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"Auf diese Idee kommen viele Familien gar nicht"

Hochbegabung hat nichts mit der Herkunft zu tun. Wie kann es sein, dass sie dennoch bei sozial benachteiligten Kindern seltener festgestellt wird? Ein Gespräch mit dem Bildungsforscher Peter Cloos über Konsequenzen schon in den Kitas.

Peter Cloos hat die Professor für die Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Hildesheim. Außerdem ist er Sprecher des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen. Foto: privat.


Herr Cloos, ist Hochbegabung über alle Bevölkerungsschichten hinweg gleich verteilt? 

 

Vom Potenzial her ja. Allerdings ist Hochbegabung etwas, das man nicht einfach mal schnell misst, besonders nicht in der frühen Kindheit. Meist geschieht das nur, wenn schon die Idee da ist, ein Kind könnte hochbegabt sein. Und auf diese Idee kommen viele benachteiligte Familien gar nicht.

 

Kann man also sagen: Hochbegabung an sich ist gleich verteilt in der Bevölkerung, aber die entdeckte Hochbegabung ist stark abhängig von der sozialen Herkunft?

 

Ich sage mal so: Grundvoraussetzung für Hochbegabung ist ein bestimmter Intelligenzquotient von mindestens 130. Dann spricht die Forschung von


einer sehr hohen Intelligenz. Aber es muss noch etwas zweites zu dieser Grundvoraussetzung hinzukommen: Die sehr hohe Intelligenz muss sich in besonderen Leistungen und Talenten ausdrücken, und dieser Punkt ist wiederum sehr stark abhängig von der Umwelt. Es kommt eben darauf an, dass die Anlage, die bei einem Kind vorhanden ist, auch entdeckt und gefördert wird. Es hängt auch davon ab, wie das das Kind und seine Umgebung diese Hochbegabung bewertet. Möglicherweise mag das Kind seine besonderen Fähigkeiten gar nicht zeigen, zeigt Scham und will nicht auffallen? Die Motivation hat also auch eine hohe Bedeutung dafür, dass Hochbegabung in besondere Fähigkeiten übersetzt wird. 

Wenn man in Hochbegabten-Schulklassen hineinschaut, kann man jedenfalls den Eindruck bekommen, dass sich da sehr viele Kinder von Bildungsbürgern tummeln.

 

Dazu kann ich empirisch leider nicht viel sagen, weil wir uns mit der frühen Kindheit auseinandergesetzt haben. Ich weiß allerdings, dass sich in Begabtenförderprogrammen im Studium sozial Privilegierte deutlich häufiger als weniger Privilegierte finden. Auch deshalb ist das Thema Hochbegabung bildungspolitisch extrem aufgeladen. 


Was die Experten empfehlen

 

In ihrer Expertise "Hochbegabung und soziale Ungleichheit in der frühen Kindheit" haben Peter Cloos und seine Mitautorinnen neben einer Analyse des Status Quo 25 Handlungsempfehlungen formuliert: zur bildungspolitischen und fachlichen und organisationalen Rahmung und zur Hochbegabung als pädagogischer Aufgabe. Die Empfehlungen machten zusammengenommen deutlich, dass der Weg hin zu einer adaptiven, individualisierten adäquaten Förderung von Kindern mit Hochbegabung und sozialer Benachteiligung noch lang sein könne, schreiben die Autor:innen.

 

Die Karg-Stiftung hatte die Expertise in Auftrag gegeben und anschließend auf ihrer Grundlage neun zugespitzte Handlungsempfehlungen für "Kitas als begabungsförderliche Bildungsorte" formuliert, darunter "Hochbegabte Kinder in ihrer Vielfalt sehen", "Hochbegabung in Aus- und Weiterbildung verankern" und "Bessere Bedingungen für die Kita Organisation schaffen". Die ausführlichen Empfehlungen finden Sie hier


Was meinen Sie damit?

 

Es werden oft zwei Dinge verwechselt. Man schaut auf das, was die Menschen leisten, auf ihre Schulnoten oder ihre Schulabschlüsse zum Beispiel, und nicht auf den Intelligenzquotienten. Dabei ist denkbar, dass man auch ohne einen IQ von über 130 starke Leistungen zeigt. Zum Beispiel indem eine nicht herausragend hohe Intelligenz durch einen besonderen Fleiß oder eine besondere Unterstützung in der Familie kompensiert wird. Förderprogramme, die einseitig auf die gezeigte Leistung abheben, sind deshalb nicht zwangsläufig Hochbegabtenförderung, sondern mitunter einfach Privilegiertenförderung. Es kann auf diese Weise zu einer gleich mehrfachen Ungleichbehandlung kommen: Bei benachteiligten jungen Menschen bleibt eine Hochbegabung häufiger unentdeckt, und selbst wenn sie entdeckt wird, ist der Zugang zu Förderprogrammen für sie schwieriger. 


Heute ist sich die Bildungsforschung einig, dass die Bildungschancen schon im Kita-Alter verteilt werden. Gilt das auch für den Umgang mit Hochbegabung?

 

Dort gilt das, was ich eben gesagt habe: Wir müssen davon ausgehen, dass auch bei vielen Kitakindern, die aus benachteiligten Verhältnissen stammen, die Hochbegabung nicht erkannt wird. Nicht aus bösem Willen, sondern weil den pädagogischen Fachkräften häufig das Wissen fehlt, auf welche Anzeichen sie achten müssen und wie dann in Zusammenarbeit mit Expert:innen und geschultem Personal eine Hochbegabung festgestellt werden kann. Bei von Benachteiligung betroffenen hochbegabten Kindern fällt es besonders schwer, ihre Hochbegabung zu erkennen, zum Beispiel wenn sie gerade erst deutsch lernen. Dann sind sie doppelt benachteiligt. Deshalb hängt umso mehr von der Sensibilität der pädagogischen Fachkräfte ab. 

 

Von der Frage also, ob sie sich für das Thema Hochbegabung interessieren?

 

Auch dazu gibt es bislang keine Interviews oder empirische Studien mit Erzieher:innen. Meine Vermutung wäre, dass einige fragen: Ist es meine Aufgabe, bei meinen Kitakindern vielleicht auch noch eine spezielle Förderung zu überlegen, wenn das Kind zum Beispiel früh liest. Ist das dann nicht Aufgabe der Schule? Wenn Eltern von sich aus auf die Kitaerzieher:innen zugehen und sagen: Uns fällt etwas auf an unseren Kindern, dann muss mit der Thematik sehr sensibel umgegangen werden. Manche Eltern überschätzen ihre Kinder, sodass solchen Anfragen zuweilen zu skeptisch begegnet wird. Anfragen kommen aber wieder eher von bildungsaffinen Eltern. 

 

"Alle Kinder haben mit ihren besonderen Begabungen
und Fähigkeiten ein Recht auf Bildung, und als Gesellschaft sind wir verpflichtet, dieses Recht zu beachten."

 

Sie haben im Auftrag der Karg-Stiftung eine Expertise über Hochbegabung und soziale Ungleichheit in der frühen Kindheit verfasst. Was empfehlen Sie?

 

Falsch wäre es auf jeden Fall, sich jetzt in jeder Kita nur ein paar Erzieher:innen herauszugreifen und sie per Weiterbildung zu Expert:innen für Hochbegabung machen zu wollen. Wir brauchen stattdessen ein Bündel an Maßnahmen. Wir müssen vor allem die Definition und das Erkennen von Hochbegabung als grundsätzlichen Teil der Ausbildungsgänge implementieren, so dass Fachkräfte die Anzeichen besser erkennen und deuten können. Manches hochbegabte Kind fängt besonders früh mit dem Lesen an, andere entwickeln früh eine Begeisterung fürs Rechnen oder an bestimmten Fachthemen. Ebenso muss es genügend Weiterbildungen geben zu einer diversitätssensiblen Organisationskultur in den Kitas. Denn auch bei vielen Erzieher:innen ist es so, dass sie eher eine Hochbegabung bei einem Kind von Akademikereltern erwarten als bei einem Kind aus dem Arbeitermilieu. Wenn ein Kind noch dazu nicht Deutsch als Muttersprache hat, wird sich auch seine besondere Leistung den Erzieher:innen noch viel schwerer erschließen. 

 

In den Kitas herrscht ein ähnlicher Fachkräftemangel wie in den Schulen. Selbst wenn das Bemühen da ist: Bleibt überhaupt die Zeit zum individuellen Beobachten?

 

Ich halte es für plausibel, dass die soziale Ungleichheit beim Entdecken und Fördern von Hochbegabung umso stärker wird, je stärker der Personalmangel ist. Die Situation in vielen Kindertageseinrichtungen ist fatal. Der Personalschlüssel ist schlecht, statt einer Anhebung des Qualifikationsniveaus der Fachkräfte findet zum Teil eine Dequalifizierung statt. Durch den Personalmangel steigt der Krankenstand. Erzieher:innen sind generell sehr engagiert, doch in einer solchen Situation ist es schwierig, dem anspruchsvollen Auftrag der Bildung und Erziehung gerecht zu werden. Was die Kitas bräuchten, ist jede Menge Zeit, sich als Einrichtung mit dem Thema Hochbegabung auseinanderzusetzen. Das erscheint unter den gegebenen Verhältnissen ein schwieriges Unterfangen, zumal viele andere Themen ebenso zu bearbeiten sind. 



Wenn das Erkennen von Hochbegabung bei Kindern, die zu Hause nicht deutsch sprechen, noch einmal schwieriger ist, was bedeutet dann das angekündigte Aus für das "Sprachkitas"-Bundesprogramm?

 

Die pädagogische Qualität in den Kitas spielt eine wichtige Rolle und dazu zählt auch die Qualität der Interaktion zwischen Kindern und Fachkräften. Programme wie "Sprachkitas" tragen dazu bei, diese zu verbessern. Die Förderung muss pädagogisch und wissenschaftlich gut fundiert sein. Konkret: Es muss zum Beispiel Zeit genug sein, mit den Kindern über zwei oder drei Wochen hinweg Projekte durchzuführen, die sie in ihren Denkprozessen herausfordern. Langanhaltende Denkprozesse sind hierfür besonders förderlich. Programme wie die "Sprachkitas" haben – indem sie die Interaktionsqualität in den Kitas  verbessern – auch indirekte Auswirkung auf die Förderung hochbegabter benachteiligter Kinder. Denn diese profitieren wahrscheinlich insgesamt von einem globalen Enrichment, also von einer nicht auf sie spezifisch ausgerichteten, sondern insgesamt angereicherten hohen Qualität der pädagogischen Arbeit, wie zum Beispiel eine sehr anregungsreiche Lernumgebung. 

 

Alle reden vom Sparen. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, die bessere Förderung einer kleinen Gruppe, der besonders Begabten, zu verlangen?

 

Diesem Vorurteil begegnet man leider immer wieder, wenn man über Hochbegabten-Förderung spricht: Es geht ja gerade nicht um Privilegierten-Förderung – zumindest dann nicht, wenn die Maßnahmen wie beschrieben fundiert sind. Die meisten unserer Vorschläge adressieren außerdem nicht nur Hochbegabung an sich, sondern sie sind für die individuelle Förderung aller Kinder von Bedeutung. Alle Kinder haben mit ihren besonderen Begabungen und Fähigkeiten ein Recht auf Bildung, und als Gesellschaft sind wir verpflichtet, dieses Recht zu beachten. Und zwar mehr, als das bislang der Fall ist. Da ändert auch keine Krise etwas dran.

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Kommentare: 1
  • #1

    Jens Kraemer (Donnerstag, 22 September 2022 20:15)

    1. Hochbegabte Menschen sind mit großer Wahrscheinlichkeit beruflich überdurchschnittlich erfolgreich und erlangen deshalb auch mit großer Wahrscheinlichkeit einen überdurchschnittlich hohen sozio-ökonomischen Status. Minderbegabte Menschen sind mit wesentlich geringerer Wahrscheinlichkeit beruflich überdurchschnittlich erfolgreich und erlangen deshalb auch mit wesentlich geringerer Wahrscheinlichkeit einen überdurchschnittlich hohen sozio-ökonomischen Status.
    2. Hochbegabte Eltern haben mit wesentlich größerer Wahrscheinlichkeit hochbegabte Kinder als minderbegabte Eltern.
    3. Aus den vorgenannten Prämissen folgt, dass es statistisch wesentlich wahrscheinlicher ist, dass hochbegabte Kinder aus Elternhäusern mit hohem sozio-ökonomischen Status kommen als dass sie aus Elternhäusern mit niedrigem sozio-ökonomischen Status kommen.
    4. Hieraus ergibt sich natürlich keinesfalls ein Argument gegen eine bessere Förderung von Kindern, die aus Elternhäusern mit niedrigem sozio-ökonomischen Status kommen. Anzunehmen, man könne damit die sich aus 1, - 3. ergebenden Effekte aufheben, wäre jedoch eine Selbsttäuschung.