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"Wir sollten die Uhren nicht auf Februar 2020 zurückdrehen"

Berlins Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach über seine Kandidatur als Regionspräsident von Hannover, drohende Spardebatten, Lehren aus der Corona-Krise und ein 500-Millionen-Netzwerk für die Klimaforschung.

Steffen Krach. Fotos: JMW.

Herr Krach, Sie kandidieren im September als Präsident der Region Hannover, der Wahlkampf läuft bereits. Sind Sie gedanklich schon weg aus Berlin?

 

Keineswegs. Die Wahl in Hannover ist für mich persönlich sehr wichtig. Und ohne Frage ist es eine Herausforderung, in Hannover präsent zu sein und gleichzeitig meinen Job als Wissenschaftsstaatssekretär so weiterzumachen, wie es mein Anspruch ist und wie es die Brain City Berlin verdient hat. Doch ich kriege es hin, denn wir haben wissenschaftspolitisch noch einiges vor in diesem Jahr: das neue Herzzentrum, die Fortsetzung der Qualitäts- und Innovationsoffensive für die Hochschulen, die Reform des Hochschulgesetzes.  

 

Da hilft die Corona-Situation wahrscheinlich sogar, oder?

 

Tatsächlich finden wegen der Pandemie viele Sitzungen digital statt, so dass es oft gar nicht mehr darauf ankommt, wo ich gerade bin, weil ich mich jederzeit dazu schalten kann. Trotzdem ist mir wichtig, da sauber zu trennen – etwa indem ich für jeden Tag, an dem ich überwiegend in Hannover bin, Urlaub nehme. Das geht auch gar nicht anders, denn ich will die Wahl gewinnen, und an den Wahlkampf-Tagen brauche ich meine ganze Energie für dieses Ziel. 

 

Sie gelten, obwohl Sie Staatssekretär und nicht Minister sind, als einer der profiliertesten Wissenschaftspolitiker überhaupt. Und jetzt wollen Sie Kommunalpolitiker werden. Wie passt das überhaupt zusammen?

 

Das muss nicht zusammenpassen, das in Hannover ist etwas ganz Neues. Mich reizt die Themenvielfalt, mich reizt die Rückkehr in meine Heimat – dass ich dort Politik machen kann, die konkrete Auswirkungen haben wird für alle 1,2 Millionen Einwohner der Region Hannover, zu der eine Großstadt gehört und zugleich einige sehr ländliche Kommunen. 

 

Was gehört denn zu den Aufgaben eines Regionspräsidenten?

 

Wenn ich gewählt werde, werde ich ein neues Mobilitätskonzept für die Region anstoßen. Ich möchte dabei helfen, Hannover zu einer klimaneutralen Region zu machen. Ich möchte die berufliche Bildung voranbringen, es gibt allein 14 berufliche Schulen in der Region. Auch eine exzellente Gesundheitsversorgung möchte ich sicherstellen, indem die zehn Standorte des Klinikums der Region Hannover wirklich alle Kommunen gleichermaßen versorgen können. Wichtig ist mir auch, das Klinikum und die Medizinische Hochschule Hannover enger zusammenzubringen. Da gibt es große Potenziale bei der Translation, also der Übertragung von Forschungsergebnissen in den Krankenhausalltag und umgekehrt. Sie sehen: Ganz werde ich das Thema Wissenschaftspolitik auch in Hannover nicht sein lassen, denn ich glaube, dass die Wissenschaft zentral ist für die Weiterentwicklung einer Region.  


Steffen Krach

Der 41 Jahre alte gebürtige Hannoveraner ist 2002 zum Politik-Studium nach Berlin gekommen. 2010 wurde er Büroleiter des damaligen Bildungssenators Jürgen Zöllner. 2012 wechselte er auf die Bundesebene und leitete die Bund-Länder-Koordinierungsstelle der SPD-Bundestagsfraktion.

 

2014 stieg er zum Berliner Staatssekretär für Wissenschaft auf. Im September kandidiert der
SPD-Politiker Krach für das Amt des Präsidenten der Region Hannover.


 

Bei den letzten Sätzen hörten Sie sich gerade wieder besonders begeistert an. Man könnte den Eindruck bekommen: Sie gehen nur rechtzeitig weg aus Berlin und aus der Wissenschaftspolitik, weil Sie mit einer Berliner SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey ohnehin keine Perspektive für sich sehen.  

 

Der Eindruck ist falsch. Es handelt sich um keine Entscheidung gegen Berlin, sondern für Hannover. Als Oberbürgermeister in Köln oder München machen Sie ausschließlich Politik für die Großstadt. Ein Konstrukt wie die Region Hannover, wo Sie Stadt und Umland seit 20 Jahren zusammendenken müssen, fasziniert mich.

 

Eine andere Vermutung, warum Sie gehen: Die goldenen Zeiten für die Wissenschaft sind auch in Berlin bald vorbei, und ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger soll die anstehenden Kürzungen verkünden.

 

Wir haben viel Geld klug investiert und viel erreicht in den vergangenen fünf Jahren, das heißt aber nicht, dass die gute Entwicklung jetzt vorbei ist. Die Universitäten, die Hochschulen und die Charité können in den nächsten Jahren noch richtige Sprünge machen, auch international geht da noch viel mehr. Im Übrigen kann ich nur jedem raten, in Wissenschaft und Forschung zu investieren und nicht zu kürzen.


Ist das eine Mahnung an die nächste Berliner Regierung?

 

Es ist eine Empfehlung. Entscheiden müssen jene, die in der kommenden Legislaturperiode Verantwortung für den Bereich Wissenschaft und Forschung übernehmen. Natürlich wird es, wenn die gesundheitliche Coronakrise erstmal bewältigt ist, Debatten geben über die ökonomische, sozial- und finanzpolitische Krise. Wenn wir ehrlich sind, läuft sie ja schon. Der Bundeswirtschaftsminister von der CDU hat neulich vorgeschlagen, praktisch alles zu privatisieren, was sich noch in staatlicher Hand befindet. Ich kann nur davor warnen. Den Fehler hat Berlin vor anderthalb Jahrzehnten gemacht, woraufhin wir die letzten paar Jahre damit verbracht haben, vieles zurückkaufen zu müssen – natürlich zu völlig anderen, viel höheren Preisen. Die Alternative zum sinnfreien Sparen und Privatisieren ist, die Wirtschaft kräftig anzuschieben. Dazu bedarf es neuer Ideen und Innovationen, und da spielt die Kombination aus Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung für mich eine entscheidende Rolle. Der Weg aus der Krise führt insofern über mehr Investitionen in schlaue Köpfe, nicht weniger.

 

"Wir haben niemanden zur
Zusammenarbeit verdammt."

 

Ihr zentrales wissenschaftspolitisches Projekt war der Aufbau des Universitätsverbundes, der dann in der Exzellenzstrategie erfolgreich war. Sie hätten die Partner zur Zusammenarbeit verdammt, berichten manche in den Hochschulen. Die Reibereien zwischen Freier Universität, Humboldt-Universität, TU und Charité waren teilweise heftig. Bricht die Konstruktion zusammen, wenn Sie nicht mehr da sind?

 

Als Politik haben wir niemanden zur Zusammenarbeit verdammt. Aber wir fanden die Idee einer gemeinsamen Berliner Bewerbung von Anfang an gut. Und ich gebe zu, dass ich mich schon kurz nachdem ich Ende 2014 Staatssekretär geworden war, bei den Bund-Länder-Verhandlungen zur neuen Exzellenzstrategie für eine Verbundbewerbung stark gemacht habe. Die Möglichkeit dazu gab es ja in der vorherigen Exzellenzinitiative noch nicht. Mir war aber klar: Genau das passt zu Berlin. Am Ende war die Berlin University Alliance (BUA) auch nur eine von zwei Verbünden, die sich in der Förderlinie "Exzellenzuniversitäten" beworben hat. Ich bin fest davon überzeugt, und die Corona-Pandemie hat das gerade erst wieder eindrücklich gezeigt: Die Zukunft der weltweiten Wissenschaft besteht in der Kooperation. Auch der wissenschaftliche Erfolg Berlins in den vergangenen fünf oder acht Jahren erklärt sich dadurch, dass Berlins Hochschulen und Forschungsinstitute immer enger zusammenarbeiten. 

 

Sind die Chefs der BUA-Partner davon genauso überzeugt?

 

Natürlich gibt es auch immer mal wieder Konflikte, was logisch ist, schließlich handelt es sich um eigenständige Universitäten, und deren Interessen wird jede Hochschulleitung immer zuerst verfolgen. Meine Aufgabe als Staatssekretär ist es aber, den gesamten Standort weiterzuentwickeln, und da kann ich nur sagen: Alle BUA-Beteiligten haben bislang eindeutig und jeweils auf ihre Weise von ihrer Kooperation profitiert und konnten gleichzeitig das Profil ihrer Institution weiter schärfen. Und alle gemeinsam haben über die BUA eine Kooperation mit einer der besten Universitäten weltweit, Oxford, aufgebaut. Die vergangenen fünf, sechs Jahre waren für jede einzelne Institution ein Riesengewinn, und die nächsten Jahre werden es genauso sein.  

 

Außerhalb von Berlin ist die Wissenschaftspolitik des Senats vor allem dafür berüchtigt, dass sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit Bundesgelder abgreift.

 

Wenn wir heute vom Bund als verlässlicher Partner gesehen werden und unsere Konzepte überzeugen, dann empfinde ich das als ein Lob! Es gab mal eine Zeit zu Beginn der Exzellenzinitiative, da galt Berlin nicht als verlässlicher Partner in der Wissenschaftspolitik. Damals hat der Senat Signale Richtung BMBF geschickt, dass er die 25 Prozent Kofinanzierung bei Exzellenzclustern und Exzellenzuniversitäten nicht garantieren könne. Solche Debatten haben wir in Berlin schon lange nicht mehr. Wenn der Bundestag beschließt, über Nacht 330 Millionen Euro fürs Museum für Naturkunde bereitzustellen, dann steht die Kofinanzierung des Landes. Wenn die Universitäten sieben Exzellenzcluster einwerben, ebenso. Als es darum ging, die Nobelpreisträgerin Emanuelle Charpentier in Berlin zu halten, haben wir natürlich sofort eine Immobilie in absolut zentraler Lage für sie bereitgestellt. Beim neuen Herzzentrum zahlen wir die 75 Prozent, beim KI-Kompetenzzentrum steht unser Beitrag ebenfalls, und bei den zwei neuen Fraunhofer Initiativen mit geplanten Standorten in Berlin haben wir vor zwei Wochen im Senat die landesseitig notwendigen 61 Millionen Euro zugesichert. Also: Ja, wir machen jede Menge Lobbyarbeit beim Bund für die Vorhaben aus der Brain City Berlin, aber das klappt nur, weil wir auch selbst erheblich investieren. 

 

"Wissenschaftspolitik ist für mich immer auch Regionalentwicklungspolitik." 

 

Wie rechtfertigen Sie, dass der Bund fürs Berliner Institut für Gesundheitsforschung 75 Millionen Euro jedes Jahr und damit 90 Prozent des BIH-Budgets zahlt – während es in keinem anderen Bundesland eine vergleichbare Einrichtung gibt?

 

Ich muss da gar nichts rechtfertigen. Das war eine Entscheidung der Bundesregierung, und sie wurde von allen Ländern in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) mitgetragen. Von der Integration des BIH in die Charité profitieren letztlich auch nicht nur Berliner. 

 

Sehen Sie keine Schieflage zu anderen Bundesländern und Regionen?

 

Natürlich gehört es zu den Aufgaben einer Bundesforschungsministerin, dafür zu sorgen, dass sich alle Regionen wissenschaftspolitisch weiterentwickeln können. Wenn es in Teilen der Bundesrepublik keine Max-Planck-, Helmholtz-, Fraunhofer- oder Leibniz-Institute gibt, dann ist das ein Problem, und ich plädiere dafür, künftig alle Regionen deutlich zu stärken. Aber durch geeignete Förderformate, nicht indem ich die Anforderungen an außeruniversitäre Forschungsinstitute oder die Exzellenzstrategie aufweiche. Insofern ist Wissenschaftspolitik für mich immer auch Regionalentwicklungspolitik. 

 

Redet da gerade der Bewerber um die Hannoveraner Regionspräsidentschaft? 

 

Ich habe da ein absolut reines Gewissen, denn mein Plädoyer, Wissenschaftspolitik verstärkt auch als Strukturpolitik zu betrachten, ist nicht neu, das habe ich schon vor Jahren deutlich artikuliert. Und da war ich weit weg von einer Kandidatur in Hannover.  

 

Die zweite Verbund-Bewerbung bei der Exzellenzstrategie war Hannover – ist aber nicht als stark genug befunden worden.

 

Die Region Hannover ist in der Wissenschaft bereits sehr gut. Ich glaube aber, dass sie noch deutlich mehr aus ihren Stärken machen kann. Ich will und werde dem niedersächsischen Wissenschaftsminister nicht in seinen Job reinreden, doch ich kann nur feststellen: 50.000 Studierende, großartige Universität und Fachhochschulen, eine top künstlerische Hochschule, eine international anerkannte tierärztliche Hochschule und dazu eine starke Medizinische Hochschule (MHH), die sich mit der Anzahl ihrer erfolgreichen Exzellenzcluster auch nicht vor der Charité verstecken muss. Wenn der Verbund von Uni und MHH sich in den nächsten Jahren weiter profiliert, wird er bei der nächsten Runde der Exzellenzstrategie 2026 eine echte Chance haben.   

 

Welches Profil sehen Sie? 

 

Es ist richtig, auf bestehende Stärken Hannovers zu setzen und die Gesundheitswissenschaften, Ingenieurwissenschaften, oder die Wasserstoffforschung weiter auszubauen. Das gilt im besonderen Maße auch für Hannovers Potenzial in der Quantentechnologie, die von der Volkswagen-Stiftung in ganz Niedersachsen gezielt gefördert wird. 

 

Bei der Volkswagen-Stiftung sitzt jetzt Georg Schütte im Chefsessel – der ehemalige BMBF-Staatssekretär, mit dem Sie unter anderem den BIH-Deal ausgearbeitet haben. Waren Sie schon zum Kaffee verabredet?

 

Das geht ja zurzeit pandemiebedingt schlecht, aber natürlich sind wir im Gespräch. Die 15 anderen Bundesländer beneiden Niedersachsen um diese einmalige Stiftung, und ich bin stolz, dass wir sie in Hannover haben. 

 

"Die große Rückkehr auf den Campus sehe ich im Sommersemester 2021 noch nicht." 

 

Sie sagen schon "wir". Nochmal zurück nach Berlin. Warum haben Sie den Berliner Hochschulen trotz sinkender Corona-Zahlen schon jetzt verordnet, dass sie auf jeden Fall bis Ende März geschlossen bleiben sollen?

 

Wir haben nichts verordnet, die Rektorenkonferenz und wir haben gemeinsam Planungssicherheit geschaffen, weil die Hochschulen sich das gewünscht haben. Ich halte es darüber hinaus für unvorstellbar, dass im März hunderte Leute in einem Raum zusammensitzen und Klausuren schreiben. 

 

Und wie geht es im Sommersemester ab April weiter?

 

Zunächst wie gehabt größtenteils digital. Wir alle wünschen uns, dass die Hochschulen im Sommer wieder mehr Präsenz anbieten können, aber aktuell wissen wir schlicht noch nicht, was wirklich möglich sein wird. Die Auswirkung der Virusmutationen ist leider noch unberechenbar. Deshalb planen wir vorsichtig, wollen aber versuchen, dass zumindest die Studierenden im ersten Jahr vor Ort Lehrveranstaltungen besuchen können, kleinere Seminare zum Beispiel. Auch für die künstlerischen Studiengänge wird es wie gehabt Sonderregelungen geben. Aber die große Rückkehr auf den Campus sehe ich im Sommersemester 2021 noch nicht. 

 

Die Hochschulen bescheiden sich also wie gehabt vorbildlich, die meisten Studierenden müssen zu Hause hocken – während Läden, Cafés, Kinos oder Büros längst wieder voll sind?

 

Wie gesagt: Wenn mehr geht, freuen wir uns. Aber es wäre doch schon ein großer Fortschritt, wenn wieder Leben auf dem Campus einkehrt. Wenn man sich wieder in der Mensa oder in der Bibliothek begegnet, wenn Studierende zur Sprechstunde ihrer Profs gehen können. Das sind die Erfahrungen, die Sie durch keine Videokonferenz kompensieren können. Darüber hinaus frage ich mich aber schon, ob wir in der Nach-Corona-Zeit wirklich noch Frontalvorlesungen mit 1000 Leuten in den Hörsälen brauchen. Wir sollten die Uhren nicht auf Februar 2020 zurückdrehen sondern bewährte digitale Formate fortführen, wo sie Studierenden und Lehrenden Vorteile bieten. 

 

Apropos Nach-Corona-Zeit. Welche Lehren ziehen Sie persönlich aus Deutschlands Krisen-Performance?

 

Die ersten Monate haben Wissenschaft und Politik schnell reagiert, Bund und Länder haben die richtigen Maßnahmen ergriffen, so dass die Infektionszahlen schnell zurückgingen. Doch dann haben wir als Politik diese Phase zwischen Mai und Oktober nicht ausreichend genutzt, um uns als Gesellschaft auf die zweite Welle, vor der alle einschlägigen Experten gewarnt haben, vorzubereiten. Unser größter Schwachpunkt in Deutschland ist die über Jahre verschleppte Digitalisierung: der Gesundheitsämter, der Behörden im Allgemeinen, der Schulen. Das hängt auch damit zusammen, dass wir Digitalisierung und Datenschutz ständig gegeneinander ausspielen.

 

"Oft habe ich den Eindruck, der Datenschutz wird als Vorwand missbraucht, um die Digitalisierung zu bremsen."

 

Sind das denn nicht auch Gegensätze?

 

Sie müssten es nicht sein. Beispiel digitale Gesundheitsakte: Ich halte die für datenschutzrechtlich wesentlich sicherer, als wenn in den Krankenhäusern und Arztpraxen ständig irgendwelche Faxe und Papiere herumfliegen, bei denen kein Mensch mehr nachvollziehen kann, wer reingeschaut hat. Bei einer digitalen Akte können Sie dagegen jeden Zugriff dokumentieren. Oder nehmen Sie die Corona-App: Die ist fast ohne praktischen Nutzen, weil wichtige datenschutzrechtliche Fragen im Vorfeld nicht so geklärt worden sind, dass daraus eine lebensnahe App entstehen konnte. Das wäre aber möglich gewesen. Oft habe ich den Eindruck, der Datenschutz wird als Vorwand missbraucht, um die Digitalisierung zu bremsen. Wenn wir als Gesellschaft nicht beides auf die Reihe bekommen, dann werden wir abgehängt. 

 

Und jenseits der Digitalisierung?

 

Eine gemischte Bilanz. Was die Krankenversorgung angeht, so hat die einerseits hervorragend funktioniert, andererseits hat sich erwiesen, dass das Fallpauschalen-System viele Krankenhäuser in den Ruin treibt. Die Hochschulen haben bei der digitalen Lehre einen Riesensprung gemacht, sie werden nach Corona das Verhältnis von Digital- und Präsenzlehre ganz neu austarieren. So, wie ich davon überzeugt bin, dass die Arbeitswelt auf Dauer viel stärker auf Homeoffice setzen wird. In Berlin bin ich besonders stolz auf die Charité, die das bundesweite Netzwerk Universitätsmedizin koordiniert, das der Bund zunächst mit 150, dann mit 290 Millionen Euro ausgestattet hat.  

 

Kritiker sagen: Für das viele Geld hat das Netzwerk bisher allzu wenig vorzuweisen. 

 

Es sind schon viele Studien entstanden, viel Wissen, das wir aufnehmen konnten in die anstehenden politischen Entscheidungen zum Umgang mit der Pandemie. Auch das Thema Sequenzierung wird das Netzwerk jetzt energisch vorantreiben. Aber eine so neuartige Struktur und der Ansatz einer über ganz Deutschland verteilten und koordinierten medizinwissenschaftlichen Expertise entwickelt ihre volle Stärke nicht auf Knopfdruck. Ich bin aber überzeugt, dass wir als Gesellschaft die nächsten 15, 20 Jahre ungemein davon profitieren werden.  

 

"Ich schlage eine Kompetenzinitiative Klimaforschung vor: 500 Millionen Euro, 1000 Professuren."

 

Hat Deutschland ein grundsätzliches Innovationsproblem, das die Krise erst so richtig aufgedeckt hat?

 

Deutschlands Forschung ist in vielen Felder stark. Aber es fehlt oft an der Übertragung des Wissens in die Anwendung, es fehlt manchmal auch der Mut zum Verfolgen unkonventioneller Ideen und Ansätze. In der Hinsicht verspreche ich mir einiges von der Agentur für Sprunginnovationen, wobei ich auch da warne, nicht von heute auf morgen die Riesenergebnisse zu verlangen. Es geht darum, dass ein neues Verständnis von Innovationen entsteht. Mich treibt aber noch eine andere Sorge um: dass wir über Corona eine andere globale Herausforderung aus dem Blick verlieren. Den Klimawandel. Dafür brauchen wir ähnlich wie beim Netzwerk Unimedizin auch die geballte Power der deutschen Wissenschaft. Deshalb schlage ich eine Kompetenzinitiative Klimaforschung vor. 

 

Was genau meinen Sie damit?

 

Ganz konkret: Ein netzwerkartig organisiertes German Climate Change Center, das den Anspruch hat, die Expertise, die wir in Berlin, Hannover, Hamburg, Potsdam, oder im Süden Deutschlands haben, zu bündeln. Sowohl angewandte als auch Grundlagenforschung, mit Fachhochschulen, Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstituten. Mit einer Bundesfinanzierung von 500 Millionen Euro pro Jahr könnten so bestehende Strukturen optimal genutzt werden, 1000 neue Klima-Professuren etabliert, innovative Studiengänge und transregionale Forschungsgruppen gefördert werden. Wir müssen dafür sorgen, dass die Bewältigung der Klimakrise genauso konsequent angegangen wird, wie die Bewältigung der Corona-Pandemie. 500 Millionen Euro hört sich zunächst nach viel Geld an, aber wenn wir die Bekämpfung der Klima-Krise richtig angehen wollen, ist es absolut sinnvoll investiertes Geld. 

 

Eine Forderung, bei der Sie Ihren jetzigen und künftigen Wirkungsort wunderbar zusammenbringen können.

 

Darum geht es nicht. Die Wissenschaft in Deutschland hat im vergangenen Jahr einen relevanten Beitrag zur internationalen Corona-Forschung geleistet. Gleichzeitig wurde sie von der Politik in einer Weise beratend hinzugezogen, wie zumindest ich das nie zuvor erlebt habe. Ich bin überzeugt, dass mit den richtigen Strukturen in der Klimaforschung dasselbe möglich ist. Und ich weiß, dass wir dieselbe Entschlossenheit  unbedingt brauchen, wenn wir diese – vermutlich die größte – globale Krise des 21. Jahrhunderts bestehen wollen




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Kommentare: 2
  • #1

    McFischer (Dienstag, 23 Februar 2021 11:37)

    Interessantes Interview - auch wenn Herr Krach schon ziemlich gut darin ist, viel zu sagen und dabei wenig konkret zu werden. Beispiel: "Was die Krankenversorgung [während COVID] angeht, so hat die einerseits hervorragend funktioniert, andererseits hat sich erwiesen, dass das Fallpauschalen-System viele Krankenhäuser in den Ruin treibt." Keine klare Aussage - irgendwie ist alles gut und nicht so gut zur gleichen Zeit.
    Die Region Hannover hat - soweit ich das sehen kann - die letzten Jahre gut funktioniert, aber war wenig innovativ, gerade in der Verbindung von Stadt und Umland. Hier würden ein paar Visionen zu Verkehr, Gesundheit etc. nicht schaden.

  • #2

    Wieland Schmidt (Dienstag, 23 Februar 2021 11:54)

    Ja, interessantes Interview - mit pointierten (und zum Teil
    "frechen") Fragen. Man wird sehen, wie Herr Krach sich dort im auch im Sektor der Wissenschaft durchsetzen
    kann. Daß man nicht einfach vor den (unsäglichen) Finanzreduktionen von Herrn Thümler bzw. des rigiden Finanzministers "kuschen" muß, hatte ja gerade die Präsidentin der Kunst-Hochschule Hannover praktiziert.
    Interessant wird dann auch, wie sich die bislang vom
    Ministerium protegierte Rolle von Hannover gegenüber
    der Region Süd-Niedersachsen prägen wird. Viel Arbeit
    für Metin Tolan in Göttingen!