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Warum so wenig?

Die DFG hat seit 2015 ein Angebot extra für Fachhochschulen im Portfolio: die "Projektakademien". Doch haben bislang ganze 54 FH-Wissenschaftler davon profitiert. Ein Reinfall?

Campus der Hochschule Fulda: In Hessen gibt es für ausgewählte FH-Fachbereiche das Promotionsrecht.  Foto: Martin Kraft / CC BY-SA 3.0 

0,36 PROZENT. ODER in absoluten Zahlen: 12 von 3405 Millionen Euro. Das war 2018 der Anteil der Fachhochschulen an den per Wettbewerb vergebenen Fördergeldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Wie passt das zusammen mit dem Anspruch der Fachhochschulen, von denen viele inzwischen lieber Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) genannt werden wollen, sie hätten sich grundsätzlich gewandelt: von den reinen Lehranstalten der 70er und 80er Jahre zu den anwendungsnahen, aber ebenfalls forschungsintensiven Konterparts der Universitäten?

 

Eine brisante Frage, die noch heißer diskutiert wird, seit vor drei Jahren Hessen, dieses Jahr Nordrhein-Westfalen und zuletzt Sachsen-Anhalt sich auf den Weg gemacht haben, auch den HAWs das Promotionsrecht zu verleihen. Die HAWS selbst sagen: Wir brauchen den eigenen Doktor dringend, um unseren eigenen Forscher- und Professorennachwuchs ausbilden zu können. An den Universitäten aber entgegnen viele: Wo zeigt sie sich denn überhaupt, die von euch behauptete Forschungsstärke? Und dann werden meist die DFG-Zahlen zitiert.

 

Der FDP-Politiker Thomas Sattelberger
wollte es genauer wissen

 

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger wollte es jetzt genauer wissen. Er hat eine parlamentarische Anfrage an die Bundesregierung gestellt, um herauszufinden, wie die mickrige Bilanz der HAWs bei der DFG eigentlich genau zustandekommt. Liegt sie daran, dass die Hochschulen in Wirklichkeit nur in der Vermarktung ihrer selbst besser geworden sind, ihre tatsächliche Forschungsstärke aber mit der behaupteten nicht hat Schritt halten können? Oder stimmt das, was die HAWs selbst gern behaupten: dass die DFG sich als von den Universitäten getragene Organisation einfach nicht auf ihre Besonderheiten einlassen will? Dass sie ihnen nicht die passenden Programme anbietet?

 

Tatsächlich gibt es seit 2015 nämlich eine Projektförderlinie der DFG, die eigens dafür geschaffen wurde, dass neu berufene HAW-Professoren in Workshops die Logik der DFG-Antragstellung kennenlernen und anschließend einen ersten Antrag auf Projektförderung stellen können. Dafür können sie auf Antrag bis zu zwölf Monate lang auf DFG-Kosten Teile ihres Lehrdeputats und ihrer Verwaltungsaufgaben vertreten lassen – wenn ihre Hochschule zustimmt.

 

Doch sind seit 2015 lediglich drei Projektakademien bewilligt worden, wie der Bildungspolitiker Sattelberger in seiner Anfrage vorrechnete. Warum so wenig, erkundigte sich Sattelberger – und hat nun von der Bundesregierung weitere ernüchternde Statistiken als Antwort erhalten.

 

Kostenpunkt für alle bisherigen
Projektademien: 99.600 Euro.  

 

Die drei Projektakademien – eine in den Ingenieur-, eine in den Lebens- und eine in den Geistes- und Sozialwissenschaften – hätten insgesamt 54 Professoren als Mitglieder gehabt, teilte Michael Meister, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Sattelberger mit. Für alle Akademien zusammen habe die DFG zwischen 2015 und 2018 insgesamt 99.600 Euro ausgegeben. "Dies entspricht einem Anteil von 0,2 Prozent der DFG-Bewilligungen" für HAWs "und einem Anteil von weniger als 0,001 Prozent der gesamten DFG-Bewilligungen in diesem Zeitraum", führte Meister aus.

 

Weniger als 100.000 Euro für das wichtigste Förderinstrument, um die HAWs DFG-kompatibler zu machen? Thomas Sattelberger sagt: "Das ist ein Witz. Und es zeigt, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft zwar sagt, sich für die HAWs zu interessieren, sich aber in der Praxis noch nicht einmal Mühe gibt, ihr Desinteresse zu verbergen."

 

Die 54 Teilnehmer der drei Projektakademien, berichtet das BMBF in der Antwort auf Sattelbergers Anfrage weiter, hätten Förderanträge mit einem Gesamtvolumen von 9,9 Millionen Euro gestellt. Von den 31 Projektanträgen seien bislang sechs bewilligt worden – womit die Erfolgsquote ziemlich genau dem DFG-Durchschnittswert von gut 27 Prozent entsprochen habe.

 

Für eine Bewertung sei es 
noch zu früh, sagt die DFG

 

Die von Sattelberger so harsch kritisierte DFG betont dagegen, für eine eingehende Bewertung der drei bislang durchgeführten Projektakademien sei es "noch zu früh". Warum aber hat es bislang überhaupt nur drei gegeben? DFG-Sprecher Marco Finetti sagt: "Nach unseren bisherigen Erfahrungen ist die Bereitschaft erfahrener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, eine Projektademie einzuwerben, als wichtigste Voraussetzung und wichtigster Erfolgsfaktor noch wenig ausgeprägt."

 

Finetti spielt darauf an, dass zwar die Teilnehmer der Projektakademien vor maximal sechs Jahren auf ihre Professur berufen worden sein dürfen, doch müssen die Projektakademien zunächst von langjährigen Kollegen beantragt werden, die als Koordinator fungieren und dann Spesen, eine Aufwandsentschädigung und einen Vergütungszuschuss erhalten können. Finden sich tatsächlich zu wenige erfahrene Wissenschaftler, um ihre jüngeren Kollegen zu unterstützen?  Ist das tatsächlich der Grund für die enttäuschenden Zahlen? DFG-Sprecher Finetti mutmaßt, die Zurückhaltung dürfte "verschiedene Ursachen haben, so etwa das insgesamt eher geringe Forschungsdeputat von FH-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern". Auch sei eine DFG-Förderung nicht immer das vorrangige Interesse der Wissenschaftler sein, "etwa weil anwendungsorientierte Forschung eher Kooperationen mit der Industrie nahelegt".

 

Also alles nur ein Problem der HAWs und der Professoren – und nichts, woran die DFG etwas ändern kann? "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist sich der Bedeutungslosigkeit ihres eigenen Programms offenbar bewusst, hat aber bislang unterlassen, eine Reform vorzunehmen", sagt FDP-Politiker Sattelberger.

 

Auch der Bundesregierung scheint die Erklärung des Forschungsförderers nicht mehr zu reichen. Sie werde "im Hauptausschuss der DFG anregen, das Instrument der Projektakademien in Hinblick auf die Ermittlung von etwaigen Optimierungspotenzialen zu überprüfen", teilte Staatssekretär Meister auf Sattelberger Anfrage hin mit.

 

Das BMBF will also Druck auf die DFG machen. Denn auch wenn man sich die Zahlen der DFG-Fördermittel für HAWs insgesamt anschaut, fehlt weiter fast jegliche Dynamik. 2013 bis 2016 dümpelten die Bewilligungssummen zwischen sieben und acht Millionen Euro. In den vergangenen zwei Jahren gab es immerhin einen Sprung auf 11,8 bzw. 12,2 Millionen Euro – womit der Anteil an der DFG-Gesamtförderung von 0,25 auf 0,36 Prozent stieg. Atemberaubend ist anders.

 

Die Projektakademien seien das falsche Instrument, 
sagt der Sprecher der Fachhochschulen

 

Eine "grundsätzliche Inkompatibität der Strukturen der DFG" mit denen der HAWs lasse sich allerdings allein aus der im Vergleich zu Universitäten geringeren Anzahl an DFG-Förderanträgen nicht begründen, betont BMBF-Mann Meister. Vielmehr seien die HAWS in Hinblick auf ihre Forschungsstärke und -ausstattung "sehr unterschiedlich aufgestellt", auch gebe es eine Vielzahl von bundesfinanzierten Förderinstrumenten, "die für diese Hochschulen gut geeignet sind". Für den jeweiligen Hochschultypen gebe es auch die passende Förderung.

 

Was genau ist aber "die passende Förderung"? Die DFG-Projektakademien jedenfalls seien es nicht, sagt Karim Khakzar, Präsident der Hochschule Fulda, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und Sprecher der HRK-Mitgliedergruppe der Fachhochschulen. "Die Förderlinie hat die Erwartungen eindeutig nicht erfüllt. Sie geht ganz offensichtlich davon aus, dass es HAW-Professoren an der nötigen Qualifikation oder Erfahrung zur Erstellung erfolgreicher DFG-Projektanträge fehlt." Doch seien die wesentlichen Ursachen für die "verschwindend geringe Beteiligung der HAWs an der DFG-Förderung andere", sagt Khakzar: "Solange die Mitgliedschaft in der DFG Universitäten vorbehalten ist, solange DFG-spezifische Bewertungskriterien wie Publikationen, Arbeitsmöglichkeiten oder wissenschaftliches Umfeld die deutlich schwierigeren Rahmenbedingungen der HAWs nicht berücksichtigten und solange die Begutachtung durch Universitätsangehörige erfolgt, wird sich an der Situation nichts nennenswert ändern."

 

Thomas Sattelberger sagt: "Will die DFG nicht, kann sie nicht, oder soll sie nicht? Egal: Die Gründung einer Deutschen Transfergemeinschaft, die ergänzend zur DFG speziell die anwendungsorientierte Forschung fördert, ist der einzige Weg aus der Malaise."

 

Das BMBF sagt in seiner Antwort, eine weitere Stärkung der Forschung an HAWs wäre auch über eine "auskömmliche Forschungsgrundfinanzierung" zu erreichen, als Beispiele nennt das Ministerium dauerhafte Forschungsprofessuren, einen Mittelbau oder auch eine professionelle Drittmittelverwaltung an den HAWs. "Dies wäre jedoch zuvörderst Aufgabe der Länder und in deren Zuständigkeit zu realisieren."

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Kommentare: 1
  • #1

    Th. Klein (Montag, 16 September 2019 13:56)

    Die Akademie-Initiative ist doch ein Witz. Es belegt, dass die DFG nicht anpassungsfähig ist und die Sicht vorherrscht (in Gremien und Geschäftsstelle), dass sich doch diejenigen anpassen sollen, die in den etablierten Linien Mittel einwerben möchten. Die FH/HAW-ProfessorInnen müssen erstmal befähigt werden, einen DFG-würdigen Antrag schreiben zu können. Das ist doch schon im Vorfeld eine Demütigung. Dass diesen Weg nur ganz Wenige gegangen sind, ist doch kein Wunder. Die Akademie war ein Entgegenkommen an die Politik mit möglichst wenig "Schaden" für die DFG bzw. deren etablierte Strukturen.

    Die DFG verschafft der DTG dadurch letztlich Auftrieb. Da sie sich sicher ist, dadurch kein Geld zu verlieren, kümmert sie das aber kaum. Dabei hätte es eine Chance sein können, der Politik zusätzliche Mittel abzuschwatzen. Aber die Beharrungskräfte waren offenbar stärker. Und bei 3 Mrd. Euro-Budget sind ein paar Millionen auch kein Anreiz mehr.

    In ein paar Monaten wird es eine neue Präsidentin geben und auch eine neue Generalsekretärin bzw. einen Generalsekretär. Vielleicht wird es dann etwas Bewegung geben - kommt sehr auf die Besetzung der zweiten Stelle an.