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Bitte machen!

Es gehört zu den wichtigsten Fragen der Schulpolitik in Corona-Zeiten: Wie können Kinder ihre Lernrückstände aufholen? Die FDP fordert ein milliardenschweres Buddy-Programm, das Schüler und Studierende zusammenbringt. Die Idee wäre ihr Geld wert.

Bild: Mohamed Hassan / Pixabay.

DIE IDEE IST NICHT NEU. Im Gegenteil: Sie ist so naheliegend, so sinnvoll und in sich stimmig, dass es wundert, warum sie nicht schon längst im großen Stil realisiert worden ist. 

 

Die FDP-Bundestagfraktion hat am Freitag den Antrag "Lern-Buddys – Studierende helfen im Corona-Schuljahr" in den Bundestag eingebracht. Studierende sollen Schülern dabei helfen, die durch die Schulschließungen entstandenen Lücken aufzuholen. Und die Bundesregierung soll ihren Einsatz mit einer Milliarde Euro finanzieren. 

 

Zeitlich passt die Initiative gut: BMBF und Kultusministerkonferenz verhandeln gerade über einen "Aktionsplan" gegen pandemiebedingte Lernrückstände.

 

Die FDP stellt sich die "Lern-Buddys" so vor: Die Schulen erhalten abhängig von ihrer Schülerzahl ein festes Kontingent an "Unterstützungsstunden" mit Studierenden. Sie können die Studierenden so einsetzen, wie sie das für richtig halten: für die Unterstützung der Lehrkräfte im Fern- und Präsenzunterricht, für Kleingruppenarbeiten oder für die Eins-zu-Eins-Betreuung. Zentrale Anlaufstellen sollen die Studierenden auf den Einsatz vorbereiten, auch didaktisch. Als Belohnung erhalten die Studierenden entweder zehn Euro pro Stunde im Rahmen eines Mini- oder Midijobs, oder sie können sich ihr Engagement in Absprache mit den Hochschulen als Leistungspunkte anrechnen lassen.

 

Sozial benachteiligte Kinder trifft
die Krise vermutlich besonders hart

 

Zwar gibt es bisher kaum Studien zu den durch Schulschließungen entstandenen Lernrückständen, und eine Hamburger Untersuchung (hier ab Seite 51)  hatte "durch die Corona-bedingten Veränderungen im Unterrichtsgeschehen keine größeren Einbußen" in den Schülerleistungen in Mathe und im Leseverstehen festgestellt. Allerdings fand die Studie früh statt, vor den zweiten Schulschließungen und konzentrierte sich auf Deutsch und Mathe (die in den Schulen in der Krise vermutlich zugunsten anderer Fächer bevorzugt wurden). Auch registrierten die Forscher in Mathe an Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen etwas schwächere Leistungen.

 

Mögliche Spätfolgen der Schulschließungen lassen sich insofern bislang kaum messen. Doch vermuten die meisten Bildungsforscher: Die Corona-Krise trifft nicht alle Schüler gleichermaßen. Kinder aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Familien drohen noch stärker zurückzufallen. Gerade sie brauchen jetzt so viel Unterstützung wie irgend möglich.

 

Umgekehrt sind vielen Studierenden ihre Jobs weggebrochen, sie haben seit Monaten die Hochschule nicht mehr von innen gesehen und hocken zu Hause. "Bringen wir beide Generationen zusammen!", fordert der FDP-Bildungspolitiker Jens Brandenburg.

 

Das sollten wir in der Tat. Es passiert ja an vielen Stellen auch schon. Der Verein "Corona School" bringt Studierende und Schüler digital 1:1 und in Kursen zusammen. Bei "Studierende machen Schule" engagieren sich Lehramtsstudierende in der Lernförderung und im Training von Methoden und Schlüsselkompetenzen.

 

"Rock Your Life" kombiniert schon seit 2008 Unistudenten mit Acht- und Neuntklässlern, um diese als ehrenamtliche Paten beim Übergang in die Ausbildung oder die schulische Oberstufe zu begleiten. Den Erfolg der Initiative hat kürzlich eine Evaluation durchs ifo-Zentrum für Bildungsökonomik belegt. Das Projekt "Success for All in Deutschland"  nach dem Vorbild der US-amerikanischen Stiftung "Success for All" wiederum wirbt dafür, tausende von Hochschulabsolventen als Tutoren auszubilden und für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren in Grundschulen und weiterführenden Schulen einzusetzen.

 

Jetzt ein milliardenschweres Bundesprogramm für Mentoring & mehr aufzusetzen, ein Programm, das allen Schülern bundesweit dieselben Unterstützungschancen sichert, das Studierende aktiviert und sie für ihr Engagement belohnt, das aber auch die bestehenden Initiativen einbezieht, wäre mehr als eine Corona-Notmaßnahme. Es könnte der Auftakt werden zu einer neuen Kultur des Lernens und Miteinanders zwischen Schulen und Hochschulen, zwischen Studierenden und Schülern. Ein Generationenvertrag der ganz neuen Art.

 

Dieser Kommentar erschien gekürzt zuerst im ZEIT-Newsletter Wissen3.


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Kommentare: 1
  • #1

    Jan Kercher (Montag, 01 März 2021 11:35)

    Lieber Herr Wiarda,
    vielen Dank für den interessanten Beitrag! Die dpa hat kürzlich noch über eine weitere tolle Initiative berichtet, nämlich über naklar.io, siehe: https://www.zeit.de/news/2021-02/06/initiative-gibt-nachhilfe-fuer-schueler-im-distanzunterricht
    Beste Grüße
    Jan Kercher