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Die Demokratie muss auch in der Wissenschaft verteidigt werden

Angesichts des erstarkenden Rechtsextremismus braucht es einen starken Berufsverband der Professor:innen. Was bedeutet das für sein Verhältnis zu einzelnen wissenschaftspolitischen Gruppen?  Ein Gastbeitrag von Geraldine Rauch und Jürgen Zimmerer.

Fotos: Saskia Uppenkamp/Sebastian Engels,UHH.

DIE ZWEITE DEUTSCHE REPUBLIK steht am Scheideweg! Erstmals sitzt eine Partei im Deutschen Bundestag, deren Jugendorganisation ebenso wie einige Landesverbände vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingeschätzt werden; eine Partei mit realen Optionen auf eine Regierungsbeteiligung auf Länderebene.  Überall in Europa beobachten wir ein Erstarken rechter, nationalistischer und demokratiebedrohender Parteien und Organisationen. Diese Entwicklungen machen auch vor Hochschulen nicht halt. Gleichzeit gehen Hunderttausende auf die Straßen, um für die Demokratie zu demonstrieren, darunter viele Studierende, Wissenschaftler*innen und Professor*innen. Die Idee der wehrhaften Demokratie ist eine der zentralen Lehren aus dem Untergang der Weimarer Republik. 

 

Doch lang nicht alle stellen sich so geschlossen gegen die Bedrohung von Rechtsaußen. Dabei spielt gerade die Wissenschaft eine zentrale Rolle in der demokratischen Gesellschaft, legt sie doch die rationalen Grundlagen des politischen Diskurses. Deshalb ist sie besonders geschützt etwa durch die grundgesetzlich verbriefte Wissenschaftsfreiheit und die weitgehende Verbeamtung der Professor*innenschaft, die bewusst die Lehrenden öffentlichem wie institutionellen Druck entziehen soll. Dass dieser Schutz nur einer privilegierten Minderheit zugutekommt, während ein Großteil der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen in Abhängigkeitsverhältnissen unter oft schwierigen Beschäftigungsbedingungen arbeitet (Kettenbefristungen, Vollzeitarbeit bei Teilzeitstellen), wurde in den vergangenen Jahren wiederholt thematisiert. Dies schafft auch Einfallstore für politischen Druck. 

 

Warum wir einen starken
Berufsverband brauchen

 

Rechtsextreme Tendenzen unter Professor*innen sind besonders gefährlich, da diese meist gut zu unterscheiden wissen, was rechtlich noch erlaubt ist und wie man auf dem schmalen Grat zum juristisch Angreifbaren und zur Verfassungsfeindlichkeit balanciert. Auch sind Hochschullehrer*innen meist gut vernetzt und geben sich oftmals gegenseitig Rückendeckung. Zudem scheinen nicht alle Lehrstuhlinhaber*innen zur Selbstkritik fähig. Manch privilegierte Lehrstuhlinhaber*innen fühlen sich herausgefordert von denen, die nachkommen, die andere Ansätze vertreten, emanzipatorische Anliegen forcieren. Ein öffentlicher Diskurs, der eigentlich als normaler wissenschaftlicher Prozess aufzufassen ist, scheint mitunter von den Etablierten als Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit verstanden zu werden. Wer als Lehrstuhlinhaber*in seit Jahren keinen Widerspruch erfuhr, mag dies auch als Sakrileg verstehen, als Angriff auf das vermeintliche Recht, gefeit vor Widerspruch zu sein. Die großen Debatten um Wissenschaftsfreiheit und "Cancel Culture" scheinen von einem Generationen- und Geschlechterkonflikt beeinflusst. 

 

Deswegen braucht es einen starken Berufsverband, der die Interessen aller Wissenschaftler*innen unabhängig vom Beschäftigungsstatus vertritt. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) bezeichnet sich selbst als "die Berufsvertretung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland", mit rund 33.500 Mitgliedern, überwiegend Professorinnen und Professoren. Damit ist der DHV die größte Vereinigung von Wissenschaftler*innen in Europa. Entsprechend kommt dem DHV in der Öffentlichkeit eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu. Aber kommt der DHV dieser Verantwortung angemessen nach? 

 

Was passieren kann, wenn mächtige und etablierte Professor*innen kritisiert werden, kann man aktuell am Verhältnis des Deutschen Hochschulverbands (DHV) zum Netzwerk Wissenschaftsfreiheit beobachten. Der DHV als Berufsverband nimmt einseitig Professor*innen des Netzwerkes in Schutz, prangert andere Wissenschaftler*innen öffentlich an und äußert sich nicht direkt zu konkreten Vorwürfen und Nachfragen, sondern weicht mit einem pauschalen Bekenntnis gegen Rechtsextremismus aus.

 

Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit ist ein Verein von mehr als 700 Professor*innen, der sich selbst als Verein gegen die wissenschaftliche "Cancel Culture" beschreibt. Über das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gibt es nun mehrere kritische Meinungen, auch weil ein Mitglied des Netzwerks an der berüchtigten Konferenz in Potsdam teilgenommen hatte. Das Netzwerk selbst weist Anschuldigungen vehement zurück und droht sofort schriftlich mit Klage. 

 

Nun gehört das Recht zur Vereinsbildung, zu den konstitutiven Rechten, ja zu den Voraussetzungen demokratischer Teilhabe. Insofern ist die Gründung des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit nicht zu beanstanden. Aber handelt es sich um ein neutrales Netzwerk oder um eine politische Gruppierung? Wenn das Netzwerk im Namen der Wissenschaftsfreiheit offene Briefe an Universitäten und damit ihre Leitungen oder Politiker*innen im In- und Ausland schreibt, um etwa gegen postkoloniale Studien zu polemisieren, dann hat dies zumindest den deutlichen Anschein, politisch Einfluss nehmen zu wollen. Ein Brief an Universitätsleitungen dient nicht dem offenen Meinungsaustausch! Die Botschaft ist viel mehr: Unterbinden Sie das, fördern Sie das nicht!

 

Insbesondere Hochschullehrer*innen
dürfen sich jetzt nicht wegducken

 

Die Empfänger*innen dieser Botschaften können dies durchaus als Einschüchterungsversuch verstehen. Wer eine Zukunft in der Wissenschaft will, halte sich tunlich von bestimmten Themen fern, so könnte man dies lesen. Eine komplette Umkehrung des im Namen angelegten Programms. Offen bleibt also, wer das Canceln tatsächlich praktiziert und wer es versucht zu unterbinden. Dies ist im politischen Raum allerdings durchaus im Rahmen des Erlaubten. Hochproblemtisch wird es, wenn der Deutsche Hochschulverband als zentrale Vertretung DER Wissenschaftler*innen in Deutschland einseitig eine politische oder zumindest wissenschaftspolitischen Gruppe zu vertreten scheint. 

 

Die Verteidigung der liberalen, offenen Gesellschaft ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, vor der sich insbesondere Hochschullehrer*innen nicht wegducken dürfen, gerade weil diese Berufsgruppe beim Zusammenbruch der ersten deutschen Demokratie so eklatant versagte Damals machten sich viele zu Erfüllungsgehilfen des "Dritten Reiches" und zu Anstifter*innen von Menschheitsverbrechen, nur um sich nach dem Krieg auf die Position zurückzuziehen, lediglich reine, apolitische Wissenschaft betrieben zu haben. 

 

Der DHV leistet in vielen Dingen hervorragende Arbeit. Umso enttäuschender ist es, dass eine kritische Auseinandersetzung und Aufklärung über konkrete Vorfälle und Entwicklungen auch unter den eigenen Mitgliedern fehlt. Wie steht der DHV dazu, dass ein Mitglied des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit auf der Konferenz in Potsdam vorgetragen hat? Billigt er dies? Verteidigt er dies? Wie steht der DHV dazu, dass sich eine Vielzahl der Beiträge aus dem Netzwerk gegen Genderdiversität und Migration richten? Wie steht der DHV dazu, dass eine Vorsitzende des Netzwerks gerade ein Buch veröffentlicht hat mit dem Titel "Der neue Kulturkampf – Wie eine Woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht"? Das sind einige der unbeantworteten Fragen.

 

Eine Berufsvertretung wie der deutsche Hochschulverband muss den Anspruch haben, alle Mitglieder gleichermaßen zu vertreten. Mit einem pauschalen Bekenntnis zur offenen Gesellschaft – wie in seiner Erklärung vom 20. Februar 2024 – ohne konkrete Aufarbeitungen wird der DHV seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht.

 

Der DHV schreibt: "Für pointierten argumentativen Streit basierend auf Fakten ist in der Wissenschaft Platz, für Einschüchterungen, Mobbing oder Boykott dagegen nicht." Wir teilen diese Ansicht! Allerdings war es der DHV, der über Social Media eine unerschrockene wissenschaftliche Mitarbeiterin namentlich und öffentlich in ein kritisches Licht rückte, nachdem sie hier im Blog Kritik geübt hatte. Jetzt ist es an der Zeit, dass sich der DHV von einer einseitigen Parteinahme zugunsten des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit distanziert und öffentlich aufarbeitet, wie es dazu kommen konnte. Die Auseinandersetzung mit manchen Themen mag unbequem sein, aber gerade angesichts der aktuellen politischen Lage ist sie umso notwendiger. Ein zu langes Schweigen ist irgendwann als Zustimmung zu werten.



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Kommentare: 8
  • #1

    David J. Green (Samstag, 24 Februar 2024 00:46)

    Lieber Herr Wiarda,
    Vielen Dank, dass Sie – in einer Zeit, wo hochschulpolitische Debatten zunehmend hinter Paywalls verschwinden – diesem Gastbeitrag eine kostenlos zugängliche Platform bieten. Aber pflegen Sie nicht normalerweise den Brauch, Ihre Gäste auch kurz vorzustellen?

  • #2

    Arne Boltz (Samstag, 24 Februar 2024 12:53)

    Irgendwie hatte ich das schon nach der Wende gespürt, daß der DHV nicht mein Interessenverband war. Das hat sich offenbar nicht wirklich verbessert.

  • #3

    Univ.-Prof. Dr. Burkhard Meißner (Samstag, 24 Februar 2024 19:29)

    Rauch und Zimmerer rücken das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit in die Nähe des Rechtsradikalismus; sie machen dafür geltend, daß sein Mitglie des Netzwerkes an der umstrittenen Konferenz in Potsdam teilgenommen hat. An meiner Hochschule, der Universität der Bundeswehr n Hamburg, gibt bzw. gab es Kollegen, die sind oder waren Mitglieder der Linkspatei, einige auch Grüundungsmitglieder der AfD. Was folgt aus dieser Tatsache füt die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr als ganze? Man kann sagen: Eine Verunglimpfung wirkt überhaupt erst, wenn sie halbswegs logisch aufgebaut ist. Den Behauptungen von Zimmerer und Rauch über das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit und seine Mitglieder fehlt diese Folgerichtigkeit allerdings.

  • #4

    Jan-Martin Wiarda (Montag, 26 Februar 2024 08:11)

    Liebe Leserinnen und Leser, ich möchte nochmals daran erinnern, dass nur Kommentare mit Klarnamen freigeschaltet werden können, und bitte um Verständnis.

    Beste Grüße
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #5

    S. Janßen (Montag, 26 Februar 2024 11:03)

    @ B. Meißner: Es böte sich an, dass Sie zuerst die Folgerichtigkeit Ihres eigenen Arguments prüfen. Ihr Vergleich hinkt deshalb, weil die genannte Universität offenbar nicht in der Situation war, sich zu verfassungsfeindlichen Aktivitäten eines ihrer Mitglieder verhalten zu müssen und das dann in der Weise tat, dass sie die Anschuldigungen lieber verharmloste/in Abrede stellte als darin ein Problem wahrzunehmen.
    Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit fällt schon in Bezug auf die Teilnahme an dem Treffen in Potsdam dadurch auf, dass es eklatant anders reagiert als andere betroffene Vereine oder Unternehmen, die sich sofort von entsprechenden Mitgliedern/Mitgesellschaftern trennten. Hier kommt aber hinzu, dass dem betreffenden Herrn Pläne zur Delegitimierung der Briefwahl vorgeworfen werden. Das notwendige Minimum an politischem Anstand hätte darin bestanden, seine Mitgliedschaft bis zur gerichtlichen Klärung der Vorwürfe ruhen zu lassen. Stattdessen reagiert das Netzwerk in bester AfD-Manier: Vorwärtsverteidigung durch Diskreditierung statt Zurückhaltung und Prüfung. Möge jede:r die eigenen Schlüsse daraus ziehen.
    Jedenfalls bemisst sich die politische Reputation von Körperschaften nicht am Durchschnitt der Positionierungen ihrer Mitglieder, sondern an der Art und Weise, wie sie diese öffentlich repräsentieren.

  • #6

    Univ.-Prof. Dr. Burkhard Meißner (Montag, 26 Februar 2024 18:03)

    Sehr geehrter Herr Janßen, ob die Aktivitäten der Leute in Potsdam wirklich verfadssungsfeindlich waren: Das scheint ja noch der Klärung zu bedürfen - und die Berichte darüber sind umstritten und Gegenstand eines anhängigen Gerichtsverfahrens. Unter diesen Umständen gebietet der "Anstand", auf den Sie sich berufen (und übrigens auch unser Stafrecht) etwas ganz Anderes als Sie es erwarten: die Vermutung der Unschuld bis zum Beweis des Gegenteils. Sonst wird unsere Welt der üblen Nachrede und des Rufmordes - und das werden auch Sie kaum wollen, denke ich. Mit freundlichen Grüßen, Burkhard Meißner

  • #7

    Günter Tolkiehn (Donnerstag, 29 Februar 2024 21:30)

    Werte Kollegin Rauch, werter Kollege Zimmerer.
    Ausgerechnet eine Hochschulpräsidentin, Angehörige der Gruppe also, die sich 30 Jahre lang - nicht ohne Gegenleistungen - als Handlanger der Politik an der systematischen Demontage der Hochschuldemokratie beteiligt hat, bis nichts mehr übrig war, wofür noch ein Student kandidieren wollte (so z.B. wiederholt geschehen in Brandenburg) ruft jetzt die Wissenschaft und ihre Verbände zur Verteidigung der Demokratie auf? Nein, "natürlich" nicht der Hochschuldemokratie, hier hat die Wissenschaft ihre zentrale Rolle der rationalen Grundlagen des politischen Diskurses ja ausgespielt, die Demokratie ist raus. Und wogegen sollen wir die übrige Demokratie verteidigen? Nicht gegen ihre auch in der Gesamtgesellschaft bereits massive post-demokratische Aushöhlung und das um sich greifende massive Unbehagen darüber. Es geht nur um ein Symptom dieser politischen Entwicklung: rechte Parteien, die heute nur vorzugeben brauchen, eine Alternative zur post-demokratischen "alternativlos"-Politik des politischen Establishments zu sein, um beunruhigende Wahlerfolge erzielen. Die Bekämpfung dieser Wahlerfolge soll nun nicht Aufgabe der Politik, sondern eines Wissenschaftsverbands, ja "der Wissenschaft" sein? Und wieso geht ein professioneller Historiker bei einer solch oberflächlich-selbstgerechten Betrachtung "einfach so" mit?
    Mit befremdeten Grüßen
    Günter Tolkiehn

  • #8

    Doreen Bampf (Freitag, 08 März 2024 18:19)

    Es ist hochinteressant, mal in der Liste der vom Netzwerk Wissenschaftsfreiheit vorgestellten Fälle nachzulesen. Dort wird etwa ein Herr Maaßen verteidigt. Geht es noch?
    Der Beitrag der Autoren hat vielleicht doch in ein Wespennest gestoßen.