· 

Ein Sieg für die Wissenschaft

Zehn Universitäten und ein Verbund setzten sich heute nach einem dreijährigen Wettbewerb um die Exzellenz-Titel durch. Vor allem aber zeigte sich die Wissenschaft als Ganzes am Ende selbstbewusst. Ein Kommentar.

ES GING UM viel Ruhm. Und um Geld. Wobei das mit dem Geld oft überschätzt wird. Doch zunächst zur wichtigsten Nachricht: Bund und Länder haben heute zehn Universitäten und einen Universitätsverbund in den Exzellenzstatus erhoben, und zwar die Universität Hamburg, die RWTH Aachen, die Universität Bonn, die TU Dresden, die Universität Heidelberg, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Universität Tübingen, die Universität Konstanz, die LMU München, die TU München und die Berlin University Alliance. 

 

Neben dem Titel "Exzellenzuniversität" erhalten sie je künftig nach Antrag zwischen 10 und 15 Millionen Euro, mindestens sieben Jahre lang. Der Berliner Verbund, bestehend aus den drei großen Berliner Universitäten und der Charité, bekommt ein paar Millionen mehr.

 

Damit endet ein drei Jahre langer kräftezehrender Wettbewerb, der anfangs 63 Universitäten im Atem gehalten hatte. Dann, nach der ersten Vorentscheidung, noch 41, später 34 und zuletzt 19. Nur diese 19 Universitäten hatten im vergangenen September genug große Forschungsverbünde, sogenannte Cluster, durchgebracht, um bei der finalen Kür der elf Exzellenzuniversitäten dabei sein zu dürfen. 

 

Elf deshalb, weil Bund und Länder es vor dreieinhalb Jahren so verabredet hatten, als sie die Exzellenzinitiative (kurz "Exini") zur Exzellenzstrategie ("ExStra") weiterentwickelten. Exzellent sind in Deutschland also so viele Universitäten, wie es politische Vereinbarungen vorher festlegen. Den elf bescheinigten die sogenannte Exzellenzkommission, die für die Kür zuständig war, dass ihre Antragskonzepte besonders überzeugend waren. 

 

Wissenschaftspolitische Sternstunde

 

Wissenschaftspolitisch kann der Tag heute als Sternstunde gelten, und das verdankt er vor allem den Wissenschaftlern in der Exzellenzkommission. Sie haben ein Selbstbewusstsein gezeigt, das bemerkenswert ist.

 

Um zu verstehen, was an ihrer Entscheidung so besonders ist, muss man kurz erklären, wie sie zustande gekommen ist: Die Konzepte der 19 Bewerber waren von Gutachtern vor Ort geprüft worden, auf der Grundlage ihrer Berichte debattierten die vergangenen drei Tage 39 Wissenschaftler, die meisten davon aus dem Ausland, im sogenannten Expertengremium. Sie erstellten eine Liste mit aus ihrer Sicht förderwürdigen Universitäten. Über diese Liste haben dann heute die 39 Wissenschaftler zusammen mit den Wissenschaftsministern aus Bund und Ländern in der Exzellenzkommission gemeinsam abgestimmt. Und hier kam das Besondere: Die Wissenschaftler haben der Politik heute faktisch keine Wahl gelassen. 

 

Die Voten der Wissenschaftler werden den Ministern nämlich traditionell in Form eines Ampelsystems präsentiert. Grün heißt: auf jeden Fall fördern. Rot: auf keinen Fall. Und gelb: Förderung möglich, aber nicht zwingend. 

 

Die gelben Ampeln sind die, über die sich in der Vergangenheit die Politiker hermachten. Was bei der Kür der Cluster im September 2018 fast zum Eklat führte: Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), die allein 16 der 32 Politik-Stimmen führt (gegenüber den 39 der Wissenschaftler) habe ihre Macht dazu genutzt, die Zahl der geförderten Forschungsverbünde künstlich hochzudrücken, schimpften etliche SPD-Minister. 

 

Tatsächlich kamen elf der 12 von den Wissenschaftlern auf gelb gestellte Cluster in die Förderung – mit dem Ergebnis, dass alle der insgesamt 57 erfolgreichen Anträge ihre Fördersumme empfindlich gekürzt bekamen. Karliczek verweist indes darauf, dass ihre 16 Stimmen allein ohne die Unterstützung anderer Länder und vieler Wissenschaftler nie gereicht hätten. 

 

Statt einem strahlenden, von allen akzeptierten Ergebnis gab es also am Ende Klein-Klein und politisches Gezänk. Und genau das, so scheint es, haben die Wissenschaftler diesmal verhindern wollen, indem sie der Politik einfach die Grundlage dafür wegnahmen. 

 

Das ist selbstbewusst – und mutig. Denn eigentlich sind die Politiker der Meinung, dass ihnen ihr Anteil an der Entscheidung zusteht, ansonsten hätten sie das oben beschriebene Entscheidungsverfahren anders aufgesetzt. Doch würden Kritiker eben auch sagen: Im vergangenen September sind die Politiker mit ihrem Anteil der Verantwortung nicht besonders gut umgegangen. 

 

Klare Botschaft an die Ministerinnen und Minister

 

In jedem Fall wollten die Wissenschaftler diesmal eine klare Botschaft senden: Die ExStra wird wissenschaftlich entschieden, nicht politisch. Basta. Dieses Signal einer selbstbewussten Wissenschaft kann man in Zeiten, in denen sich Forscher anderswo auf der Welt unter wachsendem politischen Druck sehen, gar nicht hoch genug bewerten. Genauso wie die großartige Reaktion der Politiker, die Wissenschaft gewähren zu lassen. Einige Minister taten es womöglich zähneknirschend, aber selbst sie taten es ohne wirkliche Zweifel. Und die meisten waren sogar froh, dass die Wissenschaftler ihnen das andernfalls fast unvermeidliche erneute Gezerre erspart haben. 

 

Dass die Wissenschaftler überhaupt so handeln konnten, hat viel mit zwei Personen zu tun. Zum einen mit dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, der unermüdlich und unzählige Male betont hat, dass die Exzellenzstrategie "wissenschaftsgeleitet" sei. Zum anderen und vor allem aber mit Martina Brockmeier, der Vorsitzenden des Wissenschaftsrates – der Organisation, das die Entscheidungssitzung vorbereitet hatte. Brockmeier hatte, so berichteten es mehrere Minister schon vor Tagen, konsequent auf die Elfmal-Grün-Entscheidung hingearbeitet. Es ist eine politisch-strategische Glanzleistung, die ihr da gelungen ist.   

 

Sie trägt dazu bei, dass auch die acht unterlegenen Exzellenzkandidaten die Entscheidung werden akzeptieren können. Sie verankert die "ExStra" im öffentlichen Bewusstsein der Universitäten noch einmal ganz anders als "Exzellenz"-Wettbewerb. 

 

Trotzdem kann man die ExStra weiter kritisch sehen nach dem Motto: Während die Grundfinanzierung vieler Universitäten, vor allem der Lehre, weiter beklagenswert ist, verteilt die Exzellenzstrategie ein paar Sahnehäubchen. Oder, wie es Jan Cloppenburg, Wissenschaftsexperte und ehemaliger Vorsitzender des Studierendenverbandes fzs, auf Twitter formulierte: "Exzellenz bedeutet, feiern zu dürfen, etwas weniger gekürzt zu werden."

 

Hochschulfinanzierung: deutliche Unterschiede nach Ländern

 

In Wahrheit ist es sogar noch ein wenig komplexer. Je nach Bundesland ist die Hochschulfinanzierung in den vergangenen Jahren merklich gestiegen, einige Bundesländer wie Baden-Württemberg, Berlin oder Thüringen legen inzwischen jedes Jahr bis zu vier Prozent oben drauf. Doch folgt das Plus oft vielen Jahren empfindlicher Sparrunden, es ändert nichts an einem Sanierungsrückstau auf den Campi, der je nach Schätzung 30, 35 Milliarden Euro und mehr beträgt – und je mehr einige Länder spendieren, desto mehr leiden jene Hochschulen unter dem härteren Wettbewerb, die nicht die Gnade des richtigen Standortes haben.  

 

Auch wenn man die 148 Millionen Euro, die künftig pro Jahr an die Sieger ausgereicht werden, in Bezug setzt zur deutschen Hochschulfinanzierung insgesamt, wird klar, dass es mit weniger als 0,5 Prozent doch recht kleine Sahnehäubchen sind. Und selbst an der kleinsten Exzellenzuniversität Konstanz kommt der Anteil des Exzellenzuni-Preisgeldes (ohne Cluster) auf nur gute fünf Prozent ihres Gesamthaushalts.

 

Doch das ideele Preisgeld ist viel höher: Mit dem Exzellenz-Ruhm lassen sich leichter Spitzenforscher anlocken, zusätzliche Forschungsgelder einwerben und das erreichen, was an deutschen Unis oft noch unterentwickelt ist: der Stolz auf und die Identifikation mit der eigenen Hochschule. 

 

Endlich ist der ExStra-Stress vorbei, die Rektorate können sich ab sofort auch wieder um Anderes kümmern. Vieles ist liegen geblieben, ist aus vielen Universitäten zu hören. Allerdings ist nach der ExStra zugleich vor der ExStra. In ein paar Jahren geht es wieder los. Dann werden die jetzigen Sieger unter Beweis stellen müssen, was sie geschafft haben. Und mindestens vier neue Gewinner kommen dazu. Das ist das Neue an der Exzellenzinitiative, die seit 2015 Exzellenzstrategie heißt: Sie ist ein Wettbewerb ohne Ende. 

 

Dieser Kommentar erschien heute zuerst bei Spektrum.de

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Mitglied Kommission (Freitag, 19 Juli 2019 18:54)

    Das haben Sie gut beschrieben.

  • #2

    Stefan Thyssen (Samstag, 20 Juli 2019 11:51)

    Wem nützt denn das?

    Die Exzellenzinitiative ist, ich kenne sie aus eigener direkter Anschauung, die Mutter aller Verbundförderfressgemeinschaften. An die 50 Personen tun sich hier zusammen, um zusammenzubringen, was nicht zusammengehört. Wer nicht dabei ist, verliert seinen letzten Bleistift, denn die Universität muss hier mit eigenen Mitteln einstehen, das bedeutet Umverteilung. Offensichtliche Nutznießer sind die Sprecher, die auf den Schultern vieler stehend sich für höhere Ämter in Hochschuladministration oder Bildungspolitik empfehlen. Meist sind es schon etwas ältere Kolleg/Innen, die auf Ihrem Weg vom Wissenschaftler zum Wissenschaftsimpresario schon eine Weile unterwegs sind. Daneben profitieren auch die Hochschulleitungen im täglichen politischen Gerangel mit der Landespolitik um Ressourcen. Einhundert mit 200.000 Euro individuell geförderte DFG Projekte sind eben in der Außenwirkung nahezu unkenntlich gegenüber einem mit der gleichen Gesamtsumme geförderten Exellenzcluster. Wissenschaftlich gesehen ist es aber genau umgekehrt, den hier kommt es auf originelle Ideen einzelner Forscherindividuen an, die einem harten anonymen Begutachtungsverfahren durch zwei Gutachter unterzogen werden. Ganz besonders nützt die Exellenzclusterinitiative der Wissenschaftspolitik, die sich hier einen großen Bedeutung generierenden Rahmen erfunden hat, der viel Raum für Selbstdarstellungsrituale und Administrationskarrieren bietet. Leidtragende ist die Wissenschaft, die in aller Regel dann am Besten funktioniert, wenn sie neugiergetrieben ist und durch eine kritisch begutachtete Idee eines Forscherindividuums getragen wird. Verbundforschung sollte sich ganz auf die wenigen strategischen Ziele beschränken, wo der Staat ein eigenes Interesse haben muss, hier gezielt Aktivität zu entfalten, etwa in der Krebsforschung oder der Energieversorgung. Großskalige Verbundförderung ist immer eine Verpflichtung auf oberes Mittelmaß, aber niemals Excellenz.