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Qual der Wahl

Seit heute steht fest, wer Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen wird. Rafael Laguna de la Vera wird viel Kraft brauchen – und muss sie schon bei der Wahl des Standortes für die neue Einrichtung unter Beweis stellen.

HEUTE HABEN DIE BUNDESMINISTER Anja Karliczek und Peter Altmaier (beide CDU) bekanntgegeben, dass Rafael Laguna de la Vera Gründungsdirektor der neuen Agentur für Sprunginnovationen werden soll. So habe es die Gründungskommission unter der Leitung des Max-Planck-Forschers Dietmar Harhoff einvernehmlich entschieden. Auch sprach sich die Kommission für eine "gut entwickelte, urbane Region mit starker Wissenschaftsorientierung" als künftigen Standort für die Agentur aus, "zum Beispiel die Metropolregion Berlin", wie es hieß. 

 

Dass Rafael Laguna de la Vera, 55, geboren in Leipzig, in Betracht kam, war in den vergangenen Tagen immer deutlicher geworden. Auch wenn der Unternehmer einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt ist, darf er als inhaltlich gute Wahl gelten: Er ist Mitgründer des 2005 gestarteten, international erfolgreichen Software-Unternehmens Open-Xchange AG, Harhoff bezeichnete ihn bei LinkedIn als "Technologiepionier, Gründer, Innovator". Die grüne Bundestagsabgeordnete und Innovationsexpertin Anna Christmann sprach in ihrer ersten Reaktion von einer Persönlichkeit, die als Vertreter der Open-Source-Bewegung für innovative Ansätze und digitale Souveränität in Europa stehe. 

 

Vom Kommissionsmitglied
zum Gründungsdirektor

 

Es irritiert allerdings ein wenig, dass sich bereits unter den fünf Kandidaten, die in die engere Wahl kamen, kein einziger ohne deutschen Pass befunden hatte – und das obwohl, wie der parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Michael Meister, in einer Antwort auf eine FDP-Anfrage betont hatte, die Suche nicht auf den deutschsprachigen Raum beschränkt gewesen sei, "da für diese Position internationale Erfahrungen vorausgesetzt werden". Doch Meister hatte hinzugefügt: Die Gründungskommission habe "eine umfassende Kenntnis der spezifischen Rahmenbedingungen in Deutschland" vorausgesetzt. Und die hatten also nur Kandidaten mit deutschem Pass? 

 

Ebenso irritiert, dass Laguna bis zum 29. Mai selbst Mitglied der Gründungskommission war und erst ausschied, als offensichtlich wurde, dass er als möglicher Kandidat für den Direktorenposten in Frage kam. Rechtlich ist das in Ordnung und wie gesagt: Inhaltlich ist gegen Laguna nichts einzuwenden. Aber um den FDP-Politiker Thomas Sattelberger zu zitieren, der auch vor wenigen Wochen die erwähnte Anfrage an die Bundesregierung gestellt hatte: "Wer so deutschlandlastig und begrenzt nach Kandidaten sucht wie die Auswahlkommission, landet im eigenen Nest. Es hat mehr als nur ein Geschmäckle, wenn einer der Kandidaten selber in der Gründungskommission saß." 

 

Die beiden zuständigen Bundesministerien waren offenbar heute selbst ein wenig verwirrt von der Personalie. So wird Rafael Laguna de la Vera in der gemeinsam herausgegebenen Pressemitteilung als neuer Direktor korrekt benannt, während in der angefügten Auflistung der Kommissionsmitglieder ein am 29. Mai ausgeschiedener "Raphael Laguna" auftaucht. 

 

Wenn Laguna die Eigenständigkeit
garantiert, ist alles gut

 

Das eigenartig anmutende Auswahlverfahren kann und muss seine Rechtfertigung an einer einzigen, aber entscheidenden Stelle finden: Laguna muss die strategische und politische Eigenständigkeit der Agentur garantieren, weil sie nur dann ihre Wirkung entfalten wird. Gelingt ihm dies, kann die Kommission über die Kritik am Auswahlprozess getrost hinwegsehen. 

 

Der CDU-Forschungsexperte Stefan Kaufmann, einer von zwei Bundestagsabgeordneten in der Kommission, sagte denn auch heute, ihm sei es besonders wichtig gewesen, "dass wir einen unabhängigen Kopf für die Agentur finden, der ein Gespür hat für Innovationen und auch Marktmechanismen kennt. Mit Herrn Rafael Laguna de la Vera konnte ein Gründungsgeschäftsführer gefunden werden, der viel Erfahrung im Start-up Bereich mitbringt und für die Aufgabe der Agentur brennt." 

 

Wie groß die Herausforderung für Laguna wird, zeigt das Hickhack um die Schwester-Organisation, die ebenfalls im vergangenen Sommer beschlossene Cyber-Agentur: Die Wirtschaftswoche berichtete vergangene Woche, anders als von der Bundesregierung gewünscht sei für deren Mitarbeiter lediglich eine Vergütung nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes vorgesehen. Ausnahmen von dem sogenannten Besserstellungsverbot gebe es bislang nur für den Geschäftsführer der neuen Cyberagentur sowie sechs weitere Führungsposten.

 

Auch die Agentur für Sprunginnovationen will die Bundesregierung so weit wie möglich aus dem üblichen Behördenstrukturen heraushalten – ob ihr das besser gelingt, als es sich bei der Cyberagentur andeutet? Die grüne Innovationsexpertin Christmann mahnte, es müssten in der Agentur nun weitere Persönlichkeiten folgen, die neben Expertise und internationaler Erfahrung auch die Diversität der Themen und der persönlichen Hintergründe repräsentierten. Außerdem dürfe die Agentur nicht schon vor ihrem Start finanziell und zeitlich zum Bettvorleger degradiert werden. Eine selbstbewusste, unabhängige und ungewöhnliche Agentur: Für all das wird Laguna nun stehen und im Zweifel kämpfen müssen.

 

"Metropolregion Berlin" oder doch
nicht "Metropolregion Berlin"?

 

Eine erste Kostprobe seiner Standhaftigkeit kann er voraussichtlich schon bald abgeben – wenn es um den Standort für die Agentur geht. Die Ansage der Gründungskommission für eine Metropolregion, "zum Beispiel Berlin", ist absichtlich schwurbelig, auch wenn Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sie postwendend per Pressemitteilung feierte: Er freue sich "sehr, dass die Gründungskommission die Metropolregion Berlin als Standort für die Agentur empfohlen hat". 

 

Hat sie das tatsächlich? Ja, aber wirklich nur SEHR allgemein und offen. Kommissionsmitglied Stefan Kaufmann, der zugleich CDU-Chef in Stuttgart ist, sagt denn auch, es werde nun "gemeinsam mit dem Gründungsgeschäftsführer noch über den Sitz der Agentur zu entscheiden sein. Dabei sollte auch die Region Stuttgart als einer der innovativsten und forschungsstärksten Wirtschaftsräume Europas in Betracht gezogen werden." Die zweite Abgeordnete in der Kommission, Manja Schüle (SPD), vertritt dagegen Potsdam im Bundestag. 

 

Die Minister Karliczek und Altmaier hatten mitgeteilt, die Standortfrage solle "im Einvernehmen" mit Laguna entschieden werden, was auch immer das heißt. Dass nur eine Metropolregion in der Lage scheint, die nötigen internationalen Spitzen-Mitarbeiter anzuziehen, scheint dabei logisch. Und dass die Kommission sich hier betont zurückhält, um Laguna Spielraum zu geben, ist richtig.

 

Gleichzeitig hat die Bundesregierung in einem Zwölf-Punkte-Plan jedoch gerade erst gelobt, neue Behörden vor allem in strukturschwachen Regionen anzusiedeln. Und Kanzlerin Merkel hat den Ost-Ministerpräsidenten versprochen, bei künftigen Standort-Entscheidungen bevorzugt den Osten zu berücksichtigen. Mal schauen, wie alles das zusammengeht. Wie gesagt: Laguna selbst stammt aus Leipzig.

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Kommentare: 4
  • #1

    tmg (Donnerstag, 18 Juli 2019 01:17)

    Effizienter kann man Geld fast nicht verbrennen als mit dieser Agentur. Noch schneller ginge es nur wenn man direkt Benzin draufkippt.

  • #2

    Skeptiker (Donnerstag, 18 Juli 2019 06:29)

    Open-Xchange war keine Sprunginnovation, sondern im Gegenteil wurde abgekupfert bei Microsoft und anderen. Der hochgelobte Mann hat also vom angeblichen Thema der Agentur keine Ahnung. Vielmehr steht er genau dafür, was es schon jetzt im deutschen Innovationssystem zuhauf gibt: Man doktert ein wenig herum an dem, was Amerikaner erfunden haben, und hält sich dann für einen "Technologiepionier". Diese Agentur kann man vergessen: Alles spricht dafür, dass sie nur mehr vom Gleichen liefern wird.

  • #3

    Roland Berg (Donnerstag, 18 Juli 2019 09:25)

    Kommentare, die diese Super-Initiative gleich die Möglichkeit zum Erfolg absprechen sind unseriös. Insbesondere, wenn man die innovative Leistung von Laguna offensichtlich nicht kennt, wie z. B. Id4me oder COI, um nur einige zu nennen. Monopole zu öffnen und den Usern Freiheit zurückzugeben ist eine unschätzbare Leistung

  • #4

    Skeptiker (Donnerstag, 18 Juli 2019 10:01)

    @Roland Berg

    Id4me etc. sind doch keine Sprunginnovationen! Gemessen an dem von der Politik verkündeten Anspruch der Agentur legen Sie die Latte viel zu niedrig.

    Open Source ist eine Sprunginnovation. Aber da ist Laguna zeitlich gesehen ein arger Nachzügler, also gerade kein Pionier mehr. Auch vom Impact her steht er international betrachtet in der 3. oder 4. Reihe; und um internationale Konkurrenzfähigkeit soll es hier angeblich doch gerade gehen.

    Die Idee zur Gründung einer solchen Agentur war per se nicht schlecht. Aber die Umsetzung verläuft leider so inkonsequent und stümperhaft, dass eine negative Prognose nicht nur berechtigt sondern sogar geboten ist. Jedenfalls von Beobachtern, die sich einigermaßen mit den verschiedenen Arten von Innovation auskennen und auch international verdrahtet sind. Die Erfahrung zeigt, dass wenn einmal der falsche Gründungsdirektor berufen ist, aus einer solchen Sache nichts mehr wird. Die Weichenstellungen ganz zu Beginn sind die entscheidenden.

    Man fühlt sich an die Gründung des Berlin Institute of Health erinnert: Auch das sollte angeblich eine Super-Sache werden, mit Weltgeltung (und war per se als Idee noch gar nicht schlecht). Aber beim Gründungsdirektor Erwin Böttinger griff man leider komplett daneben (auch er damals unverdienterweise hochgejubelt zum Innovationbolzen und "Spitzenforscher"), und auch strukturell lief alles schief. Die jetzt geplante Integration in die Charité macht alles nur noch schlimmer. Auch daraus wird nichts mehr werden.