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Leute, es ist nur ein Promotionskolleg...

...und nicht das Ende der akademischen Welt, wie wir sie kannten. Drei Gedanken zur Debatte um das FH-Promotionsrecht.

Foto: PublicDomainPictures / Pixabay - cco.

LEUTE, ES IST nur ein Promotionskolleg, will man den Unirektoren in Nordrhein-Westfalen zurufen. Doch die befürchten offenbar Schlimmstes. Die schwarz-gelbe Landesregierung will das Hochschulgesetz grundsätzlich reformieren, und zu den geplanten Änderungen gehört, das bestehende "Graduierteninstitut" NRW umzuwandeln. Am Graduierteninstitut können Fachhochschulabsolventen promovieren, bislang kooperativ betreut von FH- und Uniprofessoren. Als "Promotionskolleg für angewandte Forschung der Fachhochschulen" mit eigenem Promotionsrecht würde es die Unibeteiligung nicht mehr brauchen, die beteiligten FHs könnten über das Promotionskolleg allein den Doktorgrad verleihen.

 

Und das regt die Universitäten so auf, dass sie publizistisch aus allen Rohren feuern. Seit vergangenem Donnerstag, dem Tag einer Landtags-Anhörung, sind allein in der FAZ drei alarmistische Beiträge erschienen, zwei direkt aus der Feder von Uniprofessoren. Man dürfe "Den Doktor nicht mit dem Bade ausschütten", fordert der Prorektor der Universität Köln, Christian von Coelln, der zugleich Landesvorsitzender der Uniprofessoren-Gewerkschaft DHV ist.

 

"Kontraproduktiv und verhängnisvoll" seien die Pläne, mahnt der Physikprofessor Jürgen Jahns von der Fernuni Hagen. Im dritten Artikel wird der Rektor der Universität Duisburg-Essen, Ulrich Radtke, zitiert, der vor "Low-Quality"-Promotionen an den Fachhochschulen warnt.

 

Publizistisch deutlich weniger Raum erhielten in den vergangenen Tagen die Fachhochschulen, um ihre Argumente darzulegen. Dabei könnte eine gewisse Versachlichung der Debatte nur gut tun. Drei Punkte, die mir wichtig erscheinen.

 

Erstens: Ja, das Promotionskolleg nach den NRW-Plänen würde das Promotionsrecht bedeuten. Aber (anders als in Hessen) nicht für einzelne Fachhochschulen, sondern für eine gemeinsame Einrichtung, die – da werden die Unis und der Wissenschaftsrat schon für sorgen – strengste Auflagen erhalten wird. Während jeder einzelne Uni-Fachbereich, auch der forschungs- und personalschwächste, traditionell ein eigenes Promotionsrecht hat.

 

Zweitens: Eine "Desintegration der Hochschulformen", wie Radtke sie befürchtet, droht genau nicht. Die FH-Promotionen werden anders ausgerichtet sein, wie die Forschung an Fachhochschulen sich von der Uni unterscheidet: schon von den Disziplinen her, vor allem aber auch vom Grad ihrer Angewandtheit. Gut geregelt könnten FH-Promotionen die unterschiedlichen Hochschulprofile sogar eher noch stärken.

 

Drittens: Die – ohne Zweifel – nötigen strengen Auflagen für FH-Promotionen werden dafür sorgen, dass deutlich mehr Forschungsprofessuren mit geringerem Lehrdeputat (Normalfall: 18 Semesterwochenstunden versus neun an Unis) entstehen werden. Mit der Änderung des Promotionsrechts geht die NRW-Landesregierung also gewollt oder ungewollt eine gravierende finanzielle Verpflichtung ein.

 

Ist das womöglich der wahre Grund für die Empörung der Unis? Haben Sie Angst vor einer Verschiebung der Hochschulbudgets zu ihren Ungunsten? Wenn ja, dann wäre es angemessener, genau diese Debatte zu führen. Ein pauschales Schlechtreden der Fachhochschul-Forschung ist das eigentlich Kontraproduktive und Verhängnisvolle.

 

Dieser Artikel erschien heute zuerst im ZEITChancen-Newsletter.

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Kommentare: 8
  • #1

    René Krempkow (Donnerstag, 28 März 2019 09:00)

    wie immer meinungsstark und dabei sachlich argumentierend und deshalb lesenswert (gerade auch wenn man nicht unbedingt Ihre Meinung teilt)!
    Deshalb hier zu einem weiteren, im Zusammenhang mit der Debatte um das FH-Promotionsrecht häufiger vorgebrachtes Argument, dass wir ohnehin schon zu viele Doktoranden bzw. Promovierte hätten (eine ähnliche Diskussion wie beim "Akademisierungswahn"):
    Hiermit haben sich eine ganze Woche lang Expert/innen aus Hochschulpolitik, Hoch­schulleitungen sowie Berufs- und Hochschulforschung auseinandergesetzt und daraus ist vor gut einem Jahr ein Buch entstanden, welches weitere sachliche Argumente zu dieser Debatte beitragen kann, darunter auch zur Frage einer befürchteten "Doktorisierung": https://www.universitaetsverlagwebler.de/webler-2017, bzw. www.researchgate.net/publication/320281741.

  • #2

    Josef König (Donnerstag, 28 März 2019 11:30)

    Lieber Jan,

    bei aller Sachlichkeit Deiner Argumentation, fehlt meines Erachtens ein entscheidendes Argument: Der dr ist der einzige und zugleich höchste akademische Grad und das letzte Privileg von Fakultäten und Unterscheidungsmerkmal von Universitäten, Deshalb wehren sie sich (m.E. zurecht) nicht nur gegen die FH-Promotion, sondern ebenso gegen ein Promotionsrecht für außeruniversitären Einrichtungen wie etwa die Max-Planck-Schools.
    Wenn man also diese Privileg abschafft, kann man direkt Unis und FH vollkommen gleich setzen. Damit würde das Hochschulsystem komplett umgemodelt. Es geht also nicht nur um, wie es in der Überschrift heißt: "Das ist nur ein Promotionskolleg" - es geht vielmehr darum, wer das Recht hat zu promovieren und was das für das Hochschulsystem bedeutet.
    Das geplante Promotionskolleg ist ein Weg zur Einebnung des Hochschulsystems, ob er der richtige ist, darüber wäre zu streiten. Aber dann soll man das auch offen und klar sagen: Wir wollen diese Unterscheidung zwischen den Unis und FHs nicht mehr.
    By the way: In den angelsächsischen Ländern dürfen auch nur Forschungsuniversitäten den PhD vergeben.

  • #3

    Mannheimer Studi (Donnerstag, 28 März 2019 12:33)

    Ich verstehe bei der Diskussion bislang nicht so richtig, was eine "anwendungsorientierte Promotion" denn genau ist. Denn Promotionen die nicht rein theoretisch sind gibt es ja auch an Universitäten.
    Geht es da darum aus Forschungsleistungen anderer ein Produkt zu entwickeln? Oder ist damit gemeint, dass man zu einem konkreten Anwendungsfall die einschlägige Literatur zusammenfasst, um Handlungsvorschläge zu machen (ohne Selbst zur Literatur beizutragen)?

    In einem der angesprochenen FAZ Artikel habe ich gelesen, dass die Landesregierung das FH-Promotionskolleg innerhalb der Lehre angesiedelt sieht. Das macht mich schon stutzig, denn die Promotion soll doch die Befähigung zur eigenständigen Forschung dokumentieren.
    Wenn ich verstehen würde was nun genau mit der FH-Promotion gemeint ist und warum das gleiche nicht an Universitäten stattfinden kann, dann würde es mir vielleicht auch leichter fallen diese Pläne zu begrüßen.

  • #4

    Winder (Donnerstag, 28 März 2019 13:46)

    Ich verstehe nicht, wieso mit der Gewährung eines Promotionsrechts an FHs dann den FHs dann im gleichen Schritt Professuren mit weniger Lehre vom Land gewährt werden müssen. Das ist doch eines der Argumente der Universitäten: Ein Prof mit 18SWS Lehrverpflichtung kann Promotionen weniger gut betreuen als einer mit 9SWS. Wenn FHs Professuren gegeben würden mit 9SWS, wäre ein Unterschied zwischen FH und Universität nivelliert.

  • #5

    Marc Bobowk (Donnerstag, 28 März 2019 20:28)

    @Josef König
    Ist so ein Unterscheidungsmerkmal noch zeitgemäß?
    Zumal ein Unteschied ja für den Grundstein bleibt: Uni geht nur mit Abitur.
    Wenn ich meinen Bachelor und meinen Master an einer FH machen, warum dann nicht auch die Promotion? Aber nein, dafür soll ich umbebingt an die Uni wechsle( oder zuminde ein kooperation Suchen), warum? Was kann die Uni hier besser? Zumal die Themen einer Promotion ja auch nicht aus allen Wolken fallen. Wenn ich auf der Master Thesis aufsetzten will macht es für mich noch weniger Sinn da extra eine Uni suchen zu müssen.

  • #6

    Josef König (Donnerstag, 28 März 2019 22:24)

    @Marc Bobowk -

    Aus der Perspektive der Universität ist es sinnvoll, dass sie ihr Alleinstellungsmerkmal verteidigt und - was leider nicht immer ist - ihre Qualitätsanforderungen hoch hält.
    Aus der Sicht des Doktoranden sprechen andere Grunde für die Promotion an Universitäten: die grundsätzlich bessere Ausstattung und die qualitativ besseren Forschungsstrukturen und -erfahrungen. Hinzu kommt der Ruf der Institution. Der dr an einer FH wird nicht mit dem gleichen Wert belegt sein, wie die Promotion an einer Uni.
    Schließlich darf man den Sinn einer Promotion nicht aus den Augen verlieren: Sie ist der Nachweis, dass man fähig ist, selbstständig wissenschaftlich zu arbeiten und der Eintritt bzw die Voraussetzung für den Eintritt in die Wissenschaft. Soweit mir bekannt, haben FH-Professoren durchgehend an Unis studiert und promoviert und ich hoffe, dass ich hier keinem Irrtum oder Vorurteil unterliege.

  • #7

    F. Dittmar (Freitag, 29 März 2019 09:49)

    Meines Erachtens hilft es, die Motivlagen der Forderung nach einem Promotionsrecht für FHen stärker zu unterscheiden:
    Geht es darum, dass sehr begabte und forschungsinteressierte FH-/HAW-Absolventinnen und Absolventen die Möglichkeit haben sollen, aufbauend auf ihren bisherigen Studienleistungen zu promovieren? Dafür ist es vor allem notwendig, dass die Universitäten beim Zugang zur Promotion keine unverhältnismäßigen Hürden aufbauen. Hilfreich kann es auch sein, wenn die Betreuer der BA- oder Masterarbeit auch an der Betreuung der Promotion mitwirken können.
    Oder geht es darum, dass einzelne forschungsstarke FH-/HAW-Professorinnen und Professoren das Promotionsrecht erhalten? Dies könnte auch über Assoziierungen in universitäre Fakultäten erreicht werden.
    Oder geht es darum, dass HAWen und FHen bzw. Teilbereiche von ihnen das Promotionsrecht bekommen? An dieser Stelle beginnt tatsächlich die Grenze und damit auch die klare Differenzierung zwischen Universitäten und HAWen/FHen zu verschwimmen - mit allen Konsequenzen hinsichtlich Finanzierung, Deputaten, Ausstattungen etc. pp. Es wäre auch nachvollziehbar, wenn die Universitäten dann auf eine Bezeichnung Dr. univ. bzw. Dr. FH bestehen würden.

  • #8

    Florian Bernstorff (Donnerstag, 04 April 2019 16:37)

    Mir fehlt in dieser Diskussion eine für mich grundlegende Frage: Was ist eine Fachhochschule/HAW und welche Funktion übernimmt sie in unserem Bildungssystem? Und was ändert sich daran, wenn dieser Typ Hochschulen sich dem Typ Universitäten in Sachen Nachwuchsförderung annähert?

    Mir geht es dabei vor allem um systemische Wirkungen. Werden HAWen ihre Berufungsstrategien ändern und versuchen, mehr Menschen aus reinen Forschungs-karrieren zu gewinnen? Werden sie auch mit Blick auf die Lehre und die Betreuungsrelationen demnächst mit den Universitäten gleichgestellt?

    Die Fachhochschule entstammt, wie auch der WR einmal treffend festgestellt hat, ursprünglich dem Berufsbildungssystem. Sie ist somit noch nie die kleine Schwester der Universität gewesen, sie hat ihrem Ursprung nach auch andere Aufgaben in der Lehre wahrgenommen; sie hat Studienformate und Curricula etabliert, die an einer Universität so meist nicht existieren könnten und sie hat ein anderes Publikum angesprochen. Ich finde, das ist eine Erfolgsgeschichte. Wenn wir künftig faktisch nur noch Universitäten haben, wer füllt dann die Lücke, die die HAW hinterlassen wird?