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Die Digitalisiererin

Historikerin, Liberale, PR-Fachfrau, ehemals Landtagsabgeordnete und Geschäftsführerin eines Studentenwerks – heute eine der profiliertesten Digital-Politikerinnen. Das alles ist Lydia Hüskens, Ministerin für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt. Porträt einer Ungeduldigen.

Lydia Maria Hüskens, 59, ist Landesvorsitzende der FDP in Sachen-Anhalt, Mitglied des FDP-Bundespräsidiums, zweite stellvertretende Ministerpräsidentin und Ministerin für Infrastruktur und Digitales. Foto: FDP-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt.

VORHIN HAT SIE eine Fahrt im Promille-Simulator absolviert, auf der Nase eine Spezialbrille, die das Sichtfeld einschränkt. Um sie herum Berufsschüler*innen, die das auch dringend ausprobieren wollten. Jetzt steht Lydia Hüskens ein paar Kilometer weiter auf einem Schulhof in Dessau und legt den Kopf in den Nacken. Die Sonne knallt, es ist schwül, aber Hüskens, Ministerin für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt, lässt als einzige ihr schwarzes Jackett an. Über ihr schwebt eine Foto-Drohne, ein paar Meter weiter gackert eine Horde Neuntklässler, und der Mann mit der Fernbedienung in der Hand gibt sich alle Mühe, das verabredete Gruppenfoto zu arrangieren. 

 

Es ist Geodäsie-Projekttag an der Sekundarschule "Am Schillerpark", das Landesamt für Vermessung und Geoinformation hat auf Initiative von Hüskens Ministerium groß aufgefahren: Winkelprisma, Fluchtstab, Tachymeter, Laserscanner und jede Menge Hightech, alles zum Ausprobieren. Ihr werdet gebraucht, und zwar hier im Bundesland, das ist Teil eins der Botschaft an die Jugendlichen. Teil zwei lautet: Es gibt coole Berufe für euch da draußen. Hüskens plaudert und schwitzt, sie hört zu, in der Hand hält sie zwei Smartphones übereinandergestapelt, eines in Blau, eines in Gelb.

 

"Ich freue mich richtig, dass das geklappt hat", sagt Hüskens später, als sie wieder in ihrer Dienstlimousine sitzt, endlich ohne Jackett. "In der Sommerzeit sind die Termine nicht so dicht, da kann ich selbst raus an die Schulen." Früher, das heißt: vor zwei Jahren, als sie noch Geschäftsführerin des Studentenwerks Halle war, gehörte der Kontakt mit jungen Leuten, das Nachdenken über ihre Lebenswirklichkeit, zu ihrem Alltag. Heute muss sie sich bewusst die Gelegenheiten suchen. Wichtig für eine 59-Jährige, deren Geschäft die Zukunft ist. 

 

Ein riskantes
Projekt

 

Seit September 2021 im Amt, hat sich Hüskens, zugleich FDP-Landesvorsitzende, bundesweit einen Namen gemacht als eine der versiertesten Digitalpolitikerinnen. Das hat mit einer Reihe kluger strategischer Entscheidungen zu tun, von denen die erste war, überhaupt mit der Forderung nach einem eigenen Digitalministerium Wahlkampf zu machen. Dann, sich nach erfolgreicher Regierungsbildung den früheren Piraten-Parteichef Bernd Schlömer zum Staatssekretär und "Landes-CIO" zu ernennen. Und schließlich, als das Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Umsetzung der 200-Euro-Energiehilfe für Studierende und Fachschüler*innen zu scheitern drohte, sich nicht wegzuducken, als der Hilferuf kam. 

 

„Wir konnten mit dem Online-Portal

Einmalzahlung200.de zeigen, dass wir als

kleines Bundesland bundesweite digitale

Lösungen hinbekommen“

 

"Wir konnten zeigen, dass wir als kleines Bundesland bundesweite digitale Lösungen hinbekommen", sagt Hüskens stolz. Tatsächlich hat das neue Online-Portal in Sachen Automatisierung einer Verwaltungsleistung neue Standards gesetzt: Von der Beantragung über die Bewilligung bis zur Anweisung des Geldes vergehen oft nur Minuten, im Normalfall läuft der Prozess ohne Eingriff von Sachbearbeiter*innen ab. In seinem Perfektionismus auch ein riskantes Projekt, aber das passte irgendwie zu Hüskens, die in ihrem Leben schon häufiger gesprungen ist, wo andere eher auf Zeit gespielt hätten.

 

Sie hat jetzt ein bisschen Zeit zum Erzählen. Von Dessau zum nächsten Termin im Magdeburger Hafen sind es zwar Luftlinie nur gut 50 Kilometer, doch die Fahrt dauert fast anderthalb Stunden. Sie führt durch zahllose Dörfer, vorbei an Baustellen und Umleitungen, die Ministerin bekommt aus erster Hand den Zustand der Infrastruktur in ihrem Bundesland vorgeführt – und die manchmal chaotisch wirkenden Anstrengungen, daran etwas zu ändern. 

 

Magdeburg als
neue Heimat

 

Eigentlich, sagt die promovierte Historikerin und lehnt sich zurück, habe sie Professorin werden wollen, "aber das, was mich da ins Studium gebracht hat, bekam mit der Zeit immer mehr Fragezeichen." Nicht nur, weil es so viele Promovierende und so wenig Professuren gab, sondern weil sie bei Praktika ihr Faible für Öffentlichkeitsarbeit entdeckte. So dass sie nach dem Studium in einer PR-Agentur in Mühlheim anfing. Nach zwei Jahren folgte schon der nächste Sprung, als sie, geboren und aufgewachsen in Geldern an der niederländischen Grenze, das Angebot bekam, nach Magdeburg zu gehen, ins Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt. 1992 war das, man sprach noch von "den neuen Bundesländern", und die wurden für Hüskens zu ihrer neuen Heimat, die sie bis heute nicht mehr loslässt. Hier sind ihre Kinder geboren und aufgewachsen.

 

„Das Diskutieren, das hohe Tempo,

das Gestalten und Entscheiden.

Das ist ganz und gar mein Ding“

 

Nach zehn Jahren im Ministerium wurde sie im Jahr 2002 in den Landtag gewählt, sie wurde Fraktionssprecherin für Finanz- und Sozialpolitik und parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Landtagsfraktion. "Das war nun ganz und gar mein Ding", sagt Hüskens. "Das Diskutieren, das hohe Tempo, das Gestalten und Entscheiden." 

 

Umso bitterer für sie, als die Liberalen 2011 aus dem Landtag flogen und Hüskens zurückmusste in den Landesdienst. Sie landete im Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft, aber das ging gar nicht mehr für sie. "Da zu sitzen und immer schon zu wissen, wie der Tag läuft, und nichts an der Schlagzahl ändern zu können", sagt Hüskens, und während sie erzählt, drückt sie einen Anruf weg, wirft erst einen Blick aufs blaue, dann einen Blick aufs gelbe Handy. "Mir war klar: Bevor ich kirre werde, muss ich etwas Anderes machen."

 

Leitthema
Digitalisierung

 

Dieses Andere kam in Gestalt des Studentenwerks Halle, das eine neue Geschäftsführerin suchte. 200 Mitarbeiter*innen und ein Spektrum vom studentischen Wohnen über die Mensen bis hin zum Semesterticket und der Digitalisierung des BAföG. Überhaupt, die Digitalisierung, sagt Hüskens, "das hat nichts mit meinem Studium zu tun, aber in jeder Phase meines Berufslebens tauchte das als Leitthema wieder auf."

 

Das andere Leitthema, das für sie als Liberale stets besonders wichtig war: vieles ermöglichen, aber möglichst wenig vorschreiben. "Die Grenze ist auch in meinem Job als Studentenwerk-Geschäftsführerin gewesen, wenn ich anfange, erwachsene Menschen zu etwas zu zwingen." Etwa dazu, sich in Mensen fleischlos zu ernähren. Weshalb auf den Speiseplänen des Studentenwerks Halle unter ihrer Führung immer beides gestanden habe: vegane Menüs und auch solche mit einem hochwertigen Stück Fleisch. Insofern, sagt Hüskens, halte sie auch gar nichts von Forderungen nach einem verpflichtenden Deutschland-Ticket für Studierende. "Zum Glück scheint das vom Tisch zu sein." Ansonsten, fügt sie bedauernd hinzu, sei sie aktuell nicht mehr so drin in den Studierenden-Themen. "Aber der Blick für die junge Generation und ihre Belange, der ist schon geblieben", sagte sie – und so engagiert, wie sie eben aus ihrer Studentenwerks-Zeit berichtet hat, fällt es leicht, ihr das zu glauben. 

 

"Sachsen-Anhalt fährt hoch", war der Slogan, mit dem Hüskens als FDP-Spitzenkandidatin ihre Partei im Frühjahr 2021, inmitten der Corona-Pandemie, zurück in den Landtag geführt hat. Und sie selbst fuhr mit, als Ministerin und zweite stellvertretende Ministerpräsidentin. 

 

Der erste stellvertretende Ministerpräsident heißt Armin Willingmann, ist seit 2016 Minister für Wissenschaft und Wirtschaft für die SPD und hat die Zuständigkeit für Digitalisierung 2021 an Hüskens abgetreten. Unter seiner Ägide hat Sachsen-Anhalt – wiederum für den gesamten Bund – die BAföG-Beantragung digitalisiert. Allerdings, so wie damals vereinbart, nur die Beantragung.

 

Pragmatisch, konziliant,
durchsetzungsfähig

 

Fragt man ihn nach seiner Kollegin, antwortet Willingmann mit mehr als nur diplomatischer Höflichkeit. "Es ist ein Vorteil, dass mit Lydia Hüskens jemand für die Digitalisierung zuständig ist, die die Studierendenwerke so gut kennt und so auch eine Nähe hat zu hiesigen Hochschuleinrichtungen." Er lobt ihre pragmatische Art, sie sei ebenso konziliant wie durchsetzungsfähig, ohne jemals laut zu werden. "Und das mit den 200 Euro war ein gutes, professionelles Zusammenspiel zwischen ihrem Ministerium und meinem, nachdem das Bundesforschungsministerium die Angelegenheit ziemlich verschleppt hatte." 

 

Ein kleiner Seitenhieb auf Bettina Stark-Watzinger, wie Hüskens Mitglied im Bundespräsidium der FDP – die aber immerhin schließlich den kurzen liberalen Dienstweg nach Sachsen-Anhalt zu nutzen wusste. 

 

Wenn man sich abseits des offiziellen Protokolls in der Magdeburger Politszene umhört, stößt man allerdings auch auf Stimmen, die sagen, Hüskens und ihre Landes-FDP würden noch mit jedem bundespolitischen Streitthema auch in Sachsen-Anhalt eine Welle zu starten versuchen. Und so zupackend und im positiven Sinne ungeduldig Hüskens sei, stelle sie allmählich doch selbst die Diskrepanz fest zwischen den hochfliegenden FDP-Digitalisierungsankündigungen im Wahlkampf – und der real existierenden Umsetzung in einem Bundesland, das etwa beim Breitbandausbau immer noch auf den hinteren Plätzen liege. 

 

Ihr Termin mit dem ministeriumseigenen Logistikbeirat hat offiziell schon vor ein paar Minuten begonnen, als ihr Fahrer im weitläufigen Magdeburger Hafengebiet zwischen Containern, Kränen und Flachbauten auf die Schranke vor dem Gebäude der Hafen GmbH zukurvt, doch die Ministerin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie sagt, natürlich wäre es besser gewesen, wenn man schon vor zwei, drei Jahren nicht nur die BAföG-Beantragung, sondern auch die Bearbeitung der Anträge in den Studierendenwerken digitalisiert hätte, aber da habe, Stichwort Föderalismus "zunächst wohl das vollständige Bild gefehlt." Es klingt nicht wie ein Vorwurf, eher wie eine Feststellung. 

 

„Die Wirtschaft, die Industrie und Logistik

sind längst im digitalen Zeitalter. Die

Verwaltung muss da endlich hinterher“   

 

So wie es auch nach Feststellung klingt, wenn Hüskens hinzufügt, dass man über dieses Thema hoffentlich nächstes Jahr nicht mehr werde reden müssen, weil dann die Komplett-Digitalisierung des BAföG erledigt sei, "nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern überall in Deutschland." Und doch ist auch das nur ein Baustein zu dem, was Hüskens, kurz bevor sie das Jackett wieder anzieht und raus in die Hitze geht, als ihre wichtigste Mission formuliert: die Modernisierung der Verwaltung und die Digitalisierung aller ihrer Leistungen. "Schauen Sie sich doch um", sagt sie, "die Wirtschaft, die Industrie und Logistik sind längst im digitalen Zeitalter. Die Verwaltung muss da endlich hinterher."  

 

Dieser Artikel erschien zuerst im DSW Journal.


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Kommentare: 3
  • #1

    Sebastian Zachrau (Montag, 31 Juli 2023 15:37)

    >>Insofern, sagt Hüskens, halte sie auch gar nichts von Forderungen nach einem verpflichtenden Deutschland-Ticket für Studierende. "Zum Glück scheint das vom Tisch zu sein."<<
    Ministerin Hüskens sollte schnell klarstellen, was damit gemeint ist. Lehnt sie und die Landesregierung generell Semestertickets ab? Behält sie die Blockade einer Lösung für das Deutschlandticket aufrecht?

  • #2

    David J. Green (Dienstag, 01 August 2023 15:05)

    Vielen Dank für diesen recht interessanten Artikel, der den politischen Kopf hinter der auffälllig gut gelungen Einmahlzahlung-Digitalisierung vorstellt. Aber zum Nicht-Zwang, sich fleischlos zu ernähren: Anderes Bundesland, aber mir würde es reichen, wenn an meiner Uni ich nicht den Eindruck bekommen müsste, dass die Gerichte mit Fleisch stärker subventioniert werden – und daher weniger kosten – als vegetarische/vegane Gerichte.

  • #3

    Anglo (Dienstag, 01 August 2023 15:08)

    In England nennt man Artikel wie diesen ein "puff piece".