerikanischen College-Modelle den Erfolg ausmacht", ist das nicht richtig: Waren Sie mal da? Ich empfehle Ihnen, selbständige Liberal Arts Colleges mit University Colleges aus eigener Anschauung zu vergleichen (was wir damals gemacht haben). Dann würden Sie bemerken, daß die selbständigen Colleges das Original sind und die universitären Colleges mehr oder weniger schlechte Kopien (Lektüreempfehlung dazu: die Ausgabe des Magazins Daedalus vom Winter 1999, Distinctively American - The Liberal Arts College). Das Maastrichter College, an dem Sie sich orientiert haben, ist eine Kopie der Utrechter Einrichtung, die wiederum amerikanische University Colleges ansatzweise kopiert. UCF wäre damit die Kopie einer holländischen Kopie einer holländischen Einrichtung, die eine amerikanische Kopie eines amerikanischen Originals kopiert. Was ist aus dem Motto "ad fontes" geworden?

    Ein ambitioniertes College läßt sich in Deutschland offensichtlich nur außerhalb des bestehenden Systems realisieren. Theoretisch wäre das als staatliche Neugründung möglich; praktisch würden aber dann die üblichen deutschen Pfadabhängigkeiten greifen mit dem Ergebnis, daß wieder nur ein Türschildprojekt dabei heraus kommt. Vergleiche dazu die "Agentur für Sprunginnovationen", für die das BMBF gerade eine Gründungskommission zusammengestellt hat in der nur eine kleine Minderheit Ahnung von dieser sehr speziellen Art der Innovation hat (dafür haben aber viele das richtige Parteibuch). Also müßte man es privat machen. Das erfordert aber eine Stiftung mit der nötigen Weitsicht (daß nämlich ein solches College viel wichtiger für Deutschland wäre als noch eine Business School), Einsicht (in die erwähnten deutschen Pfadabhängigkeiten mit ihren nivellierenden und homogenisierenden Mechanismen) und natürlich mit dem nötigen Kleingeld. Ich habe viele Jahre als Innovator im deutschen Stiftungswesen gearbeitet und bin zu dem Schluß gekommen, daß es wenigstens aktuell eine solche Fördereinrichtung in Deutschland nicht gibt.

  • #6

    Steffi Hobuß (Dienstag, 21 Mai 2019 18:28)

    Der von Herrn Müller-Michaels geforderte „Prototyp“ existiert seit 2007 am College der Leuphana Universität Lüneburg!
    Als Akademische Leiterin des Leuphana College freut mich die Aufmerksamkeit, die auch unser College hier erfährt – freilich würde genaueres Hinsehen jenseits von Behauptungen zeigen, dass die von Müller-Michaels angesprochenen Punkte bei uns bereits verwirklicht und in der Praxis erfolgreich erprobt sind.
    Am Leuphana College studieren alle BA-Studienanfänger*innen, das sind 1.500 in jedem Wintersemester, in unserem College-Modell: Der Leuphana Bachelor bettet das Studium eines Hauptfachs (Major) und eines Nebenfachs (Minor) in ein Studium im Geiste der Liberal Education ein, wobei die fachübergreifende Lehre ein ganzes Drittel der relevanten CP ausmacht. Vor allem aber studieren die Anfänger*innen das komplette erste Semester gemeinsam in fachübergreifenden Vorlesungen und kleinen Seminaren und Projektgruppen. „Probleme, Methoden, Grenzüberschreitungen“ bilden den Inhalt des Leuphana Semesters von unserer Opening Week am Anfang bis zur Konferenzwoche am Ende des ersten Semesters. Und ab dem zweiten Semester wird das Haupt- und Nebenfachstudium kontinuierlich durch das Komplementärstudium ergänzt und gerahmt.
    Data Literacy Education für alle, Rhetorik, Argumentation und Debattenkultur für alle, eine lebendige Kultur von 67 studentischen Initiativen auf dem Campus – das sind nur einige der genannten Elemente.

    Sehr gern möchte ich Sie alle, Prof. Besters-Dilger, Prof. Müller-Michaels und Herrn Wiarda, ans Leuphana College nach Lüneburg einladen! Um unsere Campuskultur zu erfahren, und sehr gerne auch zu weiterem Ideenaustausch und sicher nötigen Präzisierungen.
    Zum Schluss möchte ich eine unserer Erstsemesterstudierenden zitieren (aus einem echten kritischen Studienbericht, kein Marketingsprech):
    „Die [...] Vorlesung, in der Wissenschaft und Methoden im gesellschaftlichen Wandel vorgestellt wurden, war inhaltlich sehr komplex, aber wunderbar verständlich [...], weshalb ich vieles aus den Veranstaltungen mitnahm. Erst durch diese Vorlesung habe ich das Gefühl erlangt, auf Wissenschaft, Universität und die wissenschaftliche Gemeinschaft gedanklich vorbereitet zu sein. Ich bin gespannt, dieses neue akademische System weiter zu entdecken.“