Bitte verbieten!
Lange war ich als Bildungsjournalist gegen ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Als Vater muss ich eingestehen: Ich habe mich geirrt.

Bild (KI-bearbeitet): Jan-Martin Wiarda.
MANCHMAL SCHLEICHE ich mich von hinten an und schaue meinem 13-Jährigen über die Schulter. Dann erhasche ich einen Blick auf sein Handy, ein paar bewegte Bilder, ein paar Textfetzen, dann geht schon seine Hand drüber. Er zieht seine überdimensionierten Kopfhörer hoch und sagt: "Hey, was machst du da?"
Ich gebe zu, es fällt mir nicht leicht, diesen Artikel zu schreiben. Als Bildungsjournalist nicht und erst recht nicht als Vater. Er handelt von Erfahrungen des täglichen Scheiterns, vom Gefühl des Überfordertseins, und er muss mit einem Eingeständnis beginnen: Ich habe mich geirrt.
Lange war ich gegen pauschale Handy- und Social-Media-Sperren für Jugendliche. Mein Hauptargument lautete: Die Kids nutzen die digitalen Welten sowieso. Besser, wir lassen sie, anstatt durch grundsätzliche Verbote Vertrauen zu zerstören, sie in Heimlichtuereien hineinzutreiben. Besser begleiten wir unsere Kinder dabei, damit sie einen verantwortungsvollen Umgang lernen. Darum haben wir unserem Ältesten ein Smartphone geschenkt, als er aufs Gymnasium kam, und einen alten Computer auf den Schreibtisch gestellt. Natürlich jeweils mit altersgerechten Beschränkungen.
Heute muss ich sagen: Das war eine Selbsttäuschung, eine Illusion. Vielleicht bekommen andere Eltern es hin, den Medienkonsum ihrer Kinder in gesunden Bahnen ...
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Kommentare
#1 - Warum tun wir uns so schwer…
Warum tun wir uns so schwer damit, stark auf übermäßige Nutzung (sprich Abhängigkeit) ausgerichtete, erwiesenermaßen schädigende Produkte von unseren Kindern fernzuhalten? Der unbegrenzte Freiheits- und Fortschrittsglaube bezüglich allem Digitalen ist absurd und gestrig. Und ja, wir als Eltern sind überfordert, können nur überfordert sein. Danke, dass Sie das so ehrlich äußern, Herr Wiarda (- irgendwie denkt man ja immer, die anderen würden es besser hinkriegen). Als Gesellschaften sind wir von den digitalen Entwicklungen, die - wenn überhaupt - von bei Weitem nicht immer gemeinwohlorientierten Akteur*innen gesteuert werden, überrannt worden. Es wird Zeit, zumindest zu versuchen ein Stück weit Handlungs- und ...
#2 - social media - Verbot
Lieber Jan-Martin, du hast mich sehr berührt mit deinen ehrlichen Worten. Vielen Dank, dass du deine Gedanken, Fragen, Unsicherheiten mitteilst. Mir geht es da nicht viel anders. Und das Fragenkarrussell dreht sich immer weiter. Was für eine Welt erschaffen sich unsere Kinder? Bislang haben die nachfolgenden Generationen Wege für sich gefunden, um zu leben, zu überleben. Zum Guten oder Schlechten. Gerade wohl eher wieder zum Schlechten. Dafür haben sie ihre eigenen Strategien entwickelt, die auf den Erfahrungen ihrer Vorfahren basieren. Dabei sehe ich uns Erwachsene gerade wie Goethes Zauberlehrlinge, die mit all den Monstern, die wir herbeirufen nicht fertigwerden. Und ...
#3 - Bitte nicht!
Ich kann da nicht mitgehen.
Die Gefahren von Social Media hören ja nicht auf, weil jemand älter wird - und zack mit 16 Jahren kann die Person dann magisch damit umgehen? Wir sind alle(!) von den Gefahren dieser Kanäle betroffen - und ich glaube nicht, dass wir Alten so viel besser damit umgehen.
Altersbeschränkungen werden nur weitere Probleme generieren. Überlegen Sie einfach mal, wie das technisch funktionieren soll. Wer muss denn da dann alles sein Alter angeben, um Inhalte zu konsumieren? Genau: Alle. Eine unfassbare Datensammelwut, die Social Media Kanäle dankbar annehmen werden.
Und: So wie Sie beschreiben, wie Kinder ...
#3.1 - sowohl als auch!
Die von Ihnen vorgetragenen Punkte sind keine Gegenargumente, sondern einfach eine weitere Baustelle: Auch das müssen wir tun. beides - ein Totalverbot unter 16 und viele stärkere Reglementierung für alle.
Und vergleichen Sie es immer mit dem Alkohol: verboten unter 16, dann lockerer, ab 18 erlaubt, aber zumindest etwas reguliert (Promillegrenzen im Verkehr, Steuern, etc.). Und ja: privat wird früher gesoffen, viele Erwachsene sind alkoholkrank, niemand kann das wirklich kontrollieren - und doch sähe die Welt noch viel schlechter aus ohne diese Regeln.
#3.1.1 - Wie Totalverbot ohne Regulierung?
Nein, Regulierung ist keine "weitere" Baustelle, es ist DIE Baustelle: Ein altersabhängiges Totalverbot würde genauso die Regulierung der Plattformen erfordern, die Plattformen müssen das nämlich bei sich einbauen. Wenn ich also ein altersabhängiges Totalverbot durchsetzen kann, dann kann ich die Plattformen auch dahingehend regulieren, dass sie das Suchtpotential aus ihren Systemen nehmen, das heißt, keine Endlosschleifen mehr, keine sich ständig selbst einblendende, aktualisierende, fortschreibenden Feeds mit irrelvanten Inhalten, keine automatisch startenden Videos etc. pp. Davon hätten wir alle etwas, dann wäre auch die Frage: "Und was passiert mit 17?" geklärt. Solche Vorgaben könnten dann für alle Anbieter geltend gemacht werden, ...
#4 - Geänderte Meinung
Ich fand es jahrelang schwierig Studierende Vorschriften zu Handy und Laptopgebrauch in der Vorlesung zu machen. KI war jetzt der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte.
Jetzt probiere ich im nächsten Semester aus, technische Gerät in der Vorlesung nicht mehr zuzulassen. Mal sehen, was passiert.
#4.1 - Verzicht auf technische Geräte in der Vorlesung/Seminar
Finde ich eine super Idee! Wäre schön, davon zu hören, was dieses Experiment ergeben hat.
#5 - Medienbildung
Für alle, die sagen, der Verzicht auf Verbote zugunsten verstärkter Medienbildung sei der überlegene Weg:
Medienbildung kostet Zeit. Zeit in der Schule – und Zeit zu Hause. Beides ist schon heute knapp. Lehrpersonen sind überlastet, Lehrpläne überfrachtet, Eltern oft beruflich und familiär am Limit. Wer fordert, digitale Kompetenzen systematisch, reflektiert und altersgerecht zu vermitteln, muss deshalb auch sagen, was dafür weichen soll.
Genau diese Trade-offs fehlen in der Debatte fast vollständig. Stattdessen gilt reflexartig: noch ein Thema, noch ein Workshop, noch ein Kompetenzziel. Gleichzeitig erleben wir seit Jahren, dass die Grundlagen leiden: Stoff wird „durchgenommen“, aber nicht gefestigt. Viele Lehrpersonen ...
#6 - Da kann ich „voll relaten“..
… wie meine Kinder sagen würden.
Lieber Jan-Martin Wiarda, danke für diesen Beitrag, dem ich genauso zustimmen kann.
Ich glaube auch, dass wir unterschätzt haben, wie gering letztlich unsere individuellen pädagogischen Möglichkeiten wiegen gegenüber der Macht der Konzerne und ihrer Algorithmen.
Unsere 3 Kinder sind zwischen 18 und 27 und wir haben diesen Übergang von der Zeit, als die Jugendlichen erst spät regelmäßig im Internet verschwanden, bis zu denen, die eben schon sehr früh damit in Kontakt kamen, hautnah erlebt. Ich will die Folgen im Einzelnen hier nicht breittreten, aber möchte noch auf einen weiteren Umstand hinweisen, der mir große ...
#7 - Problem ist größer (nicht "asoziale Medien", sondern Smombies)
Verständlicherweise hat hier jede*r eine Meinung, auch wenn man Fachwissenschaften einschalten könnte - so auch ich. Ja, ich gebe Dir recht, ich bin dafür.
Aber: Handyspiele willst Du nicht verbieten bis 16 Jahre? Erklär uns mal den Unterschied (zumal in allen Spielen Spielende miteinander "sozial" relaten). Und die Mutter am Kinderwagen starrt weiterhin auf ihr Gerät, und der 17jährige rennt auf dem Bürgersteig mir in den Weg weil er sein Auge nicht abwenden kann und abends muss ich die Anspielung verstehen auf das, was der Präsident eines anderen Landes gesagt oder wann der Bürgermeister meiner Stadt mit wem Tennis gespielt ...
#8 - Warum ein Verbot bis 16 keine einfache und schnelle Lösung wäre
Lieber Herr Wiarda,
zunächst einmal auch von mir vielen Dank für diesen ehrlichen und selbstkritischen Beitrag zum Thema. Ich bin familiär mit zwei Kindern im Alter von 11 und 8 in einer relativ ähnlichen Situation wie Sie und kann die Verzweiflung, die Sie beschreiben, daher teilweise durchaus nachvollziehen. Bei mir richtet sich diese Verzweiflung allerdings weniger auf meine Kinder, sondern eher auf die Eltern vieler anderer Kinder in den Klassen meiner Kinder. Eltern nämlich, die offensichtlich keinerlei Bedarf bei der Begrenzung des Handy- und Social Media-Konsums ihrer Kinder sehen und deren Kinder daher acht und mehr Stunden mit dem Handy ...
#10 - Nee dann bitte gar nicht!
Sehr geehrter Herr Wiarda
Sorry, das sehe ich anders. Wenn Sie es nicht schaffen, dies zu begrenzen, dann geben Sie Ihren minderjährigen Kindern gar kein Smartphone. Warum muss ein 13-jähriger ein Smartphone haben?
Gruß, Oliver
#11 - Technische Machbarkeit und fehlende Förderung in Schulen
Lieber Herr Wiarda,
ich kann Sie zwar emotional verstehen und doch ist ein Verbot nicht zielführend wie erste Erfahrungen aus Australien zeigen: vgl.: https://www.heise.de/en/news/Took-a-wrong-turn-Australia-s-social-media-ban-is-not-a-role-model-11174348.html
Die heise‑Analyse zeigt, dass die technische Umsetzung umgangen wird:
Jugendliche manipulieren Gesichtsscans (z. B. älter wirken).
Sie nutzen Ausweise älterer Geschwister oder Freunde.
Die Software zur Altersbestimmung ist laut Experten „nicht sehr genau“.
VPN‑Nutzung war zunächst stark erhöht.
Darüber hinaus:
Plattformen sammeln dafür noch mehr sensible Daten (Gesichtsbilder, Ausweise).
Datenschutzexperten warnen vor neuen Zensur‑ und Überwachungsrisiken.
Das Verbot sei „symbolische Politik“ statt echter Schutzmaßnahmen.
Fehlende pädagogische Begleitung verschärft Risiken (z. B. Abwanderung auf toxischere Plattformen).
Was m.E. nicht ...
#12 - Was suchen wir online?
Dass es auch online und auch parasozial (d.h. meist einseitig zu Influencer*innen) um den Aufbau von sozialen Bindungen geht, haben sehr gut Dr. Johanna Degen, Uni Flensburg, und Kolleg*innen herausgearbeitet. Hier ein Überblicksinterview in einem Zeit-Podcast:
https://www.zeit.de/gesundheit/2025-10/parasoziale-beziehungen-influencer-ki-johanna-degen-sexpodcast
#13 - Warum überhaupt "soziale" Medien?
"Die Kids kommen dank Navi und Nahverkehrs-App selbstständig durch die Stadt, sie hören Musik und Podcasts, in der Schule dienen sie unter Anleitung als Recherchehilfe, und als Eltern kann man immer nachschauen, wo die Kinder gerade stecken."
Ich kam früher auch ohne Nahverkehrs-App durch die größte Stadt Deutschlands, weil ich ein kleines Heftchen mit Bus- und Bahnlinien hatte und einen Stadtplan dazu. Musik hörte man auch schon vor Erfindung der Handys, ich habe sogar Musik selbst gemacht. Recherchiert wurde mit Hilfe von Lexika und anderen Büchern. Nur die Kontrolle darüber, wo die Kinder gerade stecken, die gab es nicht, aber ...
#14 - Nutzung von sog. Social Media
Nicht die die Nutzung sog. Social Media für unter 16-Jährige sollte verboten werden , sondern grundsätzlich alle Kanäle, die mit entsprechenden Algorithmen zu den beschriebenen Abhängigkeiten führen.
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