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Was wichtig wird (Teil 4): Ende der Ohnmacht?

Zwischen "Akademikerwahn", "Exportschlager" und "Bachelor Professional": So sehr sich Politik und Wirtschaft bemühten, die Krise der beruflichen Bildung wegzureden, so wenig fiel ihnen an tatsächlichen Lösungen ein. Gelingt der Ampelkoalition der Neustart?

ES IST EINE seltsam widersprüchliche Mischung aus Stolz, Minderwertigkeitskomplexen und der Sehnsucht nach einer Aufbruchstimmung, die Deutschlands Verhältnis zur beruflichen Bildung ausmacht.

 

Einerseits sind da die immer noch gesungenen Lobeshymnen auf ein System, für das Deutschland angeblich von vielen Ländern der Welt bewundert wird. Ein internationaler "Exportschlager" sei das Modell gar. Sätze, wie sie etwa von der früheren Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) regelmäßig zu hören waren.

 

Andererseits hat die angeblich "absolut gleichwertige" (O-Ton Karlizek) Alternative zu einem akademischen Studium massive Attraktivitätsprobleme: Über 80 Prozent der Abiturienten entscheiden sich dann doch für die Hochschule. Hinzu kommt die mangelnde "Passung", so der Jargon der Bildungswissenschaftler. Bedeutet: Ende September 2021 standen 63.000 unbesetzten Lehrstellen 24.000 Bewerber gegenüber, die keine Stelle fanden. Wobei das nur die offiziell gemeldeten Zahlen sind. Schon lange vor der Corona-Krise kam es auf dem Ausbildungsmarkt zu einem schrittweisen Substanzverlust, die Pandemie beschleunigte die Schrumpfung des Ausbildungsmarkts noch einmal. Der ehemalige Bildungschef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Matthias Anbuhl, sprach von der "Krise als Katalysator". 

 

Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ergab ebenfalls im vergangenen Herbst, dass atemberaubende 39 Prozent der Arbeitgeber ihre ausgeschriebenen Lehrstellen nicht vergeben konnten. Gleichzeitig finden sich jedes Jahr 250.000 Jugendliche und mehr im sogenannten Übergangssektor wieder, weil sie mit ihren Qualifikationen auf dem Lehrstellenmarkt keine Chance haben. 

 

40 Prozent der Hauptschüler fanden
2018 keinen Ausbildungsplatz

 

Letzteres ist natürlich nicht Schuld der Arbeitgeber, sondern Ausweis einer Dauer-Bildungsmisere von Schule und Gesellschaft insgesamt. Doch wird die Situation dadurch verschärft, dass viele Betriebe inzwischen gar keine Bewerber mehr ohne mindestens einen Mittleren Schulabschluss akzeptieren. Mit der Folge, dass 2018 laut Nationalem Bildungsbericht 40 Prozent der Jugendlichen mit einem Hauptschulabschluss keine vollqualifizierende Ausbildung mehr beginnen konnten. 

 

Die Reden vom internationalen Exportschlager klangen vor diesem Hintergrund schon länger so, als sollten sie die unübersehbaren Schwächen des Systems und die Ohnmacht der Politik mit Eigenlob übertünchen. Dass sie keine Antwort gefunden hatte auf die Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt vor allem. Dass viele Arbeitgeber und Branchen weiter (und noch dazu oft erfolglos) vor allem auf die Abiturienten schielten, aber versagten, das Potenzial der Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss zu heben. Dass viele Berufe vor einer ungelösten Modernisierungskrise stehen, verursacht durch Digitalisierung und durch die veränderten Ansprüche einer jungen Generation, die ihre beruflichen Ambitionen mit Freizeit und Familie vereinbaren will.  

 

Versuche, sich gegen die akademische Konkurrenz zu behaupten, mündeten in den vergangenen Jahren oft sogar in einem aktiven Schlechtreden des Studiums. Dankbar wurden dann die Narrative eines Akademisierungswahns aufgegriffen: von angeblich ungeeigneten Studienanfängern, die zuhauf abbrächen oder sich mühsam durchs Studium schleppten, um dann entweder keinen Job zu finden oder schlechter bezahlt zu werden als in vielen Ausbildungsberufen. Obwohl die Abbrecherquote in Ausbildungsberufen vielfach nicht geringer ist, die Arbeitslosenquote unter Hochschulabsolventen noch niedriger und das Durchschnittseinkommen höher. Kurzum: Es in der Breite keinerlei Belege gab für einen Akademikerwahn.

 

Doch trafen sich in dem Narrativ die Interessen von Betrieben, die unbedingt mehr Abiturienten für ihre Lehrstellen wollten, sie aber nicht bekamen, mit den Befindlichkeiten einer Gruppe meinungsstarker Universitätsprofessoren, die der Meinung waren, dass die Hochschulen ohnehin schon viel zu überlaufen seien. Ein berufliches Ausbildungssystem zwischen Stolz und Minderwertigkeitskomplexen eben.

 

Enttäuschte
Hoffnungen

 

Mit der nötigen Aufbruchstimmung hat es dann auch lange nicht wirklich geklappt. Hier hatten wiederum besondere Hoffnungen auf Ex-Ministerin Karliczek geruht, die selbst zwei Lehren, eine zur Bankkauffrau und eine zur Hotelfachfrau, absolviert hatte. Die selbst Ausbilderin war. Doch außer der exkulpierend klingenden Behauptung, in den vergangenen Jahren hätte vor allem die akademische Bildung im Fokus gestanden, weshalb man jetzt für die berufliche Bildung nachlege, blieb Karliczek Strategie und Spirit für den nötigen großen Sprung schuldig.

 

Ja, sie lieferte die versprochene Reform des Aufstiegs-Bafög: 350 Millionen Euro zusätzlich allein in der vergangenen Legislaturperiode, um Menschen dabei zu helfen, in einer nichtakademischen Berufskarriere voranzukommen, den Meister auf die Ausbildung zu setzen vor allem. Und sie brachte die Novelle des Berufsbildungsgesetzes durch. Von der allerdings vor allem in Erinnerung bleiben wird, dass Meister sich jetzt "Bachelor Professional" nennen dürfen.

 

Susan Seeber spricht von einer "begrifflichen Schönfärberei, die in den letzten Jahren betrieben worden ist, während die eigentlichen Probleme viel zu wenig bearbeitet wurden". Seeber gehört zu den Autor*innen des Nationalen Bildungsberichts, sie ist Professorin für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung und Expertin für berufliche Bildung am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen. 

 

Auch Hochschulen und Wissenschaftsminister lehnten die neuen Begriffe fast einhellig als übergriffige "Pseudoakademisierung" ab, während es unter Arbeitgebern und Kammern ein gemischtes Bild gab. Viele hatten Bauchschmerzen wegen der vermeintlichen "Relativierung bewährter Begriffe". Während Zentralverband des Deutschen Handwerks und der Deutsche Industrie- und Handelstag die Entscheidung lobten.

 

Eine "Exzellenzinitiative"

als Lösung?

 

Die entscheidenden Fragen sind in jedem Fall, siehe Susan Seeber, seit Jahren überwiegend ungeklärt. Wie gelingt es, die berufliche Bildung für und durch sich selbst attraktiver zu machen – ohne sprachliche Anleihen anderswo zu nehmen und ohne die Alternative Studium herunterzureden? Wie können moderne Berufsausbildungen einerseits detailliert für den Job qualifizieren, der gerade gebraucht wird, und andererseits darauf vorbereiten, mit den künftigen Umwälzungen in der Arbeitswelt klarzukommen? Und wie können Ausbildungsbetriebe im Zeitalter der Digitalisierung ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden, auch Bewerbern mit niedrigeren Schulabschlüssen eine Chance zu geben?

 

Jens Brandenburg, der neue, erst 35 Jahre alte parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, sagt, die Antworten auf diese Fragen stünden im Koalitionsvertrag. Dort sticht unter der Überschrift "Ausbildung" aber vor allem ein Begriff ins Auge: die "Exzellenzinitiative Berufliche Bildung", die die Ampel auf den Weg bringen will. Noch eine Sprachanleihe an die Hochschulwelt, die Gleichwertigkeit der Bildungswege behauptet und in Wirklichkeit ein weiteres Signal für deren Fehlen ist? 

 

Würde man allein den Begriff nehmen, könnte man zu diesem Schluss kommen. Man kann es aber auch anders interpretieren: Die Exzellenzinitiativen-Analogie ist der Versuch, Marketing und Strategiebildung zugleich zu betreiben. Was könnte sich konkret dahinter verbergen?

 

Vieles lässt sich aus dem später abgelehnten Antrag ableiten, den die FDP unter Federführung Brandenburgs noch als Oppositionspartei vor zweieinhalb Jahren eingebracht hatte, Überschrift: "Exzellenzinitiative Berufliche Bildung – Ein Update für die Aus- und Weiterbildung in der neuen Arbeitswelt." Darin enthalten: "ein bundesweiter Wettbewerb für Berufsschulen, Betriebe, Kammern und weitere Akteure der beruflichen Bildung." Die besten Projekte mit innovativen und praxistauglichen Ideen sollten eine "öffentlichkeitswirksame Auszeichnung und umfassende Förderung erhalten". 

 

Die Exzellenzinititative, die der Antrag damals beschrieb, sollte noch viel breiter sein und unter anderem die bislang Studierenden vorbehaltenen  Begabtenförderwerke für Auszubildende öffnen. Ein Digitalpakt 2.0 auch für die Berufsschulen stand ebenso auf der To-Do-Liste wie der flächendeckende Ausbau der Jugendberufsagenturen.

 

Viele Versprechungen
im Koalitionsvertrag

 

Alles Punkte, die sich auch im Ampel-Koalitionsvertrag wiederfinden. Staatssekretär Brandenburg bestätigt, die "Exzellenzinitiative" sei als Chiffre gemeint, als Dach, unter dem sich künftig praktisch alle Vorhaben des BMBF zur Modernisierung der beruflichen Bildung strategisch abgestimmt wiederfinden würden.

 

Und von denen enthält der Koalitionsvertrag noch mehr: einen Pakt zwischen Bund, Ländern und Kommunen zur Stärkung und Modernisierung berufsbildender Schulen. Eine Ausbildungsgarantie für alle Jugendlichen, um das Übergangssystem nicht länger ins Leere laufen zu lassen, dazu der Ausbau von bestehenden Initiativen wie der Einstiegsqualifizierung und assistierter Ausbildung. Eine Erhöhung der Ausbildungsmobilität wohl durch Fördergelder für Azubis, die für eine Lehrstelle in eine andere Region umziehen müssen, wie Brandenburg bestätigt. Ein Zugang für beruflich Qualifizierte in den höheren öffentlichen Dienst.

 

Sind sie so möglich, die Heilung lange mitgeschleppter Minderwertigkeitskomplexe und das Aufkommen der ebenso lange ersehnten Aufbruchstimmung?

 

Berufsbildungsexpertin Susan Seeber sagt: "Solange die Integration formal gering Qualifizierter und die Entwicklung der Ausbildungsqualität nicht systematisch angegangen werden, kann auch ein Wettbewerb um beste Projekte und innovative Ideen nur bedingt helfen. Und wenn solche Projekte und Innovationen (und davon gab es ja schon einige Initiativen) dann nicht in die Breite getragen werden, also bei der Mehrheit der Berufsschulen sowie der kleinen und mittleren Betriebe als Rückgrat der Ausbildung nicht ankommen, bleiben sie Strohfeuer."

 

Es gehe um Exzellenz in der Ausbildung, um ihre Zukunftsfähigkeit, versichert Staatssekretär Brandenburg. "Exzellenz ist aber vor allem auch so gemeint, dass die berufliche Bildung beste Bildungs- und Zukunftschancen für alle eröffnet. Dass sie den Jahrgangsbesten attraktive Angebote macht, aber auch Menschen mit schwieriger Ausgangslage neue Wege eröffnet. Es geht also bei unserer Strategie um Spitzenförderung genauso wie um Bildungsgerechtigkeit."

 

Dafür müsste aber tatsächlich erstmal aus der Sammlung von Buzzwords und Versprechen die sie verbindende Strategie werden, die der Begriff "Exzellenzinitiative" verspricht. Auch müsste klar sein, wieviel Geld der FDP-Parteichef und Bundesfinanzminister Christian Lindner zusätzlich dafür springen lässt. Und einen Zeitplan zur Umsetzung braucht es auch. Dazu hält Jens Brandenburg sich noch bedeckt. Doch aus seinem Ministerium ist zu erfahren, dass es schon in den nächsten Monaten ein erstes Eckpunkte-Papier mit konkreten Umsetzungsterminen geben soll. 




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