Sparen am kulturellen Gedächtnis
Gefährdet die Bundesregierung die Zukunft der Deutschen Digitalen Bibliothek?
Webauftritt der Deutschen Digitalen Bibliothek, Screenshot der Startseite, Stand: 23.02.2026.
MIT SORGE beobachten wir, wie die Trump-Regierung Datenbanken abschalten lässt, wie sie den Zugang zu wissenschaftlichen Daten einschränkt oder die Finanzierung weltweit genutzter Datenbanken zur Klima- oder Gesundheitsforschung infrage stellt. Ein Angriff auf die Wissenschaft. Wir können froh sein, dass in Deutschland die Regierungen von Bund und Ländern zusammenstehen in ihrem Bekenntnis zu einer freien und florierenden Wissenschaft. Umso unverständlicher ist es, dass gerade in dieser Lage die Regelfinanzierung der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) unter existenziellen Druck geraten ist.
Der Webauftritt der DDB ermöglicht seit 15 Jahren den kostenfreien Zugang zu Millionen digitalisierter Objekte aus Archiven, Bibliotheken und Museen. Sie ist damit ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses unserer Gesellschaft, das noch dazu ständig wächst: Hunderte von Museen, Archiven, Bibliotheken oder Gedenkstätten liefern ihre Daten an die DDB, deren Schatz inzwischen mehr als 64 Millionen Objektnachweise, davon über 26 Millionen sogenannte Digitalisate, umfasst: Bilder, Text, Audio, Video, 3D, die Mehrheit per freier Lizenz nutzbar. Das Deutsche Zeitungsportal wird dadurch gespeist, das Archivportal-D, aber auch Themenportale zum Kolonialismus oder zu rechter Gewalt. Bemerkenswert ist, dass internationale KI-Systeme ihre Antworten zu deutscher Sprache, Geschichte und Kultur nach Angaben der DDB zunehmend aus ihren Datenbanken speisen.
Wem das zu theoretisch klingt, der muss nur einen Blick auf die aktuelle DDB-Startseite werfen. Von "Glitz und Glamour bei den Internationalen Filmfestspielen" in Berlin über "Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg" bis zur Beschreibung des Bereisungs- und Schleppdampfers "Welle". Und ganz oben: der direkte Suchzugang zur gesamten Bibliothek.
All das kostete Bund und Länder zuletzt 4,4 Millionen Euro pro Jahr. Doch angesichts der Haushaltskrise ist ihnen das zu viel. Von diesem Jahr an soll die DDB rund 20 Prozent einsparen. Und für 2027 und die Folgejahre könnte es noch schlimmer kommen. In der Verwaltung von Kulturstaatsminister Wolfram Weimar werden dem Vernehmen nach Szenarien durchgespielt, die auf eine Halbierung des DDB-Budgets hinausliefen. Das würde der Deutschen Digitalen Bibliothek wohl den Garaus machen: Die meisten der zurzeit 37 Mitarbeiter müssten entlassen werden, in der Folge gäbe es keine neuen Datenbestände mehr, keine Kommunikation mehr in Wissenschaft und Öffentlichkeit hinein, womöglich sogar die Abschaltung des DDB-Hauptportals.
Es ist verständlich, dass wir uns über die ideologischen Angriffe auf Forschungsdaten in den USA empören. Parallel sollten wir nicht aus sparpolitischer Ignoranz heraus unsere eigene digitale Wissensinfrastruktur demontieren. JMW
Dieser Beitrag erschien zuerst im kostenfreien Wiarda-Newsletter.
Kommentare
#1 - Profite mit Publikationen
Was den "kostenfreien Zugang" betrifft, so sind die wissenschaftlichen Zeitschriften in der Hand weniger internationaler Verlage. Das führt dazu, dass aktuelle und ältere wissenschaftliche Ergebnisse eben NICHT kostenfrei zugänglich sind. Die gedruckten Zeitschriften in Bibliotheken waren für den einzelnen noch kostenfrei einsehbar, bei elektronischen Zeitschriften braucht man dann ggfs. ein Login mit Passwort (eine zumindest bürokratische Hürde). Im Internet werden für einzelne Artikel meist ca. 30-40 $ verlangt. Den Wissenschaftsmanagern dämmert schon lange, dass das ausgesprochen hinderlich ist. Daraufhin hat man "Open Access" erfunden, damit werden dann die Profite der Verlage vom Steuerzahler finanziert (oder sogar von den einzelnen Autoren). Da sind 1000 $ für einen Artikel normal. Diese privatwirtschaftlich organisierte Struktur der Wissenschaftspublikation ist doch gewiss im Sinne von Trump, aber eben nicht im Sinne des beschriebenen freien Zugangs zum kulturellen Erbe.
#2 - Föderalismus
Lieber Herr Wiarda,
ohne Frage eine schlechte Entwicklung - ich möchte an dieser Stelle aber auch auf den Föderalismus schimpfen, denn viele Bundesländer betreiben eigene Landesportale für Kulturgut oder bauen gerade sogar neue auf (z.B. Hessen), die mehr oder weniger den gleichen Zweck erfüllen wie die DDB. Hier ist auch viel Luft im System - leider wird nun an der falschen Stelle der Rotstift angesetzt!
Über alldem schwebt mit der Europeana noch ein weiterer Service auf EU-Ebene - an den liefern freilich die meisten deutschen Institutionen via die DDB, so dass ein Kürzen bei der DDB auch diesen Mechanismus gefährdet.
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