Israels Krieg, Deutschlands Dilemma
Der Krieg in Nahost stellt auch Deutschlands Wissenschaft in ein moralisches Spannungsfeld zwischen historischer Verantwortung, völkerrechtlicher Verpflichtung und dem Schutz demokratischer Grundrechte.

Einfahrt zum Weizmann-Institut für Wissenschaften i n Rechovot/Israel, das laut Berichten am 15. Juni 2025 von eine iranischen ballistischen Rakete getroffen und erheblich beschädigt wurde. Foto: Creative Commons, CCO 1.0.
DIE RÜGE WAR SCHARF formuliert. "Ich wende mich an Sie im Zusammenhang mit Maßnahmen deutscher Behörden, die die Meinungsfreiheit und die Versammlungsfreiheit von Personen einschränken, die im Kontext des Konflikts in Gaza protestieren", schrieb der Menschenrechtskommissar des Europarates, Michael O’Flaherty, Anfang Juni an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).
Es folgte eine Liste von Vorwürfen: Berichte über willkürliche Polizeikontrollen, übermäßige Gewaltanwendung bei Protesten und Einschränkungen der Meinungsfreiheit "etwa in Universitäten, Kultur- und Bildungseinrichtungen".
Verletzen deutsche Behörden im Bemühen, antisemitische Ausschreitungen zu unterbinden, Grundrechte von Demonstranten? Wird der öffentliche Diskurs über Israels Vorgehen im Gaza-Krieg auch an den Hochschulen in Deutschland ungerechtfertigt behindert?
Kritik an Israel – oder Antisemitismus?
Menschenrechtskommissar O’Flaherty zeigte sich jedenfalls "besorgt", dass "die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von einigen deutschen Behörden so ausgelegt wird, dass Kritik an Israel pauschal als antisemitisch eingestuft wird". Die IHRA-Definition dürfe nicht "verzerrt, instrumentalisiert oder missbräuchlich verwendet" werden, "um legitime Kritik – auch am Staat Israel – zu unterdrücken".
Innenminister Dobrindt überließ die Antwort seinem Staatssekretär Bernd Krösser. Dessen zwei Wochen später verschicktes Schreiben fiel nicht minder scharf aus. Propalästinensische Proteste seien "selbstverständlich zulässig", solange sie sich "im Rahmen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit" bewegten, "nicht gegen Strafgesetze verstoßen", "nicht zu Gewalt, zu Hass oder Hetze aufrufen" oder das Existenzrecht Israels in Frage stellten.
Es gehe dabei mitnichten um eine überzogene Form der Strafbarmachung von Meinungen oder von Handlungen in Versammlungen oder eine überzogenen Form der Antisemitismusdefinition. "In Ihrem Schreiben vermag ich auch keine konkreten Ansätze als Beleg für diese in Ihrem Schreiben vorgetragene Bewertung zu erkennen."
Und schließlich verwies Krösser auf Deutschlands "historische Verantwortung", die es gerade bei Gaza-Protesten zu einer "besonderen Herausforderung" mache, "Versammlungs- und Meinungsfreiheit der Protestierenden und den Schutz von Bevölkerungsgruppen vor Hassrede und Gewalt in Ausgleich zu bringen". Israel-Hass und ...
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Kommentare
#1 - Francesca Albanese ist keine gute Referenz
Francesca Albanese ist bekannt für ihre israelfeindlichen Kommentare, hat Gaza als Konzentrationslager bezeichnet und wird nicht Müde, einen Holocaustvergleich nach dem anderen zu ziehen:
https://www.adl.org/resources/article/francesca-albanese-her-own-words
https://www.mena-watch.com/uno-haelt-trotz-antisemitismus-an-albanese-fest/
#1.1 - Die Anti-Defamation League ist keine gute Referenz
Die Anti-Defamation League ist eine in den USA ansässige, pro-israelische Lobbyorganisation, vergleicht die Keffiyeh mit Hakenkreuzen (https://x.com/johnknefel/status/1773703742803632579), unterstützt aktiv die Politik Donald Trumps (https://www.adl.org/resources/backgrounder/presidents-executive-order-anti-semitism-frequently-asked-questions, https://www.adl.org/resources/press-release/adl-statement-new-executive-order-combat-antisemitism), und gibt Millionen aus, um Kritik an Israel zu unterdrücken (https://www.theguardian.com/us-news/article/2024/may/15/adl-lobby-antisemitism-definition, https://imeu.org/article/explainer-the-anti-defamation-league-adl). Francesca Albanese ist eine promovierte, qualifizierte Expertin für Menschen- und Völkerrecht. Die ADL arbeitet weder wissenschaftlich fundiert noch unparteiisch.
#1.1.1 - Man mag von der ADL halten…
Man mag von der ADL halten was man will, die Zitate sind trotzdem von Albanese selbst. Die Adresse der ADL wurde hier nur angegeben, um keine Einzelquellen aufführen zu müssen.
#1.1.2 - promoviert?
Woher haben Sie die Information, dass Albanese promoviert wäre? Eine Netzrecherche lässt nicht darauf schließen.
Ganz interessant dagegen: https://www.juedische-allgemeine.de/israel/francesca-albanese-die-erfundene-menschrechtsanwaeltin-der-un/
#1.1.2.1 - (dis)qualifiziert
Das ist gegenüber Frauen leider immer noch/wieder die erste Reaktion, wenn man den Argumenten und Fakten nichts wirklich entgegenzusetzen hat: man spricht ihnen die Qualifikation ab. Francesca Albanese hat ein Prädikatsexamen in Jura und hat nach einem zusätzlichen zusätzlichen abgeschlossenen M.A. eine begonnene Promotionsarbeit zugunsten ihrer zunehmenden aktiven Arbeit für Menschenrechte, davon über zehn Jahre bereits bei der UN, nicht weiter verfolgt. Sie wird häufig als Anwältin bezeichnet und wäre dafür qualifiziert, hat aber das bar exam nie abgelegt, d.h. nie als Anwältin praktiziert und das auch nie von sich behauptet. Wer einem wirklich offenkundigen Hetzartikel Glauben schenkt, der allen ...
#1.1.2.2 - Anwältin?
Und falls wieder Vorbehalte wegen der Quelle bestehen: Auch das hat Albanese selbst gesagt:
«[...]Non ho fatto l'esame da avvocato perché non ho mai voluto esercitare la professione forense in Italia. Ho studiato giurisprudenza quasi per caso, ero confusa, avevo appena perso mio padre. Stimo tantissimo i tanti avvocati in Italia che si occupano del tema, ma 25, 30 anni fa, quello che volevo fare, cioè occuparmi di diritti umani, da noi non era così diffuso».
"[...]Ich habe die Anwaltsprüfung nicht abgelegt, weil ich nie in Italien als Anwalt arbeiten wollte. Ich habe fast zufällig Jura studiert, ich war verwirrt, ich ...
#1.1.2.2.1 - Juristin
Es tut mir leid, aber ich kann hier keine weitere relevante Information bzgl. Albaneses Qualifikation erkennen. Unter welchen privaten Bedingungen man welches Studium beginnt, ist für das, was man letztlich tut, völlig unerheblich, und es ist mehr als unlauter, eine persönliche Reflexion in einem solchen Zusammenhang als 'Beweis' - wofür genau? - ins Feld zu führen. Falls Sie uns demonstrieren wollten, dass Sie Italienisch (ab)schreiben können: Bravo! Ich hoffe, wir können diese unwürdige Debatte an dieser Stelle beenden.
#1.1.2.2.1.1 - Die Leute beim Wort nehmen!
Das Zitat stammt aus einem öffentlich zugänglichen Interview mit der Zeitschrift Vanity Fair, es sind ihre EIGENEN WORTE zum von der Zeitschrift aufgeworfenen Thema, dass sie sich als Anwältin bezeichnet hat, ohne eine entsprechende Prüfung abgelegt zu haben. Was ist daran unwürdig, das ist doch nichts anderes als das, was Albanese SELBST zu diesem Thema zu sagen hat!
Ist es nicht – für einen wissenschaftsjournalistischen Blog, auf dem es um wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Redlichkeit geht – erstaunlich, dass selbst auf der Webseite der UN noch behauptet wird, Albanese sei „an international lawyer“? Und das nicht nur nebenbei, sondern direkt im ...
#1.1.2.2.1.1.1 - Rechtsanwältin ist nicht gleich Juristin!
Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen. Möchten Sie Frau Albanese dafür verantwortlich machen, dass sie selbst etwas richtig stellt, was ihr fälschlicherweise unterstellt wurde? Und was, wenn es nicht durch bewusste Fehlinterpretation motiviert ist, nicht zuletzt auf einem sprachlichen Missverständnis zu beruhen scheint? Im Englischen ist die Unterscheidung zwischen 'Rechtsanwalt' und 'Jurist' nicht geläufig, man ist entweder 'practising lawyer' (d.h. man hat nach dem Jurastudium das bar exam abgelegt und vertritt Mandanten vor Gericht) oder 'lawyer' (d.h. man hat das exam nicht unbedingt abgelegt und arbeitet außergerichtlich/wissenschaftlich zu Rechtsfragen - als Jurist). Die Qualifikation durch das Jurastudium - in Albaneses ...
#1.1.2.2.1.1.1.1 - Und wieder: Wer sagt was?
Dass es einen Unterschied auch im englischsprachigen Raum gibt, sage nicht ich, sondern sagt Hillel Neuer (s. Link UN Watch oben). Hillel Neuer ist ein international lawyer und hat auch als solcher gearbeitet.
Ökonom:innen dagegen beschäftigen sich fachlich in der Regel nicht mit kriegerischen Konflikten. Welche Expertise sollen sie also für diesen Konflikt haben? Was diese Personen abgeben, ist ein politisches, kein fachliches Urteil.
Alice Nderitu dagegen, ehemalige Sonderberichterstatterin der UN zur Verhütung von Genozid, war nicht so schnell bei der Sache, von einem Völkermord zu sprechen: https://www.fdd.org/analysis/2025/02/03/i-was-hounded-day-in-day-out-former-un-advisor-on-genocide-was-pressured-to-declare-genocide-in-gaza/
(Und ja, FDD, konservativer Think Tank - auch hier wieder: das sind ...
#2 - Moralische Maßstäbe
Wenn man wegen des Gaza-Krieges die Kooperationen mit israelischen Wissenschaftler*innen, Wissenschaftseinrichtungen und Hochschulen einstellen soll, dann möge man aber auch konsequent sein und dieselben moralischen Maßstäbe nicht nur (mit überraschender Selektivität) an ein einziges Land anlegen.
Ich schaue in den Hochschulkompass der HRK, in dem die internationalen Kooperationen deutscher mit ausländischen Hochschulen dargestellt werden:
Iran: 67
Russische Föderation: 587
Belarus: 37
Myanmar: 18
Sudan: 11
Und wollen wir vielleicht über China sprechen - nach Schätzungen sind eine Million Uighuren in Lagern interniert? Wenn nein, warum nicht? Sofern man über "Apartheid" sinniert, die im Falle Israels so schlimm sei, müsste man ...
#2.1 - Moralische Maßstäbe?
Stellen Sie bei irgendeinem der anderen Beispiele, die Sie anführen, fest, dass öffentliche Kritik an diesen Zuständen von der Bundesregierung oder auch nur Teilen der Öffentlichkeit delegitimiert und mit 'Iranfeindlichkeit', 'Russlandfeindlichkeit', 'Belarusfreindlichkeit' etc. belegt wird? Das ist eben der Unterschied. Nicht der Antisemitismus.
#2.2 - Moralische Masßstäbe: whataboutism etc....
Mich wundert diese Aufzählung. Anders als bei Israel handelt es sich bei keinem der von Ihnen aufgeführten Länder um Demokratien. Demokratien (so sie es denn auch wirklich sind) verpflichten sich anderen Werten als Autokratien oder totalitäre Staaten und wir als demokratisches Land haben naturgemäß andere Erwartungen an sie als an Diktaturen. Ich würde Israel daher nicht mit den anderen Ländern auf eine Stufe stellen. Desweiteren bleibt zu fragen, ob wir mit dem Verweis auf andere Problematiken (whataboutism) weiterkommen. Es können mehrere Dinge gleichzeitig zutreffen, ohne dass gleich die Antisemitismuskeule rausgeholt werden muss. Ich vermute, dass sich Mensch für die Themen ...
#3 - Diesen Satz finde ich zu…
Diesen Satz finde ich zu wohlwollend:
"Nach den brutalen Terrorangriffen der Hamas am 7. Oktober 2023, bei denen über 1.200 Israelis getötet und 251 als Geiseln verschleppt wurden, war die weltweite Solidarität mit Israel groß."
Von wem weltweit? Ein paar staatlichen Organen? Da auch nur mit floskelhaften Lippenbekenntnissen höchstens - zumeist mit vorauseilendem Verständnis für die Gewalt der Hamas "es gäbe einen Kontext" etc.
Die weltweite Zivilbevölkerung ist quasi am Folgetag zu Millionen losmarschiert um den israelischen "Genozid" anzuprangern.
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