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Kraftvoll gegen Wissenschafts-Verkrustungen

Warum es besonders wichtig ist, dass sich jetzt Professor:innen für Reformen engagieren und ein neu gegründetes Netzwerk daher genau zum richtigen Zeitpunkt kommt.

Bild: Gerd Altmann / Pixabay.

2022 haben Wissenschaftler:innen verschiedener Disziplinen und Altersstufen ein Netzwerk zum Kampf gegen den Machtmissbrauch in der Wissenschaft gegründet und innerhalb von zwei Jahren viel erreicht, um Betroffene zu beraten und dem Thema endlich zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Wer sich die Funktionen der Mitglieder anschaut, stellt allerdings fest: Es sind bislang wenig  Professoren dabei.

 

Als das BMBF im März 2023 seinen umstrittenen Erstentwurf zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) präsentierte und schnell wieder zurückzog, setzten dagegen 3000 Professor:innen ihre digitale Unterschrift unter die Protestnote mit dem Hashtag "#ProfsFuerHanna", um sich für junge Wissenschaftler:innen und bessere Karrierebedingungen einzusetzen.Weitere Offene Briefe folgten.

 

Was bislang aber fehlte: dass Profs sich in größerer Zahl zu einem formalen Bündnis zusammenschließen, um ihren Einfluss nicht nur adhoc etwa im Streit ums WissZeitVG geltend zu machen. Sondern um viel grundsätzlicher auf umfassende Reformen in der Wissenschaft zu drängen. 

 

Das ändert sich gerade, nachdem 16 Hochschullehrer:innen sich in Leipzig getroffen und ein Professoren-Netzwerk gegründet haben, das noch keinen Namen, aber bereits eine Sprecher:innengruppe hat und das Mitte Mai ein erstes Positionspapier beschließen möchte. 

 

Die Grundidee: Um wirklich etwas an den Verkrustungen im Wissenschaftssystem zu ändern, bedarf es des besonderen und anhaltenden Engagements möglichst vieler Professor:innen – und des gleichzeitigen Drehens an vielen Stellschrauben. Wobei, wie Daniel Leising, Dresdner Psychologieprofessur und Ko-Sprecher des Netzwerks sagt, "jedes einzelne Drehen für sich schon hilft".

 

Ein Netzwerk als Ausdruck des
professoralen Reformanspruchs

 

Wie kann die einseitige Abhängigkeit junger Wissenschaftler von Profs beendet werden, die oft zugleich Betreuer, Kooperationspartner und Dienstvorgesetze sind? Eine Abhängigkeit, die zu Interessenkonflikten und einer potenziellen Erpressbarkeit junger Wissenschaftler:innen führt. Apropos Erpressbarkeit: Was braucht es für den fairen und transparenten Übergang auf eine Dauerstelle? 

 

Was wiederum bedeuten die bestehenden Strukturen für die Qualität von Forschung? Welche Art von Verhalten und Karrierestrategien belohnen irreführend-einseitige Bewertungsmetriken wie Impact Factor oder H-Index? Welchen Anreiz setzt es, wenn mitunter das möglichst schnelle Ausgeben von möglichst vielen Drittmitteln als Qualitätsnachweis gilt? Und wenn es tatsächlich zu Machtmissbrauch kommt, wie ahndet man ihn effektiv und schafft externe Institutionen, an die sich Betroffene mit dem Vertrauen wenden, dass sie wirklich Gehör und Unterstützung finden?

 

Alles keine neuen Fragen. Aber es wäre gut, wenn da jetzt ein kraftvolles, dynamisch wachsendes Netzwerk entstünde, dauerhaft und organisiert, als Ausdruck des professoralen Anspruchs auf Reformen. Mit Mitgliedern, die Verbindungen in die Führungsetagen von Wissenschaft und Politik haben und die sich besonders glaubwürdig für ein verändertes Wissenschaftssystem stark machen könnten. Warum besonders glaubwürdig? Weil nicht primär sie, sondern andere davon profitieren würden. 

 

Dieser Kommentar erschien zuerst in meiner Kolumne "Wiarda will's wissen" im Tagesspiegel.



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Kommentare: 12
  • #1

    Edith Riedel (Dienstag, 07 Mai 2024 12:54)

    Bei dem Vorhaben beißt sich die Katze halt in den Schwanz. Ein Gutteil dringend notwendiger Reformen bedeutet eine Reduktion der Anzahl (Stichwort "Beschäftigte unterhalb der Professur), der Ausstattung (Stichwort Departmentstruktur), und der Machtfülle (Stichwort "Betreuer UND Dienstvorgesetzter) der Statusgruppe der Professor*innen. Ich glaube nicht, dass entsprechende nachhaltige Impulse aus dieser Statusgruppe selbst kommen werden, und wenn, dann nur vereinzelt. Die Politik ist gefragt, konsequent die Strukturänderungen voranzutreiben, die die verkrusteten Strukturen aufbrechen. In meinem Umkreis habe ich die professoralen Diskussionen um #ProfsFuerHanna miterlebt. Eine kurze Befristungszeit bedeutet für Professor*innen, dass sie kürzere Zeit auf gut ausgebildete, befristet beschäftigte Postdocs zugreifen können, und das war auch der Grund des professoralen Aufschreis. Sorge um die Karriereplanung der jungen Menschen stand da eher im Hintergrund.

  • #2

    Ja ja (Dienstag, 07 Mai 2024 18:31)

    @Edith Riedel

    Ja ja, die bösen Professoren. Immer geht es denen nur um Macht und Zugriff auf Postdocs. Da muss endlich mal jemand durchgreifen ...

    Das Wissenschaftssystem dient der Erzeugung von Erkenntnis. Und das funktioniert ziemlich gut mit den derzeitigen Strukturen. Die meisten Postdocs, die sich einbilden, sie würden ganz toll selbständig forschen, wenn man (sprich: die bösen Professoren) sie nur ließe, unterliegen einer grauslichen Selbsttäuschung.

  • #3

    Edith Riedel (Mittwoch, 08 Mai 2024 11:45)

    @jaja
    Ist das denn so, dass das derzeitige System erfolgreich ist in der Erzeugung von Erkenntnis? Und selbst wenn (was strittig ist) - der Erfolg eines Systems
    rechtfertigt nicht seine klaren ganz klaren Schwächen hinsichtlich Machtmissbrauch, (Selbst)ausbeutung, etc.
    Zu den Auslassungen hinsichtlich der Forschungskompetenz von Postdocs möchte ich hier nichts sagen, da mir an einer Freischaltung meines Kommentars durchaus etwas liegt.

  • #4

    Jan-Martin Wiarda (Mittwoch, 08 Mai 2024 12:46)

    Liebe Leserinnen und Leser,

    leider kann ich erneut einen Kommentar wegen Ad-Hominem-Äußerungen nicht freischalten. Und erneure meine Aufforderung an alle Kommentierenden um eine inhaltlich kritische, aber vom Ton her angemessene Diskussion.

    Beste Grüße
    Ihr Jan-Martin Wiarda

  • #5

    Heinz G. Fehrenbach (Mittwoch, 08 Mai 2024 20:23)

    Vorbemerkung: auch wenn ich (professorales) Mitglied des genannten Netzwerks gegen Machtmissbrauch in der Wissenschaft (MaWi) bin, wie übrigens auch Daniel Leising, der im Beitrag erwähnt wird, äußere ich mich hier nicht im Namen des Netzwerks MaWi. Meine Anmerkungen sind als persönliche Ansicht zu verstehen.

    Ich begrüße die neue Initiative ganz ausdrücklich! Es kann nicht genug Initiativen geben, die die „Wissenschafts-Verkrustungen“ aufbrechen und sich für grundlegende Reformen einsetzen wollen. Um dies zu schaffen, bedarf es des Engagements sehr vieler Menschen.

    Die obenstehenden Kommentare verdeutlichen aber leider schon sehr gut, welcher Punkt (sicher nicht als einziger) es so schwer macht, innerhalb des akademischen Systems dieses System selbst zu verändern. Aus meiner Sicht wird zu sehr in Statusgruppen gedacht – und zwar von Angehörigen aller Statusgruppen. Hier die Profs, da die Postdocs, dort die Promovierenden, dazu die Student:innen, irgendwo auch noch das technische und administrative Personal … - jede Gruppe hat selbstverständlich ganz spezifische Probleme im und mit dem System und daher logischerweise auch spezifische Reformansätze und (hoffentlich auch) Netzwerke, die sich für sie einsetzen. Das ist im Allgemeinen auch prima so.

    Im Besonderen aber, und hier meine ich das Thema „Machtmissbrauch in der Wissenschaft“, ist eine solche Haltung regelrecht kontraproduktiv. Denn von Machtmissbrauch sind Angehörige aller Statusgruppen im akademischen System betroffen und die grundlegenden Mechanismen sind zumindest sehr vergleichbar, wenn nicht gleich. Ich selbst habe dieses System als Student, befristeter Postdoc (mit Arbeitsverträgen von 4 Wochen bis 3 Jahren), Habilitand, befristeter und entfristeter Prof durchlebt. Ich habe in jeder Statusgruppe irgendeine Form von Machtmissbrauch erfahren, direkt oder indirekt. Diese Erfahrungen teilen leider sehr viele andere mit mir. Und genau deshalb ist es wichtig, dass das Thema „Machtmissbrauch in der Wissenschaft“ Statusgruppen übergreifend angegangen wird. (By the way, genau deshalb ist MaWi so wie es ist.)

    Das akademische System wird nur dann zum Besseren reformiert werden, wenn möglichst viele verschiedene Perspektiven eingehen können und das Neuentstehende von all diesen Gruppen als besser wahrgenommen wird.

    In diesem Sinne freue ich mich sehr auf die neuen Anstöße, die die frisch gegründete Initiative dem alten System geben wird.

  • #6

    Ferdinand Bahntz (Freitag, 10 Mai 2024 07:20)

    Die vorgesehene Verkürzung der Postdoc-Zeit ist eine wirklich schlechte Idee. Die Ministerin sollte das nicht weiter betreiben.

  • #7

    Interessant (Freitag, 10 Mai 2024 13:21)

    @Fehrenbach: damit der Austausch nicht immer im Ungefähren und Abstrakten verbleibt, wäre es interessant zu erfahren, welchen Machtmissbrauch Sie als entfristeter Prof ''durchlebt'' haben. Könnten Sie dazu einmal ein, zwei Beispiele geben? Hinreichend anonymisiert natürlich.

  • #8

    Heinz G. Fehrenbach (Freitag, 10 Mai 2024 16:31)

    @Interessant. Es ist kein Problem, eine:n Kolleg:in durch ein paar Telefonate aus einem Forschungsverbund herauszuhalten (und damit von Forschungsgeldern abzuschneiden) oder ihnen über Gespräche mit Gutachter:innen zu einem schlechten Evaluierungsergebnis zu "verhelfen" ... so zum Beispiel. Am Ende leiden darunter selbstverständlich am meisten die Mitarbeiter:innen, deren Verträge oder Projekte nicht weiterlaufen können. Auch so etwas ist aus meiner Sicht Machtmissbrauch. Oder nicht?

  • #9

    Interessant (Samstag, 11 Mai 2024 10:09)

    @Fehrenbach: ja, das wäre Machtmissbrauch, wenn es denn so wäre. Können Sie das denn belegen? Ich will Ihnen nichts unterstellen, kenne aber auch, dass man gerne Missgunst von Kollegen, wenn man nicht durchkommt mit einem Antrag.

  • #10

    Nikolaus Bourdos (Samstag, 11 Mai 2024 10:53)

    @Ja ja:
    Wenn Sie Postdocs beschäftigen, die nicht selbstständig forschen können, dann sollten Sie ihnen klarmachen, dass ein Job in der Wissenschaft vielleicht doch nicht das Richtige für sie ist. Leider erfüllen viele Betreuer/-innen diese Pflicht nicht, die letztlich beiden Seiten nützt. Postdocs müssen sich durch Selbständigkeit auszeichnen, was denn sonst?

    Einige betreiben sehr bewusst diese m. E. subtile Form des Machtmissbrauchs: Man beschäftigt Postdocs, die Arbeit machen, die halt gemacht werden muss, spricht ihnen aber ab, dass sie es jemals weit bringen werden. Das wird natürlich nicht ausgesprochen, so wie es überhaupt kaum Gespräche zu Zukunfts-/Karriereperspektiven zwischen Prof und Postdoc gibt. Ein Elend! Ausgefeilte zentrale Förder- und Beratungssstrukturen für den wissenschaftlichen Nachwuchs stehen mittlerweile im Fokus, aber diese wichtige Pflicht der Profs wird kaum thematisiert. Die Postdocs ihrerseits gehen auch nicht auf ihre Profs zu, sondern meinen, nach drei Jahren Forschung ohne Qualifikationsziel ein Recht auf Entfristung zu haben.

    Und damit wären wir bei Hanna. Ein wesentlicher Teil der Hanna-Diskussion wäre völlig unnötig, wenn einige Dinge richtig angepackt würden.

  • #11

    Ja Ja (Samstag, 11 Mai 2024 19:31)

    @Nikolaus Bourdos

    Ganz so einfach ist das nicht. Es kann durchaus unterschiedliche Perspektiven auf die wiss. Fähigkeit eines Postdocs geben. Nämlich diejenige des Postdocs selbst, der meint, er mache alles ganz prima und werde es weit bringen, und diejenige eines Professors mit dreissigjähriger Berufserfahrung und Überblick über das Gebiet. Das ist gemeint. Der Missbrauch von dem Sie sprechen hinsichtlich der Übernahme gewisser Routineaufgaben kommt sicherlich auch vor, ist nach meiner Erfahrung aus dem MINT-Bereich aber quantitativ eher unbedeutend. Es ist etwa kein Missbrauch, wenn man als Postdoc Routineaufgaben im Labor oder der Maschinenhalle übernehmen muss. Das gehört zum Geschäft.

  • #12

    Heinz G. Fehrenbach (Samstag, 11 Mai 2024 21:12)

    @Interessant.
    Ja, das kann ich bzw die betroffene Person belegen. Aber sicher nicht hier ;-)
    Sie sind wohl selbst nicht in einer Professor: innen-Position, sonst würden sie so einen "kollegialen" Umgang wie oben beschrieben wohl nicht in Zweifel ziehen? :-))