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Verquirlte Argumente

Die Rechtspopulisten im Bundestag blasen zur Rettung der Wissenschaftssprache Deutsch. In ihrem Antrag finden sich gleich mehrere aufschlussreiche Stellen.

DIE AfD SORGT SICH um die Wissenschaftssprache Deutsch und fordert einen "nationalen Aktionsplan" für ihren "Erhalt", zu ihrer "Stärkung und Pflege". Der Antrag, den die ihre Bundestagsfraktion dazu vor Weihnachten eingebracht hat, hat eine teilweise bemerkenswerte Argumentation.

 

Die angeführten Zahlen sind erst einmal unbestritten: Vor 100 Jahren seien 45 Prozent der naturwissenschaftlichen Publikationen auf Deutsch verfasst worden, 2005 seien es nur noch zwei Prozent gewesen, referieren die Rechtspopulisten. In den Geistes- und Sozialwissenschaften erschienen 2005 sogar 77 Prozent der Bücher und Fachartikel auf Englisch, auf Deutsch nur sieben Prozent.

 

Interessant ist die Interpretation der Fakten: Die "Vormachtstellung des Englischen" (O-Ton AfD-Antrag) oder genauer: die Tatsache, dass Deutsch "zunehmend als Wissenschaftssprache verdrängt" werde, sehen die Rechtspopulisten begründet in der "Diskreditierung der deutschen Sprache durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg“ und in der "bis heute ungebrochene(n) Dominanz der angloamerikanischen Kultur weltweit“.

 

Mischung aus gekränktem Nationalstolz
und Kulturchauvinismus

 

Moment – Welche politische Ecke war das nochmal, die zu Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges in Deutschland am Ruder war? Die den Antrag durchziehende Mischung aus gekränktem Nationalstolz und Kulturchauvinismus wird nur unzureichend durch die Bemühungen der fraktionseigenen Autoren überdeckt, ihrer Argumentation einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Zitat: "Zudem verfügt das Deutsche mit seinen Komposita, Präpositionen, Reflexiva und Neutra im Vergleich zu anderen Wissenschaftssprachen über Besonderheiten, die feinste Differenzierungen und Nuancierungen gerade in der wissenschaftlichen Theoriebildung erlauben."

 

Soll wohl heißen: Mit Deutsch, dieser viel sensibleren Sprache als etwa dem grobschlächtigen Englisch, kann man viel komplexere Gedanken ausdrücken, ergo: einfach bessere Wissenschaft machen. Das Schreckensszenario, das die AfD befürchtet, folgt auf dem Fuß: Das weitere Verschwinden des Deutschen als "Wissenschaftssprache würde unweigerlich zu einer Verarmung wissenschaftlicher Reflexion und Theoriebildung, ja zur Verarmung des wissenschaftlichen Diskurses überhaupt führen – nicht nur hierzulande, sondern auch weltweit."

 

Am deutschen Wesen soll also offenbar auch die weltweite Wissenschaft genesen. Wie das Deutsche quasi automatisch zu theorie- und reflexionsstarken gedanklichen Höheflügen verhilft, lässt sich ja regelmäßig an den Beiträgen der AfD-Fraktion in den Bundestagsdebatten beobachten. Und besonders gut an diesem Antrag.  

 

Im Ernst: Die Befürworter einer stärkeren Förderung des Deutschen als Wissenschaftssprache sollte man respektieren, ihre Argumente, die natürlich auch in dem Antrag angeführt werden, bedenken. Aber diese demonstrative Unterstützung, dieses Verquirlen mit nationalistischen Motiven durch die AfD, ist so ungefähr das Schlimmste, was ihrem Anliegen passieren konnte.

 

Gleich zweimal zitiert der Antrag übrigens das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. So habe dessen früherer Direktor Ludwig Eichinger 2013 von einem "objektiven Sog, auf Englisch zu publizieren" gesprochen. Dass es sich immer lohnt, dem Leibniz-Institut zuzuhören, beweist freilich auch ein aktueller Beitrag von Eichingers Nachfolger, Henning Lobin, auf Spektrum.de: Die explizite Ablehnung von Anglizismen, vermeintlich politisch korrekten Sprachvorgaben und gendergerechter Sprache fänden sich unter den im Bundestag vertretenen Parteien nur im Grundsatzprogramm der AfD wieder, schreibt Henning Lobin dort. Eifrig Sprachpolitik betreibe ansonsten auch: die NPD.

 

Dieser Kommentar erschien zuerst im ZEITWissen3 Newsletter. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Raphael Wimmer (Mittwoch, 22 Januar 2020 09:52)

    Der Antrag zitiert mehrfach und ausführlich einen (ganz guten) Welt-Artikel zum Thema von 2013 [1].

    Was nicht zitiert wird, ist die Ursachenanalyse im Artikel:

    "Der nationalistische Eifer des Ersten Weltkriegs und der Exodus der weithin jüdischen Intelligenz im Zweiten Weltkrieg haben das Deutsche seinen Rang gekostet. "

  • #2

    Raphael Wimmer (Mittwoch, 22 Januar 2020 09:53)

    [1] https://www.welt.de/politik/deutschland/article113150770/Warum-Deutsch-als-Forschungssprache-verschwindet.html

  • #3

    Stefan S. (Mittwoch, 22 Januar 2020 16:30)

    "Vor 100 Jahren seien 45 Prozent der naturwissenschaftlichen Publikationen auf Deutsch verfasst worden." Und vor 500 Jahren? Vermutlich 95 Prozent auf Latein. In der der Geschichte der Wissenschaft gab es meistens und aus gutem Grund eine lingua franca: in der Antike Griechisch, später Arabisch, dann Latein. Heute ist es halt Englisch. Dass in verschiedensten Nationalsprachen publiziert wurde, war nur eine vergleichsweise kurze Phase (etwa vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert).