· 

Das sollte uns Zukunft wert sein

Bildung für nachhaltige Entwicklung soll auf den Lehrplan aller Schulen in Deutschland. Doch die Bundesrepublik ist von diesem Ziel weit entfernt. Eine Studie zeigt, was die Umsetzung bedeuten würde – und was sie kostet. Ein Gastbeitrag von Thomas Hohn.

Wordcloud "Bildung für nachhaltige Entwicklung" aus der Studie von Greenpeace und "Bündnis Zukunfts Bildung", Gestaltung: Schmucker Grafik Design · Heidelberg.

LEHRKRÄFTEMANGEL, MARODE SCHULEN, schleppende Digitalisierung und fehlende Fachkräfte sind nur einige Indikatoren für ein Bildungssystem in der Krise. Spätestens die Pandemie hat wie ein Brennglas gezeigt, wo die Schwächen des Bildungssystems liegen. Ein einfach "Weiter so" ist keine Option. Niemand wird bestreiten, dass Bildung zukunftsfähig aufgestellt sein muss. Doch welche finanziellen Mittel braucht es für eine solche Bildung im 21. Jahrhundert? Und warum fällt es in Deutschland so schwer, diese Frage überhaupt zu stellen?

 

Greenpeace und "Bündnis ZukunftsBildung", eine Initiative deutscher Nichtregierungsorganisationen, haben es getan. "Warum redet niemand über Geld?" – lautet der Titel einer Studie, die sie bei der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Auftrag gegeben haben. Sie berechnet den Finanzbedarf für "Zukunftsinvestitionen und Maßnahmen zur flächendeckenden Einführung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in Schulen". Und nimmt Bund, Länder und Gesellschaft bei ihrem eigenen Wort – dem Nationalen Aktionsplan BNE, den sie vor sechs Jahren verabschiedet haben.  

 

Das Ergebnis: Bis 2035 sind Investitionen für den Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) von rund 16,3 Milliarden Euro nötig. Pro Schüler sind das jährlich 320 Euro, die es für die Verankerung von BNE an allgemeinbildenden Schulen bräuchte. Ein im Vergleich mit den Gesamtausgaben für allgemeinbildende Schulen überraschend geringer Betrag.

 

In welche Maßnahmen sollen

die Investitionen fließen?

 

Der Nationale Aktionsplan BNE sieht über 130 Ziele und 349 Handlungsempfehlungen vor, die eine echte Bildungswende bedeuten würden. Doch seit seiner Verabschiedung ist so wenig passiert, dass Deutschland von seiner geplanten flächendeckenden Umsetzung meilenweit entfernt ist. Und das, obwohl die UNESCO auf der Weltbildungskonferenz BNE 2021 in der Berliner Erklärung noch einmal betont hat: "Transformatives Lernen für Mensch und Erde ist überlebensnotwendig für uns und für künftige Generationen. Die Zeit zu lernen und für unseren Planeten zu handeln ist jetzt."

 

Doch ohne die entsprechenden Gelder taugt so ein Plan eben wenig. Deshalb listet die Studie jetzt für seine Verankerung in der schulischen Bildung acht konkrete Maßnahmen auf, die einen maßgeblichen Einfluss haben. Anhand derer wurden die benötigten Gelder für die Anforderungen an Schulen und Lehrkräfte berechnet: 

 

1. Konzeption einer BNE-Strategie;

2. Verankerung von BNE in Schulgesetzen und Curricula;

3. Integration von BNE in und Austausch von Lehrmaterialien

4. Befähigung der Schulen zur Umsetzung von BNE;

5. Einführung von BNE-Koordinator:innen;  

6. Befähigung der Lehrer:innen zur Umsetzung von BNE; 

7. Erhöhung der personellen Kapazitäten für BNE in Behörden; 

8. Erhöhung der öffentlichen Mittel zur Umsetzung von BNE

 

Der größte Teil der Investitionen, rund elf Milliarden Euro, muss in die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte fließen. Als zweitgrößter Posten (2,8 Milliarden Euro) folgt die Einführung von Koordinator:innen, die in den Schulen die Weiterentwicklung voranbringen.

 

Insgesamt sollen die Bildungshaushalte für den Bereich "Allgemeinbildende und berufliche Schulen" gestaffelt angehoben werden: bis 2025 um insgesamt 0,2 Prozent, bis 2030 um knapp zwei Prozent und bis 2035 um 3,6 Prozent. Bei den anstehenden Haushaltsdebatten für Bildung muss BNE mitkalkuliert werden.

 

Bildung ist Voraussetzung für Demokratie

und verantwortliches Handeln

 

Die Welt wird komplexer und die Herausforderungen werden größer und spürbarer. Wir erleben immer deutlicher, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Es liegt auf der Hand, dass sich auch die Bildung an diese Realität anpassen muss. Mit einem zukunftsfähigen Bildungskonzept werden Schüler:innen zu eigenständigem Handeln und zukunftsfähigem Denken befähigt. Nur so kann Gesellschaft mitgestaltet, sowie verantwortungsvoll und nachhaltig gehandelt werden. Bildung ist die Voraussetzung für eine starke, funktionierende Demokratie.

 

Doch die Verantwortlichen reagieren angesichts der Fakten und der bereits jetzt schmerzlich spürbaren Auswirkungen der globalen Krisen mit einer erstaunlichen kognitiven Dissonanz. Es fehlt an Priorisierung, Kohärenz und Verbindlichkeit. Das gesetzte Ziel, BNE bis 2030 zu implementieren, wird aktuell weit verfehlt. Es gibt keine konsequente systematische, Verankerung. In der Lehrkräfteausbildung scheitert die Umsetzung; auch mangelt es an der Verankerung von BNE in Prüfungsaufgaben. Entwicklungen finden kaum statt und Fortschritte sind insgesamt erheblich zu langsam, obwohl zwei Drittel aller Lehrkräfte eine Verankerung von BNE für bedeutsam halten (siehe hier S.8ff.).

 

Bund und Länder müssen hier gemeinsam die Verantwortung übernehmen. Das Bildungssystem muss seine Potentiale nutzen und dazu lernen. Es darf nicht dazu kommen, dass wir unseren Kindern nur noch den Umgang mit Krisen vermitteln, die sie nicht verursacht haben und deren Auswirkungen sie auch nicht wieder verändern können.

 

Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Schüler:innen zwar nachhaltigkeitsaffin, allerdings auch desillusioniert und zukunftspessimistisch sind. Wir sind dringend aufgefordert, Resilienzen der jungen Generation zu stärken. Dafür muss Bildung nicht nur zukunftsfähig, sondern auch demokratiestärkend und friedensfördernd aufgestellt sein. Denn die entscheidende Frage ist: Was wird es kosten, wenn wir nicht jetzt in die Bildung unserer Kinder investieren? 

 

Thomas Hohn ist politischer Kampaigner im Bildungsteam bei Greenpeace und koordiniert das "Bündnis ZukunftsBildung".


Kommentar schreiben

Kommentare: 0