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Mehr Fairness, mehr Qualität

Die Rufe nach mehr Chancengerechtigkeit und Diversität in der Wissenschaft sind laut und vielstimmig. Das ist gut und wichtig. Doch wie kommen wir vom Debattieren zum Handeln? Sechs konkrete Vorschläge von Axel Gürtler und René Krempkow.

MEHRERE DEBATTENBEITRÄGE in der letzten Zeit zeigen, dass Diversität und Chancengerechtigkeit in der Wissenschaft innerhalb und außerhalb der Hochschulen zunehmend wichtige Themen sind (siehe Beiträge hier im Wiarda-Blog, der ZEIT, im Spiegel und im Tagesspiegel). Aber wo muss man konkret ansetzen, um sie zu erreichen? Sechs konkrete Vorschläge aus dem interdisziplinären Netzwerk THESIS für Promovierende und Promovierte.

1. Die geringe Diversität und Chancengerechtigkeit in der Wissenschaft Deutschlands und dabei besonders in der Professorenschaft haben eine zentrale Ursache bereits in der Nachwuchsförderung. Das zeigt die mit jeder Qualifikationsstufe im Wissenschaftssystem geringer werdende Diversität zum Beispiel in der Dimension Geschlecht (siehe BuWiN 2021), noch deutlicher aber in der sozialen Herkunft (siehe zum Beispiel Überblick über Studien hier). Daher wäre dies für konkrete Maßnahmen zur Verbesserung ein zentraler Ansatzpunkt.

 

2. Wichtige Maßnahmen, auf die THESIS bereits hinwies, wären: 

  • die Schaffung transparenter und berechenbarer Karrierewege für Nachwuchsforschende inklusive Entfristungsmöglichkeiten nach der Promotion, zum Beispiel durch die Schaffung von Tenure-Track-Verfahren generell für Promovierte in der Wissenschaft – und nicht nur für ein paar hundert Tenure-Track-Professuren in Deutschland; und

 

  • die Stärkung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit von Nachwuchsforschenden – schrittweise bereits ab Beginn der Promotion verbunden mit transparenten Leistungsanforderungen (auch damit sich künftig nicht mehr die Mehrheit der Nachwuchsforschenden gegen eine Karriere in der akademischen Wissenschaft entscheidet).

 

3. Darüber hinaus liegt weiteres großes Potenzial in der Verbesserung der Chancengerechtigkeit vor allem für Nichtakademikerkinder (deren Vater und Mutter kein Hochschulstudium haben), gerade für diejenigen, die ihren zur Promotion berechtigenden Studienabschluss an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaft (HAW) erworben haben. So zeigte zwar der Hochschul-Bildungs-Report 2017/18 des Stifterverbandes: Ein Nichtakademikerkind hat, von der Grundschule an über alle Qualifikationsstufen hinweggesehen, etwa dreimal geringere Chancen auf einen Bachelor und sogar zehnmal geringere Chancen, eine Promotion abzuschließen, als ein Akademikerkind. Aber aus den Sozialerhebungen des DZHW/DSW weiß man zugleich, dass an HAW der Nichtakademikerkinder-Anteil unter den Studierenden etwa doppelt so groß ist wie an Universitäten. Daran wird das ungenutzte Potenzial für die Wissenschaft deutlich; denn ohne Promotion keine Professur. Auch Daten des DZHW-Projektes NACAPS belegen, dass Hochschulabsolventen aus Nichtakademiker-Haushalten und mit ausländischer Herkunft oder Migrationshintergrund deutlich häufiger eine Kooperative Promotion absolvieren (etwa einhalbmal- bis doppelt so oft).

 

4. Kooperative Promotionsverfahren stoßen oft auf große Widerstände von Universitätsprofessor*innen, wie eine Dokumentation des Graduierteninstitutes NRW beispielhaft zeigt, ähnliches wird aus Baden-Württemberg berichtet. Auch Daten zu Berliner Hochschulen belegen eine äußerst geringe Durchlässigkeit. Deshalb genügt nicht, dass es inzwischen in allen Bundesländern außer Niedersachsen laut Gesetz kooperative Promotionsverfahren gibt. Nicht zuletzt zeigen persönliche Erfahrungsberichte von THESIS-Mitgliedern, dass es in vielen Fällen notwendig ist, als HAW-Absolvent*in bessere Leistungen zu bringen als Universitätsabsolvent*innen, um überhaupt eine Chance zu erhalten – und dies oft unter deutlich schwierigeren (Promotions-)Bedingungen. Daran kann das oft vorhandene Betreuungs-Engagement von HAW-Professor*innen nur wenig ändern, da bislang Uni-Professor*innen zum Teil stark divergierende Ziele verfolgen (zum Beispiel im Sinne von: "Die Leistungs-Punkte für die finanzielle Mittelverteilung habe ich, die Arbeit sollen HAW-Kolleg*innen machen. Wir sehen uns dann beim Kolloquium – oder auch nicht"). 

 

5. Die Sicherung und Verbesserung der Qualität der Promotionsbedingungen ist seit Gründung von THESIS ein zentrales Anliegen. Zur Qualität der Promotionsbedingungen wurden wiederholt Forderungen formuliert (auch bereits 2009 in einem Best-Practice-Papier mit dem DHV), so die Forderung: "Betreuer und Doktorand sollen zu Beginn der Promotionsphase eine Promotionsvereinbarung treffen. In dieser sollen die Essentialia des Promotionsverhältnisses festgehalten werden." Leider gibt es bislang keine Auswertung, inwieweit HAW-Absolvent*innen solche Promotions- bzw. Betreuungsvereinbarungen haben, geschweige denn inwieweit sie eingehalten werden. Bekannt ist jedoch, dass Nichtakademikerkinder unter den Promovierenden eine solche Vereinbarung seltener erhalten; ähnlich gilt dies für Promovierende mit Migrationshintergrund, sowie mit Kind(ern). Im Best-Practice-Papier wurde zudem das Ziel formuliert: "...das Promotionsverhältnis zwischen Betreuer und Doktorand stetig fortzuentwickeln und zu verbessern". THESIS ist der Ansicht, die Qualität der Promotionsbedingungen könnte auch und gerade mittels qualitätsgesicherter HAW-Promotionen gefördert werden. Hierzu sollte gehören, für den wissenschaftlichen Austausch förderliche Rahmenbedingungen zu haben. Dazu bedarf es auch einer gewissen Forschungsstärke. Die Mindestanzahl von 12 forschungsstarken Professor*innen am Fachbereich gilt bereits seit 2016 als Kriterium für das HAW-Promotionsrecht in Hessen und stellt auch in Baden-Württemberg und NRW keine Hürde dar – wie die hlb-Bundesvereinigung, der Berufsverband der HAW-Professor*innen, feststellte. Darüberhinausgehend sollte zur Qualitätssicherung die in vielen anderen Staaten längst übliche Trennung von Betreuung und Begutachtung erfolgen, wie es unter anderem der Wissenschaftsrat und auch der hlb fordern. 

 

6. Ein qualitätsgesichertes Promotionsrecht für forschungsstarke Bereiche an HAW in einer gerade für HAW-Absolvent*innen unterstützend(er)en Umgebung stellt daher einen Fortschritt dar im Vergleich zur bisher vorherrschenden, wenig qualitätsgesicherten Einzelpromotion außerhalb von strukturierten Programmen (was mit 60 Prozent nach wie vor die Mehrheit der Promovierenden betrifft und wiederum häufiger die Nichtakademikerkinder sowie Eltern unter den Promovierenden. Dies gilt erst recht für Bereiche, bei denen es an den Universitäten kein entsprechendes Forschungsgebiet gibt (etwa die Pflege-, Gesundheitswissenschaft, Soziale Arbeit). Ein HAW-Promotionsrecht für forschungsstarke Bereiche und solche, bei denen an Universitäten kein Forschungsgebiet existiert, ist daher zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Wissenschaft insbesondere in angewandter Forschung und Transfer, aber auch aus Gründen der Chancengerechtigkeit überfällig.


René Krempkow ist promovierter Soziologe und Senior Scientist an der Humboldt Universität zu Berlin sowie Mitglied im Bundesausschuss von THESIS. 

Fotos: privat.

Axel Gürtler ist Diplomingenieur für Elektrotechnik/Informationstechnik und Geschäftsführer von THESIS, dem interdisziplinären Netzwerk für Promovierende und Promovierte.



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Kommentare: 7
  • #1

    Th. Klein (Freitag, 19 März 2021 13:00)

    Interessant, wie sich Thesis für HAW-Promotionen stark macht. Aber da alle mir bekannten anderen Promo-Netzwerke u.ä. universitär ausgerichtet sind, ist ein Vorstoß aus deren Richtung ja auch nicht zu erwarten. Alle Bundesländer und Hochschulen, die hier losgehen, sollten den einen oder anderen Aspekt aus der Darstellung sich mal ansehen.

  • #2

    René Krempkow (Freitag, 19 März 2021 15:04)

    @Th. Klein: Es freut mich, dass dies Ihr Interesse findet. Und genau durch den Eindruck, dass viele andere (Nachwuchs-)Forschenden-Netzwerke u.ä. universitär(er) ausgerichtet sind, steht Thesis hier wohl auch in der Verantwortung - sowohl im Interesse der eigenen Mitglieder, als auch im Interesse der Leistungsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems insgesamt.
    Thesis macht sich aufgrund der vorliegenden Daten und Fakten allerdings nicht nur für ein qualitätsgesichertes Promotionsrecht für forschungsstarke Bereiche an HAW stark, sondern auch ausdrücklich für mehr Chancengerechtigkeit insgesamt.

    Inzwischen finden sich quer durch die Länder-Parteienlandschaften verschiedene Befürworter, die handeln wollen und nicht mehr nur in "Sonntagsreden" die mangelnde Chancengerechtigkeit und zu geringe Leistungsselektion bedauern möchten. Zudem gibt es wohl auch einige aufgeschlossene Professor*innen mehr als bekannt an Universitäten, die sich sich aber bisher oft aus Furcht vor Isolation innerhalb ihrer Kollegien bedeckt halten.

  • #3

    Robert Beltzig (Samstag, 20 März 2021 12:10)

    Bitte nicht noch mehr Promotionen in diesem Land! Wer
    unbedingt promovieren will, hat die Chance dazu an einer Universität.

  • #4

    Larissa Klinzing (Montag, 22 März 2021 09:46)

    Wer bis jetzt die Unterstützung der Gewerkschaften für die HAW-Promotionen nicht wahrgenommen hat, könnte aktuell das (und auch mehr zur Reform der Personalstruktur insgesamt!) nachlesen in den Stellungnahmen der GEW, ver.di und des DGB zur Reform des Berliner Hochschulgesetzes https://www.gew-berlin.de/presse/detailseite/neuigkeiten/berlin-braucht-ein-neues-hochschulgesetz/.

  • #5

    Th. Klein (Montag, 22 März 2021 10:28)

    @Beltzig: Ich finde es zu einfach, schlicht die Anzahl der Promotionen sozusagen zu deckeln. Sind die rund 25.000 Promotionen in den richtigen Disziplinen? Man könnte ja auch fragen, ob der hohe Anteil der Medizin und die hohen Übergangsquoten bei Fächern wie Chemie gut für's System sind.

  • #6

    René Krempkow (Montag, 22 März 2021 10:56)

    @Robert Beltzig: Danke für Ihren Kommentar. Angesichts mancher Dr.-Titelinhaber, die die "restlichen" 98% ihres Jahrgangs z.T. von oben herab behandeln, kann ich dies menschlich nachvollziehen. Gesamtgesellschatlich gesehen habe wir aber nicht zuviele Promotionen in diesem Land, wie der Konsortiumsvorsitzende zum Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs am 19. 2. hier im Blog sagte, und wozu es auch wiss. Veröffentlichungen gibt (z.B. in: www.universitaetsverlagwebler.de/webler-2017). Und dazu, wie die realen Chancen aussehen, dass jede*r, die oder der es will (und auch dafür qualifiziert ist) an einer Universität promovieren kann, wird im Gastbeitrag auf mehrere Datenquellen hingewiesen, die das Gegenteil belegen.

    @Larissa Klinzing: Danke für den Hinweis, Ihre Presseinfo kam leider erst nach Fertigstellung des Gastbeitrages und in einschlägigen GEW-Periodika wie "Erziehung & Wissenschaft" oder der Berlin-Ausgabe "bbz" war das Thema bislang jedenfalls nicht prominent wahrnehmbar. Es wird aber betroffene Promovierende freuen (und nicht nur diese :-)).

  • #7

    Ortrud Leßmann (Donnerstag, 25 März 2021 08:10)

    Mir fehlt im Standpunkt eine Aussage zu den Karrieremöglichkeiten für Promovierte an den HAWen. Die Berufungswege an HAWen sind intransparent, denn in jedem Bundesland und an jeder HAW wird die Anforderung von fünf Jahren Berufserfahrung, davon mindestens drei Jahre außerhalb der Hochschule anders ausgelegt. Muss ich ausführen, dass diese Regelung eine Chancenungleichheit erzeugt? Zwar hat bspw. NRW ein Förderprogramm Karrierewege auf FH-Professuren aufgelegt, doch das ändert wenig an der Intransparenz der Berufungsverfahren mit dem rückwärtsgewandten Nachweis der "Praxisnähe" statt vorwärtsgewandten Konzepten, wie die Anwendungsorientierung an den HAWen in Lehre und Forschung sicher gestellt werden kann.