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Mehr als 20.000

Die Zahl der Studiengänge an Deutschlands Hochschulen ist auf eine Rekordhöhe gestiegen, berichten Hochschulforscher. Ein Zeichen für einen unverantwortlichen Wildwuchs? Nicht ganz.

IN DEUTSCHLAND GIBT es erstmals mehr als 20.000 Studiengänge, meldet das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) mit Berufung auf den Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz. Seit August 2017 sei die Zahl der Programme damit um 17,3 Prozent gestiegen, damals waren es noch rund 17.000. 

 

Ist damit endgültig der Beweis erbracht, dass die Studiengänge sich seit Einführung der Bologna-Reform inflationär vermehren? Haben die Hochschulen jedes Maß verloren? Überfluten sie die Studieninteressierten dieser Republik mit einem unübersichtlichen Angebot überflüssiger, vermeintlich modischer Bindestrich-Studiengänge? Schließlich trägt laut CHE-Analyse, die mir vor Veröffentlichung vorlag, nur noch jeder fünfte der neuen Studiengänge klassische Disziplin-Bezeichnungen wie "Chemie" oder "Physik". Und knapp ein Drittel der Neuzugänge hat englischsprachige Titel – noch so eine Modeerscheinung?

 

In Wirklichkeit ist die Angelegenheit mit den exakt 20.123 Studiengängen etwas komplexer. 

 

Erstens: Seit dem Wintersemester 2013/2014 hat auch die Zahl der Studierenden zugenommen, um immerhin knapp zehn Prozent. Dass eine größere und (von ihren Interessen und Fähigkeiten) vielfältigere Studierendenschaft mehr Studienangebote braucht, liegt erst einmal auf der Hand und hat nichts mit Inflation zu tun. 

 

Zweitens: Die Verwirrung von Studienanfängern wäre dann wohl tatsächlich komplett, wenn die meisten zusätzlichen Studiengänge im Bachelor entstanden wären – der soll ja vor allem Grundlagen in den Fächern legen. Aber dem ist nicht so. Laut CHE wuchs die Zahl der Bachelor-Angebote deutlich geringer – um (wie die Zahl der Studienanfänger, siehe oben) rund zehn Prozent. Weitaus stärker nahm die Zahl der weiterführenden, oft deutlich spezialisierteren Master-Studiengänge zu. 

 

Drittens: Prozentual am meisten Wachstum verzeichneten die Fachhochschulen, und zwar vor allem in Fächern, die man früher gar nicht studieren konnte. Die CHE-Auswertung ergab 40 Prozent mehr Medizin-, Pflege- und Gesundheits-Studiengänge als 2014. Besonders viele dieser Studiengänge sind offenbar an privaten Hochschulen entstanden – die, das zeigten schon frühere Studiengänge, einen guten Teil zur politisch gewünschten Akademisierung unter anderem der Gesundheitsberufe beitragen. 

 

Viertens: Die berüchtigten Bindestrich-Programme (das CHE spricht von "Hybrid"-Studiengängen) machen nur rund 13 Prozent des Zuwachses aus, und auch von diesen sind die meisten durchaus sinnvoll. Das CHE nennt als Beispiele "Medieninformatik" oder "Medizintechnik". Im Trend lägen auch fächerübergreifende Studiengänge mit thematischen Schwerpunkten wie "Umwelt" oder "Gesundheit". Meine Prognose: Demnächst wird "Klima" ganz vorn dabei sein. 

 

Klingt weder nach Inflation
noch nach Willkür

 

Um es auf den Punkt zu bringen: Es gibt deutlich mehr Studiengänge als vor fünf, sechs Jahren, weil deutlich mehr Menschen studieren, weil Berufe neu akademisiert wurden und weil die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen neue, oft disziplinenübergreifende Anforderungen an die Arbeitnehmer von morgen stellen. Diese Ausdifferenzierung von Fächern findet vor allem im Master statt, während die Zahl der Bachelor-Programme weniger stark zugenommen hat. 

 

Klingt weder nach Inflation noch nach Willkür, sondern nach einer stimmigen Entwicklung in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung und den demographischen Wandel so schnell verändert wie nie zu vor. Positiv gewendet lässt sich festhalten: Die Hochschulen reagieren auf die neuen Anforderungen, sie passen ihr Angebot an, sie werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht. Zu dieser These passt auch, dass seit 2014 eben nicht nur 5005 neue Studiengänge entstanden sind, sondern auch 2036 eingestellt wurden, weil sie nicht mehr so recht passten – wodurch sich der Zuwachs von insgesamt knapp 3000 ergibt.

 

Und wenn doch mal ein Fachbereich vergallopiert und ein vermeintlich besonders trendiges, aber in Wirklichkeit nur spinnertes Studienangebot auf den Markt wirft, wird auch dieses nach ein paar Jahren von selbst wieder verschwinden – weil die Studierenden wegbleiben oder gar nicht erst gekommen sind. Ärgerlich ist das natürlich für die jungen Menschen, die so einen Studiengang quasi als Versuchskaninen durchlaufen haben.

 

Auch das CHE sieht in seiner Analyse bei allen "Chancen" für die Studierenden auch "Risiken". Wieso? Weil die Vielfalt eben doch als Wildwuchs erscheinen kann, wenn die nötige Orientierung für die Studienanfänger fehlt. Die fange, sagt CHE-Chef Jörg Dräger, bei der klaren Namensgebung und der transparenten Beschreibung der Studieninhalte an. Damit die Studieninteressierten sich zurechtfänden, brauche es jedoch "keine Vereinheitlichung der Fächernamen, sondern gute digitale Orientierungsangebote" der Hochschulen. So wie der Hochschulkompass einer ist.   

 

Zugleich warnt Dräger, dass bei einer sehr frühen Spezialisierung, womöglich doch schon im Bachelor, "die Anschlussfähigkeit der Studienabschlüsse sowohl an verschiedene Arbeitsmärkte als auch an Masterstudiengänge sichergestellt sein" müsse. So finde bei etwa einem Drittel der neu verzeichneten Studiengänge eine Ausdifferenzierung der klassischen wissenschaftlichen Disziplinen statt, die etwa Teilbereiche der BWL wie "Marketing" oder bestimmte Anwendungsfelder wie "Hotelmanagement" ins Zentrum rücke. Kann gut sein, kann aber auch zu speziell werden. Vor allem im Bachelor. Und beim Master besteht die Gefahr, dass es bei einer zu großen Spezialisierung schwierig wird mit dem Wunsch nach einer wissenschaftlichen Karriere der Absolventen. 


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Kommentare: 7
  • #1

    Josef König (Donnerstag, 10 Oktober 2019 13:15)

    Du schreibst: "Um es auf den Punkt zu bringen: Es gibt deutlich mehr Studiengänge als vor fünf, sechs Jahren, weil deutlich mehr Menschen studieren, weil Berufe neu akademisiert wurden und weil die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen neue, oft disziplinenübergreifende Anforderungen an die Arbeitnehmer von morgen stellen."

    Um es auf den Gegenpunkt zu bringen: Dass mehr Menschen studieren ist kein Argument, um die Anzahl der Fächer auszuweiten (wenn z.B. mehr Menschen Äpfel essen, musst Du nicht die Anzahl der Sorten vermehren); was heute zusätzliche Master-Studiengänge sind, waren früher häufig einfach so genannte Vertiefungsrichtungen innerhalb der Hauptstudiengänge (etwa Medizintechnik, die vorher in der Elektrotechnik als Vertiefung da war, etc.), und da haben viele Professoren/Institute ihre Spezialinteressen zu Studiengängen ausgeweitet - nicht zuletzt aus Imagegesichtspunkten. Daher stellt sich in manchen Fällen bei diesen Spezialisierungen, ob die Grundlagen auch ausreichend gelegt werden?
    Richtig ist, dass einige Studiengänge in den FHs neu hinzugekommen sind, die vorher nicht gab.
    Dass mehr als 20.000 Studiengänge sehr wohl verwirrend klingen, ist nicht von der Hand zu weisen.

  • #2

    Karlchen Mühsam (Donnerstag, 10 Oktober 2019 14:17)

    Vielen Dank an Herrn König für die Argumente, denen ich mich vollumfänglich anschließen kann.
    Insb. auf der Masterebene ist gegen gut spezialisierte Studiengänge nichts einzuwenden. Häufig findet aber nur ein Recycling von Lehrveranstaltungen statt. Studierende merken das meist erst bei der Immatrikulation und fühlen sich dann m.E. zurecht getäuscht. Dem Vorgehen wird in QM-Verfahren leider kein Einhalt geboten.

  • #3

    tmg (Donnerstag, 10 Oktober 2019 20:40)

    Dem Beitrag von Herrn König ist wenig hinzuzufügen. Vielleicht noch folgendes: wer selbst als Hochschullehrer tätig ist, weiss ziemlich gut, was für eine Täuschung mit dieser Studienangebotserweiterung in vielen Fällen betrieben wird. In den seltensten Fällen werden wirklich neue Inhalte generiert. In der Regel werden bereits vorhandene Module leicht modifiziert, dann neu benannt und schliesslich unter einem möglichst coolen Studiengangsnamen rekombiniert. Das ist wie bei der Produktion von Autos. Es geht nur noch um Bauern- sprich Studentenfängerei. Die Politik hält das für innovativ und viele Hochschullehrer machen bereitwillig mit, weil sich oft nur so notwendige Ressourcenerhöhungen durchsetzen lassen. Studienanfänger studieren dann Angebote, die es übermorgen schon nicht mehr gibt, und die weder von der Wirtschaft noch von der Wissenschaft gebraucht werden.

  • #4

    Angela Rizzi (Donnerstag, 10 Oktober 2019 21:43)

    Ich schliesse mich auch den sehr nachvollziehbaren Argumenten von Herrn König an. Füge folgendes hinzu: ich möchte gerne den Gesicht der Eltern sehen, wenn die Tochter oder der Sohn mitteilt "jetzt weiss ich was ich studieren möchte: Kommunikationswissenachaften mit Fachrichtung "Influencer". So was gibt es, mindestens in Italien.

  • #5

    Angela Rizzi (Donnerstag, 10 Oktober 2019 22:52)

    Korrektur: "Kommunikationswissenschaften" mit Fachrichtung "Influencer"

  • #6

    Olaf Bartz (Freitag, 11 Oktober 2019)

    Das von Herrn König beschriebene Phänomen existiert selbstverständlich - keine Widerrede hier. Ich möchte aber die Größenordnungen "einsortieren": Schon vor "Bologna" gab es 8.300 Studiengänge in Deutschland. Damals bekanntlich einzügig. D.h. wenn wir schematisch jeden einzelnen Diplom-/Magisterstudiengang doppeln in deren zwei, also Bachelor plus Master, landen wir bereits bei 16.600.
    Für eine Detailrechnung müsste man hier noch Staatsexamensstudiengänge ausblenden usw., aber Kommastellengenauigkeit ist nicht mein Punkt. Mir geht es darum, die quantitative Ausweitung der Studienangebote angemessen einzuordnen. Nach meinem Dafürhalten ist ein Wachstum von ca. 25 Prozent in den letzten 20 Jahren eher unspektakulär.

  • #7

    Tim Hoff (Freitag, 11 Oktober 2019 18:39)

    Selbst wenn wir nicht über das Wachstum der vergangenen Jahre stolpern (und hier bin auch ich bei Herrn König), ist nicht der Umstand, dass gegenwärtig 17-18-Jährige aus über 9.800 Bachelorstudiengängen wählen, grotesk?