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Brandbriefe aus Jerusalem

Israels Hochschulleitungen fordern Solidarität von ihren Kollegen aus aller Welt – und kritisieren ausgerechnet die US-Eliteunis Harvard und Stanford scharf.

"X"-Botschaft der Hebräischen Universität an Harvard und Stanford. Bild: Screenshot vom "X"-Account der Hebräischen Universität.  

DIE BRIEFE, die Asher Cohen an seine amerikanischen Kollegen verschickte, hatten es in sich. "Ihre Stellungnahme verfehlt leider die geringstmöglichen Standards von moralischer Führung, Mut und Wahrhaftigkeit", schrieb der Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem gleichlautend an die Leitungen von Harvard und Stanford. Diese hätten "uns im Stich gelassen". Auf ihrem X-Account, wo sie die Schreiben parallel veröffentlichte, wurde die Hebräische Universität persönlich: "Ihr habt uns im Stich gelassen", steht dort in großen Lettern, gerichtet an die beiden bekanntesten US-Universitäten.  

 

Was war passiert: Nach den Terrorangriffen der Hamas, bei denen letzten Angaben zufolge mindestens 1.400 Menschen ums Leben kamen, hatten sich die Chefs von Harvard und Stanford anders als viele Hochschulleitungen weltweit nicht per Presse-Statement, sondern nur an die eigene Hochschulöffentlichkeit geäußert. So schrieben Harvard-Präsidentin Claudine Gay und weitere akademischen Führungskräfte am 9. Oktober auf der Hochschul-Website, man sei erschüttert angesichts von Tod und Zerstörung, hervorgerufen durch den Hamas-Angriff, der gegen Bürger in Israel gerichtet gewesen sei, und angesichts des Krieges in Israel und Gaza. 

 

Ebenfalls am 9. Oktober, zwei Tage nach dem Angriff, hatten Stanford-Präsident Richard Saller und Provost Jenny Martinez zunächst drei Absätze auf die Website gesetzt. "Wir sind tief traurig und erschrocken angesichts von Tod und menschlichem Leid", schrieben die beiden und sprachen von "niederschmetternden Ereignissen in Israel und Gaza".

 

Beide Stellungnahmen beschworen im Anschluss die Bedeutung der akademischen Gemeinschaft und versprachen Unterstützung für alle auf dem Campus, die sie bräuchten. 

 

"Alles, was es bräuchte, ist ein wenig
Menschenverstand und minimale Integrität"

 

Normalerweise unterhält die 1918 gegründete Hebräische Universität, die als bekannteste und bedeutendste Hochschule Israels gilt, beste Beziehungen zu Harvard und Stanford. Globale Leuchttürme der akademischen Forschung und Lehre seien sie, heißt es auch im Beschwerdebrief von Präsident Cohen, den auch Rektor Tamir Sheafer und Ex-Rektor Barak Medina mitunterzeichnet haben. 

 

Genau deshalb ist ihre Enttäuschung jetzt offenbar so groß: Die Hamas-Führung zeige durch ihre Worte und Taten deutlich, dass der Massenmord mit der Absicht geschehen sei, die Juden in Israel zu vernichten, weswegen man kein Experte für internationales Recht sein müsse, um die extreme Immoralität dieses Genozid-Verbrechens zu erkennen. "Alles, was es bräuchte, ist ein wenig Menschenverstand und minimale Integrität." Doch den Statements der Führungsetagen von Harvard und Stanford fehle beides. Das Ziel, eine geschlossene Hochschul-Gemeinschaft zu erhalten, werde über die eindeutige Verurteilung des Bösen gestellt. 

 

In Harvard verursachte nur einen Tag nach dem Statement der eigenen Hochschulleitung der Offene Brief des studentischen "Harvard Undergraduate Palestine Solidarity Committee" weitere Aufregung, demzufolge allein das "israelische Regime" mit seinem "Apartheid"-System die Verantwortung trage für alle kommende Gewalt. 33 weitere Harvard-Studierendengruppen setzten ihre Unterschrift darunter. Woraufhin unter anderem der frühere US-Finanzminister und ehemalige Harvard-Präsident Larry Summers auf "X" kommentierte, dieses Statement mache ihn krank: Das "Schweigen der Harvard-Leitung" verbunden mit dem Brief der Studierenden sorge dafür, das Harvard "bestenfalls neutral" dastehe angesichts der "Terrorakte gegen den jüdischen Staat Israel“. 

 

Woraufhin Präsidentin Gay in einem weiteren Statement nachschob, die Universität "verurteilt die terroristischen Gräueltaten der Hamas". Egal, wie man zu den Ursachen des seit langem bestehenden Konfliktes stehe, eine derartige Unmenschlichkeit sei schrecklich. Im Übrigen spreche nur die Hochschulleitung für die Universität.

 

Stanford: "Schmaler Grat zwischen
Plattitüden und Überpolitisierung"

 

Die Stanford-Führung meldete sich am 11. Oktober ebenfalls noch einmal in einem "Update für die Stanford-Community" zu Wort, verteidigte jedoch ihre verbale Zurückhaltung. Stanford sei eine Gemeinschaft von Gelehrten. "Wir glauben, es ist wichtig, dass die Universität als Institution sich grundsätzlich einer Positionierung bei komplexen politischen oder globalen Fragen enthält, die über unseren direkten Zuständigkeitsbereich hinausgehen." 

 

Dass viele Universitäten in den vergangenen Jahren dazu übergingen, häufig aktuelle politische Ereignisse zu kommentieren, sei problematisch und führe bei Hochschulangehörigen zu gefühlter Inkonsistenz – weil die Äußerung zu einem Ereignis dann zwangsläufig einhergehe mit dem Schweigen zu anderen. Außerdem könne der Eindruck einer institutionellen Orthodoxie entstehen, der die Wissenschaftsfreiheit beeinträchtige. Schließlich bewege man sich bei jedem Statement auf einem schmalen Grat zwischen Platitüden und überpolitisierten Positionen.  

 

Universitäten und Forschungseinrichtungen aus Deutschland und vielen anderen Ländern hatten nach den Hamas-Angriffen mit vehementen Presse-Erklärungen reagiert. "Wir sind schockiert und entsetzt über die furchtbare Gewalt der Terroristen und verurteilen diese barbarischen Taten aufs Schärfste. Sie führen zu unsäglichem Leid unter der gesamten Zivilbevölkerung", schrieb etwa die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen. "Wir stehen fest in Solidarität mit Israel."

 

Am Sonntag unterzeichnete Asher Cohen einen weiteren Offenen Brief, diesmal zusammen mit allen Präsidenten israelischer Universitäten. Adressaten waren ihre Kollegen, die "Universitätsleitungen in aller Welt". 

 

"Es gibt keine guten Leute auf beiden Seiten",
schreiben Israels Hochschulleitungen

 

Nach dem Dank für die von vielen erhaltene Unterstützung und Mitgefühl kommen die israelischen Hochschulchefs zum Punkt: "Während die Leitungen einiger akademischer Institutionen öffentliche Verurteilungen herausgaben, erfuhren wir, dass andere die Hamas-Angriffe lediglich als 'ein weiteres Ereignis' im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sehen, was von unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden könne." Das entspreche absolut nicht der Wahrheit angesichts der singulären Barbarei. "Es gibt keine guten Leute auf beiden Seiten." 

 

Es folgt ein Satz, mit dem sich die israelischen Unipräsidentin vor allem auf Harvard beziehen dürften: Sie hätten von Unterstützungsinitiativen an Universitäten außerhalb Israels für Hamas und den Islamischen Jihad erfahren, die von Lehrenden und Studierenden verantwortet würden, "und wir sehen, dass es nicht immer eine eindeutige Reaktion der Hochschulleitungen darauf gegeben hat".

 

Die Vizepräsidentin für Internationales der Universität von Tel Aviv, Milette Shamir, lobte unterdessen im Research.Table, in Deutschland habe es "sehr klare Statements" der wissenschaftlichen Community gegeben, die Unterstützung sei "außergewöhnlich". Der neue Brief habe sich zu einem großen Teil auf einige "Elite-Universitäten in den USA" bezogen. Deren Reaktionen seien gerade zu Anfang "lauwarm und sehr zurückhaltend" gewesen. "Jetzt sehen wir, in einer zweiten Runde, klarere Statements, die die besondere Situation anerkennen."

 

Dieser Artikel erschien heute in einer kürzeren Fassung auch im Tagesspiegel.


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