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Bevor es losgeht

Wie ist die Demographie des Coronavirus, bevor der Lockdown beginnt? Der Blick auf die aktuellen Meldezahlen bietet ein ziemlich eindeutige Bild.

DER TEIL-SHUTDOWN wirkt nicht mehr. Die Corona-Infektionen nehmen wieder dynamisch zu: Am Sonntagmorgen hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) für die noch laufende Kalenderwoche 130.258 neue Fälle in seiner Datenbank verzeichnet, schon jetzt gut 2000 mehr als in der gesamten Vorwoche.

 

Dass die Regierungschef von Bund und Ländern sich heute auf einen weitreichenden Lockdown verständigen werden, gilt als sicher. Ein paar Details sind noch offen, klar jedoch ist: Die neuen Maßnahmen werden alle gesellschaftlichen Gruppen und Altersgruppen betreffen – allerdings womöglich nicht gleichermaßen. 

 

Umso spannender ist die Frage, wie sich denn die gut 130.000 neuen Fälle auf die einzelnen Altersgruppen verteilen – und welche Verschiebungen es hier zu beobachten gibt. Drei Beobachtungen.

 

1. Die gemeldeten Infektionen lagen bis heute Morgen in allen Altersstufen bis 24 sogar absolut noch unter der Vorwoche.

 

Das wird nicht so bleiben, aber wieviel weniger stark die Neuinfektionen besonders bei den Kindern und Jugendlichen zunehmen, ist schon bemerkenswert. Am besten lässt sich dies daran erkennen, wie sich der Anteil einer Altersgruppe an allen Neuinfektionen von einer Woche zur nächsten verändert hat. So machten die 0- bis 4-Jährigen in der vergangenen Kalenderwoche noch 1,82 Prozent aller Neuinfektionen aus, diese Woche sind es bislang 1,72 Prozent. Und hier die Zahlen für die nächsten Altersstufen. 5- bis 9-Jährige in der vergangenen Woche: 2,85 Prozent. Diese Woche: 2,70 Prozent. 10- bis 14-Jährige in der vergangenen Woche: 4,02 Prozent. Diese Woche: 3,64 Prozent – der größte Rückgang aller Altersgruppen. 15- bis 19-Jährige in der vergangenen Woche: 6,02 Prozent. Diese Woche: 5,69 Prozent – der zweitgrößte Sprung nach unten. 20- bis 24-Jährige vergangene Woche: 7,18 Prozent. Diese Woche: 6,99 Prozent.

 

Bei den 25- bis 29-Jährigen werden dagegen schon ein paar Fälle mehr als in der vergangenen Woche verzeichnet, doch auch hier bleibt ein relativer Rückgang der Altersgruppe zur Gesamtgesellschaft. Ihr Anteil der Neuinfektionen an allen Fällen in der vergangenen Woche: 7,13 Prozent. Diese Woche: 7,03 Prozent. Bei den 30- bis 34-Jährigen bleibt der Anteil mit 7,41 Prozent exakt gleich, bei den 35- bis 39-Jährigen lässt sich erneut ein leichter Rückgang der relativen Anteile beobachten: von 7,14 Prozent in der Vorwoche auf 7,06 Prozent in dieser Woche. 

 

In der Gesamtschau bedeutet das: Bis zum Alter von einschließlich 39 gibt es keine einzige Altersgruppe (bei Betrachtung von 5-Jahresschritten), die einen überdurchschnittlichen Anstieg bei den Neuinfektionen aufweist. Und zusammengenommen stellen die 0- bis 39-Jährigen nur noch 42,25 Prozent der gemeldeten Neuinfektionen – nach 43,64 Prozent in der Vorwoche. Besonders schwach ist die Dynamik bei den 10- bis 19-Jährigen – also ausgerechnet bei den Jahrgängen, die bei Schulschließungen als erstes in den Fernunterricht gehen müssen. Bei den Kita- und Grundschulkindern bleiben die Meldezahlen auf dem  seit langem beobachteten relativ niedrigeren Niveau.

 

2. Die mittlere Altersgruppe und besonders die 50- bis 59-Jährigen infizieren sich deutlich häufiger.

 

Wer wissen will, wo die neue Aufwärtsbewegung herkommt, findet in der RKI-Statistik eine mittlerweile schmerzlich bekannte Antwort (siehe meinen Punkt 3) – und eine überraschende. Die überraschende lautet: Es ist die Altersgruppe zwischen 40 und 59, und innerhalb dieser Altersgruppe sind es besonders die Menschen in ihren 50ern. Insgesamt machen die 40- bis 59-Jährigen in der aktuelle Woche 31,12 Prozent aller verzeichneten Neuinfektionen aus – nach 30,46 Prozent in der vergangenen Kalenderwoche. Wobei die 50- bis 59-Jährigen allein 0,57 der 0,66 Prozentpunkte Wachstum beitragen. Vielleicht, weil bislang der Fokus nur auf den Jungen und (zu einem kleineren Teil) auf den Alten liegt? Weil die berufliche aktivste Altersgruppe dagegen ziemlich so weitermacht wie bislang? Wird sich dies durch die neuen Einschränkungen ändern? Oder bleibt es lediglich bei Appellen, doch möglichst von zu Hause zu arbeiten?

 

3. Die Situation bei den ganz Alten ist außer Kontrolle.

 

Auch die 60- bis 69-Jährigen infizieren sich wieder häufiger als in der Vorwoche, doch immerhin nicht stärker als im Trend der Gesamtgesellschaft. Sie sind offenbar halbwegs in der Lage, sich selbst zu schützen. Demgegenüber registriert das RKI bei den 70- bis 79-Jährigen schon eine spürbar stärkere Zunahme der Fälle als im Trend der Gesamtgesellschaft, hier nimmt der Anteil an allen Neuinfektionen von (noch niedrigen) 5,82 auf 5,94 Prozent zu. Und dann wird es dramatisch: Bei den Über-80-Jährigen steigt die Zahl der neuen Fälle erneut und wie seit mittlerweile so vielen Wochen kräftig. Noch bevor die Woche vorbei ist, stehen 14.854 sehr alte Menschen als neuinfiziert in der RKI-Statistik – schon jetzt 727 mehr als in der Vorwoche. Ihr Anteil an allen Fällen macht den nächsten Sprung auf nun 11,45 Prozent nach 11,06 Prozent in der Vorwoche. 

 

Dazu fällt mir inzwischen nicht mehr viel ein. Nur noch dieses: Wieso konzentriert sich die gesellschaftliche Debatte nicht schon seit Wochen auf die Frage, wie wir mit allen Mitteln die sehr alten Menschen, besonders die Bewohner in den Alten- und Pflegeheimen, schützen? Nicht anstelle anderer Maßnahmen – aber doch als ihr eigentlicher Schwerpunkt, als das alles überragende Ziel? Und was heißt das für Weihnachten, für Familienfeste und für die Entscheidung, ob Gottesdienste abgehalten werden sollten? Wir werden es bald sehen.

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