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"1,8mal so hohe Chancen auf ein Spitzenabitur"

Mädchen sind besser in der Schule als Jungen, sie machen häufiger Abitur, und sie erzielen im Mittel den weitaus besseren Abischnitt. Was das für die Studienfachwahl bedeutet, hat Christoph Müller untersucht. Ein Interview.

Herr Müller, Sie waren über viele Jahre Studienberater und haben die Abiturnoten des Jahres 2017 aus zehn Bundesländern ausgewertet. Dabei stellten Sie fest, dass Mädchen den besseren Abi-Schnitt erzielen. So richtig überraschend ist das jetzt aber nicht, oder?

 

Im Grundsatz vielleicht nicht. Man wusste das irgendwie und ungefähr. Aber ich habe mich um die Beschaffung genauer Zahlen bemüht, von denen man annehmen kann, dass sie für ganz Deutschland repräsentativ sind. Nach meiner Recherche gab es diese bisher weder in der Literatur, noch in der amtlichen Statistik. Nur ein einziges Bundesland hat die Verteilung der Abiturnoten der beiden Geschlechter veröffentlicht. Sechs Bundesländer haben angegeben, die Zahlen nicht zu haben – darunter Baden-Württemberg, wo ich lebe, und unsere Bundeshauptstadt. Dieses statistische Defizit erscheint mir an sich schon bemerkenswert.

 

Und was zeigt nun die Notenverteilung?

 

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind groß. Wenn Sie nur auf die Abiturienten schauen, die einen Schnitt von 1,8 oder besser erzielen, dann sind darunter 62 Prozent junge Frauen und 38 Prozent junge Männer. Dabei müssen Sie bedenken, dass die 18-jährigen Männer knapp 53 Prozent in der entsprechenden Altersgruppe des Jahres 2017 ausgemacht haben. Die jungen Männer sind also bei der Bevölkerung in der Mehrheit, im Abitur in der Minderheit, und dort haben sie dann auch noch die schlechteren Noten. Wenn Sie zwei Jugendliche nehmen, einen Jungen und ein Mädchen, dann war im Jahr 2017 die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen ein Spitzenabitur erreicht hat, statistisch 1,8-mal so hoch wie bei einem Jungen. 


Christoph Müller, Jahrgang 1952, ist ausgebildeter Gymnasiallehrer und war über viele Jahre Studienberater am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Foto: privat.


Woran liegt das?

 

Ich habe die meiste Zeit meines Berufslebens als Studienberater am KIT verbracht und nicht als Lehrer oder Bildungssoziologe. Darum will ich an dieser Stelle zurückhaltend sein. Quantitativ fangen die Unterschiede schon beim Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium an und setzen sich dort in der Bilanz der Auf- und Abstiege fort. Eine Erneuerung der Debatte über das Warum würde ich mir wünschen. Was sind die Gründe für die Ungleichheit, was kann man zum Ausgleich tun? Und wenn man nichts tut, wohin führt das?

 

Dass Jungs am unteren Ende des schulischen Leistungsspektrums überrepräsentiert sind, wird doch schon länger diskutiert.


Ja, es wird immer mal wieder festgestellt, dass es einen auffällig hohen Anteil von Jungs unter den Hauptschul-Abgängern ohne Abschluss gibt. Mit 62 Prozent verhält er sich spiegelbildlich zum hohen Anteil der jungen Frauen bei den Spitzenabiturienten. Aber aus der Feststellung folgt nach meiner Wahrnehmung keine Debatte über die pädagogischen und gesellschaftlichen Schlussfolgerungen. Zumindest keine, die es nur annähernd aufnehmen könnte mit dem Gleichstellungsbedarf, der für die Bereiche Wirtschaft, Verwaltung und Politik nahezu wöchentlich thematisiert und eingefordert wird.

 

"Überall da, wo Sie gute Noten brauchen,

um für ein Studium zugelassen zu werden,

sind junge Frauen im Vorteil."

 

Dann führen wir die Debatte jetzt mal. Zumindest in Bezug auf die Spitzen-Abiturienten, die Sie sich angeschaut haben. 

 

Die Konsequenzen der ungleichen Notenverteilung liegen auf der Hand. Überall da, wo Sie gute Noten brauchen, um für ein Studium zugelassen zu werden, sind junge Frauen im Vorteil. Was am Ende bei den Studienanfängern für eine Verteilung herauskommt, hängt natürlich auch davon ab, wie beliebt ein Fach bei Männern und Frauen ist. Ich habe mir die Medizin-Studiengänge angeschaut, weil deren Auswahlverfahren zentral über die Stiftung für Hochschulzulassung abgewickelt werden. Dort liegen die entsprechenden Bewerbungs- und Zulassungsdaten für ganz Deutschland vor. 

 

Und was sagen die Daten?

 

Der Frauenanteil unter den zugelassenen Bewerbern in Humanmedizin ist sogar noch höher als unter den Spitzenabiturienten. Er lag bei 66 Prozent. Und noch einseitiger ist die Verteilung in den anderen Studienfächern mit bundesweit zentraler Studienplatzvergabe, in der Zahnmedizin, in der Tiermedizin, in der Pharmazie, weil diese Fächer eine so große Beliebtheit haben bei jungen Frauen. Dort kommen sie auf 70 Prozent und mehr.


Mehr Abiturienten, höherer Frauenanteil

Im Jahr 2021 haben rund 395 000 Schülerinnen und Schüler in Deutschland die Hochschul- oder Fachhochschulreife erworben, berichtete das Statistische Bundesamt am Montag.

 

Das waren 3,5 Prozent mehr als 2020 – wobei für den Zuwachs allein ein Sondereffekt verantwortlich war: Niedersachsens Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, wodurch 2020 praktisch der gesamt Abi-Jahrgang ausgefallen war. Ohne die Reform hätten 2021 2,0 Prozent weniger das Abi gemacht. 

Trotzdem stieg die Abiturientenquote, weil die Zahl der Jugendlichen zwischen 17 und 19 um 3,0 Prozent zurückging. 

 

Der Anteil der jungen Frauen unter den Abiturienten erhöhte sich weiter – von 53,7 auf 54,1 Prozent. Obwohl sie weniger als 48 Prozent der Altersgruppe ausmachten. 

 

Zwei Drittel der Abiturienten kamen von einer allgemeinbindenden Schule, ein Drittel von einer beruflichen Schule. 



Früher gab es in der Medizin die Möglichkeit, sich über viele Wartesemester einen Studienplatz zu ersitzen.

 

Was bei zwölf, 14 und mehr Semestern absurd und dysfunktional war. Doch haben Männer diese Möglichkeit tatsächlich häufiger genutzt, weil sie eine derartige Wartezeit anscheinend aus biografischen Gründen nicht unbedingt als prohibitiv lang oder riskant für die Lebensplanung eingeschätzt haben.  Das ist bei gleichaltrigen Frauen anders. Doch die Wartesemester gibt es seit der Reform der Medizin-Studienplatzvergabe in dieser Form nicht mehr. Das ist ein Faktor in der Reform, welcher einen steigenden Frauenanteil unter den Medizin-Studierenden eher begünstigt. 

 

Sie sprechen die neuen Zulassungsverfahren bei den Medizin-Studiengängen an. Bei denen spielen andere Kriterien neben der Abiturnote jetzt verstärkt eine Rolle. Praktische Vorerfahrungen oder Standard-Kompetenztests. Das könnte doch wiederum die Chancen der jungen Männer erhöhen?

 

Richtig. Männliche Bewerber dürften von der Einführung einer "Eignungsquote" von 10 Prozent profitieren, in der das Abitur gar keine Rolle spielen soll, und von der tendenziell größeren Bedeutung des Medizinertests. Leider gibt es keine direkte Untersuchung der Leistungsverteilung von Männern und Frauen in diesem Test, aber dass seine Einführung den Männeranteil bei den Zugelassenen erhöht hat, ist aus der Vergangenheit bekannt. 

 

Bislang haben wir über die zentrale Studienplatz-Vergabe gesprochen. Wie sieht es denn aus, wenn Universitäten selbst zulassen?

 

Nehmen wir die Universität zu Köln. Wenn Sie da beispielsweise Psychologie studieren wollten, haben Sie zum Wintersemester 2021/2022 eine 1,0 für die Zulassung in der Abibestenquote mitbringen müssen. In der zweiten Zulassungsquote wurden für maximal sechs Wartesemester jeweils 0,1 Notenpunkte von der Abiturnote abgezogen. Wenn Sie diese sechs Wartesemester vorzuweisen hatten, reichte gerade noch eine 1,6 im Abitur für die Zulassung. Bei solcher Verrechnung von Wartesemestern mit Abinoten bleiben sie erst recht in dem Bereich der Spitzennoten, wo die Frauen besonders überrepräsentiert sind. Das sind die schon mehrfach erwähnten 62 Prozent. Hinzu kommt die Tatsache, dass in diesen lokalen Zulassungsverfahren die starken Unterschiede zwischen den Bundesländern bei den Abinoten nicht ausgeglichen werden, wie das bei den Zentralen Vergabeverfahren der Fall ist.  Es sieht also bei den lokalen Zulassungsverfahren a priori keineswegs besser aus für die männlichen Bewerber. Insbesondere dann nicht, wenn sich bevorzugt Frauen für diese Studiengänge interessieren. Sie treiben dann   – metaphorisch gesprochen – mit ihrem größeren Notenkapital die Notenpreise in der Zulassungsauktion nach oben. 

 

"Ist es akzeptabel, dass Jungen und
Mädchen 
mit so unterschiedlichem Erfolg

durch die Schulen laufen?"

 

Ja, aber wenn die Frauen nun mal besser sind?

 

Intelligenz ist gleich verteilt zwischen den Geschlechtern. Es muss deshalb auch in Ordnung sein, in der Debatte über die diversen Gender Gaps zu fragen: Ist es akzeptabel, dass Jungen und Mädchen mit so unterschiedlichem Erfolg durch die Schulen laufen? Wir müssen uns fragen, wie wir mehr Chancengleichheit schaffen können in der Ansprache und Unterstützung von Jungen und Mädchen. 



Es gibt aber doch auch den umgedrehten Fall. Jungs erzielen ab der Mittelstufe bis heute im Schnitt die besseren Noten in Mathe und teilweise in den Naturwissenschaften, weil die Mädchen nicht adäquat gefördert und ermutigt werden.

 

Ob dieser Befund und vor allem die Erklärung dafür aktuell noch so zutrifft, wage ich zu bezweifeln, während ich vermute, dass die schlechteren Leistungen der Jungen in den Sprachen weiterhin bestehen bleiben. Aber dafür muss man PISA etc. studieren oder entsprechende Testergebnisse wieder abwarten. Was die Ermunterung der Mädchen zu Natur- und Ingenieurwissenschaften anbetrifft, so finden an den Hochschulen seit 20 Jahren Girls‘ Days und Mädchen-Techniktage statt. Deren Effekt harrt einer Evaluation, die diesen Namen verdient. In den Ingenieurwissenschaften sitzen jedenfalls, je nach Fach, weiter 70 oder 80 Prozent Männer. Entsprechende Boys‘ Days, auf welchen Jungen die Attraktivität des Berufes eines Erziehers, Grundschullehrers oder Zahnarztes für sich entdecken könnten, finden vergleichsweise selten statt. 

 

Nach dem Erziehen wird auch das

Heilen zunehmend weiblich. 

 

Die Ingenieurwissenschaften sind nicht nur die Fächer mit dem höchsten Männeranteil, sondern auch mit den höchsten Abbrecherquoten. Sehen Sie da angesichts Ihrer Abi-Auswertungen einen Zusammenhang? Vielleicht gehen Jungs da auch deshalb so oft rein, weil die Fächer oft keinen NC haben, und sind dann überfordert?

 

Ja, der Studienerfolg korreliert mit der Abiturnote. Diese Korrelation sollte man aber möglichst pro Studienfach ermitteln und dabei nicht über die Fächergrenzen springen. Es stimmt auch: Abgelehnte männliche Bewerber für Humanmedizin studieren häufig Maschinenbau oder Physik. Aber hohe Abbruchsquoten in solchen Fächern nicht auf die hohen fachlichen Anforderungen zurückzuführen, sondern darauf, dass dort überwiegend Männer studieren, welche vermutlich einen schlechteren Abischnitt aufweisen als die überwiegend weiblichen Studierenden der Medizin – das ist doch sehr gewagt. Bei der Formulierung dieser Hypothese werden die Merkmale Note, Geschlecht und Studienfach gleichzeitig verändert. Das lässt sich empirisch kaum überprüfen. Ihre These vernachlässigt auch die Entwicklung bestimmter Fachinteressen in der Schule und entsprechende Schwerpunktsetzungen. Ein Mädchen weiß häufig schon ziemlich früh, dass es Ärztin werden will. Es liegt nahe, dass dieses zusätzlich eine Strebsamkeit motiviert, die möglichst in allen Fächern Bestnoten erreichen will. Das gilt weniger für einen Schüler, der möglicherweise ins Auge fasst, Informatik oder Elektrotechnik zu studieren. 

 

Welche langfristigen Auswirkungen haben die großen Unterschiede bei den Abinoten auf die Berufswelt?

 

Die Segregation der Geschlechter bei der Wahl bestimmter Studienfächer und entsprechender Berufe wird durch ihr unterschiedliches Abschneiden im Abitur verstärkt. Nach dem Erziehen wird auch das Heilen zunehmend weiblich. In der Veterinärmedizin, Pharmazie oder in der Psychotherapie ist dieser Fall schon längst eingetreten. Wir sollten uns fragen, ob wir diese Entwicklung wünschen. Mit den Bemühungen, die Berufswahl der Geschlechter zu flexibilisieren, passt das jedenfalls nicht gut zusammen. Die relative Abnahme männlicher Rollenvorbilder in den Heil- und Lehrberufen erscheint mir nicht als geeignet, bei männlichen Jugendlichen entsprechende Berufswünsche entstehen zu lassen. 


Zum Nachlesen

Christoph Müller: Geschlechterunterschiede im Abitur und ihre Auswirkung auf die Zulassungschancen in den medizinischen Studienfächern. In: Das Hochschulwesen (HSW). Forum für Hochschulforschung, -praxis und -politik.  Jg.69 (2021), H.5+6, S.152-163.


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Kommentare: 4
  • #1

    Ruth Himmelreich (Mittwoch, 02 März 2022 10:07)

    Die Definition für das "Spitzenabitur" ist aber mit Noten einschließlich 1,8 recht weit gefasst. Da gute Noten mittlerweile deutlich häufiger vergeben werden als früher, ist das (mindestens in meinem Bundesland) nicht mehr die absolute Leistungsspitze, sondern eher "das obere Drittel". Dass hier die tendentiell fleißigeren Mädchen überrepräsentiert sind, wundert daher wenig. Interessant wäre es, wie es im Notenfeld von 1,0 bis 1,2 aussieht - nach meiner Schätzung müsste hier das Geschlechterverhältnis ausgeglichener sein.

  • #2

    Christoph Müller (Montag, 07 März 2022 11:19)

    Vielen Dank für Ihren Kommentar, Frau Himmelreich. Zu den von Ihnen angesprochenen Punkten seien die folgenden Informationen nachgereicht.
    „Spitzenabitur weit gefasst“:
    Diese Ausweitung erfolgte in Hinblick auf die Tatsache, dass die Durchschnittsnote von 1,8 bei stark beschränkten Studiengängen häufig gerade noch eine Zulassung ermöglicht, nämlich in jenen Leistungsquoten, bei denen auch noch andere Zulassungskriterien als die Abiturnote eine Rolle spielen.
    „Notenfeld 1,0 bis 1,2“
    Auf einen Abiturienten mit einer Note 1,0 kamen 1,424 Abiturientinnen; bei 1,4 oder besser sind es aber schon 1,637 Abiturientinnen pro Abiturient.
    „das obere Drittel“
    Das ist zu hoch gegriffen. Die Abiturient*innen mit einer Note 1,5 (1,8) oder besser machten 11% (21%) aller Abiturient*innen aus im Jahr 2017.
    „Mein Bundesland“
    Die Spannbreite des Anteils der Abiturient*innen, welche im Abitur 2017 eine Note von 1,5 oder besser erreicht hatten, reichte von 6,6% in Schleswig-Holstein bis 17,4% in Thüringen. Solche Unterschiede schlagen bei lokalen Zulassungsverfahren mit starkem NC immer noch durch. Das gilt erst recht für die unterschiedlichen Abiturerfolge von Männern und Frauen in den Bundesländern.
    „Tendenziell fleißigere Mädchen“
    Stimmt. Aber sie bekommen bei gleicher Kompetenz tendenziell auch die besseren Noten als Jungen.
    Mehr Details zu allen von Ihnen angesprochenen Punkten sind zu finden im „Ergänzenden Material“ zum Aufsatz, als PDF herunterzuladen auf: https://abiturnoten.christoph-mueller-karlsruhe.de/ Dort insbes. die Erläuterungen zur Einleitung und die Tabellen zu den Kap.1.2, 1.3 , 2.7 und 5.

  • #3

    Lena Stark (Montag, 07 März 2022 17:39)

    "Aber sie bekommen bei gleicher Kompetenz tendenziell auch die besseren Noten als Jungen." Wie belegen Sie diese These?

  • #4

    Christoph Müller (Mittwoch, 16 März 2022 16:41)

    Bessere Noten für Mädchen bei gleicher Kompetenz:
    In dem "Ergänzenden Material" (siehe erste Antwort oben) auf: https://abiturnoten.christoph-mueller-karlsruhe.de/ wird zum Eingang der Erläuterungen zu Kap.5 (S.33) auf die entsprechende Literatur aus den Jahren 2012, 2013 und 2017 verwiesen. Die Untersuchungen weisen das aus der Mittelstufe bekannte Phänomen in der Oberstufe insbesondere für die Fächer Mathemtik und Englisch nach.